Marie-Claude Chappuis, Opernstar: «Singen macht schön»

Bruno Bötschi

3.11.2020 - 07:15

Marie-Claude Chappuis: «Ich denke, wenn der Himmel mich gern als Weltstar hätte, wäre ich einer. Aber ich bin glücklich, so wie es ist. Ich konnte meine Leidenschaft zum Beruf machen. Das ist wunderbar.»
Bild: Keystone

Aus dem Kanton Fribourg auf die Bühnen der Welt: Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis bleibt trotz viel Erfolg demütig. Im Interview verrät sie, warum Spazieren der Stimme guttut, und spricht über ihre Faszination für das «Guggisberglied».

Sie sitzt da und lächelt, während ihr Blick durch die Fensterfront in die Ferne geht. Hier, in ihrem Haus in Sommentier, einem Bauerndorf bei Romont im Kanton Fribourg, lernt Marie-Claude Chappuis ihre Rollen. Die Mezzosopranistin singt jeden Tag, aber nie mehr als zwei Stunden nacheinander. Mehr würde ihrer Stimme schaden.

Manchmal setzt sich die Künstlerin auch nachts an ihren Konzertflügel, einen Steinway (Baujahr 1915), schaut durch das Dachfenster die Sterne an und singt. Vor zwei Jahren sass Bundesrätin Simonetta Sommaruga auf der Klavierbank. Die ausgebildete Konzertpianistin begleitete Chappuis am Flügel – zu einem Stück aus Robert Schumanns Liederzyklus «Frauenliebe und -leben».

Frau Chappuis bekommt erklärt, dass ihr in den nächsten 45 Minuten ganz viele Fragen gestellt werden. Und das sie ‹weiter› sagen darf, wenn sie eine Frage nervt. Sie lächelt. Es kann losgehen.

Frau Chappuis, Wolfgang Amadeus Mozart oder Ludwig van Beethoven?

Ich mag beide Komponisten sehr, Mozart liegt mir jedoch noch etwas mehr am Herzen. Es hat wohl damit zu tun, dass ich bisher mehr Werke von ihm gesungen habe.

Jascques Offenbach oder Henry Purcell?

Oh, da kann ich mich nicht entscheiden. Aktuell übe ich mehr Purcell, weil ich am Grand Théâtre de Genève, also wenn es die Coronapandemie erlaubt, die Dido in seiner Oper ‹Dido and Aeneas› singen werde. Und wissen Sie was? Ich bin immer etwas verliebt in die Rolle, die ich gerade übe.

Maria Callas oder Anna Netrebko?

Diese zwei Sängerinnen sind zu verschieden, als dass ich sie vergleichen möchte. Ich kann nur sagen, ich bewundere beide.

Kann Musik die Welt verändern?

Ja, natürlich. Die Musik ist eine Quelle von Schönheit. Ich bin jeden Tag von Neuem dankbar, dass es sie gibt.

Wirklich wahr, dass Sie Musiknoten lesen konnten, bevor Sie die Buchstaben kannten?

Das stimmt. Mein Vater war Musiklehrer, Leiter eines Kirchenchors und er spielte Klavier. Ich war von klein auf fasziniert, wie er mit seinen Fingern auf den Tasten Musik kreieren konnte. Mit fünf sass ich zum ersten Mal selber an einem Klavier. Aber wenn ich die Tasten drückte, tönte es nach Chaos. Ich wollte deshalb so schnell wie möglich Noten lesen lernen. Das Klavier zog mich magisch an.

Träumten Sie davon, Pianistin zu werden?

Am Anfang ja, aber bald schon musste ich feststellen, dass ich nicht gut genug dafür bin.

Zum Autor: Bruno Bötschi
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«blue News»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.

Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie Ihre Stimme hörten und dachten: ‹Wow, sie klingt wunderschön. Damit kann ich etwas erreichen.›

Wie soll ich sagen? In unserer Familie wurde immer gesungen. Singen war für mich deshalb die normalste Sache der Welt. Als ich anfing in Chören zu singen, durfte ich schon bald Soloparts übernehmen. Damals spürte ich, dass das Publikum meine Stimme mag, von ihr gerührt ist.

Ursprünglich wollten Sie Chanteuse werden. Sie sollen bereits als Teenager eigene Chansons komponiert haben.

Das stimmt. Mit 15 trat ich regelmässig in Cafés auf. Chansons waren meine Leidenschaft, Jacques Brel war mein Vorbild.

Stimmt es, dass Ihnen Ihre Gesangslehrerin Tiny Westendorp nach dem Vorsingen eröffnete: ‹Ich bin zwar ausgebucht, trotzdem erachte ich es als meine Pflicht, Sie in meine Klasse aufzunehmen.›

Das stimmt. Mein Vater hatte das Treffen eingefädelt. Ich persönlich war nicht besonders interessiert daran. Ich war vom Wunsch beseelt, Chansons zu singen. Doch ich tat es für ihn, weil ich spürte, es lag ihm am Herzen.

Ihr Vater war an Krebs erkrankt.

So war es leider. Ich setzte mich also ans Klavier und sang eines meiner Chansons. Als die Frau Westendrop danach ihr Urteil abgab, war ich sehr erstaunt, nein, richtiggehend geschockt. Als ich mit dem Studium anfing, realisierte ich rasch, dass die Klassik eine viel grössere und schönere Welt ist als meine eigenen Chansons.

Marie-Claude Chappuis: «In unserer Familie wurde immer gesungen. Singen war für mich deshalb die normalste Sache der Welt.»
Bild: Keystone

So grundsätzlich: Wird die Klassik in den Schweizer Schulen genug gefördert?

Meine Erfahrung ist: Die Kinder können immer schlechter singen. Seit dem 19. Jahrhundert ziehen die Freiburger Kinder am 1. Mai einzeln oder in Gruppen von Haus zu Haus, um mit Liedern die Ankunft des Frühlings anzukündigen. Ich habe das früher auch gemacht mit meinen beiden Schwestern. Heutzutage kommen jedoch immer weniger Kinder und sie singen oft auch sehr schlecht.

Wieso ist dem so?

Man müsste das einmal genauer untersuchen. Eine Erklärung könnte sein: Mit der Abschaffung des Lehrerseminars wurde die pädagogische Ausbildung intellektueller, die musischen Fächer verloren an Wert.

Warum singen Menschen?

Kennen Sie den Satz ‹Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder›? Ich kann jedoch nur für mich sprechen: Sängerin ist der schönste Beruf der Welt. Ich möchte ihn so lange wie möglich ausüben können. Singen tut so gut.

Aber nicht alle Menschen können schön singen.

Ach, ich finde, wir sollten alle regelmässig singen, auch wenn es jemand nicht so gut kann. Ich rede aus Erfahrung: In einem Chor, den ich gegründet und geleitet habe, gab es einen Sänger, der oft falsch sang. Gleichzeitig spürte ich, dass dieser Mann viel Leidenschaft für das Singen besass. Ich übte mich deshalb in Geduld, sagte ihm unter anderem, dass er weniger laut singen solle und stattdessen mehr auf seine Stimme hören solle.

Hat es funktioniert?

Ja. Der Mann lernte seine Stimme so zu führen, dass er die Töne immer besser traf.

Ihre Erklärung, warum Menschen unter der Dusche singen?

Machen sie das?

Anscheinend.

Sie auch?

Nein. – Im Auto singen auch viele Leute.

Manchmal singe ich mich im Auto ein. Unter der Dusche höre ich aber lieber dem Plätschern des Wassers zu.

In welcher Sprache singen Sie am liebsten?

Das habe ich mir noch gar nicht so konkret überlegt. Ich singe gern auf Französisch, weil es meine Muttersprache ist. Aber ich singe auch gern auf Italienisch und sehr gern auf Deutsch.

Vor ein paar Jahren nahm ich eine Zeit lang Gesangsunterricht, weil ich an einer Hochzeit eines Freundespaars ein Lied vortragen wollte …

… oh, wie schön.

Egal, wie müde ich vor den Proben auch war, fühlte ich mich danach jedes Mal grossartig und voller Tatendrang. Geht es Ihnen auch so?

Singen wirkt befreiend, weil wir währenddessen besser atmen. Das wirkt euphorisierend. Sehe ich meine Kolleginnen und Kollegen nach einem Konzert an, ist mir schon öfter aufgefallen, dass sie schöner aussehen als davor. Ich bin überzeugt: Singen macht schön. Deshalb mein Tipp: Singen Sie weiter. Unbedingt.

Marie-Claude Chappuis: «Manchmal singe ich mich im Auto ein. Unter der Dusche höre ich aber lieber dem Plätschern des Wassers zu.»
Bild: Keystone

Ihr Repertoire ist umfassend: klassische und romantische Oper, Kunst- und Volkslied, Sakralmusik, Barockoper. Fachleute sagen, dass Sie in den beiden letzten Kategorien weltweit zu den Top Ten gehören.

Ich möchte mich nicht selber beurteilen – und sowieso: Zahlen waren noch nie meine Stärke. Aber natürlich ist es eine grosse Ehre, dass ich als frankofone Sängerin regelmässig nach Leipzig eingeladen werde, um mit dem Gewandhausorchester Bach zu singen. Oder, dass ich mit Riccardo Chailly die Matthäus-Passion aufnehmen durfte. Es ist wunderschön, dass meine Arbeit als Sängerin geschätzt wird. Wir wollen schliesslich alle geliebt werden, denn wer geliebt wird, fühlt sich unterstützt in seiner Leidenschaft. Aber gleichzeitig fühle ich mich fast jeden Tag als blutige Anfängerin.

Das müssen Sie erklären.

Studiere ich etwa eine Kantate neu ein, geht alles wieder von vorne los. Bevor ich ein Stück singe, will ich es verstehen können. Das braucht viel Zeit, sehr viel Zeit sogar. Ich arbeite deshalb auch regelmässig mit einem Coach zusammen.

Sie singen grossartig, treten in den grossen Häusern auf und trotzdem sind Sie kein absoluter Weltstar wie etwa Anna Netrebko. Nervt das oder ist dieser Zustand vielmehr angenehm?

Ich bin kein Weltstar und das ist gut so.

Was braucht es, um ein Weltstar zu werden?

Das hat mit dem Schicksal zu tun. Ich bin gläubig. Ich denke, wenn der Himmel mich gern als Weltstar hätte, wäre ich einer. Aber ich bin glücklich so, wie es ist. Ich konnte meine Leidenschaft zum Beruf machen. Das ist wunderbar.

Wie wichtig ist Demut beim Singen?

Demut ist wichtig, gleichzeitig möchte ich möglichst transparent sein. Ich glaube, wenn ich zu stark im Vordergrund stehen würde, täte mein Gesang beim Publikum weniger Gefühl anrühren. Mein Ziel ist, dass die Kunst durch mich hindurchfliesst, bis in die Seele der Menschen trifft. Dafür ist viel Arbeit und eben auch Demut nötig.

Wenn Sie auf der Bühne stehen: Sind Sie da in einem kontrollierten Zustand oder sind Sie dann emotional erregt?

Es ist eine Mischung von beidem. Für mich ist jedes Konzert ein spezielles Erlebnis. Ich habe jedes Mal Lampenfieber, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich nicht weiss, wie das Publikum reagieren wird. Das haben Sie sicher auch schon selber erlebt: Werden Sie liebevoll empfangen, fühlen Sie sich mehr getragen. Fühle ich mich getragen, singe ich schöner.

Haben Sie das perfekte Konzert schon gegeben?

Nein, nein, das gibt es nicht.



Was ist das Verrückteste, was Sie je auf einer Bühne getan haben?

Jedes Konzert ist irgendwie verrückt (lacht). Für eine klassische Sängerin, wie ich es bin, ist Jodeln wahrscheinlich etwas Verrücktes. Meine Mutter hat mir Jodeln als Kind beigebracht. Jodle ich heute, ist es, als würde ich zu meinen Wurzeln zurückkehren.

Wann haben Sie zuletzt gejodelt auf der Bühne?

Zuletzt gejodelt habe ich während der Aufführung von Jacques Offenbachs ‹La Belle Hélène› am Theater St. Gallen. Es hat wunderbar gepasst und kam beim Publikum sehr gut an.

Ihre Mutter Thérèse näht fast alle Ihre Konzertkleider. Gibt es irgendwelche Vorgaben wegen der Art des Stoffes oder wegen des Schnitts eines Kleides?

Eigentlich nicht – aber natürlich muss ein Kleid zur Musik passen, die ich vortrage. Ein Kleid, in dem ich ein Oratorium singe, sieht ganz anders aus als eines, das ich für einen Operetten-Abend auswähle.

Ihr Lieblingsstoff?

Seide mag ich sehr.

Violinistin Anne-Sophie Mutter trägt am liebsten ärmellose Kleider, um ihre Geige besser auf der Haut zu spüren.

Ich stehe oft vor meinem Kleiderschrank und lasse mich von der Intuition leiten. Für die Matthäus-Passion würde ich jedoch immer ein Kleid mit Ärmeln wählen.

Tragen Sie während Auftritten immer dasselbe Paar Schuhe?

Wenn es geht, ja. Schuhe sind wichtig. Um gut singen zu können, muss ich mich darin total wohlfühlen.

Singen Sie ein neues Paar Schuhe ein?

Ja – bei einer neuen Opernproduktion ist das aber manchmal schwierig, weil die Kostüme dafür neu kreiert werden. Ich frage deshalb jeweils im Voraus an, ob ich die Schuhe bereits während der Proben anziehen darf.

Marie-Claude Chappuis: «Zuletzt gejodelt habe ich während der Aufführung von Jacques Offenbachs ‹La Belle Hélène› am Theater St. Gallen. Es hat wunderbar gepasst und kam beim Publikum sehr gut an.»
Bild: Andreas J. Etter

Sind Sie abergläubisch?

Ein bisschen.

Ihre Mutter soll vor jedem Ihrer Auftritte eine Kerze für Sie anzünden.

Wie gesagt: Ich bin gläubig und bete oft. Die Kerze ist eine Verbindung zu Gott.

Vor zwei Jahren brachten Sie eine Sammlung von Schweizer Volksliedern auf der CD ‹Au Coeur Des Alpes› heraus. Sie singen darauf Lieder wie ‹Lueget vo Bärg und Tal› oder das ‹Guggisberglied›. Wie kamen diese Aufnahmen zustande?

Zusammen mit Martin Korn von der Plattenfirma Sony haben wir ein Brainstorming gemacht und geschaut, welche Produktionen ich in nächster Zeit angehen könnte – ich machte Vorschläge, die Plattenfirma ebenfalls. Ich war angenehm überrascht, als der Vorschlag für ein Album mit Volksliedern an mich herangetragen wurde.

Hatten Sie einen speziellen Wunsch für die CD-Produktion?

Es sollten Lieder aus allen vier Sprachregionen Platz darauf finden.

Jodlerin Christine Lauterburg hat das ‹Guggisberglied› ebenfalls schon gesungen und vor zwei Jahren tat es auch die Berner Rapperin Steff la Cheffe. Kennen Sie diese Versionen?

Nein – aber die Version von Stephan Eicher kenne ich.

Warum ist das ‹Guggisberglied›, der Text dazu ist bereits 1764 entstanden, bis heute derart beliebt?

Das Lied ist ein grosser Schatz. Die Musik ist einfach, aber hat gleichzeitig viel Tiefe. Vielleicht ist dies das Geheimnis des ‹Guggisbergliedes›. Was ich sicher weiss, ist: Die grössten Komponisten der Welt, etwa Schubert und Brahms, suchten Volkslieder als eine Quelle ihres Schaffens.

Sind Schweizer Volkslieder unterschätzte Musik?

Viele Chöre in meinem Heimatkanton Fribourg singen Volkslieder, deshalb kann ich nicht sagen, dass sie unterschätzt werden. Aber man kann nie genug singen. Ich fände es schön, wenn in den Schulen wieder vermehrt Volkslieder gesungen würden. Deshalb habe ich die CD ‹Au Coeur Des Alpes› auch aufgenommen – als Einladung für die Lehrerinnen und Lehrer. Ich bin überzeugt davon, Kinder mögen Volkslieder. Es muss nicht immer nur Rap-Musik sein. Ich finde, die Mischung macht es aus.

Macht Musik Sie hin und wieder wütend?

Warum sollte Musik mich wütend machen?

Weil Sie Ihnen vielleicht nicht gefällt.

Dann mache ich sie aus. Ich entferne mich auch sonst möglichst schnell von Dingen, die mich wütend machen könnten.

In welchen Momenten – ausser im Bett, wenn Sie schlafen – möchten Sie unter keinen Umständen Musik hören?

Musik in Restaurants, in Hotellobbys und in den Läden empfinde ich als Lärm. Ich verstehe auch nicht, warum Menschen mit Kopfhörern in die Natur hinausgehen. Ich liebe den Klang des Waldes, finde das Pfeifkonzert der Vögel grossartig.

Was halten Sie von Popmusik?

Ich mag Stevie Wonder sehr, bin Fan von Whitney Houston. Es gibt ganz phänomenale Popsänger und -sängerinnen.

Mit ihren unglaublichen Stimmen verkauften Whitney Houston, Mariah Carey oder Céline Dion in den 1990er-Jahren x Millionen Platten.

Whitney Houstons Stimme ist grossartig. Sie sang sehr sinnlich, sehr frei. Ich habe sie immer bewundert.

Céline Dion schafft es im Song ‹All by Myself›, acht Sekunden lang denselben Ton zu halten. Da sie dies mit der Brust- und nicht mit der Kopfstimme tut, soll das eine besonders beachtliche Leistung sein. Können Sie einem Laien wie mir erklären, warum das so toll ist?

Ich kann nur sagen, Céline Dion arbeitet sehr viel an ihrer Stimme. Hinter dem Endresultat steckt also kein Wunder, sondern ganz viel Arbeit. Céline hat eine sehr gute Gesangstechnik.

Aber warum ist es mit der Bruststimme schwieriger, einen Ton lange halten zu können?

Ich weiss es nicht. Ich habe noch nie sehr lang einen Ton mit der Bruststimme zu halten versucht. Vielleicht sollte ich das einmal tun.

Für Ruhm, Geld und Ansehen bezahlte Whitney Houston einen hohen Preis: Ihr Aufstieg zur Pop-Diva kostete sie das Leben.

Ihr Schicksal ist sehr traurig, man hätte sie besser schützen sollen.

Was oder wer hält Sie nach grossen Erfolgen auf dem Boden?

Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass alles sehr fragil ist im Leben. Mein Vater starb an Krebs, als ich noch ein Teenager war. Als gläubiger Mensch bin ich zudem überzeugt davon, dass der Erfolg nicht an mir selber liegt, sondern ich geführt und getragen werde, vom Himmel, aber auch von meinen Mitmenschen. Es ist hart nach oben zu kommen und deshalb tut Erfolg gut. Übermütig werden sollte man deswegen aber nicht.

Was machen Sie, wenn Sie am Morgen vor einem Konzert aufstehen und realisieren, Ihrer Stimme geht es nicht gut?

Kratzt die Stimme ganz schrecklich, muss man das Konzert absagen. Das tut jedes Mal wahnsinnig weh. Ist es nicht ganz so schlimm, versuche ich mit speziellen Übungen die Stimme geschmeidig zu machen. Ich spreche mit der Stimme, frage sie: Was ist mit dir los? Habe ich dich falsch behandelt? Habe ich gestern zu viel gesungen? War es zu kalt oder zu trocken? Viel trinken ist ganz wichtig – aber keinen Schwarztee und keinen Kaffee, das würde die Stimme noch mehr austrocknen. Inhalieren hilft ebenfalls. Der Körper muss zudem eine gute Spannung haben. Ich fahre selten Lift deshalb, sondern nehme immer die Treppe und gehe regelmässig spazieren.

Treppensteigen tut der Stimme gut?

Oh ja.

Marie-Claude Chappuis: «Ich verstehe nicht, warum Menschen mit Kopfhörern in die Natur hinausgehen. Ich liebe den Klang des Waldes, finde das Pfeifkonzert der Vögel grossartig.»
Bild: Jo Simoes

Wie viel Stunden pro Tag üben Sie?

Ich singe nie länger als zwei Stunden nacheinander. Ist ein Pianist auf Besuch, um ein neues Stück einzustudieren, proben wir am Morgen zwei Stunden und am Abend nochmals zwei. Mehr geht nicht, meine Stimme würde sonst zu müde werden.

Kennen Sie Rituale beim Einstudieren eines neuen Stückes?

Ich bin ein Mensch, der Abwechslung braucht. Ich kann mich während eines Tages nicht nur mit einem Stück beschäftigen. Mir ginge sonst die Leidenschaft verloren und das wäre sehr gefährlich für meine Stimme.

Was tun Sie, wenn Sie einmal keine Lust zum Proben haben?

Ich versuche, nicht zu forcieren – obwohl, manchmal muss man, weil man gerade in einer Produktion steckt und Proben anstehen. Ich habe aber das Glück, dass ich ein sehr breites Repertoire singen darf. Wenn ich manchmal müde bin von einem Lied, schaue ich die Noten im Gestell an und überlege, welches Stück mir jetzt Freude bereiten würde. Dann nehme ich die Noten hervor, setze mich ans Klavier und singe.



Was ist Ihre grösste Leidenschaft neben der Musik?

Musik (lacht schallend).

Sie kochen gern, habe ich gelesen.

Das stimmt. Und ich liebe die Natur und die Berge, gehe gern wandern. Ich habe durchaus auch noch ein Leben neben der Musik. Ich fotografiere leidenschaftlich gern Blumen und Vögel. Ich liebe das Meer. Und ich fröne gern dem Nichtstun.

Wirklich wahr? Vorhin sagten Sie doch, Sie bräuchten viel Abwechslung.

Doch, doch, ich mag das Nichtstun. Ich schaue abends gern einen Thriller.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?

‹Die Glasbläserin› – der Film hat mich wahnsinnig berührt.

Was kochen Sie am liebsten?

Chicken Curry ist eines meiner Lieblingsrezepte. Was ich auch sehr mag: Im Kühlschrank schauen, was für Zutaten vorhanden sind und dann anfangen zu improvisieren. Gerade gestern habe ich das gemacht und ein Menü aus Tofu und Spaghetti gezaubert.

Hat es geschmeckt?

Der Weg war abenteuerlich, aber am Ende war es sehr fein.

Vergangenen Sommer haben Sie in Charmey ein Drive-in-Festival für Künstlerinnen und Künstler organisiert. Wie kam es dazu?

Ich habe den Vorteil, dass ich viele Sängerinnen und Musiker kenne. Und weil die alle auch im Lockdown waren, hatten die meisten Zeit.

Innerhalb von nur zwei Monaten haben Sie das Festival auf die Beine gestellt und dafür grosse Namen wie den Blockflötisten Maurice Steger, den Pianisten Christian Chamorel oder Sängerin Rachel Harnisch verpflichtet. Woher nahmen Sie die Energie für diesen Effort?

Die Organisation eines Festivals ist dem Kochen eines Menüs nicht unähnlich: Welches Konzert ist eine tolle Vorspeise? Welcher Künstler eignet sich als Hauptgang? Und was passt als Dessert? Ich liebe das Organisieren, auch wenn es viel Arbeit bedeutet. Für mich war zudem schwierig, die Balance zu finden, weil ich am Festival auch selber gesungen habe.

Ein Parkplatz ist kein idealer Ort für ein klassisches Konzert.

Klar ist es schöner, in einem Saal zu singen, aber die Situation hat nichts anderes zugelassen. Wir hatten zudem unglaublich Glück mit dem Wetter. Es gab einige magische Momente, etwa als der Mond am Himmel besonders hell leuchtete.

Warum wollten Sie dieses Festival unbedingt auf die Beine stellen?

Ich wollte zeigen, was trotz der Coronapandemie alles möglich ist und dass es nichts bringt, den Kopf in den Sand zu stecken. Denn, ehrlich gesagt, ich war enttäuscht, nein, genervt darüber, dass in den Monaten August und September nicht mehr kulturelle Anlässe organisiert wurden.

Möglicherweise hat der Lockdown die Kulturverantwortlichen in eine Art Schockzustand versetzt?

Aus meiner Sicht hätten kulturelle Institutionen, die vom Staat subventioniert sind, im Sommer mehr tun sollen. Diese Häuser haben das Geld und deshalb auch die Verantwortung, Künstlerinnen und Künstlern Arbeit zu geben. Zum Glück unterstützt der Staat uns jetzt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wie vielen anderen Bühnenkünstlerinnen und -künstlern machte das Coronavirus auch Ihnen einen Strich durch die Rechnung und sorgt für viele Konzertabsagen. Wie ist Ihre aktuelle Gefühlslage?

Als junger Mensch habe ich mir versprochen, bis an mein Lebensende ein positiv denkender Mensch zu bleiben. Gerade in Zeiten wie diesen ist das nicht immer einfach. Aber ich bin sicher, dass am Ende des Lebens, also wenn ich gehen muss, es sich viel besser anfühlen wird. Negative Menschen bringen uns nicht weiter.

Mehr Infos zu Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis und ihren aktuell geplanten Auftritten finden sich auf ihrer Website.

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