Rüdiger Nehberg: «Ich war gar nie verschollen»

Bruno Bötschi

7.1.2020 - 06:55

Rüdiger Nehberg über seine Survivaltrainings: «Ich wollte nicht nur über über das Thema lesen, ich wollte das alles auch selber anwenden und Neues erkunden. Ich wollte wissen, wie man ein Iglu baut. Und ich wollte auch wissen, wie ich mich aus einem brennenden Haus retten kann.»
Bild: Nehberg

Rüdiger Nehberg, 84, hat Urwälder und Ozeane bezwungen. Mit den Jahren wurde aus dem Abenteurer ein Menschenrechtsaktivist. Ein Gespräch über das Leben in der Wildnis, den Kampf gegen die Genitalverstümmelung und den Tod.

Herr Nehberg, ich gestehe: Als junger Mann habe ich Sie gehasst.

Warum denn das?

1989 assen Sie in der Sendung ‹Eins zu Eins: Steinzeit-Survival› live am Schweizer Fernsehen Insekten und Würmer. Das hat mir Albträume beschert.

Ach so, das meinen Sie.

Sie sassen damals als Motivator im Fernsehstudio und gaben den Kandidaten, drei Frauen und drei Männern, aus der Ferne Tipps, wie Sie am besten in einem abgelegenen Waldstück im Jura überleben könnten. Sie erzählten unter anderem, dass Heuschrecken wie Haselnüsse schmecken. Warum sassen Sie damals eigentlich im Studio und waren nicht draussen im Wald unterwegs?

Sie haben recht, das habe ich mich auch gefragt. Ich wäre lieber in der Natur unterwegs gewesen. Leider war dies nicht das Konzept der Sendung. Die Kandidaten sollten allein auf sich gestellt sein und ohne zivilisatorische Hilfsmittel zwei Wochen lang überleben.

Heute gibt es frittierte Heuschrecken, Mehlwürmer und Mottenlarven sogar im Supermarkt als Nahrungsmittel zu kaufen – essen Sie die auch?

Kürzlich war ich für einen Vortrag im Wallis. Dort traf ich einen Mann, der in Zürich eine Insektenfarm betreibt. Er gab mir Kekse aus Mehlwürmern zum Probieren.

Und?

Ich habe ihm gleich 500 Gramm weggegessen, so lecker waren die.

Rüdiger Nehberg über Schlangen: «Schon als Kind war ich von ihnen angetan. Mich beeindruckte, wie diese Lebewesen ohne Arme und Beine wunderbar klarkommen.»
Bild: Nehberg

Welche Krabbeltiere sind für Sie Delikatessen – und welche würden Sie zum regelmässigen Verzehr empfehlen?

Mehlwürmer und Heuschrecken mag ich am liebsten. Während meiner Reisen in den Amazonas ernährte ich mich zudem oft von Nüssen, die von Stachelpalmen gefallen waren. Hin und wieder steckten darin auch fingerkuppen-dicke Raupen …

… die Sie auch gegessen haben?

Ja, natürlich – die schmeckten genauso lecker wie die Nüsse, aus denen sie entstanden sind, nur zarter, cremiger, süsslicher und fettiger.

Was fasziniert Sie an der Wildnis?

In der Natur sieht man, wie alles funktioniert und miteinander zusammenhängt – von der Mücke bis zum Wal. Das hat mich von klein auf fasziniert. Besonders angetan war ich als Kind von Schlangen. Mich beeindruckte, wie diese Lebewesen ohne Arme und Beine wunderbar klarkommen. Mein Vater war es, der mich als Erster mit Schlangen bekannt gemacht hat.

Hat Ihnen der Vater auch sonst die Welt erklärt?

Na ja, die Welt erklärt eher nicht. Mein Vater war Beamter, ich aber war lieber in der Natur unterwegs. Wäre es nach meinem Vater gegangen, wäre ich Banker geworden. Ich absolvierte auch eine Probezeit auf der Bank. Aber schon nach einer Woche bekam ich eine schreckliche Migräne und war kaum mehr ansprechbar. Das Vergleichen von Zahlen und mich mit dem Reichtum anderer Menschen zu beschäftigen, war nicht mein Ding. In der Folge entschied ich mich für das Lebensmittelgewerbe und lernte Konditor.

Nochmals: Wer hat Ihnen die Natur erklärt?

Ich ging oft mit meinen Eltern spazieren. Während dieser Ausflüge haben mir mein Vater und meine Mutter das eine oder andere erklärt. So richtig mit der Pflanzen- und Tierwelt auseinandergesetzt habe ich mich erst, als ich mich als erwachsener Mensch zum ersten Mal mit dem Thema ‹Survival› beschäftigt habe.

Sie arbeiteten als Konditor in Hamburg, waren Besitzer eines Geschäftes mit 50 Mitarbeitern. Wie sind Sie auf das Thema ‹Survival› gekommen?

Durch Bücher, die ich mir in den USA besorgt hatte. Schnell realisierte ich jedoch, dass die Autoren ihre Tipps oft gar nicht selber getestet hatten. Einer hatte vom anderen abgeschrieben und war über das kleine Einmaleins des Survival nicht hinausgekommen. Ich wollte aber nicht nur über das Thema ‹Survival› lesen, ich wollte das alles auch selber anwenden und Neues erkunden. Ich wollte wissen, wie man ein Iglu baut. Und ich wollte auch wissen, wie ich mich aus einem brennenden Haus retten oder wie lange ich ohne Nahrung überleben kann.

Rüdiger Nehberg (zusammen mit einem Waiãpi-Indianer im Urwald Brasiliens) über sein Leben als Abenteurer: «Es hat mich sehr befriedigt. Und wenn ich damit etwas bewirken kann, das sozial verträglich ist, dann beglückt es sogar. Aber das erkannte ich zu spät. Ich war anfänglich zu fixiert auf meinen angestammten Beruf.»
Bild: Nehberg

Wie ging es weiter?

Ich fing an, mich selber zu trainieren. Ich fuhr etwa zu einem gefrorenen See, hackte Löcher in das Eis und tauchte von Loch zu Loch. Wenn man sich für etwas interessiert, lernt man auch ganz schnell Spezialisten kennen, die bereit sind, ihr Wissen weiterzugeben. Ich war zwar nie selber Soldat, durfte aber an vielen Trainings der Bundeswehr teilnehmen. Revanchiert habe ich mich jeweils mit ‹Survival›-Vorträgen, während denen ich etwa davon erzählte, wie ich mich von einer Riesenschlange probewürgen liess.

Was trieb Sie an?

Vielleicht leide ich an einem Helfersyndrom. Und ich mag Abenteuer und wollte immer ein spannendes Leben haben. Wie eingangs gesagt: Ich bin nicht dafür gemacht, im Büro zu hocken und zu schauen, was der andere als Brotbelag hat. Ich wollte immer etwas tun, wollte raus in die Natur.

Begonnen hat Ihre Karriere als ‹Survival-Papst›, wie Sie der ‹Spiegel› einmal genannt hat, vor fast 50 Jahren: Damals befuhren Sie mit einem Floss den Blauen Nil in Äthiopien. Bei einer weiteren Expedition 1975 auf dem Fluss wurden Sie überfallen und Ihr Kameramann erschossen. Hat Sie dieses Unglück nie von weiteren Abenteuern abgehalten?

Nein, keine Sekunde lang – wir waren damals zu dritt unterwegs, und uns allen war sehr wohl bewusst, dass so etwas passieren kann. Im Strassenverkehr geschehen auch tagtäglich tödliche Unfälle, und trotzdem überqueren wir weiterhin Strassen.



Sie scheinen ein furchtloser Kerl zu sein. Gibt es trotzdem Tiere, Pflanzen oder Wetterereignisse, vor denen Sie sich fürchten oder zumindest Respekt haben?

In all den Jahren habe ich festgestellt: Tiere und das Wetter sind fast zu hundert Prozent einschätzbar. Das einzig Unkalkulierbare bleibt der Mensch – ihn kann man nur richtig einschätzen, wenn man mit dem Schlimmsten rechnet und sich freut, wenn es weniger schlimm kommt.

Es gibt also kein Tier auf der Welt, vor dem Sie Angst haben?

Angst nicht, aber Respekt schon. Wer Angst ignoriert, kann schnell tot sein.

Mit den Jahren wurden Sie vom Abenteurer immer mehr zum Menschenrechtsaktivisten. Man könnte sagen, Sie sind einer der Vorgänger von Greta Thunberg. Sehen Sie das auch so?

Ja und nein. Greta ist viel radikaler als ich. Was auch damit zu tun hat, dass sie in einer anderen Notsituation steckt. Die heutige Jugend muss ausbaden, was wir, die älteren Generationen, ihr eingebrockt haben.

Sie sind ein Fan von Greta?

Ich mag Greta und finde ihre Konsequenz beispielhaft. Greta sollte eine Mahnung für alle Politikerinnen und Politiker sein, die heute ständig von irgendwelchen Klimazielen für 2030 oder 2050 reden. Zu diesem Zeitpunkt werden diese Leute wahrscheinlich gar nicht mehr leben. Sie können deshalb auch nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Klar ist, unsere Welt wird schneller vor die Hunde gehen, als heute viele Politiker bereit sind zu handeln. Als Politikerin oder Politiker ist man eingebunden in die Behäbigkeit der Demokratie. Die grössten Probleme stellen in meinen Augen die Überbevölkerung und die Masslosigkeit des Menschen dar. Es widerspricht der Natur eines jeden Lebewesen, sich nicht zu optimieren – Survival of the fittest.

Rüdiger Nehberg über Greta Thunberg: «Ich finde, ihr Einsatz ist toll. Und nein, für mich ist sie keine ferngesteuerte Puppe. Wer Interviews von ihr hört, spürt ihre Schlagfertigkeit. Greta ist eine junge, kluge und verantwortungsbewusste Frau.»
Bild: Nehberg

Was ist die junge schwedische Klima-Aktivistin für Sie – eine Ikone oder eine ferngesteuerte Puppe?

Wie gesagt: Ich finde, Gretas Einsatz ist toll. Und nein, für mich ist sie keine ferngesteuerte Puppe. Wer Interviews von ihr hört, spürt ihre Schlagfertigkeit. Greta ist eine junge, kluge und verantwortungsbewusste Frau. Bei ihrer Rede vor der UNO habe ich stehend vorm Fernseher applaudiert.

Auch Sie rütteln immer wieder mit spektakulären Aktionen die Öffentlichkeit auf. So überquerten Sie 1989 mit einem Tretboot den Atlantik, um auf das Schicksal des Indianervolkes Yanomami im Amazonas, Brasilien, aufmerksam zu machen.

Nachdem ich die Yanomami in ihrem Riesenwald gefunden hatte, musste ich feststellen, dass sie und ihr Lebensraum durch Goldgräber bedroht waren. Ich wurde Augenzeuge eines drohenden Völkermordes – irgendwann wurde mir klar: Die Ureinwohner können sich nicht selbst helfen, die Hilfe muss von aussen kommen. Wenn ich nichts tue, degradiere ich mich zum Mittäter. In der Folge schrieb ich ein Buch über die Yanomami, das aber nur wenig bewegte. Ich brauch­te mehr Aufmerksamkeit. Misserfolge haben mich nie deprimiert. Im Gegenteil: Sie ­haben meine Kreativität gesteigert.

Das Problem bei der Planung Ihrer Tretboot-Reise: Sie hatten keine Ahnung von Navigation …

… aber wie so oft im Leben hatte ich Glück. Bei mir in der Nähe wohnte ein alter Kapitän, der mir alles erklärte. Da es damals noch kein GPS gab, war die Navigation nur mit einem Sextanten möglich. Und der Mann hatte auch noch andere praktische Tipps: Er warf einige Stücke Styropor ins WC und betätigte die Spülung. Als sich das Wasser wieder beruhigt hatte, schwammen die Styroporstücke unversehrt an der Oberfläche. Genauso so müsse mein Boot funktionieren, meinte er, nichts dürfe untergehen.

Rüdiger Nehberg über die Yanomami: «Nachdem ich sie gefunden hatte, musste ich feststellen, dass sie und ihr Lebensraum durch Goldgräber bedroht waren. Ich wurde Augenzeuge eines drohenden Völkermordes – irgendwann wurde mir klar: Die Ureinwohner können sich nicht selbst helfen, die Hilfe muss von aussen kommen. Wenn ich nichts tue, degradiere ich mich zum Mittäter.»
Bild: Nehberg

Was faszinierte Sie an den Yanomami?

Die Yanomami kennen kein Fortschritts- und Gewinndenken. Es gibt keine Überbevölkerung und keinen Abfall. Sie denken nicht ständig an Morgen. Sie nehmen einen Tag nach dem anderen. Ihre Lebensform hat mich fasziniert und deshalb habe ich wohl einen Narren an ihnen gefressen.

Im Jahr 2000 erreichten Sie, dass die Yanomami, eines der letzten Urvölker im brasilianischen Regenwald, anerkannt und geschützt wurde. Und wie geht es den Yanomami heute?

Die Yanomami leben nach wie vor in einem akzeptablen Frieden. Es gibt zwar nach wie vor Goldgräber in der Region, aber deutlich weniger als noch in den 1980er-Jahren. Die Yanomami haben einen sehr weisen Häuptling: Davi Kopenawa wurde in diesem Jahr mit dem alternativen Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Kopenawa ist es sehr wohl bewusst, dass der Friede nicht ewig währen wird, weil die Habgier von aussen weiterwachsen wird. Deshalb verlässt er auch immer wieder die Schutzzone – um seine Gegner kennenzulernen und darauf vorbereitet zu sein, wenn diese in Zukunft den Druck wieder erhöhen sollten.

2003 waren Sie im Amazonas unterwegs und galten während 25 Tagen als verschollen. War das Ihr Grenzerlebnis schlechthin?

Es heisst immer wieder, ich sei verschollen gewesen. Das ist Sensationsmache einiger Medien und mir nur peinlich. Ich wusste damals immer, wo ich war. Es gibt in meinen favorisierten Gebieten keine Briefkästen, und ich reise ungern mit Satellitentelefon.

Sondern?

Für mich war das keine besondere Situation, denn ich wusste während der ganzen Zeit, wo ich bin.



Sie hatten sich von einem Hubschrauber aus 50 Metern und nahezu ohne jegliche Ausrüstung in den Urwald abseilen lassen, um den Regenwald mit all seinen Gefahren, wie zum Beispiel den giftigen Pflanzen und Tieren, zu bezwingen.

Ehrlich gesagt, ich war sogar froh, dass ich damals nach einigen Tagen eine Solarplatte verlor und deshalb mein Telefon irgendwann nicht mehr funkioniert hat. Denn mein Ziel war es ja, ohne technische Hilfsmittel klarzukommen.

Und den Fotoapparat, den Sie in einem Gummisack dabei hatten?

Das war immer ein Kompromiss an mich selbst, um einige Dokumente nach Hause mitbringen zu können.

Wie wussten Sie, welche Tiere, welche Pflanzen man essen kann?

Das wusste ich vom Survival her. Das meiste ist essbar. Käfer generell nicht so, die schmecken einfach nicht, Mücken und Würmer hingegen schon. Das Ufer war voll mit Würmern, wenn man den Schlamm aufriss – es sah aus wie Spaghetti auf dem Teller.

Rüdiger Nehberg über seinen grössten Verdienst in Sachen Genitalverstümmelung: «In Kairo haben wir 2006 eine internationale Gelehrtenkonferenz veranstaltet. Der Erfolg war, dass diese hohen religiösen Koryphäen eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, beschlossen haben: ‹Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen, das höchste Werte des Islam verletzt.›»
Bild: Nehberg

Seit bald 20 Jahren treten Sie und Ihre Frau Annette mit Ihrem Verein Target für ein Ende der Verstümmelung weiblicher Genitalien ein. Was bewog Sie dazu, diesen Kampf aufzunehmen?

Als die Yanomami im Amazonas endlich Frieden hatten, brauchte ich eine neue Aufgabe. 1977, also schon Jahre vorher, war ich mit einer Karawane in der Danakilwüste unterwegs gewesen. In Eritrea begegnete mir damals eine junge Frau, die offen über ihre Genitalverstümmelung sprach. Ich konnte mir damals aber nicht vorstellen, dass man als Fremder sich solcher Tradition entgegenstellen könnte. Durch die Erfahrungen mit den Yanomami hat sich das geändert. Ich lernte, dass niemand zu gering ist, die Welt zu verändern. Deshalb traute ich mich im Jahr 2000 erstmals gegen die Genitalverstümmelung Front zu machen.

Auch bei anderen Völkern gibt es brutale Bräuche. Warum können Sie die Beschneidung nicht als einen Brauch einer anderen Kultur akzeptieren?

Also bitte, das hat doch eine ganz andere Dimension. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es 6'000 bis 8'000 Opfer. Viele der Mädchen sterben an Infektionen, Blutverlust oder Schock – und die, die durchkommen, haben ihr Leben lang Schmerzen und sind ihrer Würde beraubt. Es sind übrigens nicht nur die Muslimen, die ihre Mädchen beschneiden, auch die Christen tun es.

Was ist Ihr grösstes Verdienst in Sachen Genitalverstümmelung bisher?

In Kairo haben wir 2006 in der Azhar eine internationale Gelehrtenkonferenz veranstaltet. Der Grossmufti von Ägypten, Ali Gum’a, hat dafür sogar die Schirmherrschaft übernommen. Der Erfolg war, dass diese hohen religiösen Koryphäen eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, beschlossen haben: ‹Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen, das höchste Werte des Islam verletzt.› Das hat sich aber leider nicht wie erhofft um die Welt verbreitet. Die Scham, über den Unterleib der Frau zu sprechen, ist grösser geblieben als der Verstand. Wir haben die Konferenz später dokumentiert im sogenannten ‹Goldenen Buch›, einer Predigtvorlage für Imame in den Moscheen.

Auch in Ihren Vorträgen ist die Verstümmlung ein grosses Thema.

Stellen Sie sich einmal vor: Vor Ihren Augen werden einem Mädchen in einer Hütte von einer traditionellen Verstümmlerin die äusseren Geschlechtsteile abgeschnitten, ohne Betäubung, mit einer Rasierklinge, fixiert von den Händen der Mutter und denen der Tanten. Sie können nichts tun, denn es ist jahrtausendealte, unentrinnbare Tradition. Das zu dokumentieren, war die Aufgabe meiner Frau Annette. Es war so schrecklich, dass sie bis heute Albträume deswegen verfolgen. Sie hat es aber geschafft, diese Tragödie, diese Beleidigung des Islams zu filmen. Und diesen Film durfte sie 2006 während der Gelehrtenkonferenz in der Azhar vorführen. Nie zuvor hat es das gegeben. Bilder überzeugen.

Rüdiger Nehberg über seine Frau: «Wenn mich mein Optimismus doch einmal verlässt, hilft mir Annette und packt ihren Optimismus oben drauf – und dann passt es wieder.»
Bild: Nehberg

Was ist Ihr nächstes Ziel?

Mein letztes Ziel ist die Kooperation mit Saudi-Arabien. Dort werden Frauen zwar nicht verstümmelt, aber wenn in Mekka am Geburtsort des Propheten und Islam allen Pilgern verkündet würde: ‹Ihr beleidigt die Religion, ihr beleidigt Allah, unser aller Schöpfer, wenn ihr eure Mädchen verstümmelt›, dann hätte das eine unglaubliche Kraft. Aber diese Ächtung darf nur der saudische König verkünden. Bisher sind wir mit unserem Anliegen aber noch nicht bis zu ihm durchgedrungen. Und das trotz prominenter Unterstützung.

Waren Sie selber schon in Saudi-Arabien?

Ja – wir haben es sogar bis zum Generalsekretär des Grossmufti und bis zur OIC, der islamischen UNO, geschafft. Bisher allerdings ergebnislos. Wer weiss, vielleicht ist jemand unter den «Bluewin»-Leserinnen und -Lesern, der den Kontakt zum Königshaus herstellen kann.

Sie sagten einmal, Sie seien ein Tollpatsch, der viel Glück gehabt habe. Wieso haben gerade Sie so viel Glück?

Glück gehört letztlich immer dazu. Ich wollte jedoch lieber kurz und knackig leben als lang und langweilig. Ich war deshalb auch bereit, allenfalls einen früheren Tod in Kauf zu nehmen.

Sie werden nächstes Jahr 85 …

… da kommen Sie auch noch hin.



Wenn Sie zurückblicken: Was hätten Sie in Ihrem Leben anders machen wollen?

Das Leben als Abenteurer befriedigt mich sehr. Und wenn ich damit etwas bewirken kann, das sozial verträglich ist, dann beglückt es sogar. Aber das erkannte ich zu spät. Ich war anfänglich zu fixiert auf meinen angestammten Beruf. Als Besitzer einer Konditorei hatte ich Verantwortung und wollte natürlich auch nicht Pleite gehen. 1990 habe ich sie verkauft. Die Konditorei existiert übrigens immer noch, ich habe sie einem ehemaligen Mitarbeiter verkauft. Im Nachhinein sage ich deshalb: Das hätte ich 20 Jahre früher machen sollen, dann hätte ich 20 Jahre mehr sinnerfülltes Leben gehabt.

Sie sagten einmal, Stillstand sei nichts für Sie. Sie halten mit 84 nach wie vor regelmässig Vorträge. Wie schaffen Sie das?

Ach, ich bin schon etwas lädiert. Meine Kräfte sind reduziert, und ich muss mich auf diese Restsubstanz einstellen. Kürzlich habe ich mir ein Bein verdreht, deshalb gehe ich gerade an einer Krücke. Wenn ich zurück in Hamburg bin, muss ich mich einer Knieoperation unterziehen.

Demnächst soll auch wieder ein Buch von Ihnen erscheinen.

Im Frühling 2020 ist es so weit. Das Buch hat den Titel ‹Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen›. Das ist eine alte Beduinenweisheit, und ich finde, die passt gut zu mir. Das Buch wird eine Art Lebenslauf sein.

Rüdiger Nehberg über seine Zukunft: «Auf Trab hält mich unser Grossprojekt ‹Geburtshilfeklinik› in Afar, Äthiopien, ein Zufluchtsort für geschändete Frauen. Das ist eine der Aufgaben, für die  ich während meinen Vorträgen um Unterstützung werbe.»
Bild: Nehberg

Wer so riskante Abenteuer unternimmt, muss sich zwangsläufig auch mal mit seinem Tod beschäftigen. Wie stellen Sie sich Ihr Lebensende vor?

Ich will mein Bestes geben, so lange ich kann, um meine Vision für Mekka Realität werden zu lassen. Und irgendwann, hoffentlich unerwartet und plötzlich, wird dann meine Zeit vorbei sein.

Über Ihr eigenes Sterben sagten Sie 2014, dass Sie nie in einem Altersheim leben möchten.

Dem ist immer noch so.

Weiter sagten Sie: ‹Ich möchte auch den Tod im Griff haben …›

Stopp! Ich will nicht mehr über den Tod reden. Lassen Sie uns über das Leben reden. Ich habe noch so viele Pläne. Und wenn mich mein Optimismus doch einmal verlässt, packt meine Frau Annette ihren oben drauf – und dann passt es wieder.

Während Ihrer Vorträge spürt man, dass Sie nach wie vor viel Power haben. Wo finden Sie diese Kraft?

Das Projekt Genitalverstümmelung, dieses Grauen des Verbrechens, hat in meiner Frau und mir eine Wut, eine Ohnmacht, aber auch viel Fantasie und Kreativität ausgelöst. Wir haben den versehrten Mädchen geschworen: Wir können euch nicht retten, aber so lange wir leben, werden wir dafür kämpfen, dass eure Kinder und Kindeskinder nicht mehr diese Qual erleben müssen. Dieser Kampf gibt mir Kraft. Auf Trab hält mich zudem unser Grossprojekt ‹Geburtshilfeklinik› in Afar, Äthiopien, ein Zufluchtsort für geschändete Frauen. Das sind die Aufgaben, für die wir bei unseren Zuhörerinnen und Zuhörern um Unterstützung werben. Ansonsten wäre ich längst Rentner geworden und würde mich wahrscheinlich gerade fragen, wann endlich das nächste Horoskop- und das nächste Kreuzworträtsel-Heft im Briefkasten liegen wird.

Noch mehr Infos über das Leben von Rüdiger Nehberg und den Projekten seines Vereins Target finden sich hier.

«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.
Bild: zVg
Das sind die zwölf verrücktesten Pflanzen der Welt
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