Lukullische Entdeckungsreise durch Kanadas Foodie-Hotspot

Verena Wolff, dpa

19.7.2020 - 14:00

Noch rät das Bundesamt für Gesundheit aufgrund der Pandemie vom Reisen in ferne Länder ab. Vorfreudig schmackhaft machen darf man sie schon jetzt: die kulinarischen Köstlichkeiten Edmontons. 

Kevin Kossowan sieht aus, als könnte er tagelang im Wald campen. Im tarnfarbenen Outfit schreitet er am North Saskatchewan River entlang, der durch Edmonton fliesst. Er sucht Essbares, mitten in der Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta.

Immer wieder bleibt Kossowan stehen, zückt sein Messer und verschwindet in der Botanik. «Foraging» heisst das, Nahrungssuche, und zwar in der Grossstadt: Pilze sammeln, die besten Stellen für wilden Spargel suchen, Cranberries am Strauch entdecken, Meerrettich und wilden Knoblauch an der Uferböschung finden.

Regionale Produkte boomen

Kevin Kossowan ist in Kanada ein Fernsehstar, seine Sendung heisst «From the Wild» (Aus der Wildnis). Und in Edmonton nimmt er Menschen mit, um mit ihnen nach Zutaten für die Küche zu suchen. Das meiste, was er findet, liefert er bei Köchen ab.

Die kulinarische Szene in Edmonton ist jung und setzt auf regionale Produkte. «Wir haben jede Menge Pflanzen, die wild wachsen oder sich kultivieren lassen», sagt der Fachmann.

Allerdings ist die Saison kurz. Die Winter in der Region sind meist streng und lang. Wenn aber der Sommer kommt und mit ihm die langen Sonnenstunden, dann reifen Beeren und Kirschen, Gemüse und Getreide.

Edmonton hat rund eine Million Einwohner. Bekannt ist die Stadt vor allem als Ausgangspunkt für Touren zu den Nationalparks der Rocky Mountains wie Banff und Jasper. Doch die Metropole hat sich zu einem Ziel für Feinschmecker gemausert, hier lässt sich gut schlemmen.

Der Reichtum der Felder

Kelsey Johnson stammt von einer Farm im Norden Albertas und ist ebenfalls mit dem Spiel der Jahreszeiten aufgewachsen. «Wenn die Erntezeit kam, gingen die Kinder aufs Feld statt in die Schule», erzählt sie. Noch heute hat die Besitzerin des Cafés Linnea eine grosse Leidenschaft fürs Gärtnern. «Ich möchte frische Kräuter in meiner Küche haben und alles, was ich in diesem Klima zum Wachsen bringe.»

Schlemmen bis spät in die Nacht: Gaumenfreuden erlebt man in Edmonton auch zu vorgerückter Stunde. 
Bild: Cooper & O'Hara Photography/Travel Alberta/dpa

Das Café – eine Mischung aus skandinavischem Design-Loft und französischem Bistro – ist eine Herzensangelegenheit für Johnson und drei ihrer Freunde, die alle zusammen in den Laden investierten. «Wir wollten eine Speisekarte haben, die ganz selbstverständlich das Gute aus unserer Provinz präsentiert», sagt Johnson. Das haben die Menschen aus Alberta lange zu verstecken gewusst. Heute ist man stolz auf Kohl, Karotten, Mais, Kürbis – und vor allem auf die Kartoffeln von den weiten Feldern.

Ein weiteres Produkt, für das Alberta weit über die Provinzgrenzen bekannt ist, ist das Rindfleisch. Die Tiere bekommen besonderes Futter: Getreide wie Roggen und Gerste statt Mais wie in den USA. «Dadurch hat das Fleisch einen besonderen Geschmack», sagt Metzgerin Elyse Chatterton, Einwanderin aus England.

Food Tour in Old Strathcona

Chatterton ist nicht nur Fleischexpertin, sie kennt sich auch mit anderen Lebensmitteln bestens aus. Und führt Besucher durch den Stadtteil Old Strathcona, der sich in den vergangenen Jahren zum hippen Viertel entwickelt hat. Eine «Brunch und Bakeries Tour» steht auf dem Programm. Dabei wird viel spaziert, erzählt – und gegessen.

Manchmal müssen die «Foodies» sogar ihr eigenes Gebäck herrichten. So wie in der Ohana Donuterie, in der die Besucher ihre Donuts mit süsser Kokossahne füllen können.

Ebenfalls auf das Backen spezialisiert ist Amy Nachtigall, die ihren ersten Ruhm mit Keks-Kreationen etwas ungewöhnlicher Art erreicht hat. Ein Peanut Butter Chocolate Chip Cookie mit Bacon verhalf ihr zu lokaler Berühmtheit. Danach lernte sie das Handwerk von der Pike auf.

Nachtigall bot Kuchen, Kekse und verschiedenes Gebäck an, und mit einem Kuchen-Club band sie Kunden an sich, ohne überhaupt ein Geschäft zu haben. Das kam nach einer Crowdfunding-Kampagne, durch die sie ihre Bäckerei mit dem kleinen Shop einrichten konnte.

Tequila und vegane Glace

Wem das alles zu süss ist, der braucht nur ein paar Häuser weiter zu gehen in die wohl kultigste mexikanische Spelunke, die in Edmonton zu finden ist: El Cortez. 150 Sorten Tequila und Mescal gibt es dort, die Einrichtung ist von einem Bühnenbildner gestaltet. Das Essen ist dagegen authentisch, und die Kellner haben Geschichten auf Lager.

Solche gibt es auch bei Made by Marcus zu hören, einer kleinen Gelateria in einem Hinterhof der Whyte Avenue. «Wer den Laden nicht findet, braucht nur zu schauen, wo eine Schlange bis auf die Strasse steht», sagt Elyse Chatterton. Drinnen in dem bonbonfarbenen Laden gibt es jede Menge Entscheidungen zu treffen. Vegane Glace oder eine der saisonalen Sorten? Glace aus Ziegenmilch mit Roter Bete? Oder doch eher klassisch: Erdbeer-Buttermilch, Double Cookies and Cream?

Die Küche der Ureinwohner

Auf der Food-Tour in Old Strathcona sind allerdings keine Gerichte der First Nations dabei, wie die Ureinwohner in Kanada heissen. Brad Lazarenko, ein Metis, gehört schon seit vielen Jahren zur kulinarischen Szene in der Hauptstadt Albertas. Seine Küche ist modern, orientiert sich aber an den Traditionen.

«Besonders die sogenannten Drei Schwestern kommen in vielen Gerichten vor», sagt Lazarenko. Mais, Bohnen und Kürbis. «Sie schmecken gut zusammen.» In seinem neuesten Laden, dem Culina To Go im frisch renovierten Oliver Exchange Building nahe dem Royal Alberta Museum, bietet der Koch alle Gerichte und Zutaten auch aus der Kühlung an, sodass sie zu Hause aufgewärmt werden können. Gekocht wird auch frisch, das Prinzip ist ähnlich dem eines Coffeeshops.

Oft hören gerade Besucher, die aus einer anderen Provinz oder aus dem Ausland kommen, einen lohnenden Tipp: ein Besuch des Farmer's Market im Herzen der Stadt. Die Landwirte kommen von ihren Farmen, um Obst, Gemüse, Fleisch und hübsche Kleinigkeiten zu verkaufen.

Wer aus Old Strathcona kommt, kann den Weg auf ungewöhnliche Weise zurücklegen: mit der alten Strassenbahn, die immer nur am Wochenende aus dem Museumsdepot geholt wird. Besonders abenteuerlich ist das, weil die Bahn über die einst höchste Brücke der Welt über den Saskatchewan River fährt. Wer genau hinschaut, kann am Ufer vielleicht einen Edmontonian bei der Suche nach Köstlichkeiten sehen.

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