Als wäre Trump nicht schon genug: Corona trifft Kuba hart

Sven Creutzmann, Havanna

24.10.2020 - 00:00

Für den Fotografen und Kuba-Kenner Sven Creutzmann sind Krisen auf der Karibikinsel nichts Neues. Die jetzige Pandemie stellt aber auch die Kubanerinnen und Kubaner vor neue Herausforderungen. Ein Erfahrungsbericht.

Kubas jüngste Geschichte ist nie knapp an Krisen gewesen; doch jetzt befindet sich die Insel im Würgegriff von Donald Trump und dem Coronavirus. Die Situation im Land der Revolution von Fidel Castro ist so ernst wie seit 27 Jahren nicht mehr.

In Kuba habe ich bereits 1988, bei meinem allerersten Besuch, Fotos von Menschen in einer Schlange gemacht; das Schlangestehen gehörte damals schon lange zum Alltag, aber 2020 hat es eine neue Dimension angenommen. Durch den Einbruch des Tourismus nach der konsequenten Abriegelung des Landes wegen Corona Ende März fehlt der Karibikinsel eine der wichtigsten Einnahmequellen.

Waren sind knapp geworden und in Verbindung mit den Corona-Sicherheitsmassnahmen bedeutet das, dass viele Geschäfte geschlossen wurden und sich nun die Leute stundenlang vor den verbleibenden anstellen müssen. Das Ganze in der brutalen Hitze, mit selbstgebastelten Masken, und bei der hohen Luftfeuchtigkeit des kubanischen Sommers. Eine Tortur.

Zum Autor: Sven Creutzmann
Bild: zVg

Sven Creutzmann ist freier Fotograf und der einzige deutsche Bildjournalist mit einer permanenten Arbeitserlaubnis für Kuba. Er ist immer noch hin- und hergerissen zwischen dem Lebenskomfort in Europa und den lebendigen Geschichten in Lateinamerika, das sein Spezialgebiet ist.

Das erinnert mich und viele andere auch an die grosse Wirtschaftskrise Anfang der 1990er, als Kuba vom plötzlichen Kollaps des Ostblocks extrem hart getroffen wurde. Ein Beispiel nur: Damals, mit dem 3. Oktober 1990, erkannte die wiedervereinte Bundesrepublik die vertraglichen Verpflichtungen der DDR zur Lieferung von Milchpulver nach Kuba nicht mehr an. Über Nacht. Viele meiner Freunde hatten Kinder und waren verzweifelt, denn nun musste Kuba rationieren, Milch gab es nur noch für Kinder bis sieben Jahre, eine humanitäre Katastrophe.

Es gab damals praktisch keinen Experten, der nicht das nahe Ende der Revolution vorausgesagt hätte, viele der Reportagen über Kuba drehten sich nur um das Thema. Es waren sehr bewegte, sehr intensive Jahre und die Krise damals mündete in der «Crisis de los Balseros», in der grossen Flüchtlingskrise im Sommer 1994. Fidel Castro hatte aufgrund der permanenten Aggressionen und Agitationen des Nachbarn aus dem Norden die Küstenwache abgezogen – der Exodus begann.

Die Mauer trennte meine Familie

Ich bin in der DDR geboren und zusammen mit meinen Eltern siedelten wir Anfang der 1970er um, auf die andere Seite der Mauer, in die Bundesrepublik. Aber damit wurde unsere Familie getrennt. Meine Grossmütter, Tanten, Onkel und vor allem meine Cousine, die für mich als Einzelkind wie meine Schwester war, sie alle mussten wir zurücklassen, jenseits des Eisernen Vorhangs.

Periodo Especial, Havanna, 1993: Frauen und Männer mit Kanistern warten in einer Schlange vor einer Bodega um Kerosin zum Kochen einzukaufen.
Bild: Sven Creutzmann

Deswegen war es für mich besonders brutal zu sehen, wie zehntausende Kubanerinnen und Kubaner sich in oft sehr primitiven, selbstgebauten Flössen, die meist nur aus einem LKW-Reifen bestanden, ins Meer stürzten und sich auf den Weg Richtung Norden machten, nach Florida. Zurück liessen sie desolate und in Tränen aufgelöste Ehefrauen, Eltern, Geschwister und Kinder. Ich verabschiedete einen meiner besten Freunde und sah ihn schliesslich auf seinem kleinen Floss, aus zwei LKW-Reifen gebaut (ich hatte ihm einen gekauft), im Sonnenuntergang am Horizont verschwinden.

Diese Krise war eines der intensivsten Kapitel, das ich in den letzten 30 Jahren dokumentiert habe. Und mit dem Ende der Flüchtlingskrise, als US-Präsident Bill Clinton sich bereit erklärte, endlich ein Immigrationsabkommen mit den Kubanern zu machen, ging es im Grunde aufwärts mit Kuba.

Euphorie dank Raul Castro und Barack Obama

Es kamen die Jahre des «Buena Vista Social Club», es gab mehr Öffnungen, der Tourismus boomte und alles gipfelte schliesslich in der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und Kuba, zwischen Raul Castro und Barack Obama. Eine Euphorie brach damals fast im ganzen Land aus, die Menschen hatten die Hoffnung, dass sich die Beziehungen der beiden Länder nun dauerhaft verbessern würden und Kuba endlich zu einem normalen Land werden würde, ohne die jahrzehntelangen aufreibenden Auseinandersetzungen mit den Amerikanern.

Doch dann kam Donald Trump, und seit 2017 heisst es: «Zurück zum Start!» De facto alles, was Obama veranlasst hatte und für die Kubaner eine Erleichterung des Lebens bedeutete, wurde eingerissen. Kuba sprang zurück in den Schützengraben.

Und als wäre das nicht schon schlimm genug, nun auch noch die Corona-Pandemie. Ich landete am 23. März in Havanna, nur Stunden, bevor der Lockdown in Kraft trat (wir waren gerade mal zwölf Passagiere an Bord des Flugzeuges).



In der Schweiz gab es zu dieser Zeit fast niemanden, der eine Maske trug. In Kuba hingegen ein völlig anderes Bild: Jeder, absolut jeder trug eine Maske. Das ist eine Stärke, die die Kubanerinnen und Kubaner schon immer ausgezeichnet hat, eine grosse Disziplin in Krisenzeiten (was sich vor allem auch bei Hurrikan-Evakuierungen immer wieder zeigt).

Zwei Wochen in Selbstisolation

Nach meiner Ankunft begab ich mich für zwei Wochen in Selbstisolation in das leere Apartment einer Freundin, die in Frankreich lebt (einen Tag später und ich hätte das in staatlicher Obhut machen müssen). Jeden Tag kam eine Medizinstudentin vorbei und checkte meine Temperatur. Das Gesundheitsministerium hatte sie angewiesen, flächendeckend von Haus zu Haus zu gehen, jeden Tag aufs Neue, um sicherzustellen, dass eventuell Infizierte sofort isoliert werden könnten.

Selbst auf Pferden reiten Medizinstudenten durch das Land, um die Häuser abzuklappern. Ich bekam nach zwei Wochen von einer Doktorin eine Bescheinigung, dass ich die Hausisolation hinter mich gebracht hatte und durfte mich wieder frei bewegen.

So bekam Kuba die Lage recht gut in den Griff, fast alle Provinzen waren im Sommer infektionsfrei. Die Regierung stellte ein Wiederöffnungsprogramm vor, das drei Phasen vorsah. Doch dann stiegen die Zahlen in Havanna wieder, und für den ganzen September galten besonders strenge Vorschriften für die Hauptstadt, unter anderem nächtliche Ausgangssperren. Ein guter Freund und Kuba-Kenner fragte mich ungläubig: «Haben sich die Menschen denn wirklich an die Ausgangssperre gehalten? Die Kubanerinnen und Kubaner, die so gern Musik machen und tanzen, waren sie plötzlich ganz ruhig abends?»

Abschiedsszene während der Balsero-Krise 1994: Über 35'000 Kubanerinnen und Kubaner fliehen damals auf LKW-Reifen, Flossen und anderen lebensgefährlichen Untersätzen in die USA. Das Epizentrum der Krise war der Fischerort Cojimar bei Havanna.
Bild: Sven Creutzmann

Ja, sie haben sich in der Tat an die Ausgangssperre gehalten, ab Punkt 19 Uhr bis 5 Uhr morgens sah man im September keine Seele auf den Strassen von Havanna. Das mit der Musik und dem Tanzen ist schon etwas anderes, das ist in der DNA der Kubaner drin, also hört man schon hier und da Party-Musik und Gelächter, und es hat auch Fälle gegeben, wo dies im staatlichen Fernsehen angeprangert wurde.

Währungsreform – eine monumentale Umwälzung

Die Gesamtzahlen des Septembers lagen dann, trotz verschärfter Restriktionen, leicht über denen vom August. Also rechneten alle mit einer Verlängerung des Ausnahmezustands. Doch, wie so oft in Kuba, kam es anders. Anfang Oktober verkündete Präsident Diaz Canel, dass man nun lernen müsse, mit dem Virus zu leben, das Ziel sei nun «La nueva normalidad», also die «neue Normalität».

Und auch wenn allen klar ist, dass das Thema «Corona» lange noch nicht Geschichte ist, so erscheint doch zum ersten Mal ein kleines Licht am Ende des Tunnels. Jetzt werden die staatlichen Betriebe wieder hochgefahren, Privatrestaurants dürfen wieder öffnen, alle Flughäfen des Lands bekamen grünes Licht, bis auf den in Havanna, aber auch das sollte bald geschehen, nicht zuletzt wegen des internationalen Tourismus, den Kuba so dringend benötigt, um die leidende Wirtschaft wieder anzuschmeissen.

Aber auf die wartet noch eine weitere Herausforderung: eine monumentale Umwälzung durch die unmittelbar bevorstehende Währungsreform. Diese im Grunde einzigartige Neustrukturierung ist das Werk des neuen Präsidenten Diaz Canel und von Raul Castro, der als Parteichef immer noch die mächtigste Figur im Lande ist. Im April aber, auf dem Parteitag, wird Castro dann auch dieses letzte Amt an Diaz Canel abgeben.

Damit endet nicht nur für Kuba eine Ära, auch für mich bedeutet es eine Zäsur, nach dann 33 Jahren, während denen ich die Revolution der Castros in Kuba dokumentiert habe. Ich werde die Geschichte der grössten Karibikinsel sicher weiter dokumentieren und hoffe sehr, dass das kleine Land endlich in ruhigere Gewässer kommt und die Menschen bald ein normales Leben führen können, ein Novum für Kuba, das immer etwas andere Land.

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