David Beckham – die Unschuld vom Lande

Marianne Siegenthaler

27.7.2020 - 11:00

David Beckham zelebriert auf Instagram ein neues Social-Media-Phänomen.
Bild: Ausriss aus instagram.com/davidbeckham

Vor zwei Wochen wunderte sich die Kolumnistin, weshalb sich Ex-Fussballstar David Beckham mit Hirtenstab ablichten lässt. Jetzt weiss sie, warum.

Eigentlich ging es in meiner Kolumne um eine Strickjacke, mit welcher sich David Beckham auf Instagram postete. Gar nicht zur Freude seiner Ehefrau Victoria, der das Jäcklein so gar nicht gefällt.

Mir übrigens auch nicht. Was mir aber wirklich zu denken gab: Weshalb hält der Ex-Fussballstar einen Hirtenstab in der Hand?

Ich weiss nicht, mit welchen Tätigkeiten David Beckham seinen Tag ausfüllt, aber ich bin ziemlich sicher: nicht mit Schafehüten. Inzwischen bin ich aber schlauer. Was Beckham da zelebriert, ist ein neues Social-Media-Phänomen.

«Cottagecare» nennt sich das und die Idee ist, dass sich Städter wie die Unschuld vom Land inszenieren: Blümchenkleid, Latzhose, derbe Stiefel und Filzhut. Und ja, der Hirtenstab. Beim Pilzesammeln. Beim Teigkneten. Beim Konfieinkochen. Oder einfach in einer Blumenwiese vor sich hin träumend.

Das Leben – ein Ponyhof

Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach dem einfachen Landleben ist allerdings nichts Neues. Schon vor fast zweihundert Jahren proklamierte der Philosoph Jean-Jacques Rousseau «Retour à la nature!». Und soweit muss man gar nicht zurückgehen.

Seit über zehn Jahren boomen Magazine wie «Landlust». Aber ich vermute mal, dass durch die Coronakrise die Vorstellung der vermeintlich heilen Welt auf dem Land wieder Auftrieb bekommen hat.

Das Leben ist ein Ponyhof – zumindest in den sozialen Medien. Und alle sehen aus, als ob sie gerade der Siebzigerjahre-Fernsehserie «Unsere kleine Farm» entsprungen sind.

Erst mal den Stall ausmisten

Tatsächlich dürften die allerwenigsten Anhängerinnen und Anhänger von Cottagecore auch nur im Traum daran denken, aufs Land zu ziehen. Denn in der Vorstellung ist das Landleben zwar wunderbar, die Realität sieht aber anders aus.

Statt dem Soja-Latte-Schubidu gibt es zum Frühstück ein Glas frische, lauwarme Kuhmilch, selbst gemolken natürlich. Und fürs Vegi-Menü muss ein wild wuchernder Garten zur Selbstversorgung beackert werden. Damit es auch im Winter noch was zu futtern gibt, darf man oder wohl eher frau tagelang Krautstiel, Kohlrabi und Karotten einmachen. Und nicht vergessen: Frühmorgens wird erst mal der Stall ausgemistet.



Das ist definitiv nichts für das urbane Volk. Also kann man den Hype ums Landleben einfach als hübsch inszenierte Tagträumerei abtun. Und das ist gut so.

Denn ich hoffe doch sehr, dass die jungen Frauen nicht wirklich zurück ins traditionelle Rollenmuster fallen wollen und im hochgeschlossenen Blümchenkleid zu Hause Holundersirup einkochen, damit ihr Gatte dann beim Schafe hüten unter sengender Sonne auch was Feines zu trinken hat.

Gut möglich also, dass sich die emanzipierte Victoria Beckham nicht nur an Davids Jäckli störte, sondern mit diesem ganzen Cottagecare-Ding nichts anfangen kann.

Zur Autorin: Marianne Siegenthaler ist freie Journalistin und Buchautorin. Wenn sie grad mal nicht am Schreiben ist, verbringt sie ihre Zeit am liebsten im, am und auf dem Zürichsee.

Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «Bluewin» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

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