Schweiz-Ukrainerin Tatjana Werik

«Mein Vater war sechs Tage lang auf der Flucht»

Von Bruno Bötschi

16.3.2022

«Es ist wichtig, dass wir weiterhin über den Krieg in der Ukraine sprechen. Es darf nicht passieren, dass die Solidarität und die vielen Aktionen nachlassen, je länger der Krieg dauert»: Tatjana Werik.
Bild: Privat

Tatjana Werik ist in der Ukraine geboren. Die Schauspielerin lebt seit 20 Jahren in Bern. Mit blue News spricht sie über die Flucht ihres Vaters, das Verhalten von Wladimir Putin und die Solidarität der Schweizer*innen.

Von Bruno Bötschi

16.3.2022

Tatjana Werik, Ihre Familie lebt in der Ukraine, Ihrem Geburtsland. Sie selber leben seit 20 Jahren in Bern. Können Sie noch ruhig schlafen?

Nein. Ich wache nachts immer wieder auf, weil mich die Gedanken an den Krieg in der Ukraine nicht loslassen. Die aktuelle Situation ist extrem anstrengend und kaum auszuhalten. In Gedanken bin ich immer bei meinen ukrainischen Freund*innen. Sie wohnen an verschiedenen Orten, zerstreut über das ganze Land – und sie alle befinden sich gerade in permanenter Lebensgefahr.

Bei unserem ersten Telefongespräch vor drei Wochen erzählten Sie mir von Ihrem Vater, der in Kiew lebt. Wie geht es ihm?

Mein Vater konnte aus Kiew fliehen. Darüber bin ich sehr froh. Er war sechs Tage lang auf der Flucht. Während dieser Zeit hatte ich keinen Kontakt mit ihm. Davor schrieb er mir, er könne nicht telefonieren, werde sich aber in ein paar Tagen wieder bei mir melden.

Im Moment gibt es nicht mehr an allen Orten in der Ukraine eine Telefon- oder Internetverbindung. Telefongespräche werden auch immer wieder unterbrochen, weil die Mobilfunk-Antennen von den russischen Soldaten teils gezielt unter Beschuss genommen werden.

Wo lebt ihr Vater heute?

Ich bin froh, dass mein Vater jetzt nicht mehr in der Ukraine ist. Das nimmt mir wenigstens etwas Last weg von meinem Herzen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Zur Person: Tatjana Werik
Bild: Privat

Tatjana Werik ist Theater- und Filmschauspielerin aus Bern. Sie hat auf Bühnen in der Ukraine und in der Schweiz sowie in mehreren Fernseh- und Kurzfilmen Rollen gespielt.

Wenige Tage nach unserem ersten Gespräch haben Sie mir eine E-Mail geschickt und erzählt, dass Ihr Bruder sich für die ukrainische Armee gemeldet hat. Wie geht es ihm?

Mein Bruder ist nach wie vor in der Ukraine. Er hat nicht vor, das Land zu verlassen. Er möchte lieber vor Ort helfen. Scheinbar gibt es laut meinem Bruder bei der ukrainischen Armee jedoch eine lange Warteliste von Freiwilligen, die sich für den Kriegseinsatz gemeldet haben. Mein Bruder wurde bisher noch nicht eingezogen.

Wer von Ihrer Familie und Ihren Freund*innen ist aktuell noch in der Ukraine?

Ich habe Verwandte in der Ost-Ukraine. Mit ihnen hatte ich bislang noch keinen Kontakt. Ich weiss also im Moment nicht, wie es ihnen geht. Ich habe zudem viele Freund*innen in der Region Saporischschja, im Südosten der Ukraine, wo ich aufgewachsen bin. Diese Region wird fast seit Beginn der Invasion beschossen. Die Menschen dort konnten bisher nicht evakuiert werden, weil sogar Busse und Privatautos von den Russen unter Beschuss genommen werden.

Es ist darum sicherer, zu Hause zu bleiben und sich bei drohenden Bombardierungen im Keller zu verstecken. Zum Glück gibt es Sirenen, die die Bevölkerung warnen. Eine Freundin schrieb mir: «Ich habe keine Kraft mehr, immer dieses Rauf-Runter.» Und trotzdem weint niemand von meinen Bekannten am Telefon oder beklagt sich über etwas.

Eine schreckliche Situation.

Jeden Tag beginnt wieder der Überlebenskampf. Ganz besonders schlimm ist die Situation für Kinder, wenn sie den Keller verlassen und die Zerstörung mitansehen müssen. Oft liegen Leichen auf den Strassen. Eine absolut traumatische Erfahrung, die sie wohl ihr Leben lang nicht mehr vergessen werden.

Sie sagten mir, Sie seien überrascht, wie ruhig Ihr Vater und Ihre Freund*innen angesichts der tödlichen Bedrohung bisher geblieben sind.

So ist es – und davon bin ich nach wie vor beeindruckt. Es ist unglaublich, wie stark und wie kämpferisch die Ukrainer*innen sich in dieser schrecklichen Situation geben und wie sie sich auch gegenseitig helfen und solidarisch untereinander sind. Sie helfen sich mit Lebensmitteln, aber auch mit Geld und vielem anderen aus.

«Das Gefühl der Bedrohung gibt es schon länger», sagten Sie mir während unseres ersten Gesprächs vor drei Wochen. Trotzdem die Frage: Sind Sie überrascht, wie weit Wladimir Putin geht?

Ich mag diese Frage nicht, denn sie nützt nichts. Es ist egal, ob ich überrascht bin von der kriegerischen Aggression von Putin. Fakt ist: Sie ist Realität.

Aktuell laufen Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine: Wie gross ist Ihre Hoffnung, dass dies zum Ende der russischen Invasion in der Ukraine führen könnten?

Ehrlich gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass Putin demnächst sagt: «Okay, wir hören auf und ziehen uns zurück.» Ich glaube zwar, viele Menschen in Russland stehen dem Krieg in der Ukraine durchaus kritisch gegenüber. Das Problem ist jedoch, Putin scheint auf niemanden mehr zu hören.

So grundsätzlich: Finden Sie, die Schweizer*innen sind genug solidarisch?

Die Solidarität in der Schweiz ist sehr gross. Das ist schön. Mir wurde schon mehrfach angeboten von Freund*innen hierzulande, dass sie auch bereit sind, Ukrainer*innen bei sich daheim aufzunehmen. Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass die Friedensdemonstrationen weitergehen. Ich schicke meinen Freund*innen in der Ukraine regelmässig Bilder und Videos davon, um ihnen zu zeigen, wie gross die Solidarität hierzulande ist und dass sie der Westen nicht vergessen hat. Diese Unterstützung ist eminent wichtig, weil sie dafür sorgt, dass meine Landsleute den Glauben an das Gute nicht verlieren.

Sie selber unterstützen Ihre ukrainischen Landsleute ebenfalls – zusammen mit anderen Schweizer Kulturschaffenden.

Das stimmt. Am Samstag, 26. März, mache ich am Benefiz-Openair am Stollberg in Luzern mit. Dort werden unter anderem Corin Curschellas, die Countryband Count Caba und viele weitere Künsterler*innen auftreten.

Vor ein paar Tagen haben Sie mir in einer E-Mail geschrieben: «Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Ich habe jedoch keine Hoffnung mehr.»

Hoffnung verstehe ich als etwas Passives. In der jetzigen Situation wäre es meines Erachtens jedoch wichtig, nicht nur passiv zu bleiben, sondern aktiv zu handeln und das am besten zusammen. Vielleicht ist das zu global gedacht, aber es wäre dringend nötig, dass ein Umdenken auf der Welt passieren würde.

Es gibt nach wie vor zu viele Kriege, zu viele Hungersnöte und es gibt den Klimawandel. Ich finde, wir alle müssen uns endlich ernsthaft überlegen, wie wir es schaffen können, die Welt und unsere Gesellschaft nachhaltig verändern zu können. Ich muss aber zugeben, ich habe keine konkreten Ideen, wie das geschehen könnte – aber gleichzeitig bin ich nicht bereit, mir den Glauben an das Gute in uns Menschen nehmen zu lassen.

Fürchten Sie sich davor, dass sich die Gesellschaft an die aktuelle Situation gewöhnen und die Solidarität für die Ukraine leiser werden könnte?

Es ist wichtig, dass wir weiterhin über den Krieg in der Ukraine sprechen. Es darf nicht passieren, dass die Solidarität und die vielen Aktionen nachlassen, je länger der Krieg dauert. Es ist wichtig, dass wir laut bleiben.