Wie ein in Berlin lebender Berner die «Clan-Kriminalität» erlebt

Michael Angele

27.8.2019 - 08:54

Berlin Alexanderplatz: Helikopter im Einsatz. 
Bild: Keystone

Die «Clan-Kriminalität» ist nicht lustig für den, der unter ihr leidet, aber sie ist enorm spannend für den, der sie medial konsumiert. Und dann gibt es ja jene, die selbst die Hohenzollern als «Parallelgesellschaft» ansehen.

Ich bin fasziniert von der «Clan-Kriminalität». Sie ist das grosse Thema in Deutschland, besonders in den Berliner, Bremer und Essener Lokalmedien, auch die TV-Talkshows beim Nachbarn handeln gern von ihr.

Unter meinen linken Freuden und Kollegen macht mich das ein wenig einsam. Sie finden, man sei schon «rechts», wenn man auch nur das Phänomen registriert. Gestern sagte mir einer, «Clan-Kriminalität» gebe es gar nicht, das sei eine unzulässige Verallgemeinerung. Der Kollege folgte damit der Linie eines bekannten Hamburger Anwalts, der Berliner Clans vor Gericht verteidigt und den Begriff der «Clan-Kriminalität» ablehnt.

Wer der Sache gegenüber ein bisschen aufgeschlossener ist, sagt, sie mussten gleichsam kollektiv kriminell werden, weil sie als Staatenlose nicht arbeiten durften. Das sind Befunde, die man auch in dem Buch «Arabische Clans» von Ralph Ghabdan nachlesen kann.

Zum Basiswissen über diese «arabischen Clans» gehört, dass sie aus dem Volk der Mhallamiye stammen – sie emigrierten aus der Türkei erst nach Libanon und dann nach Westberlin. Weil ihre Staatszugehörigkeit unklar war, waren sie bloss geduldet und bekamen keine Arbeitserlaubnis.

Parallelgesellschaft «Hohenzollern» 

Das hat sich geändert. Mittlerweile gibt es die deutsche Staatsangehörigkeit, was die einen in ehrbare Berufe treibt, die anderen aber nicht von ihren Clan-Aktivitäten ablenkt. Ghabdan spricht von «Parallelgesellschaften», die von meinen linken Freuden immer mit dem Hinweis gekontert wird: «Parallelgesellschaften gibt es auch bei den Deutschen. Die Hohenzollern zum Beispiel.»

Wohl wahr, aber die Hohenzollern sind jetzt gerade nicht das Thema. Sondern die Berliner Clans. Der bekannteste Clan-Führer heiß Issa Ramo, auch er ein Mhallamiye. Offiziell ist er Gastronom und macht in Immobilien. Auf seinem Arm hat er einen Bundesadler eintätowiert, dazu steht: Ich bin ein Berliner. 

Manchmal wird auch in Berlin verhaftet.
Bild: Keystone

Es gibt Homestorys über Ramo. Seine Villa am Stadtrand ist beschlagnahmt, wie 76 weitere Immobilien des Clans, er lebt trotzdem noch darin. Im Garten stehen Gartenzwerge. Seine Söhne kommen immer wieder ins Gerede. Interessant ist, dass man ihnen oft nichts nachweisen kann.

Erst neulich gab es einen Freispruch gegen seinen Sohn Ismail, der beschuldigt wurde, dass er 2017 einen Mann mit einem Baseballschläger brutal getötet habe. «Ein Tatnachweis hat sich nicht führen lassen», beschied das Landgericht.

Für die Untersuchungshaft wird der Verdächtigte entschädigt. So etwas treibt natürlich das Blut dieses und jenen Bürgers in Wallung und die AfD nochmal um 1,5 Prozent in die Höhe, aber das kriegen meine Freunde nicht mit, weil sie die Lokalpresse nicht oder dann nur selektiv (Mietwucher etc.) lesen.

Dabei ist die Lokalpresse voll von Berichten über Clans. Die Wortwahl ist drastisch. Vor ein paar Tagen titelte die besonnene und nicht mehr zum Springer-Konzern gehörende «Morgenpost»: «Kampf gegen Clans. Bezirke verbünden sich.»

«4 Blocks» in echt

Im Artikel wird geschildert, wie die Clans ihre Aktivitäten über Neukölln hinaus auf andere Bezirke ausdehnen, Spandau hat jetzt auch ein Problem. Mein Bezirk Pankow ist nicht dabei. Wer hier wohnt, kennt kriminelle Clans vor allem durch die Serie «4 Blocks», in der, so könnte man zynisch sagen, das öffentliche Interesse an Clan-Kriminalität gefördert wurde, bevor das Problem real wurde.

Und jetzt, wo es real ist, liest man in der Presse Geschichten wie die über Issam Ramo, die aus «4 Blocks» stammen könnte, oder über den Raub einer riesigen Goldmünze im Bode-Museum, die fast schon an die Geschichte des urdeutschen Kaufhauserpressers Dagobert alias Arno Funke heranreicht, der sich vor vielen, vielen Jahren spektakuläre Geldübergaben via Miniatur-Schienenfahrzeug und dergleichen ausgedacht hatte.

Man muss es zugeben: Die Clan-Kriminalität ist nicht lustig, für den, der unter ihr leidet, aber sie ist enorm spannend für den, der sie medial konsumiert. Es verhält sich hier ähnlich wie bei der italienischen Mafia. Stellt sich die Frage, ob es auch in der Schweiz von heute so etwas wie «Clan-Kriminalität» gibt. In Zürich vielleicht? Der erste Eintrag, den mir eine Google-Abfrage listet, ist, nun ja, eine «Clan Inf...», ach egal, jedenfalls hat es nichts mit Kriminalität zu tun.

Der Berner Michael Angele liefert hier regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend.

Angele, 55, bildet zusammen mit Jakob Augstein die Chefredaktion der Wochenzeitung «Der Freitag». Er ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Berndeutsch kann Angele aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt».

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