Fredy Meier: «Ich habe schlimme Sachen erlebt in jener Zeit»

Von Bruno Bötschi

12.5.2020

Vor 40 Jahren begannen mit dem Opernhaus-Krawall die Jugendunruhen in Zürich. Fredy Meier war dabei und erlangte mit seinem provokanten TV-Auftritt als «Herr Müller» nationale Berühmtheit. Ein Dok-Film blickt zurück.

Am Abend des 30. Mai 1980 versammeln sich Hunderte Jugendliche vor dem Zürcher Opernhaus im Protest gegen die Kulturpolitik der Stadt. Im Verlauf der Demonstration schlägt der Protest in gewaltsame Zusammenstösse um: Die Demonstrierenden werfen Bretter, Farbbeutel und Eier, die Polizei antwortet mit Gummischrot und Tränengas.

Mit dem Opernhaus-Krawall nahm in Zürich die Jugendunruhen ihren Lauf.  Fredy Meier, mittlerweile 64, gehört zu den Bewegungs-Aktivisten der ersten Stunde. Im Juni 1980 organisiert er eine Nacktdemo. Einen Monat später tritt er als «Herr Müller» in der TV-Sendung «CH-Magazin» auf.

Die Live-Sendung läuft aus dem Ruder, als Meier sich scheinbar mit den Behördenvertreterinnen und -vertretern solidarisiert und ein härteres Vorgehen gegen die Demonstrierenden verlangt. Es ist, je nach Sichtweise, ein grandioser Streich oder einer der grössten Skandale in der Geschichte des Schweizer Fernsehens. 

Filmautor Felice Zenoni ist für seinen «DOK»-Film «Der Spitzel und die Chaoten – die Zürcher Jugendbewegung 1980», der am 14. Mai (um 20:05 Uhr, auf SRF 1) gezeigt wird, in Archiven auf bisher unveröffentlichte Dokumente gestossen. 

Herr Meier, vor 40 Jahren waren Sie Aktivist der Zürcher Jugendbewegung. In einer Zeitung wurden Sie einmal als «klassisches Kind der 80er-Bewegung beschrieben: spontan, chaotisch und fantasievoll».

Zu dieser Beschreibung sage ich nicht Nein. Es gäbe aber noch ein paar andere Attribute, die zu mir passen würden.

Welche?

Kämpferisch, lustvoll und viel Ausdauer. Mir und meinen Freundinnen und Freunden hat immer der Spruch von Che Guevara gut gefallen: «Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren.»

Am Abend des 15. Juli 1980 erlangten Sie auf einen Schlag schweizweit Berühmtheit: Ihr TV-Auftritt als Hans Müller in der Sendung «CH Magazin» gilt je nach Sichtweise als grandioser Streich oder als grösster Skandal in der Geschichte des Schweizer Fernsehens.

Von den Fernsehverantwortlichen kam die Anfrage, dass wir aus der Bewegung Leute bestimmen sollten, die im «CH Magazin» auftreten würden. Normalerweise verweigerte sich die Bewegung den Medien. Wir hatten unsere eigenen Zeitungen, Flugblätter und Aktionen. Als es klar wurde, dass es sich um eine Live-Sendung handelte, wurde es jedoch spannend für uns.

Warum?

Weil wir in der Sendung direkt sagen konnten, was wir wollten.

Fredy Meier, mittlerweile 64, gehört zu den Bewegungs-Aktivisten der ersten Stunde: «Es gab Demos, also einen Haufen Leute, die sich für etwas einsetzten und dann von der Polizei verfolgt und zusammengeknüppelt wurden. So musste es fast logischerweise zu Gewalt kommen. Wir von der Bewegung sind nie mit Helm und Schlagstöcken aufmarschiert.»
Bild: SRF

Wie lief die Vorbereitung ab?

Wir waren eine Gruppe von 20 Leuten, die die Sendung zusammen vorbereitet haben. Die Diskussion drehte sich darum, wie wir auftreten sollten. Irgendwer hatte die Idee, dass wir eine absurde Intervention realisieren sollten. Wir probten in verschiedenen Zusammensetzungen. So entstanden «Herr und Frau Müller».

Zusammen mit Ihrer fiktiven Partnerin Anna Müller verulkten Sie unter anderem die Zürcher SP-Stadträtin Emilie Lieberherr. Sie traten als ein rechtskonservatives Paar auf, das in übersteigerter Weise den Standpunkt der Kritikerinnen und Kritiker einnahm.

Wir führten eine Art Kabarett auf.

Wie zufrieden waren Sie mit Ihrem Auftritt?

Schon während der Sendung realisierte ich, dass das, was wir uns vorgenommen hatten, funktionierte. Wir konnten die geplanten Themen einbringen, während die Gegenseite mit unserem Auftritt absolut nicht umgehen konnte.

Was passierte direkt nach der Sendung im Fernsehstudio?

Ich habe es so in Erinnerung, dass wir relativ schnell abgehauen sind.

Wohin?

Wir gingen direkt ins Autonome Jugendzentrum, kurz AJZ, wo viele Leute auf uns warteten. Der Grossteil fand, wir hätten es gut gemacht, es sei ein lässiger Auftritt gewesen.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: 1980 war ich 13 Jahre alt und sass an dem Abend gebannt zusammen mit meinen Eltern vor dem Fernsehgerät. Ich fand den Auftritt von Herr und Frau Müller sehr cool …

Ehrlich?

Ja.

Das ehrt mich sehr. Dann machen wir jetzt grad Duzis. Ich darf das, weil ich der Ältere bin.

Okay, ich bin der Bruno.

Freut mich – und ich bin der Fredy.



Wie gesagt: Ich fand euren Auftritt cool. Aber was fand der Rest der Schweiz?

Für mich ist es gut gelaufen, für meine Partnerin leider überhaupt nicht. Wenige Tage nach der TV-Sendung gab die Presse unsere Klarnamen bekannt, danach wurde es extrem «grusig». Eine junge, freche Frau im Fernsehen, damals – was das für einen riesigen Aufruhr gab, kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Zudem kamen ihre Eltern aus dem Irak, sie ist eine Seconda. Das war für ganz viele Menschen aus dem bürgerlichen Establishment zu viel.

Wie ging es weiter?

Bürgerliche Politiker forderten, man müsse «Frau Müller» den Pass wegnehmen. Und es wurde noch schlimmer. Es ging sogar so weit, dass man ihr eine Gewehrkugel schickte.

Der Dok-Film «Der Spitzel und die Chaoten» von Filmemacher Felice Zenoni, der am Donnerstag, 14. Mai, 20:15 Uhr, von SRF gezeigt wird, blickt auf die Zeit der Zürcher Jugendunruhen zurück. Hast du den Film schon gesehen?

Ja – und ich habe ein gutes Gefühl.

Im Film triffst du den ehemaligen Polizeispitzel Willy Schaffner alias Willy Schaller.

Willy und ich treten uns im Film als ehemalige Feinde gegenüber – aber das ist schon lange Vergangenheit. Wir schauen zusammen, was und wie es damals gelaufen ist.

Was ist es für ein Gefühl, wenn man nach 40 Jahren seinem Feind die Hand schüttelt?

(Lacht) Wow …  – ehrlich gesagt, ich hatte damit kein Problem. Ich fand es spannend, bei diesem Film mitzumachen. Als ich meine Zusage gab, wusste ich bereits, dass ich Willy treffen werde.

Hast du Herrn Schaffner alle Schand gesagt beim ersten Treffen?

Nein.

Aktivist Fredy Meier (links) trifft den Polizeispitzel Willy Schaffner: «Willy und ich treten uns im Film als ehemalige Feinde gegenüber – aber das ist schon lange Vergangenheit. Wir schauen zusammen, was und wie es damals gelaufen ist.»
Bild: SRF

Wie ging die Bewegung vor 40 Jahren mit Polizeispitzeln um, wenn diese enttarnt wurden?    

Ein Kommunikationskanal waren Flugblätter. Enttarnten wir einen Spitzel, wurde sein Foto und oft auch seine Telefonnummer auf ein «Flugi» gedruckt und im AJZ verteilt. Die Polizeispitzel waren total verhasst in der Bewegung.

Die Jugend in Zürich fühlte sich vor 40 Jahren kulturell unterdrückt und unverstanden – bis die Situation vor dem Opernhaus ein erstes Mal eskalierte. Ich kann mich noch gut an die TV-Bilder von den Demos in der sonntäglichen «Tagesschau» erinnern. Für mich als Teenager war das, als fände Wochenende für Wochenende ein Krieg in Zürich statt. War es legitim, Steine zu werfen?

Was heisst schon legitim? Es gab Demos, also einen Haufen Leute, die sich für etwas einsetzten und dann von der Polizei verfolgt und zusammengeknüppelt wurden. So musste es fast logischerweise zu Gewalt kommen. Wir von der Bewegung sind nie mit Helm und Schlagstöcken aufmarschiert.

Du organisiertest stattdessen im Juni 1980 eine Nacktdemo in der Zürcher Innenstadt.

Josi und ich haben diese Demo organisiert. Schon ein Jahr vorher hatten wir am Hirschenplatz zu einem Nacktmeeting eingeladen, da kamen aber nur zehn Leute. Ein Jahr später standen wir einfach auf der Bühne und sagten: «All jene, die an der Nacktdemo mitmachen, versammeln sich dort vorn beim grossen Baum. Und bitte gebt eure Kleider jemand andern ab.»

Warum sollten die Nackten die Kleider nicht auf sich tragen?

Damit uns die Polizei nicht verhaften und sagen konnte: «Anziehen! Mitkommen!» Es war auch der Grund, warum die Polizei bei der Nacktdemo nicht eingegriffen hat, sondern uns nur beobachtet hat. Sonst wurden immer alle unbewilligten Demos sofort niedergeschlagen – im wortwörtlichen Sinn.



Das Establishment fühlte sich durch die Jugendbewegung provoziert, viele Menschen waren auch überfordert. Dafür zahlten viele Bewegte einen hohen Preis. Hattest du damit gerechnet?

Nein. Wir hatten in der Vorbereitung verschiedene Aktionen diskutiert. Einige waren der Meinung, wir sollten uns als Kulturleichen vor dem Eingang auf den Boden legen. Dieser Vorschlag fand keine Mehrheit. Es waren vielleicht 200 Menschen, die am 30. Mai 1980 vor das Opernhaus zogen – aber dass es danach so abgeht, also dass plötzlich Polizisten mit geflochtenen Kampfschildern aus dem Opernhaus stürmen und sich vor uns aufstellen würden, das hatten wir nicht erwartet

In der Folge eskalierte die Situation.

Das Verhalten der Polizei war absolut nicht gerechtfertigt. Im Verlaufe des Abends stiessen zudem aus dem Hallenstadion zahlreiche Besucherinnen und Besucher des Bob-Marley-Konzertes dazu. Ein Aufmarsch, der die Polizei immer mehr überforderte. Zeitweise erinnerte mich die Situation an das Spiel «Räuber und Poli». Wir waren nicht darauf vorbereitet, dass das an diesem Abend so extrem abgehen würde. Ich habe schlimme Sachen erlebt in jener Zeit – und war deshalb immer wieder erstaunt darüber, wie viele von uns trotz der Brutalität immer weiter gemacht haben.

Vor 40 Jahren: Züri brännt.
Bild: SRF

Viele Bewegten in den folgenden Monaten wurden verhaftet. Auch du verbrachtest 14 Monate hinter Gittern.

Nach der «Müller»-Sendung war für die Behörden klar: Ans Fernsehen gehen die, die zu den Rädelsführern gehören, das war zumindest die Logik von der Polizei, des Staatsanwaltes und des Gerichtes. In der Folge wurden Vorwürfe gegen mich zusammengetragen – darunter auch viele, die absolut nicht zutreffend waren.

Was lauteten die Anklagepunkte?

Gewalt gegen Beamte, Benutzung des öffentlichen Raumes zu politischen Zwecken, diverse Geschichten. Schlussendlich ging es sogar so weit, dass selbst bürgerliche Anwälte befanden, man hätte mir nur eine bedingte Strafe aufbrummen dürfen. Aber die Behörden wollten einen Präzedenzfall schaffen. Und es war natürlich ideal, jemanden in die Kiste zu stecken, der schweizweit bekannt ist.

Wie war die Zeit im Gefängnis?

Im Knast lernte ich: Auch ein böser Mensch kann gute Sachen tun – und umgekehrt. Als ich ins Gefängnis ging, stellte ich mir vor, dass der Dienstverweigerer mein Freund sein wird und der Mörder mein Feind. Ich musste dann aber lernen, dass es im Knast auch anders laufen kann. Während der Dienstverweigerer petzen ging, unterstützte der Zuhälter immer wieder Leute, in dem er ihnen etwa ein Musikanlage organisierte.



Haben sich deine Kontakte aus der Zeit der Bewegung aufgelöst?

Nein. Man sieht sich nach wie vor, aber wir sind älter, gesetzter. Die Erfahrung, dass man zusammen etwas bewegen kann, war gut und wichtig.

Trotz oder gerade wegen aller Konflikte begann sich Zürich dank der Bewegten ab 1980 zu wandeln. Siehst du das auch so?

Durchaus. Spannend ist zudem, dass heute nach wie vor Menschen aus der Bewegung im Kulturbereich tätig sind – im Theater, im Sozialen oder auch in der Roten Fabrik. Diese Leute garantieren, dass von dem, für das wir damals gekämpft haben, etwas weiterlebt, unsere Ideen also weitergetragen werden. Das finde ich speziell und schön.

Du lebst nach wie vor in Zürich: Wie zufrieden bist du heute mit den Behörden und dem Leben in der Stadt?

(Lacht) In den letzten Jahren hat sich vieles entwickelt und auch zum Guten verändert. Zum Thema Polizei möchte ich mich aber lieber nicht äussern, dort läuft bis heute nach wie vor komisches Zeugs. Was mir auffällt: Heute ist man eher bereit, einander zuzuhören und aufeinander zuzugehen. Wenn heute einer von Autonomie spricht, schreit die Gegenseite nicht sofort: «Hilfe, was soll das?» Gleichzeitig finde ich, dass die alternative Kultur durchaus noch mehr unterstützt werden könnten. Zürich hat sich, wie viele andere Grossstädte auch, in den letzten Jahren zu einer wahnsinnigen Konsumstadt entwickelt und das finde ich nicht nur positiv.

Früher warst du für viele Menschen ein Bürgerschreck: Wer bist du heute?

Das weiss ich nicht … oder sagen wir es so: Ich bin ein Mann, der 40 Jahre älter geworden ist und der keinen Grund sieht, mich nach wie vor als Bürgerschreck zu sehen. Das ist lang vorbei. Trotzdem nehme ich nach wie vor aktiv Anteil am Leben in der Stadt teil. Ich war auch schon an mehreren Klimademos dabei und habe dort auch andere Bewegte getroffen. Es ist grossartig, dass es die Klimajugend gibt, und ich finde es toll, wie hartnäckig diese jungen Menschen kämpfen.

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