«Die Beziehung findet ausschliesslich im Therapieraum statt»

Bruno Bötschi

28.7.2020 - 06:24

Frau F., Surrogat-Partnerin: «All diese Menschen vereint, dass sie ihre unerfüllte Sexualität und ihren Wunsch nach einer Beziehung nicht länger hinnehmen wollen, sondern etwas daran ändern möchten.»
Bild: Getty Images

Frau F. arbeitet als Surrogat-Partnerin. Sie stellt sich, therapeutisch angeordnet, Menschen als professionelle Liebeslehrerin zur Verfügung. Berührungen und Sex inklusive. Ein Interview über Liebe, Erektionsprobleme und Moral.

Frau F., Sie arbeiten als Surrogat-Partnerin, auf Deutsch ‹Ersatzpartnerin›. Wie kamen Sie zu dieser Aufgabe?

Im Rahmen von Kuschelabenden habe ich vor einigen Jahren die Magie des absichtslosen Berührens kennengelernt: Fremden Menschen in der Berührung zu begegnen, öffnet Türen zur Seele und lässt uns Menschen von innen strahlen. Die Flashs nach diesen Abenden sind unbeschreiblich. Durch einen Newsletter habe ich letztes Jahr von der Ausbildung zur Surrogat-Partnerin erfahren und sofort gespürt, dass das mein Weg sein könnte, um in der Berührung und offenen Kommunikation mit Fremden einen Schritt weiterzugehen und das zu geben, was ich zu meinen Stärken zähle: Unvoreingenommen auf Menschen zugehen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen – auch auf körperlicher Ebene.

Wie ging es weiter?

Vor wenigen Wochen habe ich meine einjährige Ausbildung zur Surrogat-Partnerin abgeschlossen. Bereits während der Ausbildung begleitete ich einen Klienten im Rahmen einer Intensivtherapie. Dabei durfte ich erfahren, welche Kraft die bedingungslose Berührung und die authentische Begegnung haben, um körperliche Grenzen zu sprengen, sexuelle Ängste zu überwinden und sich ganz auf den anderen einzulassen: körperlich, emotional, mit Haut und Haar. Und immer im Wissen darum, wozu diese Verbindung dient: Dass der Klient reif wird und im ‹normalen Leben› eine erfüllende Beziehung mit einer stimmigen Sexualität leben kann.

Surrogat-Partner-Therapie

Gemeinsam mit drei weiteren Frauen und vier Männern hat Frau F. kürzlich den ersten Schweizer Ausbildungsgang zur Surrogat-Partnerin bei Sexualtherapeutin LuciAnna Braendle abgeschlossen. Pionierarbeit in der Schweiz: In ganz Europa gibt es derzeit nur ganz wenige offiziell ausgebildete Surrogat-Partnerinnen. Mehr Infos zu Frau F. gibt es auf ihrer Website: surrogatpartnerin.ch

Sie bringen sexuell unerfahrenen Männern bei, wie sie sich sexuell mit einer Frau austauschen können. Was sind das für Menschen, die Sie begleiten?

Die Unerfahrenen sind nur ein Teil der Klientel. Das Angebot richtet sich auch an Menschen, egal welchen Geschlechts, die ein sexuelles, ein soziales, körperliches oder auch leichtes psychisches Problem lösen wollen: Erektionsprobleme, Bodyshaming, Pornosucht, sexuelle Traumata, Hypersensibilität, unklare sexuelle Vorlieben und so weiter. All diese Menschen vereint, dass sie ihre unerfüllte Sexualität und ihren Wunsch nach einer Beziehung nicht länger hinnehmen wollen, sondern etwas daran ändern möchten. Das braucht Mut und hat meinen höchsten Respekt verdient.

Wie alt sind Ihre Klienten?

In der Surrogat-Partner-Therapie, kurz SPT, sind alle Altersklassen vertreten. Von der 25-jährigen Frau mit Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, über den 50-jährigen Mann, der seine Scheu überwinden und endlich eine Beziehung leben möchte, bis hin zum 62-jährigen Menschen, der/die nach einer Darmoperation sein Sexleben neu gestalten lernen muss oder möchte. Sie haben in der Regel ein mittleres bis höheres Einkommen. Es gibt aber auch Ausnahmen: Liebe und Sexualität kennen keine Schubladen und Muster.

Klienten, die eine SPT besuchen, hatten bisher keine oder nur wenige sexuelle Beziehungen: Was sind die Gründe dafür?

Sie sind so verschieden, wie die Menschen es auch sind: Die einen sind ein Leben lang schon Einzelgänger und haben nie Zugang zum anderen Geschlecht gefunden. Andere haben den Schritt in die Intimität als Teenager nicht geschafft und schaffen ihn später immer weniger. Oft, weil sie Angst haben, dass es ein Gegenüber merken könnte. Es gibt immer noch Glaubenssätze wie ‹Ein Mann ohne Erfahrung im Sex ist kein richtiger Mann und kann es einer Frau nicht bringen›. Schon Männer Anfang 20 schämen sich, wenn sie noch keinen Sex hatten und tun alles, um das zu verstecken. ‹Es hat sich einfach nie ergeben›, ist eine häufige Antwort auf die Frage, warum es bisher zu keinen sexuellen Kontakten kam.

In manchen Ländern ist die SPT per Gesetz verboten. Warum?

Verboten ist die Therapieform in jenen Ländern, in denen auch Prostitution verboten ist. Die Arbeit als Surrogat-Partnerin und -Partner wird als Gewerbe der Prostitution zugeordnet. In der Schweiz ist sie aber erlaubt.

Frau F.: «Das Angebot richtet sich auch an Menschen, die ein sexuelles, ein soziales, körperliches oder auch leichtes psychisches Problem lösen wollen: Erektionsprobleme, Bodyshaming, Pornosucht, sexuelle Traumata und so weiter.»

Demnach ist Sexualbegleitung nur ein verharmlosendes Wort für Prostitution?

Sexualbegleitung und Surrogat-Partner-Therapie ist nicht dasselbe. Von der Sexualbegleitung und der Prostitution unterscheidet sich die SPT ganz klar durch die therapeutische Begleitung und die Ausbildung, die der Tätigkeit zugrunde liegt. Ausserdem steht im Vordergrund immer ein therapeutisches Ziel: Der Klient oder die Klientin so weit zu begleiten und zu bilden, dass sie in ihrem Alltag nährende Beziehungen mit einer erfüllenden Sexualität aufbauen können. Sie lernen in der Surrogat-Therapie nicht nur viel über ihren Körper, und wie Sexualität gelebt werden kann, sondern auch über Kommunikation, über gegenseitiges Aufeinandereingehen, über Sorgfalt und Achtsamkeit in der Beziehung. In der Sexualbegleitung sowie in der Prostitution ist das Ziel die Klientenbindung.

Wie grenzt sich die STP noch von der Sexualbegleitung ab?

Die Sexualbegleitung richtet sich in der Regel an Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung und verfolgt keinen therapeutischen Zweck. Entsprechend wird kein bestimmtes Programm verfolgt. Als Surrogat-Partnerin orientiere ich mich an den Grundlagen von Masters und Johnson, den Begründern der Surrogat-Partner-Therapie. Ich verfolge gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten ein genau definiertes Ziel.

In der Schweiz ist diese Art von Therapie bisher nur wenig bekannt, und wenn, dann ist sie teils verpönt oder wird harsch kritisiert.

Kritikerinnen und Kritiker sagen unter anderem, dass die Arbeit mit Surrogat-Partnerinnen und -Partnern die Klientel in ein körperlich-seelisches Abhängigkeitsverhältnis bringe und dass das in einer therapeutischen Situation nicht sein darf. Auch dass sie sich dann schwer lösen und keine Beziehung in der ‹realen Welt› eingehen wollten. Ein anderer Kritikpunkt ist, es sei unethisch und in einem unausgeglichenen Machtverhältnis, mit Klientinnen und Klienten in einem sexuellen Körperverhältnis zu sein. Das Risiko für Machtmissbrauch beziehungsweise körperlichen Missbrauch sei dadurch zu gross.

Tatsache ist jedoch, dass es sowohl bei der SPT als auch bei einer Psychotherapie darum geht, die vereinbarten Grenzen einzuhalten. Bei der SPT gibt es klare Regeln von Berührungsformen, von Kommunikation darüber und ein Verbot von Treffen und persönlicher Kommunikation ausserhalb des Therapieraums.

Klienten und Klientinnen in Psychotherapie können sich genauso gut verlieben wie die der SPT und sie können auch in eine Abhängigkeitsbeziehung geraten. Und es gibt im psychotherapeutischen Bereich auch Therapeuten, die sich verlieben oder sogar körperlich werden – oder einfach Klientinnen oder Klienten sehr anziehend oder sogar sexy finden. Diese Therapeuten müssen sich an ihre Regeln halten und auch dort besteht ein Risiko für körperliche oder auch psychische Übergriffe. Das Risiko ist meines Erachtens nicht kleiner, vielleicht einfach weniger offensichtlich. Die sehr klaren Regeln in der SPT und auch die Verpflichtung, im Alltagsleben nährende Beziehungen zu leben, sind ein sehr guter Schutz vor Übergriffen.



Gibt es noch andere Regeln, die einer möglichen Abhängigkeit entgegenwirken sollen?

Es gilt, wie gesagt, die Regel, dass man sich nicht ausserhalb begegnen darf, auch nicht virtuell. Die Beziehung findet ausschliesslich im Therapieraum statt. Klientinnen und Klienten spüren irgendwann, dass sie eine Beziehung ohne Einschränkung leben wollen. Und auch wenn sie in ihre Surrogat-Partnerin oder ihren -Partner verliebt sind, dann wissen sie doch, dass es Zeit ist, diese Beziehung loszulassen und sich im realen Leben umzusehen.

Das ist der Zeitpunkt, bei dem Gespräche über das Ende der Surrogat-Beziehung beginnen. Es ist ganz wichtig, auch das Ende der Modellbeziehung als ein Ende zu kreieren, das zwar vielleicht auch traurig ist, die Klientinnen und Klienten aber mit einem zufriedenen Gefühl entlässt und mit der Sicherheit, dass sie ‹draussen› ihre Liebe finden.

Hier ist die Begleitung durch die verbalen Therapeutinnen und Therapeuten sehr zentral. Diese begleiten die Klientinnen und Klienten beim Übergang so lange, bis sie Fuss gefasst haben, beziehungsweise bis sie eine Beziehung im ‹normalen Leben› gefunden haben. Diese Begleitung dauert oft über die Surrogat-Beziehung hinaus und beinhaltet manchmal auch Trauerarbeit über die ‹verlorene› Surrogat-Beziehung.

Während einer STP müssen immer drei Personen eingebunden sein: der Klient, die Surrogat-Partnerin und eine verbale Therapeutin. Warum?

Dieses Setting ist durch das Therapeutenpaar Masters und Johnson in den 1970er-Jahren entstanden. Sie waren die ersten, die Paare in der Sexualtherapie mit vorgegebenen sinnlich-sexuellen Körperübungen – sie nannten sie ‹Sensate Focus›-Übungen – behandelt haben. Durch die Forschung von Masters und Johnson wurde klar deutlich, dass viele Grenzen der verbalen Sexualtherapie mit Körperübungen gelöst werden können. Erst in den körperlichen Begegnungen, die klar definiert sind, zeigt sich, durch welche Hürden ein sexuelles Problem verursacht wird.

Diese Erkenntnis und die damit verbundenen Forschungen von Masters und Johnson waren revolutionär in der Sexualtherapie. Viele moderne Therapien integrieren die ‹Sensate Fokus›-Übungen in ihre Arbeit. Singles mit sexuellen Problemen blieben von diesen Therapien jedoch ausgeschlossen. So erfanden Masters und Johnson die Surrogat-Partnerinnen und -Partner, um ihre Körpertherapie auch mit Singles durchführen zu können. Sie erfanden also die Arbeit im Dreieck mit Surrogat-Partner, Klient und verbalem Therapeuten.

Was sind die Aufgaben des verbalen Therapeuten respektive des Psychotherapeuten?

Durch die Trennung von Gesprächstherapie und Körperarbeit soll ein Abhängigkeitsverhältnis verhindert werden. Während der verbalen Therapiesitzungen werden die Themen besprochen und bearbeitet, die in der Surrogat-Partnerschaft auftauchen. Der verbale Therapeut ergänzt die Erlebens- und Lernwelt der Klientinnen und Klienten, indem er ihnen Einzelübungen für zu Hause mitgibt. Der Therapeut analysiert und bespricht mit ihnen, was die Begegnungen in ihr oder ihm auslösen, und spürt Knackpunkte auf, die allenfalls noch gelöst werden müssen, damit die Klientin, der Klient Ängste oder Unsicherheiten, Blockaden und Schwellen überwinden kann. Therapeut und Surrogat-Partner sind in regelmässigem Austausch miteinander.

Frau F.: «Bei der Surrogat-Partner-Therapie gibt es klare Regeln von Berührungsformen, von Kommunikation darüber und ein Verbot von Treffen und persönlicher Kommunikation ausserhalb des Therapieraums.»

Gibt es auch gemeinsame Sitzungen, an denen Klientin, Surrogat-Partner und Therapeut teilnehmen?

Bevor sich die Klientin und der Surrogat-Partner zum ersten Mal alleine treffen, gibt es eine Initialsitzung zu dritt. Dabei lernen sich die beiden unter der Moderation der Therapeutin kennen. Das ist ein aufregender Moment für beide. Manchmal gibt es auch während oder am Ende der Therapie Sitzungen zu dritt. Zum Beispiel, wenn es Konflikte gibt zwischen der Surrogat-Partnerin und dem Klienten, oder wenn der Klient die Beziehung nicht beenden möchte.

Was ist für Sie Moral?

Der englische Schriftsteller H. G. Wells hat 1914 bereits geschrieben, moralische Entrüstung sei Eifersucht mit einem Heiligenschein. Mir gefällt diese Definition ganz gut.

Ist eine Surrogat-Partnerschaft unmoralisch?

In meinen Augen ganz klar nicht. Manchmal denke ich: Es würde unserer ganzen Gesellschaft guttun, auf diese Art in das Thema Liebe, Sexualität und Partnerschaft eingeführt zu werden. Sexualität und Sinnlichkeit sind so viel mehr als das, was viele dafürhalten und erst recht als das, was in der Porno-Industrie vermittelt wird. In einer Surrogat-Partnerschaft geht es um tiefe Verbindung und eine intime Begegnung. Das Angebot richtet sich an Singles, die ihre Blockade, ihr Problem nicht mit einem Partner oder einer Partnerin anschauen können. Das alles ist für mein Empfinden weit weg von einem unmoralischen Angebot.



Die französische Sängerin Edith Piaf sagte: ‹Moral ist, wenn man so lebt, dass es gar keinen Spass macht, so zu leben.› Hat es einen besonderen Reiz, gegen geltende Moralvorstellungen zu verstossen?

Der Reiz dieser Arbeit besteht für mich darin, etwas zu vermitteln, was eigentlich alle in der Schule als Pflichtstoff lernen sollten: Wie man achtsame und authentische Nähe lebt, auch im Bett auf Augenhöhe kommuniziert, intime Beziehungen pflegt und Worte findet für all das, was zur schönsten Nebensache der Welt gehört.

Wie gehen Sie mit Leuten um, die Ihre Branche für unmoralisch halten?

Oft basiert diese Meinung auf falschen Annahmen. Wenn ich merke, dass jemand eine falsche Vorstellung meiner Arbeit hat, versuche ich zu erklären, worum es geht. Meist ergeben sich daraus spannende Gespräche.

Es handelt sich bei unseren Klientinnen und Klienten um mündige erwachsene Menschen, die in ihrem Leben einen Schritt weiterkommen wollen. Wir Surrogat-Partnerinnen und -Partner bieten ihnen dafür einen sicheren, geschützten Rahmen, in dem sie Neues ausprobieren und üben können, ohne Leistungsdruck und ohne den Bildern entsprechen zu müssen, die landläufig als ‹richtig› gelten, wenn es um Sex geht.

Im zweiten Teil des Interviews beschreibt Frau F., wie eine SPT-Behandlung konkret abläuft. Es erscheint am Freitag, 31. Juli, auf «Bluewin».

Das Gespräch wurde schriftlich geführt.

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