Kolumne Darum fällt es mir schwer und schwerer, neue Freunde zu finden

Michelle de Oliveira

8.7.2024

Seit blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira vor zwei Jahren nach Portugal gezogen ist, fällt es ihr schwer neue Freund*innen zu finden. Jetzt hat sie herausgefunden, warum dem so ist.
Seit blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira vor zwei Jahren nach Portugal gezogen ist, fällt es ihr schwer neue Freund*innen zu finden. Jetzt hat sie herausgefunden, warum dem so ist.
Bild: Privat

Die Kolumnistin vermisst ihre langjährigen Freund*innen, seit sie in Portugal lebt. Aber dafür geniesst sie es umso mehr, wenn sie dann mal wieder zusammen sind. Und erklärt, was das mit Schlangen zu tun hat.

M. de Oliveira

8.7.2024

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Michelle de Oliveira ist vor bald zweieinhalb Jahren mit ihrer Familie ausgewandert.
  • Seit die blue News-Kolumnistin in Portugal lebt, fällt es ihr schwerer neue Freund*innen zu finden. Jetzt hat sie herausgefunden, warum dem so ist.
  • «Ich glaube, dass ich mich freundschaftstechnisch zu einer Schlange entwickelt habe», schreibt de Oliveira.

Wir sind vor gut zwei Jahren nach Portugal ausgewandert. Eine Entscheidung, die ich bisher nie bereut habe, die aber durchaus hin und wieder Heimweh mit sich bringt.

Am schlimmsten ist es dann, wenn ich in der Schweiz gewesen bin, wie gerade vor einigen Wochen wieder.

Wenn ich meine Freundinnen, die ich seit meiner Teenagerzeit zum Abendessen treffe und wir lachen, bis uns die Tränen über die geröteten Wangen laufen.

Wenn endlich genug Zeit bleibt für lange Gespräche ohne Bildschirm dazwischen, für spontane Umarmungen und wilde Geheimnisse.

Dann stellt sich eine Leere ein

Wenn meine Lieblingsmenschen zusammenkommen und wir die Zürcher Langstrasse entlang stolpern und es sich anfühlt wie immer. Wenn ich Menschen, mit denen ich sonst wenig Kontakt habe, spontan auf einen Kaffee treffen kann.

Zur Person: Michelle de Oliveira
Bild: Privat

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogini, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren, aber auch aus ihrem ganz realen Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Portugal.

Danach fällt es mir immer schwer, wieder zurückzufliegen. Eine Leere stellt sich ein. Und gleichzeitig fühle ich mich genährt.

Ich habe hier in Portugal eine grosse Familie und ich habe viele grossartige Menschen kennengelernt.

Manche sind zu Freunden und Freundinnen geworden, wenn auch noch mit zarten Banden. Es mangelt mir nicht an sozialen Kontakten.

Aber ich stelle fest, dass ich nicht mehr so leicht Freundschaften knüpfe wie früher. Dass ich wählerischer bin, dass ich genauer weiss, was ich will und wo ich nicht mehr bereit bin, Kompromisse einzugehen.

Plötzlich lösten sich solche Freundschaft wieder auf

Früher gab es in meinem Leben auch häufiger Freundschaften auf Zeit. Menschen, die gerade in einer ähnlichen Lebensphase steckten und die ich während Monaten, manchmal auch Jahren, fast täglich sah, mit denen ich mein Leben intensiv teilte. Und dann plötzlich lösten sich solche Freundschaft wieder auf.

Ohne Streit, ohne viel Aufhebens, sondern einfach, weil ihre Zeit vorbei war.

Wie ein T-Shirt, das vom vielen Tragen verblasst ist und das im Kleiderschrank immer weiter nach hinten rutscht, bis man irgendwann vergisst, dass es überhaupt da ist. Oder eines, das man eines Tages in den Abfall schmeisst, beinahe emotionslos, einfach nur aus dem Grund, weil man es nicht mehr länger tragen will.

Dass mein Freundeskreis nicht mehr so leicht wächst wie früher, liegt auch daran, dass in meiner derzeitigen Lebenssituation schlicht weniger Zeit für Freundschaften bleibt. Mit Kindern, Hund und Arbeit ist der Freiraum bescheiden.

Und je älter ich werde, umso lieber verbringe ich die wenige Freizeit nur mit mir. Lieber ein Spaziergang in Stille, ein packendes Buch oder ein Nickerchen, anstatt mich mit jemandem zu treffen, dessen Gesellschaft ich dann doch nur wenig geniesse.

Gleichzeitig bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, immer wieder aus dem Kokon auszubrechen und Leute zu treffen, anstatt komplett zur Eigenbrötlerin zu werden. Auch wenn es manchmal etwas Überwindung kostet, wage ich mich regelmässig aus meiner Höhle und mische mich unter die Leute.

Freundschaftstechnisch zu einer Schlange entwickelt

Aber ich glaube dennoch, dass ich mich freundschaftstechnisch zu einer Schlange entwickelt habe. Nicht etwa, weil ich giftig bin und vielleicht auch Angst und Schrecken verbreite. Sondern, weil ich wie zum Beispiel die grüne Anakonda extrem viel auf einmal essen kann.

Während sie ein ganzes Wasserschwein verdrückt, fülle ich meinen Freundschaftsspeicher maximal, wenn ich in der Schweiz bin. Die Schlange braucht dann monatelang keine Nahrung mehr, auch weil sie so fix und fertig ist, um die Beute zu verdauen.

Mir geht es ähnlich: Bin ich in der Schweiz, bin ich fast nonstop unterwegs und verleibe mir alles ein, was ich von meinen geliebten Menschen kriege.

Danach bin ich meist erschöpft, aber eben auch wunderbar gesättigt. Und davon zerre ich dann – wie die Schlange vom Wasserschwein – ebenfalls sehr lange.


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