«Wenn du zurückkommst, bin ich vielleicht tot»

Elisabeth Real

12.12.2019 - 15:41

Nokuthula Ncube und ihre Tochter Nobuhle, Soweto. 20. März 2014.
Bild: Elisabeth Real

In Südafrika ist Homosexualität legal. Lesbische Frauen werden jedoch häufig Opfer von «Corrective Rapes»: Vergewaltigungen, die sie «heilen» sollen. Ein Buch der Schweizer Fotografin Elisabeth Real zeigt diese Frauen.

Vor acht Jahren war Elisabeth Real als Touristin in Johannesburg, Südafrika, unterwegs. Damals hörte sie zum ersten Mal den Ausdruck «corrective rapes» («korrigierende» Vergewaltigung). Schwarze, lesbische Frauen werden von Männern vergewaltigt und manchmal auch getötet.

Das Motiv hinter den brutalen Taten der Männer: Den Frauen eine Lektion erteilen und sie zu «richtigen», das heisst für jene Männer, heterosexuellen Frauen zu machen.

Real war schockiert. Sie beschloss nach Johannesburg zurückzukehren. Bei ihrer Reise ein Jahr später mit der Journalistin Stefanie Rigutto lernte die Fotografin Nokuthula «Thuli» Ncube und Tumi Mkhuma kennen. Zwei lesbische Frauen, die eben jene «korrigierende» Vergewaltigungen überlebt haben.

Rigutto und Real interviewten und fotografierten die beiden Frauen für das Magazin «Annabelle». Als Real ihnen beim Abschied versprach, mit ihnen in Kontakt zu bleiben, antwortete Tumi Mkhuma: «Wenn du wiederkommst, bin ich vielleicht schon tot.»

Ein Satz, den Real nicht mehr hat vergessen können. In der Folge rief sie das «The Lesbian Lives Project» ins Leben. Sie begann lesbische Frauen auf der ganzen Welt zu fotografieren und mit ihnen Gespräche zu führen. Mit ihrem Langzeit-Projekt will sie Lesben sichtbarer machen und die Aufmerksamkeit auf ihre gesetzliche und soziale Diskriminierung lenken.

Cover des Buches «When You Come Back, I Might Be Dead» von Fotografin Elisabeth Real.
Bild: zVg

Die Geschichte der lesbischen Frauen wird von Real als Buchreihe veröffentlicht. Begonnen hat es 2018 mit dem Band «Wer wir sind. Lesbische Frauen aus der Schweiz erzählen», gefolgt nun vom Buch «When You Come Back, I Might Be Dead» über schwarze Lesben in Südafrika.

«Bluewin» publiziert exklusiv daraus das gekürzte Porträt über Nokuthula «Thuli» Ncube. Es handelt sich um einen originalen Textauszug. Deshalb erfolgten keine Anpassungen gemäss «Bluewin»-Regeln.

Nokuthula «Thuli» Ncube

Nokuthula „Thuli“ Ncube, 33, und ihre zehnjährige Tochter Nobuhle leben im Hinterhof eines kleinen Hauses in Green Village, Soweto, mit Thulis Grossmutter Maureen und ihrer Mutter Julia. Julia kaufte das Haus gleich nach dem Ende der Apartheid. Vor 1994 war es Schwarzen in Südafrika nicht gestattet, Land zu besitzen. Auch Thulis Schwester Lungile mit ihrem Neugeborenen wohnt bei ihnen. Wie Thuli mir erzählt, sitzt sie manchmal mit ihrer Familie beim Fernsehen, aber meistens ist sie lieber in ihrem eigenen Zimmer im Hinterhof, führt Telefongespräche und hört R&B. Das Haus ist klein, aber sehr ordentlich; Lungile und Thuli sind für das Putzen und die Gartenarbeit verantwortlich. Zwei Hunde aus Porzellan sind im Wohnzimmer aufgestellt, daneben ein Schild „Prayer Changes Everything“ („Beten ändert alles“). Bei einem meiner Besuche hört Lungile religiöse Musik und singt lauthals mit, während sie im Wohnzimmer sauber macht, ihr Baby hat sie in einem Tuch auf den Rücken gebunden. Ein langes Kabel führt von einem Strommast in der Nähe durch den Hof, auf der Wäscheleine hängen Handtücher.

Nobuhle und Nokuthula, Soweto, 24. März 2014.
Bild: Elisabeth Real

Thuli führt ein ruhiges Leben allein und ist wohl recht einsam. Finanziell ist sie vollkommen auf ihre Familie angewiesen. Mehrere Male nehmen ihr die Verwandten das Geld ab, das ich ihr für Telefonkosten oder Fahrtspesen zur Unterstützung meines Projekts gebe. Die Familie ist sehr arm; die zweite Schwester von Thuli, Zanele, ist die Einzige in der Familie, die Geld verdient. Einmal fragt Thuli in der Nachbarschaft um Geld fürs Taxi und erklärt mir: „Ich muss es heute Abend zurückgeben, damit die Nachbarin etwas fürs Abendessen kaufen kann.“

Aufgrund ihres Alters und ihrer ruhigen Art passt Thuli nicht zur oft recht lauten Clique jüngerer Lesben. In Gruppen übernimmt sie meist organisatorische Aufgaben. Sie habe eigentlich keine Freundinnen oder Freunde, sagt sie mir einmal. „Meine beste Freundin war Sicherheitsbeamtin in Yeoville und wurde getötet. Seither bleibe ich meistens für mich. Die Leute denken, dass ich langweilig oder arrogant bin. Manchmal fragen mich Bekannte, ob ich mit ihnen ausgehen möchte, dann sage ich, dass ich zu tun habe. Ich mag es nicht, wenn die Leute tratschen und hinter meinem Rücken über mich reden.“



Thuli und ihre Tochter Nobuhle haben eine sehr enge Beziehung und wirken wie Schwestern. Nobuhle neckt ihre Mutter ständig und bringt sie zum Lachen. Thuli träumt immer von einem besseren Leben für beide: Eines Tages wird sie Geld haben, dann wird sie aus dem Hinterhof fortziehen, und sie wird sich eine Brille besorgen (sie ist kurzsichtig und kann sich jetzt keine leisten). Vielleicht gönnt sie sich wieder eine gute Pizza, wie wir sie neulich in Braamfontein, einem Hipster-Viertel in Joburg, genossen haben, aber, was am wichtigsten ist: Sie wird Nobuhle in die beste Schule des Landes schicken. Nobuhle ist ihr Ein und Alles und gibt Thuli stets Anlass zu Stolz, Freude und Besorgnis.

Ich bin an so vielen Orten gross geworden. Geboren bin ich 1980, am 15. April. Ich war das älteste von vier Kindern. Meine Eltern waren ein Paar, glaube ich, und zeitweise lebten sie zusammen. Ja, mein Vater lebt noch! (Ich hatte fälschlicherweise angenommen, dass Thulis Vater verstorben sei, da sie nie über ihn spricht und er nicht bei der Familie lebt.) Er ist aus Limpopo. Ich war einige Zeit dort und kehrte zurück nach Soweto, als ich in die Schule kam.

Als Kind war ich unzertrennlich mit meinem Bruder. Die Leute nannten uns die Zwillinge. Ich spielte so gern mit ihm und seinen Freunden. Mit Mädchen war ich nicht befreundet. Ich spielte mit ihnen, aber es gefiel mir lange nicht so gut wie das Fussballspielen mit meinem Bruder und die Autos, ... all diese Spiele für Jungs eben. Eines Tages sagten meine Eltern: „Du kannst nicht immer mit den Jungs spielen, du musst bei den Mädchen mitmachen!“ Sie dachten, dass ich sonst etwas mit den Jungs anfangen würde. Damals wussten wir noch nicht, dass mich Mädchen interessieren würden und nicht Jungs. Nachdem ich mit dem Fussballspielen aufhören musste, hatte ich nicht viele Freundschaften, nur noch ein Mädchen, und dann durfte ich auch mit ihr nicht mehr spielen. Plötzlich fingen die Jungs an, mich anzureden: „Ich mag dich!“ Ich antwortete: „Ja, ich mag dich auch!“ „Nicht so ... So wie Verliebte!“ „Damit kenne ich mich nicht aus. Ich mag dich als Freund.“

Diese alten Geschichten ... die habe ich fast schon vergessen!

Ich kam dann für das 8. Schuljahr wieder nach Soweto, und da begann ich, zu verstehen, was in mir vorging, denn in der High School kamen wir in ein Alter, in dem wir unsere Sexualität entdeckten. Einige Mädchen kannte ich aus der Primarschule. Ich fühlte mich zu ihnen hingezogen. Ich war verunsichert, denn ich versuchte, mit Jungs zusammen zu sein, aber sobald mich der Junge berührte, war mein Reflex: „Nein, ich kann das nicht!“

Von links nach rechts: Lungile mit ihrem Sohn, Maureen, Julia, Nobuhle und Nokuthula Ncube. Soweto, 3. April 2014.
Bild: Elisabeth Real

Mit 14 verliebte ich mich in eine Mitschülerin. Ich hatte Angst, sie darauf anzusprechen, ich sagte mir: Ich verstehe ja selbst nicht, warum ich so bin. Dann kam ein Mädchen aus der Provinz KwaZulu-Natal an unsere Schule, und als ich sie zum ersten Mal sah, dachte ich: „Wow! Sie ist so schön!“ Zum Glück war sie in meiner Klasse und sass sogar neben mir! Ein, zwei Wochen vergingen … da passierte definitiv etwas. Ich war ganz verrückt nach ihr, und sie sass neben mir … ich war verwirrt: Was mache ich damit? Ich ging zu meiner Lehrerin und sagte ihr, dass ich ein Problem habe und mich selbst nicht verstehe. Ich sagte, da ist dieses Mädchen, und ich fühle mich mit ihr verbunden, und manchmal träume ich von ihr! Sie sagte: „Vielleicht bist du ein Tomboy?“ Ich wusste nicht, was das war, und sie meinte, sie würde es mir irgendwann noch erklären.

Ich fing mit Fussball an und spielte für ein Team namens Soweto Ladies. Einige der Frauen dort brachten ihre Freundinnen zu den Spielen mit. Da dachte ich, ich frage einfach jemanden von ihnen danach. Ich sagte also zu einer meiner Teamkolleginnen: „Weisst du, mir passiert gerade etwas Seltsames – ich bin in ein Mädchen verliebt! Was ist da los? Bin ich verrückt?“ Sie lachte nur. Sie setzte sich zu mir und sagte: „Das ist normal. Ich empfinde genauso! Ich bin draufgekommen, dass ich lesbisch bin.“ Ich fragte sie: „Glaubst du, ich bin lesbisch?“ – „Wenn du in ein Mädchen verliebt bist und nicht in Jungs, ja, dann heisst das, dass du lesbisch bist!“ Ich dachte, ich bin ja noch jung, vielleicht vergehen diese Gefühle wieder.

Thuli erzählt weiter, wie sie ihrer Klassenkollegin in einem Brief schrieb, was sie fühlte, und wie die beiden sich verliebten und eine Weile zusammen waren, wie sie dann mit anderen Mädchen ging und sich einer Gruppe von Butch-Lesben an ihrer Schule anschloss. Sie spielte Fussball im Schulteam. Aus ihrer Erzählung entnehme ich, dass es öfter vorkam, dass ein Mädchen mit einem Mädchen zusammen war, und dass niemand gross daran Anstoss nahm. Als Jugendliche fühlte Thuli sich als Lesbe und hatte ein entspanntes Verhältnis zu ihrer Sexualität. Sie verbarg ihre Gefühle für Mädchen keineswegs, ausser gegenüber ihrer Familie. Manchmal hielten Mädchen sie für einen Jungen und verliebten sich aus der Ferne in sie. An der Schule musste Thuli keinen Rock tragen und zog zu ihrer Uniform nur Hosen an.

Meine Mutter und Grossmutter wussten nicht, dass ich lesbisch bin, und es war nicht leicht, ein Mädchen mit heimzubringen, denn damals teilte ich das Schlafzimmer mit meiner Mutter; Zanele – meine jüngere Schwester – schlief bei meiner Grossmutter im Zimmer und mein Bruder im Esszimmer. Meine Freundinnen kamen mich manchmal besuchen, aber ich ging lieber mit zu ihnen.

Nokuthula Ncube, Braamfontein, Johannesburg. 31. März 2014.
Bild: Elisabeth Real

In der Schule beschwerten sich die Jungs manchmal, dass ich und meine Freundinnen ihnen alle schönen Mädchen wegnehmen würden. Unsere Uniformen waren immer sauber und wir sahen gut aus. Wir respektierten die Mädchen und behandelten sie gut. Es gab Leute, die über uns redeten, aber die ignorierten wir. Schwule Jungs wurden viel eher bedroht als wir Tomboys. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich Probleme gehabt hätte. Sogar die Lehrerinnen und Lehrer meinten: „Ach, Thuli, die ist halt ein halber Junge.“

Trotzdem möchte ich nicht, dass meine Tochter lesbisch wird: Eine Lesbe ist hier nie sicher. Es passieren Morde, Vergewaltigungen, wir werden beschimpft … Ich hab das alles erlebt, aber ich möchte nicht, dass mein Baby es durchmachen muss. Sie wäre traumatisiert, und ich auch, wenn ich mich daran erinnere, wie schwierig es war, als Lesbe aufzuwachsen. Ich glaube, sie weiss gar nicht, was mir passiert ist. Ich habe mich nie mit ihr hingesetzt, um über Vergewaltigung zu sprechen. Sie ist noch jung … aber ich möchte bald mit ihr darüber reden. Ich werde nicht so anfangen: „Nobuhle, ich sag dir was, ich wurde vergewaltigt.“ Ich werde ihr zuerst ein paar Frauensachen erklären. Sie entwickelt sich, sie wird Brüste bekommen, Schamhaare, und bald wird sie die Menstruation bekommen. Wenn sie das erst kennt, werde ich mit ihr über Vergewaltigung sprechen. Neulich hat sie mich gefragt: „Mom, was ist Vergewaltigung?“ „Manchmal werden junge Mädchen von ihren Vätern oder Onkeln missbraucht …“ „Wie denn?“ „Da will der Onkel sein Ding in deins stecken.“ „Das versteh ich nicht.“ Ich sagte: „Ich erklär's dir genau, wenn du älter bist.“ Sie darauf: „Okay.“ Ich freue mich nicht auf dieses Gespräch.



Ich war 17, als ich vergewaltigt wurde, und zu der Zeit war ich seit zwei Jahren mit einem Mädchen, Lerato, zusammen. Sie hatte das Problem, dass ihre Familie sie nicht als Lesbe akzeptierte. Ihr Vater stritt mit ihr und war völlig ausser sich, und schliesslich versuchte sie, sich umzubringen.

Damals verbarg ich meine Sexualität vor meiner Familie. Die hätten das nicht verstanden – ich war nicht sicher, wie sie reagieren würden. Als ich Leratos Vater gesehen hatte und wie er reagierte, dachte ich, „Yo! Ich kenn' doch meine Mutter! Yo! Und ich kenn' meine Grossmutter! Die werden schreien, die werden sicher nicht gut darauf reagieren. Das halte ich nicht aus.“ Also verhielt ich mich ruhig, und 1997, am 15. Mai, das war ein Freitag … Ich weiss noch, ich kam mit Lerato von der Schule und sagte ihr, ich würde später in die Kirche gehen. Ich sang im Chor und wir hatten ein Wettsingen mit einem anderen Chor. Manchmal kam sie in die Kirche zuschauen. Also verabschiedeten wir uns und ich ging nach Hause, stellte meine Schultasche ab, nahm meine Bibel und ging zur Kirche. Ich war spät dran und trug teilweise noch meine Schuluniform. Die Messe fing um sechs Uhr an. Ich hatte kein Geld mit, denn meine Geldbörse war in der Schultasche und ich wusste, dass ich nichts brauchen würde, da mich normalerweise jemand im Auto mit zurücknahm. Ich ging sehr gern zur Messe, um zu singen und zu beten.

Nobuhle Ncube in der Strasse vor ihrem Haus in Soweto. 20. März 2014.
Bild: Elisabeth Real

An diesem Abend ging ich nach der Messfeier zu dem Mädchen, dessen Vater uns immer mitnahm. Sie sagte: „Mein Vater hat kein Benzin. Wer mitfahren will, muss fünf Rand (ca. 0,30 Euro) zahlen, damit wir das Auto auftanken können.“ Ich sagte: „Okay, aber ich habe meine Geldbörse nicht mit. Ich kann euch das Geld geben, sobald wir bei mir zu Hause sind; wenn ihr mich aussteigen lässt, gehe ich rein und bringe es euch gleich.“ Sie sagte: „Nein, mein Vater will das Geld jetzt …“ Sie kam mit irgendwelchen Geschichten. Ich sagte: „Na gut, dann warte, ich will sehen, ob ich mir Geld von den zwei Damen leihen kann.“ Sie waren immer mit mir in der Kirche und wir kannten uns gut. Als ich wieder reinging, waren sie aber schon fort. Ich sagte dem Mädchen: „Bitte, ich gebe euch das Geld später, ich hab meine Geldbörse vergessen, die beiden Damen mussten mir sogar Geld für den Opferstock nach der Messe geben. Warum habt ihr mir nicht früher gesagt, dass ihr kein Benzin habt, bevor ich das Geld in den Opferstock geworfen habe?“ Sie darauf: „Ach, ich hab dich nicht gesehen.“ Und dann fing sie wieder mit allen möglichen Geschichten an! Am Ende sagte ich nur: „Okay, schon gut, dann gehe ich eben zu Fuss.“ Und ich fing an zu gehen. Das ist wirklich weit! Es ist auf der anderen Seite! Um nach Hause zu kommen, musste ich über die Brücke. Nicht diese Brücke hier, die andere … Es gibt zwei Brücken. Mit dem Auto sind es 15 Minuten da hin.

Ich ging rasch. Es war nach neun Uhr abends. Vor mir sah ich andere Leute, aber sie waren weit weg. Ich wollte diese Gruppe einholen, erstens, weil ich es am Abend für nicht so sicher hielt, dort zu gehen, aber auch, weil sie vielleicht zum selben Ort wollten und wir zusammen gehen könnten. Ich wurde also schneller, aber sie auch. Nach dem Überqueren der Brücke geht es nach rechts – ich glaubte zu bemerken, dass jemand hinter mir ging, aber nicht weit hinter mir. Ich dachte mir nichts dabei, ich nahm an, die Person kommt vielleicht auch aus der Kirche. Dann rief die Person mich: „Hey Thuli! Warte auf mich!“ Ich sagte: „Nein! Geh eben schneller“, aber ich verlangsamte meinen Schritt. Wenn dich jemand beim Namen ruft, am Abend, nimmst du an, dass die Person dich kennt. Es war einiger Abstand zwischen uns, ich konnte ihn hören, aber eigentlich wusste ich gar nicht, ob es ein Er war oder eine Sie. In der Nacht klingen Stimmen oft ähnlich. Ich dachte, okay, zumindest kann ich jetzt mit jemandem weitergehen, das ist gut. Ich hörte die Schritte dieser Person, er lief, und als er mich eingeholt hatte, spürte ich etwas in meinem Rücken. Bevor er ganz, ganz, ganz nah zu mir kam, spürte ich eine Waffe in meinem Rücken, hier unten. (Thuli greift sich ins Kreuz.) Ich blieb stehen, ich wollte mich umdrehen, aber er sagte: „Nein, dreh dich nicht um!“ Ich war verwirrt und fragte ihn: „Was ist los?“ Er sagte: „Weisst du was? Ich kenne dich.“ Ich darauf: „Ja, klar kennst du mich, du hast mich ja bei meinem Namen gerufen.“ Er sagte: „Ja“, und da konnte ich an der Stimme erkennen, dass es ein Mann war. Ich sah ihn nicht an.



Ich dachte daran, auf ihn loszugehen, aber ich hatte solche Angst, mich zu bewegen und die Waffe auszulösen. Er sagte nur: „Ich kenne dich. Du spielst Fussball in diesem Team, du machst das und das, und wenn du zur Schule fährst, nimmst du diesen Zug um diese Zeit.“ Ich sagte: „Na gut, du kennst mich, aber was passt dir nicht? Willst du Geld? Ich habe kein Geld. Was willst du? Ich habe nur meine Bibel!“ Denn was anderes hatte ich nicht dabei. Ich drehte mich nicht um, bis wir an einer anderen Ecke angelangt waren und er mir sagte, ich müsse nach rechts gehen. Da drehte ich mich um und versuchte, ihn anzusehen, aber es war so finster, ich konnte nur sehen, dass er eine Art Maske über sein Gesicht gezogen hatte. Ich sagte: „Nein, es geht nicht da lang, da gibt es keine Strassen, dieser Weg führt nicht zu mir nach Hause.“ Er sagte: „Ja, ich weiss. Wenn du nicht machen willst, was ich dir sage, werde ich dich auf der Stelle töten, gleich hier.“ Ich sagte: „Bitte mach das nicht, ich tue ja, was auch immer du willst.“ Wir gingen weiter. Wir kamen zu einem Gebüsch und ein paar Bäumen. Häuser waren auch da, aber ich konnte nicht schreien. Ich dachte, wenn ich schreie, wird er auf den Abzug drücken. Er wird mich dort liegen lassen und weglaufen. Ich dachte an mein weiteres Leben, wie es danach weitergehen würde. Ich erinnere mich daran, dass ich weinte. Ich hatte noch immer die kleine Bibel in meiner Tasche.

Der Ort, an dem Nokuthula Ncube vergewaltigt wurde. Soweto, 20. März 2014.
Bild: Elisabeth Real

Als wir zu dem Platz unter den Bäumen kamen, sagte er, ich solle mich umdrehen. Ich stand ihm gegenüber, so: Da sah ich, dass er grösser war als ich. Ich versuchte, ihn zu erkennen, und fragte ihn wieder: „Wer bist du, und was willst du?“ Er antwortete: „Warum benimmst du dich wie ein Junge? Warum bist du mit Mädchen zusammen? Glaubst du, es gibt nicht genügend Jungs für dich? Ich will beweisen, dass du eine Frau bist und kein Mann.“ „Ich weiss, dass ich kein Mann bin“, sagte ich. „Ich bin eine Frau und habe Gefühle für andere Frauen.“ Er fing an, Sachen zu mir zu sagen wie: „Ha! Du willst ein Mann sein und mit all diesen Mädchen gehen …“ „Ich gehe nur mit einer, das ist alles! Warum hast du ein Problem damit?“ Ich sagte: „Ich bin's doch nur, Thuli ...“ Ich weinte und ich hatte solche Angst. Solche Angst. Kennst du das, wenn du Angst hast, und du fühlst dich so schwach? Er stiess mich und ich fiel zu Boden.

Ich spürte einen Schmerz im Rücken. Dann sagte er … Das erste, was er zu mir sagte, als ich am Boden lag, war: „Zieh deine Hose aus.“ „Nein, ich kann sie nicht ausziehen“, sagte ich. Er hielt die Waffe so (Thuli hält sich den Finger an die Stirn), und da sagte ich: „Okay, ich ziehe meine Hose aus.“ Ich öffnete meinen Gürtel und den Reissverschluss und ich dachte: Jetzt wird etwas passieren. Etwas Schlimmes wird passieren, und ich weiss nicht was. Ich flehte ihn an: „Bitte, bitte!“ Ich sagte so oft bitte zu ihm. „Bitte mach das nicht.“ Und: „Warum machst du das?“ „Du weisst schon, warum“, sagte er. „Ich möchte dir nur zeigen, wie schön das ist, mit einem Mann Sex zu haben. Du bist kein Mann, du bist eine Frau, und ich will einfach beweisen, dass du eine Frau bist!“ „Aber ich weiss doch, dass ich eine Frau bin.“

Dann hörte ich auf, ihm zu widersprechen. Ich hatte so grosse Angst, die Waffe war da, er hielt sie mit der einen Hand und mit der anderen …

«When You Come Back, I Might Be Dead»

Die Fortsetzung der Geschichte von Nokuthula «Thuli» Ncube lesen Sie im Buch «When You Come Back, I Might Be Dead. Black Lesbians in Johannesburg and a Constitution’s Promise» von Fotografin Elisabeth Real. Das Buch ist in Deutsch (Übersetzung Daniela Beuren) und Englisch erschienen. Es kann für 65 Franken hier bestellt werden.

Vernissage «The Lesbian Lives Project»: Freitag, 17. Januar, 18.30 Uhr, im Schweizerischen Sozialarchiv, Stadelhoferstrasse 12, Zürich.

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