Schreiben unter Druck – Achtung, Crash-Gefahr

Mark Salvisberg

2.2.2021 - 17:56

A stressed and upset businessman with grunge glasses is shouting while two steam jets go out from his ears.
Unter Zeitmangel etwas schnell und fehlerfrei abliefern zu müssen – keine leichte Aufgabe. 
Bild: Getty Images

Pressiert’s, passiert’s, im Strassenverkehr wie in der Sprache. Bald wird falsch geschaltet, bald geraten Gas und Bremse durcheinander.

Zeitdruck ist der Feind des durchdachten Satzes. Wir können nichts dafür, unter Stress machen wir Fehler, die naturgemäss nicht auf Zustimmung stossen. Auf Zustimmung ... stossen?

Ups, diesen Zusammenstoss habe ich gerade noch verhindert. Man stösst sich den Kopf an der Tür, stösst auf anderes Ärgerliches: auf Widerspruch, Ablehnung, Missfallen. Zustimmung ist etwas Schönes, Willkommenes. Zustimmung findet man.

Wenn Unkonzentriertheit ein Gesicht bekommt

Ein Zeitungsredaktor lieferte mir einst folgenden Titel ab: «Welche neuen Gesichter sitzen im Ständerat?» Stoppsignal! Gesichter können nicht sitzen. Da fiel mir gleich ein Satz meiner Grossmutter ein: «I de RS muesch dänn uf d Schnurre hocke!» Korrekt würde die Überschrift lauten: «Welche neuen Namen finden sich im Ständerat?» oder «Wer sitzt neu im Ständerat?» sowie «Welche neuen Gesichter hat es ...?»

Sprachlich zu kurz gehupft

Live-Berichterstatter sind eine geprüfte Spezies, für sie ist es besonders schwierig, sprachlich in der Spur zu bleiben. Das zeigt ein Beispiel aus dem Skispringen. Nach der Hälfte des Wettkampfs fragte die Moderatorin: «Welcher Name könnte noch ein Wörtchen mitreden?» Treffend wäre gewesen: Welcher Athlet oder einfach wer könnte ...? Namen reden nicht.

Angesichts solcher Fehler stellen sich wichtige Fragezeichen. Rote Ampel! Es stellen sich Fragen. Oder man setzt hinter etwas ein Fragezeichen.

Wenn es ums Reingemachte geht

Zuweilen sagen Fussballtrainer, der Spieler XY hätte seine «Chancen reinmachen» müssen. Da ist wohl das Gaspedal hängen geblieben: Es wird natürlich nicht die Chance reingemacht, sondern verwertet, indem man das Runde ins Eckige befördert.

Satz mit Vitaminmangel

Auch hier orte ich Unkonzentriertheit am Steuer: «Salate, Früchte und Gemüse verfügen in diesen Tagen über einen speziellen Trumpf.» Warum «in diesen Tagen»? Das Grünzeug ist immer gesund, jedoch winters vermehrt zu empfehlen. Dazu kommt, dass man nicht über einen Trumpf «verfügt», sondern dass etwas Trumpf ist. Ausserdem ist ein Trumpf ohnehin speziell, das Adjektiv ist entbehrlich.

Der Urheber des abschliessenden Beispiels wäre für eine kurze Denkpause besser auf die Bremse getreten: «Ein Bild, das viele Menschen und damit einiges bewegt hat.» Wenn Menschen bewegt werden, geht es um Gefühle. Wenn gesagt wird, jemand habe einiges bewegt, dann hat er oder sie etwas erreicht. Für beides wurde dasselbe Wort verwendet. Über diese Art Fehler, Zeugma mit Namen, hatte ich vor längerem berichtet.

Sich fürs Schreiben Zeit zu nehmen, lohnt sich; die Gefahr von Crashs und Pannen vermindert sich dadurch erheblich.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute täglich journalistische Texte bei einer Tageszeitung.


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