#MeToo-Gründerin Burke erzählt erstmals ihre Geschichte

Von Christina Horsten, dpa

4.12.2021 - 20:40

epa07992772 Me Too movement founder Tarana Burke poses for a portrait at the National Press Club (NPC) in Canberra, Australian Capital Territory, Australia, 13 November 2019. Tarana Burke, alongside former Australian journalist Tracey Spicer, will be awarded with the 2019 Sydney Peace Prize on 14 November 2019 in the Sydney Town Hall. EPA/MICK TSIKAS AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT
Tarana Burke wurde 1973 in der Bronx in New York geboren, sie lebt heute in Alabama.
KEYSTONE

Spätestens seit den Vorwürfen gegen Ex-Hollywood-Mogul Weinstein ist die #MeToo-Bewegung gegen sexuelle Belästigung weltberühmt. Wer und was aber eigentlich genau dahinter steckt, wissen wohl nur wenige. Das will Gründerin Tarana Burke mit ihrer Autobiografie nun ändern.

Von Christina Horsten, dpa

4.12.2021 - 20:40

Eines Abends im Jahr 2005 wird Tarana Burke von ihren Sorgen und Gedanken überwältigt. Sie lässt ihre kleine Tochter von einer Freundin abholen, weint sich in den Schlaf, wacht am nächsten Morgen auf, beginnt nachzudenken – und dann zu schreiben.

Ganz oben auf die erste Seite notiert sie: «Me Too» (auf Deutsch etwa: Ich auch). Rund zehn Jahre später sollten diese zwei Worte als Teil einer ganzen Bewegung gegen sexuelle Belästigung über die sozialen Medien um die Welt gehen.

Spätestens mit den Vorwürfen gegen den Ex-Hollywood-Mogul Harvey Weinstein 2017 wird die Bewegung berühmt. Weinstein wird wenige Jahre später zu einer langen Haftstrafe verurteilt, andere Prominente wie R. Kelly oder Bill Cosby werden ebenfalls wegen sexueller Übergriffe schuldig gesprochen, weitere verlieren ihre Jobs.



Aber obwohl die #MeToo-Bewegung weltweit für Schlagzeilen sorgt und Tausende Menschen sich über die sozialen Medien anschliessen und von ihren eigenen Erfahrungen berichten, wissen wohl bis heute nur wenige, wer und was genau eigentlich dahinter steckt.

Traurige Geschichte

Das will die 1973 in der New Yorker Bronx geborene Burke mit ihrer gerade in den USA erschienen Autobiografie «Unbound» nun ändern. Ihre Geschichte ist komplex, vielschichtig und sehr oft sehr traurig. Burke erzählt von ihrer Kindheit, von ihrem Vater, der nie Teil ihres Lebens war, und von ihrer Mutter, die sehr streng sein konnte und häufig wechselnde, nicht immer angenehme Partner hatte, die ihre Tochter aber letztendlich doch auch unterstützte und prägte.

Die anderen Kinder hänseln Burke und bezeichnen sie als hässlich. Die einstige Vorzeige-Schülerin wird rebellisch und beginnt immer wieder Prügeleien. Das ändert sich erst, als sie in ein afroamerikanisches Mentorenprogramm aufgenommen wird, in das sie von da an all ihre Energie hineinsteckt. Über Kontakte aus dem Programm zieht sie schliesslich nach Alabama, studiert und arbeitet viele Jahre in der Stadt Selma in dem Mentorenprogramm und als Aktivistin.

Tief in ihrem Inneren verborgen hat Burke aber in all dieser Zeit zwei eigene verstörende Begegnungen mit sexuellen Übergriffen aus ihrer Kindheit. Bei ihrer Arbeit als Mentorin begegnen ihr immer wieder Kinder, vor allem Mädchen, mit ähnlichen Erfahrungen – und dass sie ihnen nicht adäquat helfen kann, bricht ihr das Herz.

Als schliesslich ihrer eigenen Tochter in Selma ebenfalls Ähnliches widerfährt, bricht es aus Burke heraus – sie merkt, sie muss sich mit ihrer eigenen Geschichte konfrontieren und diese erzählen, und sie muss einen Weg finden, anderen Betroffenen zu helfen.

Seitdem hält Burke Vorträge und entwickelt und leitet entsprechende Jugendprogramme. «Ermächtigung durch Empathie» ist dabei ihr Leitmotto. Aus #MeToo hat die inzwischen mit vielen Auszeichnungen geehrte Burke längst auch eine ganze wohltätige Vereinigung gemacht.

Fortschritte erzielt

Als die beiden Worte aber 2017 über die sozialen Medien durch die Welt gingen – angeführt von prominenten Schauspielerinnen wie Alyssa Milano – sei sie erstmal geschockt und überwältigt gewesen, erinnert sich Burke gleich zu Beginn ihres Buches. So viele Jahre hatte sie da schon mit diesem Schlagwort gearbeitet und oft erfolglos um Anerkennung und Unterstützung gekämpft.



Sie habe zunächst Angst gehabt, dass das alles aus dem Kontext gerissen und ihr weggenommen werden würde, schreibt Burke. Dann aber sei ihr klar geworden, wie vielen Menschen auf der Welt damit gerade geholfen werde und sie habe Wege gefunden, sich und ihre Arbeit an die Spitze der Bewegung zu setzen.

Rückblickend seien in den vergangenen Jahren «absolut» Fortschritte erzielt worden, sagt Burke – warnt aber auch davor, diese nur an Verurteilungen wie der von Weinstein festzumachen. «Die Frage ist doch: Was hat MeToo möglich gemacht?»

Von Christina Horsten, dpa