«So spitz ging es im Ballett manchmal zu und her»

Sulamith Ehrensperger

19.5.2020 - 21:49

Keiner kennt die Ballettwelt so gut wie er: Der in Bern wohnhafte André Doutreval ist dem Tanz seit über 70 Jahren eng verbunden. Ein Gespräch über die Attitüden von Rudolf Nurejew, den Blei-Manschetten an den Füssen und die Eifersucht. 

André Doutreval, Sie waren ein Lausbube – sind Sie es heute mit 78 Jahren immer noch?

Das bin ich (lacht). Ich mag gern schöne junge Frauen. Wissen Sie, ich habe immer mit jungen Menschen gearbeitet, und als Balletttänzer habe ich ein Auge für Ästhetik.

Seit dem Tod Ihrer Frau vor knapp drei Jahren führen Sie ein zurückgezogenes Leben im Berner Kirchenfeldquartier. Das Buch zu schreiben war für Sie ein leidvoller Weg, weshalb?

Nach Silvias allzu frühem Tod wusste ich, dass ich ihr und meiner Familie dieses Buch schuldig bin. Es war eine sehr tränenreiche Zeit (er weint). Ich war 56 Jahre mit meiner Silvia zusammen. Es war ein Kampf, ich habe immer wieder aufgehört zu schreiben, mich dann wieder aufgerafft – zum Glück.



Sie lassen einen an den Tiefs und Hochs Ihrer Ballettkarriere teilhaben. Auch an jenem Moment, als Sie die Bühne mit einem der besten Balletttänzer des 20. Jahrhunderts geteilt haben: mit Rudolf Nurejew im Dornröschenballett 1967. Sie wurden aber nicht warm mit ihm.

Nee, überhaupt nicht. Er war ein fantastischer Tänzer mit gewaltiger Sprungkraft und Ausstrahlung, da gibt es nichts zu rütteln. Aber er war unnahbar und mürrisch. Er liess sich vom Publikum feiern und verschwand danach in seiner Garderobe, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Auch ausserhalb der Oper nütze er seinen Erfolg offenbar weidlich aus. In einem Berliner Kleiderladen soll er alles Mögliche anprobiert, zur Kasse getragen und in gebrochenem Deutsch gesagt haben: «Ich Nurejew, muss nicht bezahlen.»

Wie hat die Begegnung mit Nurejew Sie und Ihre Karriere beeinflusst?

André Doutreval
Privatbesitz André Doutreval

Der 1942 geborene Tänzer begann seine Karriere an der Wiener Staatsoper. Als Solotänzer und Choreograf war Doutreval in Klagenfurt, Köln, Wuppertal, Düsseldorf und Berlin engagiert. Er arbeitete mit Koryphäen wie Ray Barra, John Neumeier oder Kenneth MacMillan zusammen. Eine Station war zudem das Berner Stadttheater, dort traf er auch seine spätere Frau, die Balletttänzerin Silvia Haemmig. Doutreval lebt heute noch in Bern. 

Natürlich bewunderte ich ihn, aber ich sah auch, welch hohen Preis man für eine solche Karriere bezahlen muss. Er war ein Star mit Allüren, ein unfreundlicher und ruppiger Mensch, zumindest gegen Aussen. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Wenn er duschen ging, machten sich alle anderen Tänzer aus dem Staub. Vorbilder waren für mich Tänzer wie Paolo Bortoluzzi, der mich mit seiner Ausdruckskraft und Persönlichkeit inspirierte.

Intrigen und Konkurrenzdruck, böse Ballettlehrer und eifersüchtige Primaballerinen, die anderen Scherben in die Spitzenschuhe legen: Ballettklischees aus dem Film oder Realität in der Tanzszene?

So schlimm, wie es im Psychothriller «Black Swan» dargestellt wird, ist es bei Weitem nicht. Zumindest habe ich das selber so nie erlebt. Üble Ballettgeschichten gibt es aus Russland, am renommierten Bolschoi-Theater etwa, wo ein Tänzer auf den damaligen Ballettdirektor ein Säureattentat verübte. Angeblich habe er sich rächen wollen, weil dieser seiner Freundin keine Rollen gegeben habe.

Im Tanz kommt man sich körperlich nahe – was ist mit Eifersuchtsszenen?

Hin und wieder gab es Liebesgeschichten, auch unter Männern, und damit Eifersucht. Aber das Konkurrenzdenken empfand ich bei Frauen viel stärker. Meine Frau Silvia wurde einmal unmittelbar vor dem Auftritt von einer Kollegin in breitesten Berner Dialekt gefragt: «Hesch du ned Angscht, dass du di blamiersch?» So spitz ging es im Theater manchmal zu und her.

Klassiker wie «Schwanensee» kann in der Schweiz nur noch das Ballett Zürich aufführen. Die meisten Theater setzen auf modernen Tanz. Stirbt das klassische Ballett aus?

Ich glaube daran, dass es nicht ganz ausstirbt. Ich beobachte, dass die Jugend wieder romantischer wird. Wenn das Opernhaus Zürich Ballett zeigt, ist das Haus ausverkauft, und in den Tanzschulen beginnen wieder viel mehr Kinder mit Ballett. Dennoch bin ich bin ein bisschen traurig, dass zumindest an kleineren Theatern das klassische Ballett verschwindet. Seit Pina Bausch 1973 das Tanztheater Wuppertal gründete und damit weltberühmt wurde, wollten plötzlich alle Direktoren Tanztheater statt Ballett. Wahrscheinlich auch wegen der Kosten, es braucht keine Spitzenschuhe und keine grosse Ensembles mehr.

Was hat sich in den letzten 70 Jahren in der Ballettwelt noch verändert?

An der Staatsoper Wien, wo ich ausgebildet worden bin, waren Tänzer unkündbar. Mit Nurejew hat sich das geändert, es wurden immer mehr ausländische Künstler angestellt – und damit hat die Auswechselbarkeit der Tänzer zugenommen. Auch die Trainingsmethoden haben sich sehr verändert. Ich war kein schlechter Tänzer, aber wenn ich sehe, was junge Talente heute schon mit 15, 16 Jahren können, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich habe damals noch Manschetten aus Blei um die Beine gebunden und bin damit gesprungen. Heute haben grosse Theater eigene Fitnessstudios und Physiotherapeuten.


Was braucht es für eine Ballett-Karriere? – Gespräch mit dem ehemaligen Solotänzer André Doutreval.

Quelle: Youtube, rüffer & rub Verlag


Welches ist Ihre früheste Erinnerung ans Ballett? Sie durften ja erst nicht mittanzen.

Als ich sechs Jahre alt war, brachte meine Mutter meine beiden Schwestern zum Ballett. Ich durfte aber nur zuschauen, bis die Lehrerin Erbarmen hatte: «Ach lassen’s den Buben doch auch mitmachen», sagte sie. Nach der Stunde meinte sie zu meiner Mutter: «Ihr Bub ist begabt.» Die Leidenschaft kam aber erst später mit der Aufnahmeprüfung an die Staatsoper Wien. Ich war mehr im Theater als in der Schule oder zu Hause.

Motiviert hat mich auch noch was anderes: Die Mädchen haben vor der Schule auf mich gewartet, anstatt zur Schule gingen wir beim Donnerkanal unter die Brücke (lacht spitzbübisch). Guet, ich weiss nicht, ob es das Tanzen war oder mein Aussehen, auf jeden Fall sind die Mädchen auf mich geflogen. Die Buben haben mich allerdings gecancelt wegen des Balletts.

Ausser schönen Frauen: Was hat Ihnen das Ballett fürs Leben neben der Bühne gebracht?

Ballett ist eine Schule des Lebens. Schon Kindern lehrt es Disziplin und Pünktlichkeit, der Tanz ist eine Höflichkeitsschule. In Wien lernten wir von einer Gouvernante stramm zu stehen, wenn Solisten vorbeigehen sollten. Für das Publikum sieht Ballett leicht aus, kein Laie kann ermessen, welch immense Arbeit dahintersteckt. Jeden einzelnen Schritt, jede Hebung und Drehung wiederholen Tänzer Dutzende, ja Hunderte Male, so lange, bis jede Bewegung perfekt sitzt. Ich habe gelernt, nicht aufzugeben, auch wenn mal etwas nicht funktioniert – und mich dabei besser kennengelernt. Beim Tanzen kommt alles von Innen – auch das ist eine wertvolle Lebenserfahrung.

Wie schwierig ist Älterwerden für einen Balletttänzer?

Darauf kann ich nur mit dieser Geschichte antworten: In den 60er-Jahren tanzte ich im Studio Wacker bei Primaballerina Nora Kiss. Die älteste Lehrerin war die legendäre fast 90-jährige Olga Preobrajenska, einst Tänzerin des kaiserlichen Balletts in St. Petersburg. Unser Training wurde unterbrochen, und Kiss meinte: «Bitte, du, du, du und du, geht rüber zu Preobrajenska, sie hat keine Schüler.»

Bei den meisten Tänzern geht die Karriere spätestens mit 40 Jahren zu Ende. Dass sie noch immer aktiv war, hing auch damit zusammen, dass es für Tänzer damals noch keine Altersvorsorge gab, sie musste einfach bis zum Umfallen weitermachen. Das wollte ich nicht, ich habe mir schon früh Gedanken über meine Zukunft gemacht. Ich erinnere mich an einige tragische Geschichten und sogar an Suizide verzweifelter Kollegen. Als ich wegen einer Knieverletzung nicht mehr selber im Unterricht vorzeigen konnte, sagte ich zu meiner Frau: «So, Schätzeli, jetzt ist fertig, wir hören auf.»



Ihnen bereitet das Älterwerden also keine Mühe.

Meistens nicht, denn ich fühle mich sehr fit. Soeben habe ich mich mit Tatkraft, weil ich schon länger nichts mehr gemacht habe, zu 20 Lektionen Personal Training verabredet. Ich könnte ohne Weiteres wieder Jazztanz unterrichten, aber vortanzen geht nicht mehr. Als «sitzender» Tanzlehrer weiterzumachen, kommt für mich nicht infrage. Es war aber schon immer so: Ich mache keine halbpatzigen Sachen. Man muss im richtigen Moment aufhören können.

Angenommen Sie könnten die Zeit zurückdrehen: Welche Traumrolle würden Sie tanzen?

Es gibt zwei Rollen, die ich nie getanzt habe: den Mercutio in «Romeo und Julia», und «Petruschka» von Igor Strawinsky, die würde ich heute noch gern tanzen.

In seiner Autobiografie zeigt André Doutreval auf, wie viel Talent und Durchhaltewille es braucht, um im Ballettmetier zu bestehen. Seine Karriere hat in der Nachkriegszeit in Wien begonnen.
Bild: Rüffer & Rub Verlag 

Bibliografie: «Ein Leben für den Tanz. Die Geschichte einer Leidenschaft», André Doutreval, erschienen im «Rüffer & Rub Sachbuchverlag», 34 Franken

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