Kolumne Wie ich zur Fussball-Enthusiastin wurde – ohne mir Spiele anzuschauen

Michelle de Oliveira

16.6.2024

Seit blue News-Kolumnistin Michelle de Oliveira in Portugal lebt, spielt Fussball in ihrem Leben eine etwas grössere Rolle. Und ihre Lieblingsmannschaft ist Sporting Lissabon.
Seit blue News-Kolumnistin Michelle de Oliveira in Portugal lebt, spielt Fussball in ihrem Leben eine etwas grössere Rolle. Und ihre Lieblingsmannschaft ist Sporting Lissabon.
Bild: sda

Für Fussball hat sich die blue News Kolumnistin lange nicht interessiert. Doch jetzt hat sich das geändert – wegen ihres Sohnes. Sie findet Fussball nun grossartig, schaut aber keine Spiele. Noch nicht.

M. de Oliveira

16.6.2024

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der blue News-Kolumnistin Michelle de Oliveira war Fussball die meiste Zeit ihres bisherigen Lebens relativ egal.
  • Seit sie jedoch in Portugal lebt, spielt Fussball eine grössere Rolle in ihrem Alltag – und das hat vor allem mit ihrem Sohn zu tun.
  • «In und um unser Haus liegen überall Bälle: Grosse, kleine, weiche, harte, neue und halb zerfledderte», schreibt de Oliveira.

Fussball war mir die meiste Zeit meines bisherigen Lebens relativ egal. Er hat mich weder besonders interessiert, noch hat es mich gestört, dass es ihn gibt – ungefähr so wie Schoggi-Joghurt.

Ich habe mir zwar zwei-, dreimal ein Spiel im Stadion angeschaut und fand das tatsächlich richtig cool. Aber nicht in erster Linie des Fussballs wegen, sondern vor allem wegen der Stimmung.

Zur Person: Michelle de Oliveira

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogini, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren, aber auch aus ihrem ganz realen Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Portugal.

Die Fankultur faszinierte mich – und so hatte ich meinen Blick viel häufiger auf die Fans auf der Tribüne, anstatt auf die Spieler auf dem Feld gerichtet.

Zu Hause schlagen die Fussballherzen Grün-Weiss

Ich war eine von denen, die während der Europa- oder Weltmeisterschaften mitfieberten – aber auch dann fast ausschliesslich an öffentlichen Orten, wo mir wieder die Stimmung die grösste Freude bereitete.

Seit ich in Portugal lebe, spielt Fussball eine etwas grössere Rolle in meinem Leben. Hier ist jede und jeder Fan von einem Team, schweizerische Neutralität gilt nicht.

Der Einfachheit halber sage ich mittlerweile nicht mehr, es wäre mir egal, sondern nenne einfach das Team, das fast meine ganze portugiesische Familie anfeuert: Sporting Lissabon. Grün-Weiss schlagen bei uns zu Hause die Fussballherzen.

Mein Herz schlägt aber vor allem für die Fussball-Leidenschaft meines Sohnes. In und um unser Haus liegen überall Bälle: grosse, kleine, weiche, harte, neue und halb zerfledderte.

«Ich kann nicht anders, ich muss ständig Fussball spielen»

Ohne es zu merken, spielt mein Sohn dauernd Fussball. Deckt er den Tisch, drippelt er meist (was selbstredend nicht immer gut geht), er übt Kopfbälle, statt das Pischi anzuziehen, und übt Siegesposen, während er sich die Zähne putzt.

Wenn ich ihn dazu ermahne, wenigstens kurz den Ball liegenzulassen, sagt er leidend: «Mama, ich kann nicht anders, ich muss ständig Fussball spielen.»

Ich finde seine Begeisterung, seinen Willen und seine Ausdauer grossartig. Und ausserdem liebe ich es, mit ihm auf der Wiese Fussball zu spielen – auch wenn er findet, dass ich mehr üben sollte, weil mir angeblich die einfachsten Tricks nicht gelingen.

Hin und wieder darf mein Sohn ein Fussballspiel im Fernsehen schauen. Er fiebert mit, analysiert und kommentiert. Wieder: Ich schaue auch zu Hause lieber den Fans – also ihm – als dem eigentlichen Spiel zu.

Und tröste dann den plötzlich wieder sehr kleinen Jungen, wenn sein Team den Pokal nicht gewinnt und er seinen Schmerz in wütenden und enttäuschten Tränen ausdrückt.

Durch das Fussball hat mein Sohn Selbstvertrauen gewonnen

Aber Fussball bewegt meinen Sohn nicht nur körperlich und emotional, er bindet ihn auch ein. Letztes Jahr kam er in die erste Klasse. Nach einem Montessori-Kindergarten mit elf Kindern und drei Lehrpersonen in eine grosse Schule mit 25 Kinder und einer Lehrperson pro Klasse.

Es war ein gewaltiger Schritt für ihn. Für eine Weile hatte ich das Gefühl, er komme nicht richtig an. Bis er angefangen hat, in jeder Pause Fussball zu spielen. Er gehörte plötzlich dazu, fühlte sich als Teil der Gruppe und stellt seither jeden Abend seine Paraden nach und prahlt mit aufgeschürften Knien.

Durch den Fussball hat er seine Peer-Group (eine Clique von Menschen im gleichen Alter und mit ähnlichen Interessen) gefunden, seine Freunde, sein Plätzchen. Und nicht zuletzt eine grosse Portion Selbstvertrauen.

Mein Sohn wird bald nicht mehr bloss zu Hause und in der Pause tschutten, sondern ins Fussballtraining für «richtige Fussballer» gehen, wie er sagt. Ich freue mich sehr für ihn. Zumindest jetzt noch.

Wir reden dann wieder darüber, wenn ich als «Soccer-Mom» – als Fussball-Mutter – jedes Wochenende irgendwo an einem Spielfeldrand stehe. Entweder bin ich es schnell leid, so viel Zeit mit Fahren und Warten zu verbringen.

Oder ich finde das, was auf dem Platz passiert, doch plötzlich viel spannender. Und werde selbst eine der Mitfieberenden, die ich bisher nur beobachtet hatte.


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