Einst schrieb sie ständig über Sex, heute lebt sie enthaltsam

Von Bruno Bötschi

28.7.2021

«Meine Freunde finden, ich solle Tinder-Dates haben, irgendwelche Affären. Aber ich habe wirklich so gar kein Bedürfnis danach»: Michèle Roten.
Bild: Echtzeit Verlag

Früher hat sie die Zürcherinnen und Zürcher als Kolumnistin in ihren Bann gezogen – trotz oder wegen manchmal derber Sprache. Nun hat Michèle Roten ein Buch über ihren Körper geschrieben – und macht ein Geständnis.

Von Bruno Bötschi

28.7.2021


«Am Peaches-Konzert kam ich in einen fantastischen Frau-Freiheit-Fickt-euch-alle-Freuden-Rausch.» *


Einst war Michèle Roten die meistgelesene Kolumnistin der Schweiz. Was auch damit zu tun hatte, dass sie in ihrer Kolumne «Miss Universum», die von 2005 bis 2014 wöchentlich im «Magazin» vom «Tages-Anzeiger» erschien, ziemlich regelmässig übers «Ficken» schrieb.

Das fanden viele Leserinnen und Leser geil. «Ich liebe ihren Sprachwitz – auch wenn ich mich dann inhaltlich manchmal etwas älter und langweiliger fühle.»

Andere meinten, ein Artikel ohne die Wörter «ficken», «Titten» oder «besoffen» wäre bereits mal ein Fortschritt. «Schade eigentlich, dass Frau Roten nicht mehr zu sagen hat.»

«Anfangs habe ich noch alle Leserbriefe gelesen, aber mit der Zeit immer weniger», verriet Michèle Roten dieser Tage in einem Interview mit der «Zeit» über ihre Zeit als «Magazin»-Kolumnistin. «Ich habe das damals toll gefunden, Diskussionen zu entfachen.»

Aber gleichzeitig wollte Roten nicht in der Öffentlichkeit stehen. Es habe deshalb auch lange nirgendwo ein Foto von ihr gegeben. «Soziale Medien gab es damals zum Glück noch nicht.»


«Ich gehe einigen Leuten auf den Sack. Unter anderem, weil ich Sachen schreibe wie auf den Sack gehen und geil und scheisse und ficken und Futz und so.» *


Vieles würde sie heute nicht mehr so schreiben. So habe sie auch nie überlegt, wie das auf ihre Eltern wirken könnte. Bereuen tut Michèle Roten aber nichts. «Ich bin halt einfach so, ich mache, ohne gross zu studieren.»

Jetzt steht die Autorin, Journalistin, Werberin und Mitinhaberin eines Secondhand-Ladens in Zürich, wieder einmal im Mittelpunkt. Sie hat ein Buch über ihren Körper geschrieben. Von Zehen, Narben und einem Tattoo, das sie demnächst weglasern lassen will, bis zu den Haaren und ihren Spitzen.



Das Buch beginnt mit ihren Füssen: «Ich trug jahrelang zu kleine Schuhe. Das merkte ich aber erst mit etwa dreissig.»

Es geht weiter mit den Oberschenkeln: «Ich bin ein blödes Arschloch dafür, dass ich nicht dankbar sein kann für meine grossartigen, objektiv ästhetisch völlig okayen, überfunktionalen Oberschenkel.»

Der Vulva/Vagina: «Dass es Scheidenpilz gibt, spricht dagegen, dass es Gott gibt, und noch viel mehr, dass Gott eine Frau ist. Sein könnte.»


«Von daher ist es verständlich, dass er findet, ich solle mich selber in den Arsch ficken.» *


Dem Bauch: «Ich habe ein völlig neurotisches Verhältnis zu meinem und allen Bauchnabeln der Welt.»

Und dem Gesicht: «Also liess ich mir [die Nase] operieren… Das Unangenehmeste daran war eigentlich, meine Eltern zu informieren.»

Aber wenn diese Autorin schon über den Körper schreibt, was ist dann mit Sex? Die Antwort: Gefickt wird im Buch auch – ein bisschen. Aber eigentlich hat Michèle Roten keinen Verkehr mehr. Zumindest zurzeit, verrät sie im Gespräch mit «Der Zeit». Jahrelang dachte sie, der Sex und sie stünden auf gutem Fuss. Dann sei er ihr plötzlich abhandengekommen – in der Flut des übervollen Lebens.

Wie reagieren die Leute, denen Sie sagt, dass Sie keinen Sex mehr hat? «Du musst doch deinen Körper feiern, deine Weiblichkeit und deine weibliche Lust. Meine Freunde finden, ich solle Tinder-Dates haben, irgendwelche Affären. Aber ich habe wirklich so gar kein Bedürfnis danach.»

In ihrem neuen Buch erwähnt sie allerdings nicht, dass sie keinen Sex mehr hat. «Ich wollte das nicht festschreiben. So im Sinne von, ich bin jetzt die, die keinen Sex mehr hat.»

Michèle Rotens Bestandesaufnahme vom weiblichen Körper braucht heute kaum mehr Kraftausdrücke, um stark und lesenswert zu sein. Und das nicht zuletzt, weil die Frau schreiben kann. Nein, besser: verfickt geil schreiben kann.


«Ich ficke, also bin ich.» *


* Die kursiven Textstellen sind den Kolumnen «Miss Universum» von Michèle Roten entnommen, die von 2005 bis 2014 im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» erschienen ist.


Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «blue News» die Kolumne am Mittag – sie dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.