Kolumne

Darum bereite ich dieses Jahr meinen Tod vor

Von Michelle de Oliveira

1.1.2023

Die Kolumnistin mag keine Vorsätze. Aber dieses Jahr hat sie einen Plan: Sie will sich mit ihrem eigenen Ende näher beschäftigen.
Die Kolumnistin mag keine Vorsätze. Aber dieses Jahr hat sie einen Plan: Sie will sich mit ihrem eigenen Ende näher beschäftigen.
Bild: Getty Images/iStockphoto

Manche nehmen sich als Neujahrsvorsatz, das Rauchen aufzugeben oder mehr Sport zu treiben. Die Kolumnistin hingegen wird in diesem Jahr ihren eigenen Tod vorbereiten. Und ihm damit den Schrecken nehmen.

Von Michelle de Oliveira

1.1.2023

Der 1. Januar markiert nicht nur den Start des Kalenderjahrs, er bedeutet auch sonst oft der Beginn von Neuem.

Wir hoffen auf ein gutes Jahr, oder vielleicht sogar auf ein besseres als das vergangene. Wir fassen Vorsätze, mit denen wir es «diesmal aber wirklich ernst meinen». Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – du weisst schon.

Ich mag keine Vorsätze. Aber dieses Jahr plane ich zum Jahresbeginn auch etwas. Und zwar starte ich mit dem Ende. Mit meinem Ende. Meinem Sterben.

Ich sehne mir keineswegs den Tod herbei und mache mir auch keine Sorgen, dass ich bald sterben könnte. Obwohl ich natürlich weiss, dass das jeden Moment passieren könnte. Und genau das hat mich in letzter Zeit nachdenklich gestimmt.

Das Sterben wurde realer

Zur Autorin: Michelle de Oliveira
Bild: zVg

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogalehrerin, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle und Esoterische. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren. Seit Kurzem lebt sie mit ihrer Familie in Portugal.

Lange bevor ich schwanger war – oder auch nur einen potentiellen Kindsvater an meiner Seite gehabt hätte – hatte ich darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, eines Tages ein Kind in mir zu tragen, es zu gebären, Mutter zu sein.

Ohne zu wissen, ob ich dies jemals erleben würde, machte ich mir Gedanken darüber, malte mir mögliche Szenarien aus. Darüber, dass ich einmal sterben werde, gibt es hingegen keine Zweifel.

Und doch verhalte ich mich manchmal so, als ob das Sterben nicht unausweichlich wäre.

Und das, obwohl der Tod in meinem Leben präsenter ist, seit mein Vater vor einigen Jahren sehr plötzlich verstorben ist. Das Sterben wurde realer, präsenter, ich weiss, wie schnell es alles verändern kann. Und dennoch befasse ich mich nur am Rande mit dem Tod.

Seine absolute Gewissheit lasse ich nicht an mich heran, halte ihn immer mindestens auf Armlänge entfernt. Schaue ich an einem mutigen Tag doch etwas genauer hin, einfach mal zum Testen, wie es denn so wäre, wird mir ganz eng ums Herz.

Zu viele Emotionen aufs Mal

Dann denke ich sofort an meine Familie, an meine Kinder und frage mich: Stürbe ich jetzt in diesem Moment, würden sie sich überhaupt an mich erinnern? Und bevor ich «Wann setzt das Erinnerungsvermögen von Kindern ein?» google, schiebe ich den Tod wieder weit weg.

Nicht, weil mir mein eigenes Sterben Angst macht, diesbezüglich bin ich ziemlich zuversichtlich. Aber wenn ich daran denke, was es mit den Menschen macht, die mich lieben und die zurückbleiben werden, schiessen mir sofort Tränen in die Augen.

Es gelingt mir folglich also nicht, mich einfach hinzusetzen, und mir ausführlich Gedanken zu meinem Tod zu machen. Das sind zu viele Emotionen aufs Mal.

Darum habe ich beschlossen, mir dafür ein Jahr Zeit zu nehmen. Mich aktiv mit meinem Sterben auseinanderzusetzen und – wenigstens auf einige der Fragen – Antworten zu finden.

In die Berge oder doch ins Meer?

Stets sagte ich, verbrennt mich und verstreut mich irgendwo, wo es halt schön ist, wo es mir gefiele. So salopp dahergesagte Anweisungen, bei denen man im Fall des wortwörtlichen Falls nicht sicher ist:

Meinte sie es wirklich so? Und wo ist es denn nun schön? Will sie in die Berge oder doch ins Meer? Oder gar in Indien in den Ganges geschüttet werden?

Und es geht ja nicht nur um meine eigenen Vorstellungen. Ich möchte auch mal meine Liebsten fragen:

Wünscht ihr euch einen Ort, an dem sich meine Überreste befinden, wo ihr hingehen und trauern könnt? Oder ist das euch nicht wichtig? Wie steht es um eine Feier? Falls ich eine möchte, was wäre mir diesbezüglich wichtig? Was sind die Vorstellungen meiner Familie?

Aber auch ganz praktische Dinge will ich angehen: Benötige ich ein Testament? Will ich eine Patientenverfügung erstellen, falls ich selbst nicht mehr entscheiden kann? Was passiert mit meinen Konti? Was wäre, wenn mein Mann und ich gleichzeitig – etwa bei einem Unfall – ums Leben kommen würden? Was würde mit den Kindern passieren?

Möchte ich den beiden Briefe schreiben, Videobotschaften aufzeichnen oder sonst etwas Bestimmtes hinterlassen?

Totenkopf aufs Handgelenk tätowiert

Diese Fragen brauchen Zeit und ich bin gespannt auf den Prozess, der eigentlich schon vor einer Weile angefangen hat. Irgendwann im Herbst hatte mir mein Sohn eine Zeichnung überreicht mit den Worten «Nur für dich».

Darauf war ein krakeliger Totenkopf zu sehen, eines der ersten Male, wo ich ohne Erklärung erkannte, was er gezeichnet hatte. Ich war gerührt. Einerseits wegen seiner Zeichenkünste, aber auch wegen der Gedanken und Gefühle, welche die Zeichnung in diesem Moment ausgelöst hatte.

Kurze Zeit später liess ich mir exakt diesen Totenkopf aufs Handgelenk tätowieren. Mein Memento mori soll nichts Bedrohliches haben, sondern mich stets sanft daran erinnern: Nichts ist für immer. Du bist nicht für immer.


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