Knapp daneben, aber voll getroffen

Mark Salvisberg

8.7.2020 - 00:00

Knapp daneben ist nicht immer dabei. 
Bild: Getty Images

Es gibt unsinnige Ausdrücke, deren Effizienz aber trotzdem jede Medienredaktion kapitulieren lässt. «Volksmund schlägt die Akademie», sagt der Sprachpfleger ironisch-salbungsvoll.

Unsere Fantasie und Faulheit ist es, die neue Begriffe hervorbringt. Im folgenden Fall war’s Letzteres. Jenes Wort hat sich in Rekordzeit durchgeboxt und bildet nun die Basis Dutzender falscher Fügungen: «Corona»!

Der Ausdruck bedeutet auf Lateinisch Krone, Kranz, auf Griechisch Ring (korṓnē).

Tausendfach vernimmt man, etwas sei im Argen «wegen Corona». Man sei in der «Corona-Krise», es gebe «Corona-Kredite». Wegen Krone? Aus sprachlicher Sicht ist das aberwitzig. Es gibt keine Kronen-Krise, keine Ring-Kredite (ausser man steht kurz vor einer Hochzeit).

Mögen Sie Fuss? Ich meine natürlich Fussball

Wenn man einfach das Grundwort einer Zusammensetzung weglässt (Virus) und das Bestimmungswort (Corona) allein im Buchstabenmeer aussetzt, braucht man sich über misslungene sprachliche Rettungsversuche nicht zu wundern. Wie sähe das beim Wort Fussball aus? Ich schaue mir ein Fussspiel an und danach das Interview mit dem Fusstrainer. Nein, so eine Kernspaltung wird beim Fussball nicht stattfinden, die beiden Nomen bleiben wohl auf immer verschmolzen.

«Corona» ist offenbar «too sexy to fail», man weiss ja, was gemeint ist, denken alle in dieser Sache telepathisch Verbundenen. Und kein Deutschlehrer oder Sprachpolizist – und selten ein Sprachpfleger – wagt es, den Mahnfinger zu erheben. «Corona» hat auch ohne Virus obsiegt. Und das nur, weil uns seine kronenartigen Protein-Ausstülpungen in ihren Bann ziehen?

Enge Kontakte ja, enge Personen nein

In Zusammenhang mit dieser Krise liest man – gerade jetzt, im Zeichen der SwissCovid-App, von «engen Kontaktpersonen». Was genauso knapp daneben ist wie das «rheumatoide Arthritismedikament». Derlei Fügungen müssten umgebaut werden: das Medikament gegen rheumatoide Arthritis oder, im ersten Fall: Personen, mit denen jemand engen Kontakt hatte. Doch praktisch niemand stört sich mehr an der engen Kontaktperson, die Fügung hat es wegen ihrer Eingängigkeit ebenfalls geschafft.

Ein Wort, das Automobilisten «begeistert»

Ein weiterer sprachlich zweifelhafter Ausdruck ist schon seit zig Jahren in aller Ohren: der Geisterfahrer. Stellen Sie sich vor, Sie fahren in den Gotthardtunnel, und im Radio heisst es, im Tunnel bewege sich ein Bus auf der falschen Spur Richtung Norden. Sie unterhalten sich womöglich weiter mit Ihrem Nebenan und beachten die Meldung nicht. Wenn aber die Stimme sagt: «Achtung, Geisterfahrer im Gotthardtunnel Richtung Norden!» – Panik! Dieser Ausdruck macht Eindruck – der Grund seines Erfolgs.

Die Sprache scheint sich gegen allzu strikte Normierungen zu sträuben. Hoffen wir, dass dieses Prinzip nicht auf andere Bereiche übergreift wie ... Pandemie-Bekämpfung ...

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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