Was die Deutschen von Schweizer Fussballern so halten

Michael Angele

29.4.2019 - 14:09

Roman Bürki und Yann Sommer kennt in Deutschland jedes Kind.
Bild: Keystone

Denkt der Deutsche an grossartige Schweizer, denkt er an Roman Bürki oder Yann Sommer. Und die Ossis lieben die Schweiz ohnehin seit je. Xherdan Shaqiri und Haris Seferovic? Sonderfälle.

Drei Spieltage vor dem Bundesliga-Saisonende zuerst die gute Nachricht: Belächelt werden wir Schweizer schon lange nicht mehr. Aber als nett gelten wir immer noch. Und als treu. Beispiel: Fabian Lustenberger aus Nebikon, Luzern. Zwölf Jahre bei der Hertha in Berlin, dienstältester Profi da. Wechselt zur neuen Saison nach Bern, zu YB. «Total geerdet der Typ», sagte mir neulich der Betreiber der «Bar» in der ABC-Soccer-Hall, einer ziemlich heruntergekommenen Anlage in Berlin-Lichtenberg, wo ich Hallenfussball spiele. «Dort in der Ecke sass Lusti. Mit seiner Frau. Die ist von irgendwo aus Brandenburg.»

Ähnlich positiv – mit einigen Abstrichen – lautete auch das Urteil über Valentin Stocker, den es immerhin vier Jahre bei der Hertha hielt. Ich war immer erstaunt, wie viele Berliner Fans seine Nummer (die 14) getragen haben, obwohl das fachliche Urteil über den Spieler durchzogen gewesen ist. Stocker galt nicht nur seinem Trainer Pal Dardai als zu langsam. Aber wer ist schon Dardai, der ist zur neuen Saison auch weg. Nur vielleicht kehrt er in einem Jahr in die Jugendarbeit von Hertha zurück. Dardai ist Ungar, aber mit seiner demonstrativen Bescheidenheit entspricht er wahrlich dem Klischee des Schweizers.

Urs Fischer und das Klischee

Diesem Klischee entspricht auch Urs Fischer, der Trainer von Union Berlin und HSV-2:0-Bezwinger vom Wochenende. Fischer gilt als ruhig und authentisch, Typ «ehrlicher Arbeiter». So sah man ihn auch bei Basel, denen war er zu wenig glamourös. Bei Union passt es. Union gilt immer noch als Ost-Verein.



Schon zu DDR-Zeiten gab es eine merkwürdige Liebe der Ossis zur Schweiz. Die wird nun durch Fischer fortgesetzt. Wie schon beim FCB arbeitet er beim Aufstiegsaspiranten aus dem Stadtteil Köpenick sehr erfolgreich, und Erfolg ist mittlerweile auch, was man mit Schweizern im Fussball verbindet – nicht zuletzt bei den Trainern. Nur so ist zu erklären, dass der Walliser Martin Schmidt trotz überschaubarer Erfolge in Mainz und in Wolfsburg neuerlich wieder einen Job bei einem Bundesligaklub gefunden hat. Lucien Favre? Wird mit Dortmund doch noch Meister. Aber nur vielleicht.

Etwas aus der Reihe tanzt Renato Steffen, der beim VfL Wolfsburg spielt. Einer von der Strasse, quasi, jedenfalls gelernter Maler, und, auch das sehr untypisch, Offensivmann. Die angestammte Position des Schweizers im Ausland ist bekanntlich Goalie. Bis zu Bürkis Rücktritt wurde ich oft gefragt, wer denn nun aktuell die 1 in der Nati ist. Sie sprechen es Nati aus mit t. Mit z fällt ihnen schwer, wegen der Vergangenheit. Es ist wie ein Reflex bei ihnen. Obwohl doch wir wiederum das a ja kurz aussprechen.

Die 6 als Krönung

Aktuell spielen es in der ersten Bundesliga, glaube ich, fünf Goalies mit Schweizer Pass. Vor Kurzem waren jedenfalls sogar mal acht angestellt! Da nicht alle Schweizer, die in der Bundesliga ihr Geld verdienen wollen, im Tor stehen können, drängt es sie in die Verteidigung. Dann, als Krönung der Karriere, ins defensive Mittelfeld, auf die 6. Siehe Fabian Lustenberger.

Bis jetzt habe ich nur von den Bio-Schweizern gesprochen. Etwas unklarer ist die Lage bei den vielen Schweizer Fussballern mit Migrationsgeschichte. So wie Kevin Mbabu, der in der kommenden Saison also neben Steffen und Mehmedi bei Wolfsburg spielen wird. Mbabu ist Verteidiger. Aber blitzschnell, und, wenn es die Lage zulässt, mit Offensivdrang. Er kommt aus der Nähe von Genf, das gilt in Deutschland eh nicht wirklich als Schweiz. Dass viele Schweizer Fussballer migrantische Wurzeln haben, fällt den Deutschen aber nur auf, wenn die Nati spielt. Dumme Sprüche habe ich dabei noch nicht gehört.

Shaqiri zum Beispiel: Wird seit seinem Traumtor gegen Polen geliebt (Video). Die, die etwas mehr vom Fussball verstehen, halten ihn allerdings für schlecht beraten. Auch mein jüngerer Sohn, 8, der beide Pässe hat und bei einem Verein namens SG Rotation spielt, mag die Nati. Ausser Seferovic. Hat aber nichts mit Herkunft zu tun. Der trifft zwar derzeit wie er will, ist aber halt einfach zu lang ein Chancentod gewesen.

Der Berner Michael Angele liefert regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend. Angele bildet zusammen mit Jakob Augstein die Chefredaktion der Wochenzeitung «Der Freitag». Er ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Deutschlands Hauptstadt. Berndeutsch kann er aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt».

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