Joel Basman: «Dafür müsste man mir mehr Gage bezahlen»

Von Bruno Bötschi

26.8.2021

«Ich will nicht quälen, ich will rauslassen können»: Joel Basman.
Bild: Pamela Castillo

Er steht mit Hollywood-Stars vor der Kamera und gibt vielen Schweizer Produktionen ein Gesicht: Joel Basman über seinen neuen Film «Tides», die Faszination für seinen Beruf – und die hohen Anforderungen, die er an sich selber stellt.

Von Bruno Bötschi

26.8.2021

Restaurant Komos in Zürich, kurz vor 14 Uhr. Warten auf Joel Basman. Der Schauspieler hat Verspätung. Basman schreibt in einer SMS an die Pressefrau, er sei gerade noch mit dem Velo unterwegs in der Stadt. Aber er komme ganz sicher. Einfach etwas später.

Dann ist er da. Er sieht müde aus. Die Stimme belegt. Zu viel gefeiert? Von wegen. Joel Basman kam am Vorabend erst aus Berlin zurück. In der deutschen Hauptstadt stand er für die Serie «Eldorado KaDeWe» vor der Kamera. Drei Monate dauerten die Dreharbeiten in Berlin und Budapest.

Die Karriere von Schauspieler Joel Basman dreht gerade sehr gut. Wenn der 31-jährige Zürcher nicht in deutschen Produktionen mittut oder an der Seite von Hollywood-Stars spielt, leiht er seinen Namen heimischen Filmen – wie etwa «Tides» und «Monte Verità», die beide heute in die Schweizer Kinos anlaufen.

Basman nimmt Platz auf dem Sofa. Der Körper ist jetzt da, die Gedanken aber noch nicht ganz. Man gibt ihm deshalb noch etwas Zeit zum Ankommen, bevor es losgeht. Die Zeit läuft.

Joel Basman, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle dir in den nächsten 45 Minuten möglichst viele Fragen – und du antwortest möglichst schnell und spontan. Passt dir eine Frage nicht, sagst du einfach ‹weiter›.

Alles klar.

Berlin oder Zürich?

Zürich.

Noch einen Satz dazu bitte.

(Lacht) Im Moment ist es ganz klar Zürich. Ich war jetzt während fast sieben Monaten nicht mehr hier. Sonst sagte ich jeweils Berlich oder Zürlin. Das ist die beste Mischung – jedenfalls für mich.

Hotel oder Camping?

Hotel.

Im Bett: Pyjama oder nackt?

Boxershorts.

Fernsehen oder Netflix?

Fernsehen.

Durftest du als Kind viel fernsehen?

Nein, meine Eltern führten ein strenges Fernseh-Regime. Kam ich von der Schule nach Hause, musste ich immer zuerst die Aufgaben erledigen. Ich durfte auch nie ein Fernsehgerät in meinem Zimmer aufstellen.

Die TV-Heldin oder der TV-Held deiner Jugend?

Pamela Anderson (lacht). Zur Information an alle Jugendlichen von heute: Früher, wenn wir TV schauten, guckten wir, was halt gerade ausgestrahlt wurde. Damals gab es noch kein Internet oder irgendwelche Streamingdienste, die einem ermöglicht hätten, Filme dann zu schauen, wann immer man sie ansehen wollte.

Zum Autor: Bruno Bötschi
Bild: zVg

«blue News»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.

Dein allererstes Kinoerlebnis?

Der Disney-Film «Der Glöckner von Notre Dame» im Kino Bellevue in Zürich. Ich war sechs Jahre alt. Meine Gotte oder meine Babysitterin, dass weiss ich nicht mehr so genau, begleiteten mich.

Deine erste grosse Leinwandliebe?

Das war Belle aus dem Disney-Film «Die Schöne und das Biest».

Welcher Film hat dein Leben besonders stark beeinflusst?

Es gibt einige Filme, die mein Leben beeinflusst haben. Zu ihnen gehört sicher «Das Fest» von Thomas Vinterberg und «Irréversible» von Gaspar Noé. Die zwei Werke haben mir klargemacht, dass man Filme auch auf eine ganz andere Art drehen kann.

Das musst du erklären.

Früher haben Maler eine Blumenvase eins zu eins abgezeichnet – bis Pablo Picasso kam. Seine kubistischen Werke stellten nicht mehr die scheinbare Welt dar. Seine Darstellung erfolgte oft in einfachen geometrischen Formen, meistens Kuben. So ähnlich erging es mir mit Vinterberg und Noé.

Bist du ein eher introvertierter oder ein extravertierter Mensch?

Extravertiert.

Demnach war deine Entscheidung, Schauspieler zu werden, durchaus logisch?

Ab einem gewissen Punkt hat die Entscheidung sicher Sinn gemacht. Einerseits, weil es eine grosse Freude war für mich. Und andererseits, weil es der sinnvollste Weg war Geld zu verdienen.

Du hast mit 14 deinen ersten Film gedreht, von 2004 bis 2006 den schlitzohrigen Zizou in der SRF-Fernsehserie «Lüthi und Blanc» gespielt. Kann man von dir sagen, dass du irgendwie von Anfang an schon alles konntest, praktisch gleich als Genie vor der Kamera eingestiegen bist?

Ich denke, es hat … ach, wie soll ich das erklären? Der Aufbau der Geschichte, die Kameraführung, der Schnitt, das alles kann einen Film magisch werden lassen – und dann natürlich die Leistung der Schauspieler*innen. Bei mir gab es damals anscheinend etwas, bei dem die Serienmacher und später auch das Publikum spürten, das da mehr ist. Mein Spiel löste etwas aus, allerdings ohne dass ich mir persönlich gross Gedanken darüber gemacht oder dies irgendwie gezielt gesteuert hätte.

Anfang Jahr konntest du deinen 31. Geburtstag feiern. Wie viele Filme sind es inzwischen, bei denen du mitgemacht hast?

Ich zähle nicht. Ich denke, es werden so gegen 70 oder 80 Produktionen sein.

Wer war der erste Mensch, der dir abgeraten hat, Schauspieler zu werden?

Wahrscheinlich war das irgendein Schauspieler. Solche Warnungen habe ich jedoch immer sofort verdrängt (lacht).

In der Öffentlichkeit als Teenager aufzuwachsen, ist oft kein Zuckerschlecken: Wahrscheinlicher als dauerhafter Ruhm ist für Kinderstars – zumindest in den USA – der Absturz. Was hat dich davor bewahrt?

Es gibt einen grossen Unterschied zwischen den US-Kinderstars und mir: Mein Leben als Teenager hat sich trotz meiner Tätigkeit als Schauspieler nicht komplett verändert. Ich wurde nicht von einem Tag auf den anderen Multimillionär und auch nicht ständig von Paparazzi-Fotografen verfolgt. Zudem habe ich meine Familie und meine Freunde, die mir Stabilität und Halt geben.

Anders als viele Schauspieler*innen bist du in den sozialen Medien nicht aktiv. Ist dies mit einer der Gründe, warum du die Bodenhaftung nicht verloren hast?

Möglicherweise. Als ich mit der Schauspielerei begann, waren die sozialen Medien noch kein Thema oder gar ein entscheidender Faktor für den Verlauf einer Berufskarriere. Aber es stimmt schon, wer hauptberuflich ständig «Ich, ich, ich» sagt, kann beim Verlust der Bodenhaftung schon mal ins Stolpern geraten. Gleichzeitig bin ich überzeugt davon, dass es in erster Linie immer um die Frage geht: Was will ich mit meiner Arbeit, also dem Beruf Schauspieler, erreichen?

Was willst du erreichen?

Ich will vor allem meine Ruhe haben (lacht).

Swiss actor Joel Basman poses in front of the Aar river, during the 54. Solothurn Film Festival, Solothurner Filmtage, Sunday, January 27, 2019, in Solothurn, he plays in two films presented at the festival
«Bei mir findet Perfektionismus nur vor meiner Haustür statt»: Joel Basman.
Bild: Keystone

Bist du besser, wenn dich eine Regisseurin oder ein Regisseur quält? Oder wenn du quälen kannst?

Es ist ein Mix aus beidem … oder besser gesagt: Ich will nicht quälen, ich will rauslassen können. Damit dies funktionieren kann, brauche ich ein Trampolin. Gleichzeitig will ich aber auch Trampolin sein für die Regie. Das heisst, ich bin offen für alles, solange man darüber reden kann und niemand verarscht wird.

Wer war die bisher krasseste Regisseurin, der bisher krasseste Regisseur, mit dem du zusammengearbeitet hast?

Am meisten geflasht war ich bisher wahrscheinlich von der Zusammenarbeit mit Thomas Vinterberg. In seinem Drama «Kursk»  spiele ich einen Matrosen. Der Film erzählt die Geschichte des russischen U-Boots K-141 Kursk, das 2000 sank – und über hundert Männer das Leben kostete. Während der Dreharbeiten waren wir fast 30 Tage ständig zusammen. Das war hart, wir waren immer nass und eingesperrt. Zudem gab es von Tag zu Tag weniger Leute, weil ­immer mal wieder eine Rolle gestorben ist.

Welche Filmemacherin, welcher Filmemacher hat dich bisher am meisten an die Grenzen gebracht?

Die Zusammenarbeit mit Regisseurin und Drehbuchautorin Julia von Heinz für die Serie «Eldorado KaDeWe», die ich in den letzten drei Monaten gedreht habe, war extrem intensiv. Julia ist ein unglaublicher Mensch. Man kann mit ihr lieben und hassen, man kann mit ihr streiten, lachen und tanzen. Es ist alles erlaubt, was einen gegenseitig an die Grenzen bringt, aber immer auf eine Art, die nicht verletzend ist. Ich mag es, wenn die Verantwortlichen eines Films mich an Grenzen bringen, aber gleichzeitig Verbündete bleiben.

Bitte beschreibe Tim Fehlbaum, den Schweizer Regisseur vom Film «Tides» in einem Satz.

Oh, in einem Satz ... Fuck, das ist schwierig. Tim ist genial, weil er eine Vision hat und diese durchzieht.

Die Dreharbeiten für «Tides» fanden vor drei Jahren statt. Nun kommt der Film in die Kinos, derweil du längst mit Dreharbeiten für andere Projekte beschäftigt bist. Wie fühlt sich das an?

Es ist ein absurdes Gefühl, weil seit den Dreharbeiten derart viel passiert ist – und ich rede jetzt nicht nur von der Corona-Pandemie.

Heute laufen in den Schweizer Kinos mit «Tides» und «Monte Vertià» zeitgleich zwei Filme an, in denen du eine Hauptrolle innehast.

Weisst du was, mittlerweile sind es sieben Filmprojekte, in denen ich mitgespielt habe und die jetzt alle in der Pipeline warten, um lanciert zu werden.



«Tides» beginnt mit der Bruchlandung einer Raumkapsel im nebligen Wattenmeer. Im Kino sieht das unwirtlich und kalt aus – fühlten sich die Dreharbeiten dementsprechend an?

Wir drehten am Wattenmeer in der Nordsee, in der Messe Basel und im Studio Babelsberg in Potsdam. Das Set aus Wasser und viel Sand gab dem Ganzen einen surrealen Touch. Das war genau die richtige Inspiration für mein Spiel.

«Tides» ist ein postapokalyptisches Drama. «Game of Thrones»-Star Iain Glen spielt im Film den Astronauten Gibson, du bist sein Handlanger. Zusammen macht ihr Astronautin Blake, die mit der Raumkapsel auf der Erde gelandet ist, das Leben schwer. Sind Bösewichte schauspielerisch reizvoller als Helden? Oder anders gefragt: Hat so eine Rolle auch eine therapeutische Funktion für dich?

Bisher war dem nicht so. Gleichzeitig weiss ich aber auch, dass es extrem spannend ist, sich in eine solche Rolle einfühlen zu können. Geht es dir nicht auch manchmal so, dass wenn du an einem Abgrund stehst, in dir ein natürliches Bedürfnis aufkommt und du kurz nach vorn gehen willst, nur um ein paar Sekunden runterzuschauen, um danach sofort wieder zurückgehen zu können? Auf die Schauspielerei übersetzt heisst das: Eine Filmrolle gibt mir die Möglichkeit innerhalb eines geschützten Rahmens, mich über eine gewisse Zeit mit einem Thema intensiv zu befassen. Das kann, etwa wenn ich einen Pädophilen spiele, extrem hart, nein, sogar brutal sein, aber gleichzeitig halt auch extrem faszinierend. Und das nicht, weil ich es toll finde, sondern vielmehr unglaublich finde, zu was wir fähig sind.

«Ach, was habe ich früher nur für gescheite Dinge erzählt»: Joel Basman in «Tides».
Bild: zVg

Nachdem ich «Tides» gesehen haben, war ich bedrückt. Wenige Tage danach, als die Medien über den neuen Bericht des Weltklimarats informierten, wurde meine Stimmung noch schlechter.

Anderen Kinozuschauern*innen wird es ähnlich gehen wie dir. Manch einer wird sich nach dem Kinobesuch fragen: Habe ich jetzt einen Science-Fiction gesehen oder eine Doku?

Der Bericht des Weltklimarats ist ernüchternd, weil er belegt: Die globale Erwärmung ist menschengemacht.

Und das Krasse dabei: Wir Menschen werden erst schnallen, dass man Geld nicht essen kann, wenn alle Bäume gefällt und alle Gewässer ausgetrocknet sind.

Die Geschichte, die «Tides» erzählt, könnte schon bald einmal wahr werden.

So ist es.

So grundsätzlich: Wie wichtig ist dir Umweltschutz?

Klar ist, jeder Mensch kann seinen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Gleichzeitig weiss ich aber, dass ich persönlich deutlich mehr machen könnte. Als Schauspieler bin ich während normalen Zeiten zu oft mit dem Flugzeug unterwegs.

Achtest du darauf, woher deine Nahrungsmittel kommen?

Auch da gibt es viel Verbesserungspotenzial. Ich esse zum Beispiel immer noch Fleisch.

Kannst du eigentlich unterdessen Auto fahren?

Ja, seit vier Monaten.

Kaufst du dir demnächst ein Auto?

Ich weiss nicht. Ich habe die Prüfung vor allem absolviert, damit ich künftig auch Rollen annehmen kann, für die ich Autofahren können muss.

Warst du auch schon mal an einer Klimademo?

Nein, ich bin nicht so der Demo-Mensch.

Wer einen Traum habe, sagtest du einmal in einem Interview, müsse alles dafür tun. Hast du alles getan, um ein guter Schauspieler zu werden?

Ach, was habe ich früher nur für gescheite Dinge erzählt (lacht).

Und ernsthaft?

Ich denke, ich habe in den letzten 15 Jahre viele Dinge getan, von denen ich sagen kann: Ich habe mein Bestes gegeben. Gleichzeitig weiss ich aber auch, dass jeder Mensch hin und wieder Fehler macht.

Für die Arbeit ist es sicher gut, Perfektionist zu sein. Aber wie ist es im Privatleben?

Mich macht Perfektionismus nicht glücklich. Und deshalb verrate ich nichts, was geheimnisvoll ist, wenn ich sage: Bei mir findet Perfektionismus nur vor meiner Haustüre statt (lacht).

Führst du Tagebuch?

Nein, aber ich schreibe meine Träume auf. Ich finde es spannend, wie mein Hirn meinen Alltag verarbeitet.

Was hast du letzte Nacht geträumt?

Nichts … oder doch, ich hatte Albträume wegen dieses Interviews (lacht).

Deine Mutter ist eine Katholikin aus dem Luzernischen, dein Vater ein jüdischer Israeli. Heimat, was bedeutet das für dich?

Heimat hat für mich weniger mit einem Ort zu tun, eher mit einem Gefühl.

Das musst du erklären.

Am Ende ist es immer die Frage, wie nah ich gerade meiner Familie und meinen Freundinnen und Freunden bin.

Die Vornamen deiner drei besten Freunde?

Oh, jetzt gibt es Streit … nächste Frage, bitte.

Ein typischer Spruch, mit dem du als Kind deine Eltern genervt hast?

Ein typischer Spruch kommt mir jetzt gerade nicht in den Sinn, aber als Kind habe ich viel geflucht. Das fanden meine Eltern nicht lustig.

Eine Lehre, die dir deine Mutter über die Frauen mitgegeben hat?

Scheisse, wieso nicht mein Vater …

… was hat dir denn dein Vater über Frauen mitgegeben?

Mein Vater sagte immer: «Hinter Frauen und Busse sollte man nicht rennen, es kommt immer eine nächste!»

Eine Angewohnheit, die du von deiner Mutter übernommen hast?

Misstrauen und Vertrauen.

Wirklich wahr, dass du dich als Kind geweigert hast, mit deinem Vater Hebräisch zu reden?

Anscheinend war dem so – mit drei oder vier hätte ich gesagt, der ständige Sprachwechsel sei mir zu anstrengend. Ich selber kann mich jedoch nicht daran erinnern.

Welches Wort fällt dir auf Hebräisch schneller ein als auf Schweizerdeutsch?

שתוק («Stock» ausgesprochen, Anmerkung der Redaktion).

Was heisst das?

Halt's Maul! Je nach Kontext kann das Wort sehr aggressiv oder auch nur kollegial benutzt werden. Seinem Kind gegenüber sollte man es aber nicht sagen.

Welche politischen Ansichten deiner Eltern waren dir als Kind peinlich?

Keine.

Wie geht’s deinen Fingernägeln?

Jenen an der linken Hand geht es sehr gut, jenen an der rechten nicht besonders.

Dein ideales Körpergewicht?

Keine Ahnung.

Dein aktuelles Körpergewicht?

Keine Ahnung.

Hast du dir für eine Filmrolle auch schon viele Kilos angefressen oder ganz viele abgenommen – so wie etwa Matthew McConaughey für den Film «Dallas Buyers Club»?

Nein. Dafür müsste man mir mehr Gage bezahlen (lacht).

Welches war deine bisher krasseste äussere Veränderung für eine Rolle?

Vor den Dreharbeiten zu «Eldorado KaDeWe» habe ich ein Jahr lang ziemlich intensiv trainiert. Ich ging bis zu fünfmal die Woche ins Training, achtete sehr genau auf meine Ernährungs- und Schlafgewohnheiten. Doch dann musste ich mehr oder weniger von hundert auf null runterfahren.

Wieso das?

Ich spiele in der Serie einen Mann, der nach monatelanger Kriegsgefangenschaft zu seiner Familie heimkehrt. Ich spiele also einen Menschen, der nicht täglich ein Workout absolvieren und danach im Spiegel schauen konnte, welche Muskeln seines Körpers noch mehr Training brauchen.

Wie fühlt sich eine derart abrupte Änderung des Lebensstils an?

Irgendwann merkst du, dass alles schwerer wird, nicht nur die Gegenstände, die du aufheben willst, sondern auch deine Psyche.

Wie schaffst du es nach solchen Dreharbeiten wieder fit zu werden?

Mit ganz vielen Peitschenschlägen (lacht).

Von wem?

Je nachdem (lacht noch lauter).

Wirklich wahr, dass du auch kleinste Gesichtsmuskeln versuchst so weit zu beherrschen, damit du diese bei Bedarf unbewusst steuern kannst?

Das stimmt. Es ist aber nicht so, dass ich dies täglich zu fixen Zeiten vor dem Spiegel übe.

Sondern?

Ich finde es faszinierend, dass die meisten Menschen ihre linke Augenbraue höher hinaufziehen können als die rechte. Irgendwann fing ich an zu trainieren, um beide Augenbrauen ähnlich gut bewegen zu können. Es ist absolut faszinierend, wie wenig Veränderungen nötig sind, um das menschliche Antlitz total anders aussehen zu lassen.

Welcher deiner Gesichtsmuskeln beherrscht du am schlechtesten?

Die rechte Augenbraue ist nach wie vor mein Schwachpunkt.

«Mich macht Perfektionismus nicht glücklich»: Joel Basman in «Tides».
Bild: zVg

Woran erkennen deine Freundinnen und Freunde, dass du schlechte Laune hast?

Wenn ich über unnötige Dinge motze wie ein Wutbürger.

Du bist in Zürich im Kreis 4, auch Chreis Cheib genannt, aufgewachsen. Was hast du als Stadtkind für einen Bezug zur Natur?

Meiner Meinung nach ist es völlig egal, wo man aufwächst. Auch Stadtkinder können eine gute Beziehung zur Natur haben, also wenn die Eltern mit ihnen regelmässig dort waren. Ich sage immer: Wer mit 14 noch nicht barfuss über Steine im Wald gelaufen ist, der hat etwas verpasst.

Wann zuletzt unter freiem Himmel geschlafen?

Während den Dreharbeiten von «Eldorado KaDeWe» in Budapest schlief ich mehrmals auf der Terrasse meiner Wohnung, weil in der Stadt wochenlang eine derartige Affenhitze herrschte.

Wann zuletzt einen Baum umarmt?

Das ist schon viel zu lange her.

Je Liebe gemacht im Wald?

Auch das ist schon viel zu lange her (lacht).

Mit welchem zeitgenössischen männlichen Schauspieler würdest du dich bei einer Sexszene am wohlsten fühlen?

Noch nie überlegt … hey, keine Ahung, ähm … ich weiss nicht. Weiter.

So grundsätzlich: Wie könnte es gelingen, die Öffentlichkeit noch stärker und schneller für den Klimawandel zu interessieren?

Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Es ist ja nicht so, dass nicht schon alles probiert worden ist. Gleichzeitig ist es aber auch ein Fakt, dass ein gewisser Lobbyismus besteht. Ich sage dazu nur so viel: Kann es eine noch grössere Ohrfeige an die Klimabewegung und die Menschenrechte geben, als die Fussball-WM 2022 in Katar zu organisieren? Ich denke nicht.

Corona hat das Thema Klima in den letzten anderthalb Jahren fast komplett verdrängt. Gleichzeitig wurde in der Pandemie plötzlich vieles Realität, was vorher als nicht durchsetzbar galt: weniger Pendelverkehr, kaum Flugreisen, eingeschränkte Konsummöglichkeiten. Was denkst du: Wie viele Menschen wollen tatsächlich eine Veränderung?

Ich glaube, jeder Mensch ist anders. Was mich jedoch wirklich verärgert hat während der Lockdowns, ist, als die Medien plötzlich anfingen zu fragen: «Was wird mit den Sommerferien?» Damals habe ich die Welt nicht mehr richtig verstanden.

Wieso?

Die Schweiz ist ein derart schönes Land. Wir haben wunderbare Berge, im Tessin wachsen sogar Palmen und fast jeder Ort ist in weniger als vier Stunden erreichbar. Warum sollen oder wollen Schweizer während einer Pandemie trotzdem nach Griechenland oder Spanien reisen? Warum kann man in einer solch komplizierten Situation nicht auch einmal daheimbleiben und das eigene Land entdecken?

Wo warst du im vergangenen Sommer in den Ferien?

Nirgends – aber gerade jetzt plane ich Ferien.

Wohin willst du reisen?

Ins Tessin.

Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?

Der Weg ist das Ziel – und deshalb sage ich: einen Sinn zu finden.

Welcher Illusion gibst du dich gern hin?

Dass die Menschen nett sind (lacht).

Möchtest du gern auf den Mond fliegen?

Nein – und schon gar nicht mit den Herren Elon Musk, Jeff Bezos oder Richard Branson.

Ich nenne dir jetzt zwei Joel-Basman-Sätze, die ich in den Medien gefunden habe, und du sagst bitte, was sie bedeuten: «Mein Beruf ist meine Droge.»

Als Schauspieler darf ich Dinge ausprobieren, die im echten Leben verboten sind. Das finde ich wunderbar.

«Bleib demütig, hungrig und kindisch.»

Das ist eine meiner Lebensweisheiten. Allerdings wird der Ausdruck «kindisch» oft falsch verstanden. Kindisch heisst für mich nicht, ich will ein Kindskopf sein, sondern ich will mir stattdessen ein gesundes Mass an Naivität erhalten. Ich denke, wenn sich noch mehr Menschen daran halten würden, gäbe es weniger Konflikte auf der Welt und wir hätten viel mehr zu lachen.

Wann zuletzt einen Lachanfall gehabt?

Während der Dreharbeiten in Budapest schauten wir einmal eine Telenovela auf Dubai-TV und lachten uns dabei fast zu Tode.

Warum?

Die Gesichter der Schauspielerinnen und Schauspieler waren alle total operiert und sahen entsprechend entstellt aus.

Der jüdische Humor ist immer wieder ein Thema: Hast du den von deinem Vater geerbt?

Ja und nein. Was ich von ihm gelernt habe, ist ein toleranter Humor.

Würdest du zum Schluss unseres Gesprächs deinen Lieblingswitz erzählen, während ich dich dabei mit meinem Smartphone filme?

Ähhmmm … ich habe einen Lieblingswitz, aber den möchte ich lieber nicht in die Kamera erzählen, weil das nur Probleme gäbe.

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