Jolanda Spiess-Hegglin: «Hass ist keine Meinung»

Michael In Albon

10.3.2020 - 09:59

Mit ihrem Verein #NetzCourage setzt sich Jolanda Spiess-Hegglin gegen Hass im Internet ein.
Bild: Jolanda Spiess-Hegglin

Hate Speech im Internet kann jeden treffen. Wie zerstörend solche Angriffe sein können und was man dagegen tun kann, erklärt Jolanda Spiess-Hegglin im Interview.

Seit einem bis heute ungeklärten Vorfall nach einer politischen Feier im Jahr 2014 ist Jolanda Spiess-Hegglin eine Person des öffentlichen Interesses.

Auf den Vorfall folgte eine gross angelegte Medienkampagne, die sich auf Mutmassungen und Falschinformationen stützte und inzwischen von Amtes wegen als rechtswidrig und persönlichkeitsverletzend erklärt wurde. In der Folge sah sich die damalige Zuger Kantonsrätin einem nicht enden wollenden Sturm von Hass im Internet ausgesetzt.

Der eigentliche Skandal an der Geschichte ist, dass eben dieser Hass um ein Vielfaches verletzender war als der Vorfall an sich. Hass im Internet ist schwer zu kontrollieren und kann Leben zerstören.

Mit der Kampagne #WirGegenHass macht Swisscom zusammen mit dem Verein #NetzCourage auf dieses Phänomen aufmerksam und sagt Hatern im Internet den Kampf an.

Wir haben mit Jolanda Spiess-Hegglin über ihre Erfahrungen und ihr Engagement gegen Hass im Internet gesprochen.

Frau Spiess-Hegglin, weshalb haben sich so viele Leute gegen Sie gewendet?

Ich glaube, weil ich mich nie in die Opferrolle dieses Vorfalls begeben habe. Bevor ich mit irgendjemandem darüber sprechen konnte, sah ich mich bereits mit breit gestreuten Mutmassungen über meine Person in der Presse konfrontiert.

Hätte ich mich selbst als Opfer an die Presse gewendet und mich als wehrlose, junge Mutter dargestellt, würde mich heute nicht die ganze Schweiz kennen, und ich wäre 2015 nicht die meist gegoogelte Frau der Schweiz geworden. Mir wurde öffentlich Unrecht getan, und für mich gibt es da keine andere Reaktion, als mich zu wehren und die Dinge richtigzustellen.

Respektvolles Miteinander

Hass ist keine Meinung und hat innerhalb öffentlicher Kommentarspalten nichts verloren. Gemeinsam mit NetzCourage möchte Michael In Albon, Jugendmedienschutzbeauftragter der Swisscom, zeigen, dass die Mehrheit der Menschen sich wünscht, dass das Internet zu einem Ort des respektvollen Miteinanders wird.

Warum erwartete man von Ihnen, dass Sie schweigen?

Weil man hoffte, dass so schnell Gras über die Sache wachsen würde. Aber weshalb sollte es das? Hass im Internet ist eine immer häufiger werdende Realität, und vielmals sind junge Frauen – besonders oft auch Politikerinnen – Ziel solcher Angriffe. Welcher Logik folgt es, Beleidigungen, ungerechtfertigte Anschuldigungen, Drohungen einfach hinunterzuschlucken und zu ignorieren?

Bietet man mit diesem Verhalten sogenannten Hatern nicht eine Plattform und noch mehr Aufmerksamkeit?

Natürlich besteht diese Gefahr, und manchmal ist das wohl auch nicht zu verhindern. Aber einfach still sein ist im Jahr 2020 sicher keine Option mehr. Es werden laufend Fälle publik, in denen Shitstorms gegen Einzelpersonen im Internet ganze Leben zerstört haben. Die SP hat, in Zusammenarbeit mit meinem Verein #NetzCourage, gerade eine Broschüre für Politikerinnen und Politiker herausgegeben, die sich genau mit diesem Thema beschäftigt. Damit reagieren wir auf eine Nachfrage.

In den letzten Jahren wurde Jolanda Spiess-Hegglin immer wieder als Expertin zum Thema Hass im Internet an Diskussionsrunden und Panels eingeladen.
Bild: Jolanda Spiess-Hegglin

Gehört es nicht zum Schicksal einer Person des öffentlichen Lebens, auch mal kritisiert zu werden? Waren Sie als aktive Politikerin nie Zielscheibe solcher Anfeindungen?

Doch, natürlich. Als Politikerin setzt man sich aber immer für eine Sache ein, und dann streitet man wegen unterschiedlicher Ansichten, und das ist gut so. Es geht dabei erstens nicht direkt um die eigene Person, und zweitens nimmt man als Vertreterin des Volkes immer eine gewisse Verantwortung wahr. Das erfordert ein Minimum an Reflexion der eigenen Wortwahl – oder sollte es zumindest. Hass jedoch ist persönlich und intim. Und Hass im Internet ist nochmals eine andere Geschichte als Hass von Angesicht zu Angesicht.

Wie verändert das Internet den Hass?

Wenn man jemanden über eine Social-Media-Plattform anfeindet und beleidigt, fehlt die direkte Reaktion des Gegenübers. Man fühlt sich anonymer, ist hemmungsloser. Mein Fall bestätigt das: Der Hass gegen mich beschränkte sich ausschliesslich auf die Online-Welt. Ich wurde noch nie öffentlich auf der Strasse angegriffen.

Ich beobachte auch, dass ältere Personen sich online öfter im Ton vergreifen als jüngere. Weil die Jungen mit dem Internet aufgewachsen sind, nehmen sie es vielleicht mehr als Realität wahr als Leute aus älteren Generationen. Diese verstehen Facebook und Co. womöglich eher als surreale Parallelwelt und wägen sich in Sicherheit und Anonymität. Die Verletzungen aber, die durch solche Kommentare bei der Empfängerin oder dem Empfänger entstehen, sind real.

Auch im Internet gelten soziale Verhaltensregeln. Der Verein #NetzCourage fördert daher die Aufklärung und Bildung zum Thema.
Bild: Jolanda Spiess-Hegglin

Wie können wir gegen Hate Speech vorgehen? Wer trägt Verantwortung?

Jede und jeder muss sich bewusst sein, dass ein Angriff in den sozialen Medien den gleichen oder sogar noch einen grösseren Effekt hat wie ein persönlicher. Ebenso muss man sich bewusst sein, dass solche Angriffe strafbar sind und man rechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann. Dank zunehmender Wichtigkeit des Themas in der Gesellschaft passiert dies auch immer öfter.

Verantwortung tragen aber auch Medien und andere Plattformen, auf denen Kommentare verfasst werden können. Diskriminierende und beleidigende Posts müssen gelöscht, und Rassismus muss angezeigt werden. Weiter ist es wichtig, dass sich auch Wissenschaft und Politik mit der Thematik beschäftigen, damit das Problem ernst genommen wird. Und letztlich sind natürlich Bildung und Aufklärung wichtig. Swisscom leistet hier wichtige Arbeit mit einem breit gefächerten Engagement in Sachen Medienkompetenz.

Ihr Verein #Netzcourage setzt sich für einen respektvollen Umgang im Internet ein und betreibt Aufklärungsarbeit zum Thema Hate Speech. Stellen Sie bereits einen Wandel fest?

Die alleinige Tatsache, dass solche Vergehen mit dem Begriff Hate Speech einen Namen bekommen haben, ist bereits ein Erfolg. Ausserdem interessieren sich immer mehr Medien für Fälle von Hass im Internet. Das zeigt, dass sich die Bevölkerung damit auseinandersetzt und das Thema an Aufmerksamkeit gewinnt.

Sich gegen Hass im Internet zu wehren und darauf aufmerksam zu machen, ist wichtig. Je mehr wir Opfern den Rücken stärken, desto mehr werden Täter verunsichert und zum Nachdenken animiert. Die Illusion, im Internet hätten soziale Verhaltensregeln kein Gewicht, soll endgültig zerfallen.

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Michael In Albon ist Jugendmedienschutz-Beauftragter und Medienkompetenz-Experte bei Swisscom.
Bild: Swisscom
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