Wie schütze ich mein Kind vor Hass im Internet?

Sascha Hardegger

25.11.2020

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter verbalen Angriffen im Internet: Hate Speech.
Bild: AdobeStock

Schlimme Fälle von Mobbing und Hass im Internet erschüttern uns immer wieder. Besonders Jugendliche sind gefährdet und Eltern oft überfordert. Ein Experte erklärt, was Eltern und alle anderen tun können.

Die Folgen von Hate Speech sind oft schwer und reichen von Kündigungen, über Wohnorts- oder Schulwechsel bis hin zum Suizid. Die sogenannte Hate Speech betrifft Menschen jeden Alters. Wenn Kinder oder Jugendliche betroffen sind, leiden die Eltern mit – und sind oft ratlos.

Als Elternteil oder Lehrperson bei Mobbing einzugreifen, ist schon auf dem Schulhof oder in der Quartierstrasse eine schwierige Aufgabe. Wenn es aber auch noch im Internet passiert, scheint die Lage schnell aussichtslos.

Was können und sollen Eltern tun, wenn sie Hate Speech im Internet erleben oder davon erfahren? Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom, hat Antworten.

Herr In Albon, was genau ist Hate Speech?

Wir verstehen es als den gezielten Einsatz von Worten als Waffe. Wenn jemand sein Gegenüber beleidigt und dabei jeden Respekt, Anstand und die gängigen gesellschaftlichen Umgangsformen ablegt, sprechen wir von Hate Speech. Anders als bei einem Streit oder einer Meinungsverschiedenheit geht es um die Person an sich. In der Politik zum Beispiel wird nicht die Meinung oder das Argument einer Person angegriffen, sondern persönliche Aspekte wie die sexuelle Ausrichtung, das Aussehen oder die ethnische Zugehörigkeit. Solche Angriffe sind oft sexistisch oder rassistisch.

Passiert Hate Speech nur im Internet?

Zur Person: Michael In Albon
Bild: Swisscom

Michael In Albon ist Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie engagiert sich Swisscom für die Förderung der Medienkompetenz der Gesellschaft.

Durchaus nicht. Aber dort häufiger und aggressiver als von Angesicht zu Angesicht. Wenn man jemanden über eine Social-Media-Plattform anfeindet und beleidigt, fehlt die direkte Reaktion des Gegenübers. Man fühlt sich anonymer, ist hemmungsloser. Das Internet wirkt als surreale Parallelwelt, wo man in Sicherheit ist. Die Verletzungen aber, die durch solche Kommentare bei der Empfängerin oder dem Empfänger entstehen, sind real. Hinzu kommt, dass solche Hasskommentare im Internet auch «lauter» sind als in der Realität.

Inwiefern?

Das Prinzip der Likes und das «sharen» verstärkt die Wirkung solcher Äusserungen exponentiell und verzerrt die Wirklichkeit. Wenn von 1'000 Kommentaren nur ein einziger ein Hasskommentar ist, erfahren die allermeisten Leute nur von diesem einen Post. Dadurch nimmt diese Aussage viel mehr Platz ein als ihr eigentlich zustünde. So entsteht der Eindruck, dass eine solche Ausdrucksweise verbreitet und «normal» ist, was besonders bei Jugendlichen ein grosses Problem darstellt.

Wieso gerade bei Jugendlichen?

In der Jugend verändert und bildet sich die Identität der erwachsenen Person. Kleinkinder lernen laufen, indem sie es sich bei den Älteren abschauen. Das funktioniert auch im Jugendalter so. Nur ist es dann für die Eltern schwieriger zu beeinflussen, was genau sie nachahmen. Scheint es in den sozialen Medien eine Normalität zu sein, sich im Stil der Hate Speaker auszudrücken, sinkt bei den Jugendlichen die Hemmschwelle, dies zu imitieren.

Was können Eltern tun?

Das Stichwort lautet: begleiten. Ein Beispiel: Erlauben Sie der Tochter die Nutzung von WhatsApp. Aber mit der Bedingung, dass Sie sich über die Inhalte austauschen und ab und an etwas Einblick in die Chats erhalten. Sprechen Sie mit Ihren Kindern über die bestehenden Gefahren, bevor sie zum Problem werden.

Was tun, wenn mein Kind zum Opfer wird?

Unterstützen Sie es, indem sie das Ereignis anklagen. Machen Sie den Täter oder die Täterin ausfindig und sprechen Sie auch die Eltern des Kindes darauf an. Oder bitten Sie die Schulsozialarbeit oder die Lehrperson, aktiv zu werden.



Und wenn mein Kind selbst Hasskommentare verfasst?

Sprechen Sie die Situation auch in diesem Fall unbedingt offen an. Fragen Sie, was wohl das Opfer empfindet und fordern Sie Einfühlungsvermögen, Empathie. Dabei geht es nicht alleine um die Ausdrucksweise und die Art der Kommunikation. Graben Sie tiefer und finden Sie heraus, woher die Wut und die Angst kommen, die dieses Verhalten verursacht haben.

Oft hören Eltern aber auch «es war gar nicht meine Idee, ich habe nur mitgemacht». Die Mitläuferinnen und Mitläufer sind aber genauso in der Pflicht. Hate Speaker brauchen ein Publikum, um wirksam zu sein.

Was können wir als Gesellschaft gegen Hate Speech tun?

Die Zivilcourage von jedem unter uns ist hier gefordert. Wer im Netz auf Hate Speech trifft, darf nicht tatenlos zusehen. Fordern Sie Respekt und Anstand ein. Die Illusion, im Internet hätten soziale Verhaltensregeln kein Gewicht, soll endgültig zerfallen.  

Zum Glück engagieren sich immer mehr Organisationen und Individuen gegen Hate Speech und so kommt es auch zu immer mehr Anzeigen. Swisscom ist Partnerin des Vereins NetzCourage, der sich für einen respektvollen Umgang im Internet einsetzt und Aufklärungsarbeit zum Thema Hate Speech leistet. Im März lancierte sie zudem die Kampagne #wirgegenhass.

Mehr zum Thema erzählt Michael In Albon auf dem Blog «Mal ehrlich» von Any Working Mom. Hier geht's zum Video.

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Sascha Hardegger ist Head of Communications Strategy & Corporate Responsibility bei Swisscom.
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