«Corona kann als Mobbing-Verstärker wirken»

Von Sulamith Ehrensperger

8.1.2021

Depressed young woman with head in hands sitting lonely.
Mobbing auf der Arbeit kann auch im Homeoffice passieren. In der Corona-Krise hat sich bei vielen die Angst, den Job durch eine Beschwerde zu verlieren, verstärkt.
Bild: Getty Images

Kurzarbeit, Homeoffice und Angst um den Job: Mobbing ist auch in Corona-Zeiten ein Thema. Was im Kleinen beginnt, kann zur seelischen Tortur werden. Die Psychologin Claudia Stam zum Umgang mit Mobbing.

Frau Stam, beobachten Sie eine Zunahme von Mobbing seit der Corona-Krise? 

Ich beobachte eine leicht steigende Tendenz, aber keine extreme Zunahme. Corona kann aber als Mobbing-Verstärker wirken.

Viele arbeiten von zu Hause aus, Arbeitskontakte finden vorwiegend virtuell statt. Haben sich die Mobbingformen verändert?

Ja, ich denke schon. Ich hatte Klienten, die sich von ihren Vorgesetzten Vorwürfe per Telefon oder Videocall anhören oder per E-Mail lesen mussten. Manchen wurde am Telefon gekündigt. Das Problem: Wenn man sich nie sieht, gelingt es auch nicht, Unklarheiten bei einem Kaffee zu besprechen. Die aktuelle Situation macht es sicher nicht leichter, Konflikte rechtzeitig zu klären.

Ein missverständlicher Tonfall oder unterdrückte Vorwürfe zwischen den Zeilen: Die E-Mail-Kommunikation kann zur Konfliktfalle werden.

Sicher, ja. Fehlt der direkte Kontakt, muss man wegen jeder Kleinigkeit eine Nachricht schreiben, die zwischen den Zeilen zu Missverständnissen führen kann. Wenn jeder in seiner Welt lebt, besteht die Gefahr, dass man sich gewisse Dinge zusammenreimt. Damit erhöht sich das Risiko, dass aus Konflikten Mobbingsituationen entstehen können.

Zur Person: Claudia Stam 
Claudia Stam, Psychologin
zVg

Claudia Stam ist Psychologin und Inhaberin der Fachstelle Mobbing und Belästigung. Die private, unabhängige Fachstelle berät und unterstützt Betroffene und Arbeitgeber zu allen Fragen in Sachen Mobbing, sexuelle Belästigung und Diskriminierung.

Mobbing am Arbeitsplatz ist ein häufiges und schwieriges Thema. Der Begriff wird in der Alltagssprache oft verwendet, konkret lässt sich Mobbing nur selten festmachen. Warum?

Die einzelnen Mobbinghandlungen sind wie kleine Nadelstiche und per se kaum je richtig schlimm: Beispielsweise jemanden nicht grüssen, gewisse Informationen vorenthalten oder ein rüdes E-Mail schreiben. Erst im Gesamtkontext und im Wiederholungsfall kann daraus Mobbing werden. Von Mobbing kann man erst sprechen, wenn jemand am Arbeitsplatz über längere Zeit, das heisst über mehrere Monate und immer wieder systematisch schikaniert wird. Zu beweisen, dass jemand gezielt hinausgeekelt wurde, ist meistens sehr schwierig.

Wie erkennen Sie in der Beratung, ob jemand tatsächlich gemobbt wurde?

Die Situation ist häufig nicht ganz so schwarz-weiss, wie es auf den ersten Blick aussieht. Im Prinzip können wir kein abschliessendes Urteil abgeben, ob jemand tatsächlich gemobbt wurde oder nicht, wenn wir nur die eine Seite kennen. Es gibt leider auch Leute, die sagen, sie würden gemobbt, die aber vielleicht die Leistung nicht bringen und ihr Chef sie deswegen schlecht beurteilen muss. Es ist immer wieder phänomenal, wie gegensätzlich die Konfliktparteien oftmals reden.

Die Pandemie ist für viele Betriebe eine grosse Herausforderung. Wie verändert sie den Umgang am Arbeitsplatz?

Mobbing passiert eher in Zeiten von strukturellen Veränderungen, beispielsweise bei drohendem Personalabbau. Jetzt zu Corona-Zeiten, wo viele wissen, dass es der Firma nicht gut geht und Stellen abgebaut werden, ist die Angst bei vielen spürbar gross, dass es auch sie treffen könnte. Das Risiko für Ellbogen-Klima oder Mobbing ist damit auf jeden Fall erhöht.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis geben?

Ich habe eine Sicherheitsbeauftragte in einem Betrieb beraten, die sich um Corona-Schutzkonzept und -Massnahmen kümmern musste. Doch in dieser Firma wollte man von Corona gar nichts wissen, die Vorgesetzten waren sogenannte Corona-Verweigerer. Sie haben die Frau systematisch fix und fertig gemacht. Da konnte sie lange sagen, es sei halt ihr Job, diese Massnahmen umzusetzen. Sie war total am Ende.

Hat aus Ihrer Sicht die Angst vor Mobbing zugenommen?

Ich höre in den Beratungen fast immer: ‹Dann kam Corona und alles war anders.› Es ist wirklich ein massiver Einschnitt ins Arbeitsleben und die Angst ist spürbar grösser geworden. Ich beobachte, dass Mobbing-Betroffene, die keine Kraft mehr haben und schon alles probiert haben, sich kaum trauen zu kündigen. Es ist verständlich, denn wer garantiert einem in der aktuellen Situation, dass man so bald wieder einen Job findet.

Was kann Mobbing mit einem Menschen machen?

Viele suchen den Fehler erst bei sich selber. Sie denken, sie müssen sich noch mehr anstrengen, um zu genügen. Es folgen Wut und Frustration, weil man merkt: Ich kann machen, was ich will, und doch ist es nie recht. Das schleichende Zermürben macht Betroffene kaputt. Viele sagen, dass sie in ihrem Leben schon viel Schlimmes erlebt hätten, aber noch nie habe sie etwas so kaputtgemacht wie das erlebte Mobbing. Wer keinen Ausweg findet, gewöhnt sich an einen gewissen Leidensdruck und realisiert häufig nicht mehr, wie schlecht es einem geht. Mit der Zeit betrifft es auch das ganze Umfeld, das Private, die Familie, die Kinder, die Freundschaften und die Gesundheit. Solche Erlebnisse können sehr tief gehen.

Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, ein Mobbing-Opfer zu sein?

Es ist sicher ratsam, ein Tagebuch zu führen, um das Erlebte festzuhalten. Als Erstes ist es gut, das Gespräch zu suchen mit der mobbenden Person, um ihr zu sagen, wie man sich fühlt und was einen stört. Das ist häufig nicht möglich oder hat nichts gebracht. Der nächste Schritt ist, zum Vorgesetzten zu gehen. Wenn er der Auslöser ist, hat man hier schon mal schlechtere Karten. Dann wäre es der übergeordnete Vorgesetzte, der deckt wiederum meist den direkt Unterstellten. Eine gute Option ist auch das HR, grössere Betriebe haben oftmals beauftragte Vertrauenspersonen für solche Situationen. Häufig läuft es aber auf eine Kündigung hinaus, weil schon zu viel Geschirr zerschlagen ist.

Wie gehen Sie vor, wenn sich eine betroffene Person bei Ihnen meldet?

Viele unserer Klienten haben schon sehr lange ausgeharrt, schon diverse Gespräche geführt, das hat aber alles nicht wirklich etwas gebracht und es geht ihnen gesundheitlich ziemlich schlecht. Da hilft meist nur eine Auszeit, um Distanz zu gewinnen und zu überlegen, wie es weitergehen soll. Wir unterstützen die Person in Gesprächen mit dem Arbeitgeber und versuchen, Lösungen zu finden, die für beide Seiten akzeptabel sind. Häufig kommt es dann zu einer Trennung, weil zum Zeitpunkt, zu dem wir eingeschaltet werden, es häufig nicht mehr möglich ist, am betroffenen Arbeitsort zu bleiben.

Wenn Mobbing in einem Betrieb vorliegt, ist es für die Betroffenen also meist zu spät.

Es ist schon so, dass viele zu spät reagieren. Es liegt aber auch ein bisschen in der Natur des Menschen. Man rennt ja auch nicht gleich zum Doktor, wenn einem etwas wehtut, sondern probiert erst selber, ob es wieder weggeht. Das ist bei Mobbing auch so, doch meistens wird das von selber nicht besser. Es lohnt sich also, frühzeitig Unterstützung zu holen.

Wie kann man sich aus der Opferrolle wieder befreien?

Gespräche suchen, Grenzen setzen und sich beraten lassen, um die Situation zu reflektieren, damit man nicht vorschnell etwas sagt oder tut, das man danach bereut. Mit der Zeit bekommen Betroffene oftmals eine selektive Wahrnehmung: ‹Schon wieder ich› oder ‹Der macht mich sicher wieder fertig›. Mal von aussen hinzuschauen, kann einem die Augen öffnen.

Wie ist ein menschenverachtender Umgang am Arbeitsplatz vermeidbar?

Es hilft sicher, Dinge frühzeitig zu besprechen und zu klären, damit es nicht in Mobbing ausartet. Seitens des Arbeitgebers ist es wichtig, dass die Strukturen, Informationswege und Aufgabenteilung klar sind. Mobbing entsteht häufig durch unklare Arbeitsstrukturen, weil sich jeder ein möglichst grosses Stück des Kuchens abschneiden will. Ein Hauptgrund für Mobbing ist mangelnde Führungskompetenz. Hier gilt häufig das Sprichwort: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Wenn Führungspersonen vorleben, wie sie mit Konflikten umgehen, diese auch austragen und lösen können, klappt es meistens auch im Team.

Ein kollegiales Arbeitsklima ist also ausschlaggebend.

Ein gutes Klima im Team, das auch erlaubt, mal ein persönliches Gespräch zu führen, hilft auf jeden Fall. Eine klare Abgrenzung zwischen Privatleben und Geschäft ist aber wichtig. Vermischt es sich zu stark, kann es heikel werden. Ich würde sagen, wer hier einen guten Mittelweg findet, ist auf dem richtigen Pfad.

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