«Unser Ziel war nicht übereinander, sondern miteinander zu reden»

Bruno Bötschi

22.7.2020 - 06:48

Leben in der Parallelgesellschaft: Jahrelang hat der Schweizer Filmemacher Noël Dernesch in Berlin Mitglieder von Familienclans begleitet. Ein Gespräch über die Träume böser Buben – und darüber, warum der Regisseur trotzdem nie Angst hatte.

Herr Dernesch, hatten Sie je Todesangst?

Einmal – während der Dreharbeiten zu meinem letzten Film ‹Journey To Jah›.

Erzählen Sie bitte.

Wir drehten in Kingston, der Hauptstadt Jamaikas, als unser Team unvermittelt auf der Strasse in eine Schiesserei involviert wurde. Die Auseinandersetzung hatte nichts mit uns zu tun, hätte uns aber fast in Mitleidenschaft gezogen. Ein Querschläger schlug wenige Zentimeter neben mir in der Wand ein.

Brachen Sie die Dreharbeiten ab?

Nein.

Sind Sie ein angstloser Mensch?

Überhaupt nicht. Ich denke, Angst gehört zum Leben eines jeden Menschen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wir uns unseren Ängsten stellen müssen, uns mit ihnen auseinandersetzen sollten. Es geht nicht darum, keine Angst zu haben, sondern darum, wie wir damit umgehen. Im besten Fall schaffen wir es, unsere Ängste als kreatives Potenzial anzuzapfen.

Für Ihren neuen Dokumentarfilm ‹Another Reality›, den Sie zusammen mit Olli Waldhauer realisiert haben, begleiteten Sie während vier Jahren in Berlin und Essen fünf Männer aus kriminellen islamischen Familienclans.

Es ist interessant: Wenn die Medien über «Another Reality» berichten, fällt rasch das Wort ‹Familienclan›. Wir erwähnen den Begriff im Film aber gar nicht. Wir porträtieren fünf Jungs mit arabischem Hintergrund. Sie alle stammen aus Grossfamilien, aber die Familien sind nicht Thema unseres Filmes.

Der Schweizer Regisseur Noël Dernesch lebt seit 17 Jahren in Berlin: «Ich habe den Männern immer klar gesagt, was meine Sicht auf das Leben ist.»
Bild: zVg

Die fünf Männer haben einiges auf dem Kerbholz. Hatten Sie während den Dreharbeiten hin und wieder «den Schiss in der Hose»?

Nicht ein einziges Mal. Unser Ziel war nicht übereinander, sondern miteinander zu reden. Während der ersten zwei Jahren waren Olli und ich mit den Männern ohne Kamera unterwegs. In dieser Zeit lernten sie uns und wir sie kennen. Wir waren immer offen, sagten immer klar, dass wir auch über Themen sprechen möchten, die vielleicht ungemütlich sind. Gleichzeitig wollten wir sie aber nicht in die Pfanne hauen.

Wie schafften Sie es, Vertrauen aufzubauen?

Diese Frage müssten Sie nicht mir, sondern den Protagonisten des Filmes stellen. Ich kann nur nochmals sagen, ich ging ehrlich auf sie zu und scheute mich dabei auch nicht, ihnen meine eigene Meinung, meine eigenen Vorstellungen von Moral und Ethik unter die Nase zu reiben. Ich habe den Männern immer klar gesagt, was meine Sicht auf das Leben ist. Natürlich haben sie uns auch getestet.

Wie getestet?

Sie fragten uns am Anfang, ob wir Zivilfahnder seien. Gleichzeitig liessen sie durch ihr Netzwerk Abklärungen über uns machen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Einzelne wollten Geld für ihren Auftritt im Film. Das haben wir sofort unterbunden und klar gesagt: ‹Geld ist kein Thema. Wir möchten einen Einblick in euer Leben bekommen. Wenn eure Motivation dafür Geld ist, beenden wir die Zusammenarbeit sofort.›

Warum drehten Sie den Film?

Ich bin Schweizer, lebe jedoch seit 17 Jahren in Berlin-Kreuzberg. Seit sieben Jahren wohnt auf dem gleichen Stockwerk eine kurdische Grossfamilie. Wir sind zu dritt, sie sind zu acht. Während der Nacht, also wenn wir schlafen, trennen uns nur 25 Zentimeter Wand. Irgendwann stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn unser Haus kein Dach hätte und ich mit einer Drohne darüber fliegen würde. Damals wurde mir klar, dass ich keine Ahnung habe, wer die Menschen sind, die Tür an Tür von mir leben.

Dokumentarfilm «Another Reality»: Die Männer sind oder waren einmal kriminell. Darüber sprechen sie direkt in die Kamera.
Bild: zVg

Ihr Film zeigt Männer mit Muskeln und gegelten Haaren, die entweder beim Coiffeur sitzen, im Fitnesscenter trainieren, Rap-Musik aufnehmen, Shisha rauchen oder zusammen Kaffee trinken.

Wie würden Sie sie gerne sehen?

Mir gefällt Ihr Film.

Wir wollten mit Sinan, Parham, Agit oder Kianush an einem Tisch sitzen und mit ihnen über ihre Vorstellung von Moral und Ethik reden, sie aber auch mit ihren Ängsten konfrontieren und ernste Gespräche führen.

Manche Kritikerinnen und Kritiker behaupten, Sie würden mit Ihrem Film das organisierte Verbrechen beschönigen und Empathie mit Verbrechern erzeugen.

In unserem Dokumentarfilm stehen nicht Verbrechen im Fokus, sondern die Menschen. Wer ständig die moralische Keule auspackt, kann irgendwann mit gewissen Menschen nicht mehr reden, sich mit gewissen Themen nicht mehr befassen. Dabei hat doch jeder Mensch dunkle Seiten – Sie genauso wie ich auch. Und eine Gegenfrage an Sie: Wie sieht ein Mörder aus? Wie ein Vergewaltiger? Wie ein Diktator? Böse Menschen sehen nicht per se böse aus, auch wenn sie oft so dargestellt werden – das fängt doch schon in den Märchen an, etwa bei Schneewittchen und dem bösen Wolf.

Sie finden stattdessen, die Realität sei vielfältiger und nicht so plakativ.

So ist es. Auch Straftäter haben Ängste und Hoffnungen. Und ohne gewalttätige Menschen irgendwie in Schutz nehmen zu wollen oder gar ihre Taten zu entschuldigen, können Sie und ich uns wohl nicht vorstellen, was es heisst, in solchen Clans geboren zu werden. Die Väter waren Flüchtlinge, hatten oft wenig Chance auf Arbeit. Fakt ist: Diese Menschen wachsen mitten in Deutschland auf und gehören doch nicht richtig dazu. Und worauf verlassen sich viele Menschen, die sich nicht zugehörig fühlen? Die Familie.



Dass es keine normalen Kafikränzlis sind, merkt man im Film spätestens dann, wenn die Männer von ihren Dämonen erzählen und sagen, dass ein Gangster-Leben ohne Opfer, sprich Tote, halt nicht gehe.

Wer den Film aufmerksam anschaut, wird Momente erkennen, in denen sich die Männer selber demontieren. Diese Szenen sind ganz bewusst so geschnitten. Ich persönlich würde nicht die Hand ins Feuer legen, dass keiner von ihnen jemals wieder im Knast landen wird.

Was hat Sie bei den Protagonisten Ihres Filmes am meisten überrascht?

Fasziniert hat mich, dass ich mit den Männern tiefgründige philosophische Themen besprechen konnte. Es fühlte sich an, als würde ich mit einem langjährigen Freund reden. Wir führten Gespräche über Religion und Glaube, an dessen Ende alle, wir genauso wie die Protagonisten, Tränen in den Augen hatten.

Parham Vakili alias P.A. Sports: «Die Realität arabischer Clanstrukturen kommt im Film teilweise etwas amüsant rüber. Als ich die Leute bei der Premiere lachen hörte, dachte ich: Also, wenn die in gewissen Situationen wirklich dabei wären, würde niemand lachen.»
Bild: zVg

Zwischen Kriminalität auf der einen und schlechten Startbedingungen auf der anderen Seite ist die Hip-Hop-Musik, gleich für mehrere Protagonisten in Ihrem Film eine Exit-Strategie. Warum?

Hip-Hop ist die Sprache der Strasse. Und Hip-Hop ist die Sprache, die die Männer nutzen, um von ihrem Leben oder dem Leben, das sie vielleicht gerne hätten, zu erzählen.

Protagonist Parham Vakili, besser bekannt unter seinem Künstlernamen P.A. Sports, schaffte es mit seinem neusten Album in Deutschland in die Top Five in der Hitparade. Vakili sagt in einem Interview: ‹Die Realität arabischer Clanstrukturen kommt im Film teilweise etwas amüsant rüber. Als ich die Leute bei der Premiere lachen hörte, dachte ich: Also, wenn die in gewissen Situationen wirklich dabei wären, würde niemand lachen ...›

Das ist eine Tatsache. Aber genauso ist es Tatsache, dass Fernsehserien wie ‹4 Blocks› oder Kinofilme wie ‹Der Pate› das Gangstertum romantisiert darstellen und man meinen könnte, diese Art von Leben sei cool oder gar salonfähig.

Parham Vakili sagt weiter: ‹Man kann einen Jungen aus dem Ghetto nehmen, aber das Ghetto nicht aus dem Jungen.›

Was soll ich dazu noch sagen? Der Satz sagt alles.

Was denken Sie, kann sich ein Mensch wirklich nicht verändern im Laufe seines Lebens?

Doch, kann er. Aber er kann seine Wurzeln nicht abschneiden. Veränderungen sind möglich, aber wenn du die Wurzeln zerstörst, kippt irgendwann der Baum um. Ich denke, das ist es, was Parham mit dem Satz sagen will. Wir können unsere Heimat, den Weg, den wir gegangen sind, nicht verleugnen.

Parham Vakili sagt zudem, der Film sei eine Therapie für ihn gewesen. Was hat der Film mit Ihnen gemacht?

Ich lernte Berlin, die Stadt, in der ich seit 17 Jahren lebe, nochmals mit ganz anderen Augen kennen.

Mit was für Augen?

An manchen Drehtagen dachte ich am Abend: ‹What the fuck, das war krass.› Manche Erlebnisse musste ich zuerst selber einordnen und verarbeiten. Gleichzeitig fragte ich mich als Filmemacher: Wie gehe ich mit Inhalten um, die mir selber so krass einfahren? Wir mussten den Männern mehrmals sagen, dass sie uns nicht alles erzählen dürfen, weil wir sonst zu Mitwissern würden. Irgendwann war ihr Vertrauen in uns jedoch so gross, dass sie uns trotzdem alles erzählen wollten. Es kam immer wieder vor, dass wir die ‹Stopp›-Fahne zücken mussten.

Was passierte dann: Hörten Sie auf zu drehen oder liefen Sie davon?

Wir hörten auf zu drehen und wenn die Männer das Thema nicht wechselten, verliessen wir auch mal den Raum.

Seit Sie mit den Jungs abgehängt sind, werden Sie scheinbar vom deutschen Bundeskriminalamt überwacht. Ist dem nach wie vor so?

Ich glaube nicht. Es ist aber nicht so, dass einem mitgeteilt wird, wann die Überwachung zu Ende ist.

Wieso haben Sie überhaupt erfahren, dass Sie überwacht werden?

Es gab tatsächlich eine Situation, während der ein Zivilfahnder auf uns zukam und uns vorwarnte.

Noël Dernesch, Regisseur: «Wie sieht ein Mörder aus? Wie sieht ein Vergewaltiger aus? Wie sieht ein Diktator aus? Böse Menschen sehen nicht per se böse aus, auch wenn sie oft so dargestellt werden.»
Bild: zVg

Wie waren die Reaktionen der fünf Männer auf den fertigen Film?

Die Premiere des Filmes fand während des Dokumentarfilmfestivals ‹DOK.fest› in München statt. Im Saal sassen über 1'500 Menschen. Ich glaube, bei der Anreise fühlten sich die Protagonisten wie kleine Schulbuben, die die Hose voll haben. Nach der Vorstellung verliessen Sie mit stolzer Brust und Superstar-Attitüde den Saal. Ich denke, die Männer haben erst an dem Abend richtig realisiert, was sie getan hatten.

Hatten Sie keine Angst, dass wenn den Clans Ihr Film nicht gefällt, Ihre Familie in Mitleidenschaft gezogen werden könnte?

Nein. Solange ich weiss, wer mein Gegenüber ist, muss ich keine Angst vor Nähe haben. Nähe ist nur dann schwierig, wenn man sich anfängt zu verlieren und nicht ehrlich zueinander ist.

Was macht die Gesellschaft respektiv die Politik Ihrer Meinung nach falsch im Umgang mit Familienclans?

Das ist eine grundsätzliche Frage, deren Beantwortung ich nicht auf die Clans reduzieren möchte. Die Frage ist vielmehr: Was macht unsere Gesellschaft falsch im Umgang mit andersdenkenden Menschen oder mit Menschen, die eine andere Hautfarbe haben? Wir haben bewusst Protagonisten für unseren Film ausgesucht, die manchen Zuschauerinnen und Zuschauern negativ auffallen werden. Denn wir glauben, es ist in der heutigen Zeit eminent wichtig ist, dass wir uns auch mit Menschen auseinandersetzen, denen gegenüber wir grosse Vorurteile haben.

Können Sie rückblickend sagen, dass sich Ihr Ursprungskonzept des Filmes erfüllt hat?

Es ist sogar übertroffen worden. Olli und ich haben nicht erwartet, dass wir so nah an die Männer kommen und wir während einer so langen Zeit einen derart intimen Einblick in ihr Leben bekommen.

Wann haben Sie zuletzt das Gesetz übertreten?

Vor zwei Wochen hat es mich auf der Autobahn Richtung Zürich geblitzt. Ich bin fünf Stundenkilometer zu schnell gefahren.

«Another Reality» kann in der Schweiz auf der Streaming-Plattform Cinefile gemietet werden. Geplant ist zudem, dass der Dokumentarfilm im Herbst in die Schweizer Kinos kommt.

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