Hochaltrigkeit

So leben und sterben über 80-Jährige in der Schweiz

Von François Höpflinger

22.4.2020

Mehr alte Menschen als früher fühlen sich in der Schweiz auch nach 80 gesundheitlich gut. (Symboldbild)
Bild: Getty Images

Die Zahl von hochaltrigen Menschen in der Schweiz steigt stetig. Wie fällt die Situation von über 80-Jährigen hinsichtlich Gesundheit, Zufriedenheit, Familie und Finanzen – und auch hinsichtlich des Lebensendes aus? 20 Thesen.

Der bekannte Altersforscher François Höpflinger hat für den Schweizer Sterbehilfe-Verein Exit die 20 wichtigsten Punkte zum Thema «Hochaltrigkeit» zusammengestellt.

1. Ab wann Hochaltrigkeit beginnt, ist angesichts der Heterogenität von Altersprozessen umstritten, aber nach dem 80. und 85. Lebensjahr steigen die Risiken gesundheitlicher Einschränkungen und sozialer Verluste deutlich an.

2. Je nach Bevölkerungsszenarium wird sich der Bevölkerungsanteil der 80-jährigen und älteren Menschen von heute gut 5,5 Prozent bis 2045 auf zehn bis elf Prozent erhöhen. Die Hochaltrigen gehören zur Bevölkerungsgruppe mit dem schnellsten Wachstum.

3. Obwohl ein hohes Lebensalter mit erhöhten gesundheitlichen Risiken und Polymorbidität verbunden ist, zeigt sich insofern ein positiver Trend, als der Anteil der Menschen 80+, die ihre Gesundheit als gut bis sehr gut einschätzen, angestiegen ist. Mehr alte Menschen als früher fühlen sich auch nach 80 gesundheitlich gut.

Zur Person: François Höpflinger
Bild: zVg

François Höpflinger ist Titularprofessor für Soziologie ander Universität Zürich. Der Horgner ist spezialisiert auf Generationenfragen und -beziehungen.

4. Bis zum Alter 80 sind weniger als zehn Prozent alltagsbezogen pflegebedürftig. Bei den 80- bis 84-Jährigen ist noch weniger als ein Siebtel auf externe Alltagshilfen angewiesen. Bei den 85- bis 89-Jährigen ist es jedoch schon gut ein Viertel, und 90-jährige und ältere Frauen und Männer ihrerseits sind zu mehr als die Hälfte auf alltagsbezogene Hilfe- und Pflegeleistungen angewiesen.

5. Mit steigendem Lebensalter erhöht sich das Risiko einer demenziellen Erkrankung. Gegenwärtig leiden gut 30 Prozent der 80- bis 89-Jährigen und gut 45 Prozent der 90-jährigen und älteren Menschen der Schweiz an einer demenziellen Erkrankung (und damit an Einschränkungen ihrer Urteilsfähigkeit).

6. Bis ins höchste Lebensalter lebt die Mehrheit alter Menschen in einer privaten Wohnung, wobei mit steigendem Lebensalter Alleinleben häufiger wird, primär aufgrund einer Verwitwung. In der Schweiz leben nur wenige alte Frauen und Männer mit ihren erwachsenen Kindern zusammen.

Mit steigendem Lebensalter erhöht sich das Risiko einer demenziellen Erkrankung. (Symboldbild)
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7. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der Anteil alter Menschen verringert, die in Alters- und Pflegeheimen wohnen. Einerseits leben heute mehr alte Menschen auch nach 80 ohne starke funktionale Einschränkungen. Andererseits kam es zu einer Verlagerung von stationärer zu ambulanter Pflege und Betreuung.

8. Lebenssituation sowie Überlegungen zum Lebensende werden im Alter in starkem Masse durch Ehe- und Familiensituation beeinflusst. Wichtig ist etwa, ob jemand in einer Partnerschaft lebt sowie ob Nachkommen (Kinder, Enkelkinder) vorhanden sind. Mit steigendem Lebensalter erhöht sich – speziell bei Frauen – das Risiko einer Verwitwung, wodurch eine wesent- liche Bezugsperson wegfällt.

9. Die heute alten Frauen und Männer haben grossmehrheitlich Nachkommen. Erwachsen gewordene Kinder sind im Alter oft bedeutsame Bezugs- und Unterstützungspersonen. Auch bei Entscheiden für oder gegen einen assistierten Suizid spielen Angehörige eine bedeutsame Rolle (in positiver wie negativer Hinsicht).

10. Dank allgemeiner Wohlstandssteigerung und Ausbau der Altersversorgung hat sich die wirtschaftliche Lage vieler älterer Menschen verbessert, und die Mehrheit der heute älteren und alten Menschen ist mit ihrer finanziellen Situation zufrieden. Allerdings ist Armut im Alter auch in der Schweiz nicht verschwunden, und eine beträchtliche Minderheit älterer und alter Menschen kämpft mit engen finanziellen Spielräumen.



11. Die Datenlage zur Lebenszufriedenheit und zur psychischen Befindlichkeit alter Frauen und Männer in der Schweiz ist lückenhaft, aber vorliegende Daten lassen keine generelle Abnahme der Lebenszufriedenheit im Alter erkennen. Freude am Leben bleibt für eine Mehrheit auch sehr alter Menschen hoch. Was sich im hohen Lebensalter verringert, ist das Gefühl voller Energie/optimistisch zu sein.

12. Bei den negativen Gefühlen werden tägliche Sorgen und Traurigkeit im Alter relativ am häufigsten erwähnt, wohingegen Stress und Angst weniger angeführt werden. Höhere Werte im Alter ergeben sich allerdings in Bezug auf depressive Stimmungen und Ängstlichkeit. Oft ergeben sich negative Veränderungen des psychischen Befindens nicht aufgrund des hohen Lebensalters, sondern als Folge chronisch-funktionaler Einschränkungen gegen Lebensende. Lebensmüde werden alte Menschen nicht so sehr, weil sie alt sind, sondern weil das Leben gegen Lebensende mühsam und beschwerlich wird.

13. Zu den immer wieder aufgeführten Behauptungen gehört, dass Einsamkeit im Alter im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung an Bedeutung gewann, da unsere Gesellschaft anonymer und unsolidarischer geworden sei. Ein Zeitvergleich der Einsamkeitsgefühle bei alten Menschen widerlegt diese Behauptung. Der Anteil der sich einsam fühlenden 80-jährigen Frauen und Männer ist in den letzten Jahrzehnten eher gesunken als angestiegen. Einsamkeit im Alter existiert, ist aber weniger häufig als in früheren Jahrzehnten.



14. Immer mehr Menschen sterben in einem hohen Lebensalter. Das Alter beim Tod hat sich erhöht. Die These, dass Sterben und Tod tabuisiert werden, stimmt heute nur bedingt, wenn überhaupt. Dabei sind Frauen zum Thema «Tod und Sterben» sensibilisierter als Männer. Im Alter ist der Wunsch, rasch zu sterben, assoziiert mit Einsamkeit, depressiver Stimmung, unerfüllten spirituellen Bedürfnissen sowie dem Gefühl, anderen Menschen zur Last zu fallen.

15. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung wünscht im vertrauten häuslichen Umfeld zu sterben, aber die meisten Menschen sterben heute im Spital und Pflegeheim. Dabei nimmt der Anteil der Menschen, die in Pflegeheimen sterben, mit steigendem Alter zu, und von den über 90-jährigen Verstorbenen sterben nahezu vier Fünftel in einer Alters- und Pflegeeinrichtung.

16. In den meisten Ländern – und auch der Schweiz – sind Suizidraten rückläufig. Die Gründe dafür sind vielfältig, von verbesserter sozialer Absicherung, reduzierter Arbeitslosigkeit, vermehrter Behandlung depressiver Symptome, ausgebauter Notfallhilfe bei Suizidversuchen bis hin zu gezielter Suizidprävention.

17. Werden Suizidraten nach Geschlecht und Alter aufgegliedert, zeigen sich zwei bedeutsame Unterschiede: Erstens sind Suizide bei Männern in jedem Alter deutlich höher als bei Frauen. Zweitens erhöhen sich – vor allem bei Männern – die Suizidraten mit steigendem Lebensalter und die 85-jährigen Menschen weisen die höchsten Suizidraten auf.



18. Werden Krankheiten betrachtet, die mit einem (unbegleiteten) Suizid in Zusammenhang stehen, zeigt sich, dass 50 bis 70 Prozent der Menschen, die Suizid begehen, an einer Depression leiden. Bei assistierten Suiziden hingegen zeigt sich ein anderes Bild. Hier fallen vor allem Krebsleiden und neurodegenerative Erkrankungen ins Gewicht.

19. Wer auch im hohen Lebensalter über seine medizinische Behandlung beziehungsweise Nichtbehandlung und sein Lebensende autonom bestimmen will, tut gut daran, seine Wünsche zu einem Zeitpunkt zu deklarieren, wo Fragen der Urteilsfähigkeit noch nicht akut werden.

20. Auch 80-jährige und ältere Menschen äussern heute häufiger ihre Behandlungswünsche als früher. Der Anteil alter Menschen, die einen Vorsorgeauftrag und eine Patientenverfügung verfasst haben, hat sich in den letzten Jahren erhöht.

Hinweis: Ausführliche Informationen zur Lebenssituation von über 80-jährigen Frauen und Männern in der Schweiz sind abrufbar unter exit.ch/freitodbegleitung/altersfreitod von Prof. Dr. phil. François Höpflinger.

Der Text von Altersforscher François Höpflinger erschien zuerst im Magazin der Sterbeorganisation Exit.

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