Ellen Ringier: «Ich wollte unseren Familiennamen nicht beschädigen»

13.11.2018 - 00:00, Bruno Bötschi

Ellen Ringier über den Dok-Film «#Female Pleasure»: «Die Männer sind die Mächtigen und haben das Sagen. Den Frauen überlässt man die drei K's – Kirche, Küche, und Kinder. Nachdem ich das realisiert hatte, war für mich klar, diesen Film will ich mittragen.»
Bild: Ringier

Die Verlegerin und Juristin Ellen Ringier ärgert sich im Interview darüber, dass Ehefrauen in der Schweiz nicht als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen werden. Sie verrät überdies, warum sie nie in die Politik eingestiegen ist und sagt, wieso sie den Schweizer Dok-Film «#Female Pleasure» unterstützt.

Elf Uhr mittags im lichtdurchfluteten Büro von Ellen Ringier im Zürcher Seefeld-Quartier. Die 67-jährige Luzernerin ist mit einem der vermögendsten Männer der Schweiz verheiratet. Auf der «Bilanz»-Liste der reichsten Schweizer belegt das Ehepaar Platz 141. Das Wirtschaftsmagazin schätzt das Vermögen der Ringiers auf sage und schreibe 950 Millionen Franken.

Doch mit der klassischen Goldküstengattin habe Ringier etwa gleich viel gemein wie Lady Gaga mit den Berliner Philharmonikern, schrieb die «Annabelle» einmal. «Ihre Zeit investiert die promovierte Juristin nicht in Maniküre oder Sitzungen beim Personal-Trainer, sondern in die Verbesserung der Welt.»

Die Gesprächsthemen an diesem späten Morgen: Engagement, Geld – und die Gleichberechtigung. Ringier nimmt einen letzten Schluck Kaffee, zieht noch einmal an ihrer Zigarette, dann starten wir mit ein paar harmlosen Entweder-oder-Fragen.

Frau Ringier, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle Ihnen in der nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen – und Sie antworten möglichst schnell und spontan. Passt Ihnen eine Frage nicht, sagen Sie einfach «weiter».

Es gibt zwei, drei Tabufragen, die ich nicht beantworten werde.

Luzern oder Zürich?

Zürich.

Angela Merkel oder Simonetta Sommaruga?

Angela Merkel. Ich schätze ihre Unaufgeregtheit.

Ihr revolutionärster Gedanke als Zwölfjährige?

Die Welt retten.

Ihr Vorbild?

Alles Weltretter – Albert Schweitzer, Henri Dunant, Florence Nightingale.

Das Gespräch hat bis hierher exakt 55 Sekunden gedauert. Wird das ein Interview im Stakkato-Tempo? Wohl kaum.

Fehlten Ihnen in Ihrer Kindheit erfolgreiche weibliche Vorbilder?

Nein, sie waren ein grosses Thema. Ich war fasziniert von Königin Christina von Schweden, die sich der Heirat mit ihrem Vater widersetzt hat. Letztlich kostete sie dies das Amt. Interessant fand ich die israelische Politikerin Golda Meir und die berühmte Forscherin Marie Curie, die bislang einzige Frau mit Nobelpreisen auf zwei Fachgebieten. Frauenfiguren waren für mich zentral, ich las viele Biografien. Diese Bücher, aber auch die Erziehung meiner Mutter, bestärkten mich, später nicht nur Hausfrau sein zu wollen und mich einem Gruppenzwang, genannt Gesellschaft, unterzuordnen. Ich wusste früh, ich kann frei wählen, was ich werden will, und wollte das auch unbedingt so handhaben.

Von Ihrem Grossvater stammt der Satz: «Im Leben geht es immer darum, anderen Menschen eine Chance zu geben.» Als Teenager, was löste der Satz bei Ihnen aus?

Der Satz fiel auf fruchtbaren Boden. Ich spürte schon früh – so unreligiös wie ich bin – es gibt aus mir selber eine Verpflichtung, meine Begabungen und Möglichkeiten in den Dienst von anderen zu stellen. Mit dem Satz war zudem ein Trust verbunden: Mein Grossvater schenkte mir eine grössere Summe Geld, die mich unabhängig machen sollte von den Männern. Ein unglaubliches Geschenk, weil ich dadurch bereits mit zwölf Jahren wusste, ich kann meinen eigenen Weg gehen, es wird immer ein Auffangnetz da sein. In den 1950er Jahren ging es als Frau ja vor allem darum, sich gut zu verheiraten. Aber das war für mich – obwohl ich heute gut verheiratet bin (lacht laut) – nie ein Thema. Eine meiner beiden Schwestern ist bis heute nicht verheiratet.

Sind Sie durch Ihren Grossvater der soziale und engagierte Mensch geworden, der Sie heute sind?

Meine Eltern, aber auch meine Grosseltern haben mich stark beeinflusst. Von meiner katholischen Grossmutter väterlicherseits stammt der Satz: «Man darf nicht dergleichen tun, man muss ein Gleiches tun.» Damit wollte sie sagen, was man für einen selber tut, kann man auch für andere tun.

Wirklich wahr, dass Ihr Vater Ihnen verboten hat, Medizin zu studieren?

Er sagte mir, dass dies das einzige Studium sei, welches er nicht unterstützen würde.

Wieso wollte er nicht, dass Sie Ärztin werden?

Meine Chemie- und Physiknoten im Maturazeugnis schienen ihm nicht genügend Vertrauen in einen Studienerfolg zu geben.

Ihnen wird nachgesagt, ein grosses Herz zu haben. Das ist ja auch einfach, wenn man so viel Geld auf dem Bankkonto hat wie Sie.

Diesen Zusammenhang bestreite ich vehement. Erstens verfüge ich leider gar nicht über so viel Geld, sonst wäre ich nicht seit 30 Jahren im Fundraising tätig und würde heute nicht im Büro sitzen, sondern wäre draussen an der Sonne. Zweitens kann man auch ein grosses Herz haben, ohne Geld zu spenden, etwa indem man eine Leistung erbringt, also statt Geld Zeit spendet. Ich meine so etwas Naheliegendes wie Nachbarschaftshilfe. Wie wäre es, wenn jeder am Morgen zum Fenster herausschauen würde und sich überlegte, wieso bei der alten Frau im Haus gegenüber die Storen immer noch unten sind, wo sie doch sonst immer schon früh wach ist? Warum geht man, bemerkt man es, nicht einfach schnell rüber und fragt nach, ob alles okay ist? Ich bin überzeugt, wenn es mehr Nachbarschaftshilfe gäbe, sähe hierzulande die Welt viel besser aus.

Es heisst, die übliche Omertà der Superreichen – Geld hat man, spricht aber nicht darüber – kümmere Ellen Ringier nicht. Na dann, schauen wir einmal, ob dem wirklich so ist.

Ist Erben nicht unheimlich ungerecht?

Erben ist ungerecht, aber nicht unheimlich ungerecht. Ungerecht ist es vor allem dann, wenn die Erben mit dem Geld nicht etwas im Gesamtinteresse der Gesellschaft unternehmen, sondern ausschliesslich an die Optimierung des eigenen Wohls denken.

Sie wurden auch schon «penetrantes Bettelweib» genannt. Tut’s weh?

Es tut nur weh, wenn damit die Meinung vertreten wird, ich mache das für mich selber. Aber mit 67 geniesse ich längst den Altersbonus und stehe über solchen Dingen.

Wie spendabel sind die reichen Schweizerinnen und Schweizer?

So generell kann ich das nicht sagen. Ich glaube, die nicht reichen Schweizer sind sehr grosszügig. Schauen Sie doch nur, wie erfolgreich die Spendenaufrufe der Glückskette jeweils sind. Unser Land hat ein sehr hohes Spendenaufkommen. Und von den reichen Schweizern hoffe ich, dass sie alle ihren wenig sichtbaren Teil fernab in den Drittweltländern leisten.

Verpflichtet Reichtum?

Absolut.

Wann lancieren Sie endlich die Initiative für ein sozial verpflichtetes Eigentum?

Ich glaube nicht, dass ich angesichts der starken rechten Halsstarrigkeit Chancen hätte, eine solche Initiative durchzubringen. Ich hoffe jedoch, nein, ich bin überzeugt, dass ich viele Menschen im Laufe meines Lebens zu einem solchen Lebensstil animieren konnte.

Bereits zweimal wurden Sie für eine Nationalrats-Kandidatur angefragt. Sie haben immer abgelehnt …

… das ist schon lange her.

Beim dritten Mal sagen Sie ja, oder?

Ich strebe mit 67 sicher nicht noch eine politische Karriere an. Jetzt sind die 40-Jährigen dran.

2012 sagten Sie in einem Interview:Ich bin nicht sehr politisch, habe nur etwas gegen Ungerechtigkeit.

 So ist es.

Die «Annabelle» schrieb, Sie hätten mit der klassischen Goldküstengattin etwa gleich viel gemein wie Lady Gaga mit den Berliner Philharmonikern. – Wahr oder nicht?

Wahr.

Ist die Schweiz so modern, wie wir gerne glauben möchten?

Nein.

Wieder eine Antwort, die wie aus der Kanone geschossen kommt.

Was ist zurzeit Ihr wichtigstes Projekt?

Nicht zurzeit, sondern seit 17 Jahren ist die Stiftung Elternsein mein wichtigstes Projekt. Sie hat einen derart hohen Finanzbedarf, doch unsere Leserzahlen beim Elternmagazin «Fritz+Fränzi» steigen stetig. Allein letztes Jahr verzeichneten wir einen Leserzuwachs von 21 Prozent. Das heisst, das Bedürfnis der Eltern hierzulande nach Hilfestellungen in Erziehungsfragen ist ungebrochen gross. Ich würde sogar behaupten: Es wächst weiter an.

Aktuell kämpfen Sie als Produzentin des Dok-Films «#Female Pleasure», der dieser Tage in die Kinos kommt, für eine befreite weibliche Sexualität. Warum engagieren Sie sich für den Film der Schweizer Regisseurin Barbara Miller?

Als ich das erste Mal auf den Film angesprochen wurde, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Alle Weltreligionen beziehungsweise die Kulturen, die aus diesen Religionen entstanden sind, haben einen gemeinsamen Nenner.

Welchen?

Die Männer sind die Mächtigen und haben das Sagen. Den Frauen überlässt man die drei K's – Kirche, Küche, und Kinder. Nachdem ich das realisiert hatte, war für mich klar, diesen Film will ich mittragen.

Melanie Winiger, die den Film ebenfalls als Produzentin unterstützt, sagt: Der Film «#Female Pleasure» handle vom «ältesten Unrecht der Welt», der sexuellen Unterdrückung der Frauen im Namen von Religion und Kultur.

Das stimmt – mit Ausnahme der jüdischen Kultur. Im Talmud soll es eine Stelle geben, hat mir ein Rechtsgelehrter erklärt, wonach der Mann verpflichtet sei, seine Frau sexuell zu befriedigen. Sagen Sie das mal den christlichen Männern, die da gerade auf der Strasse herumlaufen.

Doris Wagner, eine der Protagonistinnen im Film, lebte in der ultrareligiösen Gemeinschaft «Das Werk» – und wurde dort von einem Priester missbraucht. Was denken Sie über diese Frau?

Doris Wagner ist ein hervorragendes Beispiel für eine Frau, die das Geschehene, auch weil sie sehr intelligent ist, hat verarbeiten können. Am Ende des Filmes sieht man sie zusammen mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Kind. Doris Wagner ist sich des Glücks, dass sie heute leben darf, total bewusst. Ich glaube, sie ruht fester in sich, als die meisten Frauen, die irgendwann heiraten, ohne sich im Geringsten um die Konsequenzen zu kümmern. Viele Frauen sehen nach einer Heirat und dem Kinderkriegen eigentlich immer nur die Erschwernisse, die sich daraus ergeben und den Einschnitt in ihre persönliche Freiheit – statt, wie Frau Wagner, glücklich darüber sein zu können, für einen Mann und ein Kind da zu sein.

Fünf mutige Frauen stehen im Zentrum des Films. Sie brechen das Tabu des Schweigens und der Scham, dass ihnen ihre gesellschaftlichen oder religiösen Gemeinschaften auferlegen. Wie mutig sind Sie selber?

Weit weniger mutig. Das hat auch damit zu tun, dass ich einen Familiennamen trage, bei dem ich immer aufpassen muss, dass das, was ich tue, den Namen nicht beschädigt. Das habe ich mir zumindest immer vorgenommen. Ich habe mich deswegen in meinem Leben immer etwas zurückgehalten und zurückgenommen. Das beantwortet übrigens auch Ihre Frage, warum ich nie ein politisches Engagement eingegangen bin.

Das müssen Sie erklären.

In unserem Land ist es nicht so, dass eine Ehefrau als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen wird. Ich wäre immer nur die Frau des Verlegers gewesen. Alles, was ich gemacht hätte, wäre meinem Mann zugerechnet worden oder – was noch schlimmer gewesen wäre – der Firma.

Ellen Ringier zusammen mit «#Female Pleasure»-Regisseurin Barbara Miller und Schauspielerin Melanie Winiger am Filmfestival in Locarno.
Bild: Keystone

Amy Schumer sagt in einem Interview: «Eine Frau zu sein, ist scheisse.» Sie bezog diese Aussage darauf, wie Frauen im öffentlichen Leben sexualisiert werden. Hat die US-amerikanische Komikerin und Schauspielerin recht oder nicht?

Aus ihrer Sicht verstehe ich Amy Schumer total. Mein Fall liegt aber etwas anders. In meiner Jugend war Schönheit nie ein Thema. Mein Vater liess mich mit raspelkurzen Haare herumlaufen, damit es mir im Gymnasium nicht in den Sinn kam, die Mädchenkarte zu spielen. Heute bin ich froh darüber. Ich habe mich nie über die Insignien der Fraulichkeit, sondern immer nur über jene der Menschlichkeit definiert. Ich bin überzeugt, so wie man etwas ausstrahlt, so kommt es auch zurück. Ich wurde immer als Ellen angeschaut, aber nie als jemand, der besondere weibliche Attribute hätte und deswegen besonders attraktiv hätte sein müssen.

Die Sexismus-Debatte #MeToo läuft seit über einem Jahr. Ihre Erfahrung mit Grüselmännern?

Es gab viele Anzüglichkeiten, es gab viele dumme Sprüche und hin und wieder sogar physische Übergriffe. Ich wusste mich aber immer zu wehren. Wenn mir zum Beispiel während einer Sitzung ein Mann zu nahe rückte, dann sagte ich laut: ‹Kann ich bitte etwas mehr Platz haben.› Dieser eine Satz reichte, um den Mann blosszustellen. Ich finde, bevor ich mich als Opfer darstelle, sollte ich darauf achten, was ich selber machen kann, damit es nicht so weit kommt.

Braucht es eine #MeToo-Bewegung überhaupt?

Ja, die braucht es. Und es braucht Filme wie «#Female Pleasure», weil diese Themen endlich öffentlich diskutiert werden müssen. Und trotzdem bin ich nicht sicher, ob die Sache am Ende gut ausgehen wird – gerade für die Männer. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich habe die gesamte dreissigstündige Anhörung von Brett Kavanaugh mitverfolgt, bevor er als Richter am US-amerikanischen Supreme Court bestätigt wurde. Mein Fazit: Dieser Mann ist als Richter eine Katastrophe, er hätte nicht gewählt werden sollen. Hingegen fand ich es total daneben, Missbrauchsvorwürfe, die 36 Jahre alt sein sollen und die von niemandem bestätigt werden konnten, in die Diskussion einzuführen, zumal er unbestrittenermassen zeitlebens Frauen im Richter-Beruf gefördert haben soll. Mir schien die Diskussion rein politisch bedingt und daher missbräuchlich. Immerhin zeigte sich am Verhalten des in die Enge getrieben Kandidaten sein wahrer rechthaberischer Charakter.

Konkret gefragt: Benehmen sich die Schweizer Männer Ihnen gegenüber heute anders?

Ab 60 ist man als Frau unsichtbar.

Warum werden Frauen, die an die Macht wollen, so stark wegen Äusserlichkeiten angegriffen?

Es hat mit einer gewissen Unsicherheit der Männer zu tun. Es ist sozusagen der Zugriff auf das letzte Mittel, das sie noch in der Hand haben. Die Männer spüren längst, dass Frauen in der heutigen Zeit Vorteile haben, weil sie besser ganzheitlich denken können. Heute kommt es weniger auf die physische Stärke an, sondern viel mehr auf die Empathie. Früher wurde jemand, der emotional reagierte, rasch als untauglich abgeschrieben. Lilian Uchtenhagen ist, Sie erinnern sich, an ihrer angeblichen Emotionalität als Bundesratskandidatin gescheitert. Was für eine Schande! Heute weiss die Gesellschaft, und damit auch die Männer, dass Emotionalität mit Rationalität Hand in Hand gehen muss. Und das müssen viele Männer jetzt zuerst noch lernen.

Warum tut sich die Schweizer Wirtschaft so schwer mit Frauen?

Frauen sind in aller Regel ziemlich direkt. Ich war in meinem Leben in mindestens zwei Dutzend Stiftungsräten. Es waren immer NGOs oder NPOs. Ich bin aber noch nie für einen Verwaltungsrat einer Firma angefragt worden. Weil alle wussten, wenn ich Verwaltungsrätin würde, wäre ich bei sozialen Themen unerbittlich. Und das stört natürlich den Cash flow oder zumindest die Rendite. Ich bin überzeugt, viele Frauen würden ähnlich handeln. Männer hingegen sind oft zu sehr auf den momentanen Erfolg fixiert und zu wenig auf die Nachhaltigkeit.

Sind Frauen vielleicht doch irgendwie die besseren Menschen?

Überhaupt nicht.

Ein typisches Männerspiel, bei dem Sie unschlagbar sind?

Was ist ein Männerspiel?

Jassen zum Beispiel.

Beim Jassen bin ich das absolute Gegenteil, also nur schlagbar.

Die mächtigste Frau, mit der Sie je Abendessen waren?

Mit Frau Merkel war ich nur einmal an einem Apéro riche. Ach, da kommt mir jetzt niemand in den Sinn.

Der mächtigste Mann, mit dem Sie je Abendessen waren?

Am Weltwirtschaftsforum in Davos durfte ich einmal die Tischdame des südafrikanischen Politikers Mangosuthu Gatsha Buthelezi sein. Es sind unzählig berühmte Männer, mit denen ich mich an Abendessen unterhalten durfte, aber ich will kein Namedropping machen.

Kommt der Spass zwischen den Geschlechtern heute zu kurz?

Ich glaube, bei den Männern schleicht sich eine Angst ein. Ein Mann darf heute nicht einmal mehr ein Witzli machen oder die Hand auf die Schulter seines Gegenübers legen. Es ist alles ziemlich exzessiv geworden. Das Behavior, das Verhalten zwischen Männer und Frauen, ist irgendwie vergeigt. Diese dumme Political Correctness lässt in vielen Bereichen keine Spontanität und Emotionalität mehr zu. Das ist schrecklich. Ich finde das Spannungssystem zwischen den Geschlechtern, wenn es nicht missbraucht wird, etwas wahnsinnig Schönes. Es wäre unendlich schade, wenn das nicht mehr ausgelebt werden könnte.

In den 1980er Jahren steigerte der Chefredaktor Peter Übersax mit dem Konzept «Sex Sells» die «Blick»-Auflage um über 40 Prozent auf gegen 400'000 Exemplare. Wie fanden Sie das?

Es ist nicht meine Firma, ich besitze keine einzige Aktien und habe nichts zu sagen – und darum habe ich auch nichts darüber zu befinden.

Jubelten Sie, als die Ringier-Führung 2017 mitteilte, auf die zumeist leicht bekleideten «Stars des Tages» zu verzichten?

Nein, weil ich gegen leichtbekleidete «Stars des Tages» nichts einzuwenden habe. Aber mir gefällt die Einstellung meines Mannes, die er gegenüber Frauen hat. Und die hat er ziemlich durchgesetzt – im ganzen Haus, auch im «Blick».

Wahr, dass man jedes Jahr etwas Neues lernen sollte?

Bei mir ist es so, dass ich jedes Jahr mindestens etwas vergesse (lacht laut).

Können sich Menschen ändern?

Wenn sie wollen, ja.

Finden Sie, dass es heute mehr Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen gibt?

Ja.

Braucht es den Muttertag?

(Überlegt einen Moment) Nein.

Und den Tag der Frau?

Nein.

51 Prozent der Menschheit sind Frauen. Rein rechnerisch sind die Frauen also selber schuld, dass Sie in wichtigen Gremien nicht die Mehrheit stellen. – Wahr oder nicht?

Nicht wahr.

Was muss man tun, damit eine echte Gleichstellung zwischen Mann und Frau Wirklichkeit wird?

Es fängt mit dem essentiellen Verständnis für den Respekt vor der Frau an. Bisher hat die Gesellschaft immer nur dem Mann den Raum überlassen. Der Mann bestimmte also die Normen, entfaltete sich und missachtete die anderen Teile der Gesellschaft.

Sie meinen: die Frauen.

Nicht nur. Auch die Kinder, ältere Leute und behinderte oder jene in anderer Form benachteiligte Menschen. Der Mann muss endlich lernen, sich zurückzunehmen.

Was halten Sie von Quoten?

Ich bin immer dagegen gewesen. Ich sehe aber, dass sich ohne Quoten nichts bewegt, und deshalb wird man wohl nicht drum herumkommen, vorübergehend mit Quoten – wahrscheinlich sogar gesetzlich vorgeschrieben – zu arbeiten.

Rita Süssmuth, die ehemalige deutsche Familienministerin, sagte kürzlich in einem «Spiegel»-Interview: «Die Quote ist viel zu schwach. Ich bin jetzt für Parität.»

Ich habe Angst davor, dass man wegen der Quote oder der Parität Frauen ausschliesslich wegen ihres Geschlechts und nicht wegen ihres Könnens wählt.

Gibt es Seelenverwandtschaft?

Mir gefällt das Wort «Seelenverwandtschaft» nicht, aber es gibt eine Übereinstimmung in den Werten. Es gibt aber auch eine Übereinstimmung im Behavior, in der Art und Weise wie man miteinander umgeht. Ich begegne immer wieder Paaren, die eine besondere Nähe leben. Sie reden ähnlich, haben das gleiche Essen gern, gehen liebevoll miteinander um. Und das auch, wenn sie beispielsweise politisch ganz andere Meinungen vertreten.

Und jetzt kommen die heiklen Fragen: etwa zu Michael Rinigier, ihrem Ehemann.

Stimmt es, dass Sie Ihren Mann, den Verleger Michael Ringier, während der Luzerner Fasnacht kennengelernt haben?

Ja.

Waren Sie beide kostümiert?

Nur ich. Unsere Gugge trug damals irgendein blaues Gwändli. Meine Freundin und ich konnten beide kein Instrument spielen, das man in einer Guggenmusik brauchen konnte, deshalb haben sie uns riesige Cinellen mitgegeben. Irgendwann waren mir diese zu schwer, und ich wollte nur noch in die nächste Beiz – wir gingen dann ins Mövenpick am Grendel – dort traf ich meinen heutigen Mann.

War es Liebe auf den ersten Blick?

Nein. Nachdem ich mit 16 eine grosse Enttäuschung erlebt hatte und deswegen sogar noch ein Jahr später noch ab und zu weinte, war ich längere Zeit nicht besonders auf Männer fixiert. Ich hatte keine Angst, nie einen zu finden, ich war gross und schlank, was man halt attraktiv nennt, aber ich brauchte einfach etwas Distanz. Als ich meinen heutigen Mann zum ersten Mal traf, spürte ich aber sofort, dass er ein besonderer Mensch ist.

Ellen Ringier über Ihren Mann Michael: «Er ist in jeder Beziehung grosszügig.»
Bild: Keystone

Heute sind Sie seit 42 Jahren mit diesem Mann verheiratet …

… wir sind 45 Jahre zusammen und, ja, stimmt, wir sind seit 42 Jahren verheiratet.

Wie wird eine Ehe schön?

Mit Arbeit – aneinander arbeiten, an sich selber arbeiten. Und jeder Entscheid, den man trifft, muss im Interesse beider sein.

Wie streiten Ehepartner richtig?

Es fängt damit an, dass sie einander zuhören sollten.

Wirklich wahr, dass in Sachen Erziehung Ihrer beiden Kinder «Ihr Mann den liberalen Daddy gab und sie die böse Hexe sein mussten, die die Regeln durchsetzt»?

Ja, ich habe die Hexen-Rolle übernommen.

Das soll Ihnen ziemlich gestunken haben.

Und wie! Aber bevor es das Magazin «Fritz & Fränzi» gab, haben sich die Eltern noch sehr oft auf das eigene Erleben verlassen. Bei uns daheim war es aber genau umgekehrt: Meine Mutter war die liebenswerteste, grosszügigste Kuschel-Mami, mein Vater dagegen der Offizier, der die Regeln gesetzt und deren Durchsetzung überwacht hat.

Wir würden Sie Ihren Mann in einem Satz beschreiben?

Er ist in jeder Beziehung grosszügig.

Stimmt es, dass Ihnen Ihr Mann selbst geschriebene Aphorismen schenkt?

Am Anfang war dem so – statt mir einen kümmerlichen Ikebana-drei-Stängel-Strauss zu schenken.

Was schenkten Sie Ihrem Mann zuletzt?

Zu Weihnachten und den Geburtstagen schenken wir uns eigentlich schon lange nichts mehr. Mit einer Ausnahme: Zum 70. Geburtstag meines Mannes am 30. März 2019 habe ich ein wirklich schönes Geschenk parat. Es ist das erste Mal, dass ich mir bereits ein Jahr vorher Gedanken darüber gemacht habe. Mein Mann ist immer so grosszügig, und ich will ihm deshalb auch einmal etwas Schönes schenken.

Ihr Mann sagt einmal über Sie: «In Tat und Wahrheit ist sie eine Beglückerin. Mit der festen Überzeugung, dass sie anderen Menschen helfen kann – ob sie wollen oder nicht!» Wahr oder nicht?

Das ist richtig. Leider. Mein Mann würde zudem noch sagen, ich hätte etwas Missionarisches.

Man würde gern noch ein paar weitere Michael-Ringier-Fragen an Ellen Ringier stellen, es macht Spass, aber ganz langsam kommen wir zum Ende dieses Gespräches, und da soll es nochmals persönlich werden, ganz persönlich.

Wo liegt die vollends entspannte Ellen Ringier?

Die gibt es nicht.

Welches war die glücklichste Zeit Ihres bisherigen Lebens?

Die ersten Ehejahre, als wir in Hamburg lebten – und meine Kindheit war auch wahnsinnig schön.

Und die dunkelste?

Die Pubertätsjahre meiner beiden Töchter.

Wovor haben Sie Angst?

Vor einer Krankheit oder einem operativen Eingriff, der mich von anderen Menschen abhängig machen würde.

Sie werden in einigen Wochen 67. Denken Sie manchmal an den Tod?

Sehr häufig.

Sind Sie Mitglied eine Sterbeorganisation?

Seit Jahren bei Exit.

Sie sagten einmal, sie wollen nicht «reich sterben». Gilt diese Aussage nach wie vor?

Ja. Ich habe zwei Kinder und überlegte lange, bis zu welchem Zeitpunkt ich etwas auf die hohe Kante legen sollte, damit sie noch etwas davon haben werden. Nun bin ich, nach Rücksprache mit den Kindern, zu folgendem Schluss gekommen: Es ist okay, wenn ich ihnen nichts überlassen werde, weil ich in den letzten Jahre viel von meinem Geld in die Stiftung Elternsein gesteckt habe. Aber natürlich hat dieser Entscheid auch damit zu tun, dass sich unsere Kinder darauf verlassen können, dass es vom Vater etwas geben wird. Denn, wie schon erwähnt, ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen das Erben. Ich stimme deshalb der Aussage des verstorbenen US-amerikanischen Milliardärs Howard Hughes zu, der einst sagte, er wolle seinen Kindern nicht mehr als fünf Millionen Dollar vererben. Das sei genug Geld, damit man etwas Richtiges aufbauen könne, ein Investment tätigen, ein Start-up gründen. Aber es sei zu wenig, um den Rest des Lebens auf der faulen Haut zu liegen.

Zur Person: Ellen Ringier

Ellen Ringier ist mit zwei Schwestern in Luzern aufgewachsen. Ihr Vater war Kaufmann und Kunstsammler, ihre Mutter stammte aus einer Londoner Bankiersfamilie. 1976 heiratete sie den Verleger Michael Ringier. Das Paar lebte sieben Jahre in Deutschland. 1980 schloss Ellen Ringier ihr Jura-Studium mit dem Doktorexamen ab. Seit 1990 setzt sie sich ehrenamtlich für verschiedene kulturelle und soziale Organisationen und Aufgaben ein, im Jahr 2001 gründete sie die Stiftung Elternsein. Sie und ihr Mann haben zwei erwachsene Töchter und leben in Küsnacht.

«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.
Bild: zVg
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