«Ein unmenschliches Statement»

Von Bruno Bötschi

15.11.2021

Wolfgang Joop.
«Joop scheint in einer Parallelwelt zu leben und weit entfernt von der Realität zu sein. Das sind offenbar Halluzinationen von alten Männern»: Das Schweizer Model Nadine Strittmatter über den deutschen Designer Wolfgang Joop.
Bild: Christoph Soeder/dpa

In einem Interview verharmlost Modedesigner Wolfgang Joop sexuellen Missbrauch in der Modewelt früherer Tage. Jetzt sagen die Schweizer Models Tamy Glauser und Nadine Strittmatter, was sie davon halten.

Von Bruno Bötschi

15.11.2021

Er ist für seine scharfe Zunge bekannt: der deutsche Modemacher Wolfgang Joop.

Dass Alter nicht vor Torheit schützt, bewies der 77-Jährige mit seinen Aussagen im «Spiegel»-Gespräch. Im Interview sagt er, er habe bei Karl Lagerfelds Tod geweint, weil damals eine Ära zu Ende gegangen sei und «diese Welt so wunderbar frivol und frigide war. Alles war käuflich. Die Agenturen gaben die Schlüssel zu den Zimmern der Models, die nicht so viel Geld brachten, an reiche Männer. Und wenn sich ein Mädchen beschwerte, hiess es: Wir können auch auf dich verzichten.»

Auf die Entgegnung, dass dies doch fürchterlich sei, antwortet Joop: «Ja. Aber wirklich schön ist die Modewelt nur, wenn es auch die Sünde gibt.»

«Halluzinationen von alten Männern»

Joops menschenverachtenden Aussagen erschüttern viele Menschen – so auch die beiden Schweizer Models Tamy Glauser und Nadine Strittmatter.

«Ich frage mich, was das innerlich für ein Mensch ist, der ohne den Missbrauch von jungen Mädchen die Schönheit der Modewelt nicht sehen kann», sagt Model Tamy Glauser zu «20 Minuten». Und weiter: «Was Joop hier gutheisst, ist eine Form von Menschenhandel. Das öffentlich zu verharmlosen, ist ein Skandal.»

Auch Nadine Strittmatter kritisiert die Aussagen des Designers. Die 37-jährige Aargauerin sagt: «Ich finde das ein unmenschliches Statement. Joop scheint in einer Parallelwelt zu leben und weit entfernt von der Realität zu sein. Das sind offenbar Halluzinationen von alten Männern.»



Eingesperrt in der Ferienwohnung

Allerdings ist die von Joop beschriebene Hotel-Situation Tamy Glauser durchaus ein Begriff. Einer ihrer Freundin sei Ähnliches widerfahren – und zwar während des Cannes Filmfestivals: «Sie wurde mit anderen Models in einer Ferienwohnung eingesperrt. Anschliessend wurde sie zum Dinner abgeholt, von wo es dann zu Partys ging. Den Rest kann man sich ja selber vorstellen.»

Sie selber, so das Model weiter, habe auch schon sexistische und herablassende Szenarien miterleben müssen. Ein Fotograf habe sie mal gebeten, ihr Shirt ausziehen und so zu tun, als hätte sie einen Orgasmus.

Das liess Glauser jedoch nicht auf sich sitzen: «Ich verliess das Set. Dafür habe ich genug Charakter, um solchen Männern laut ‹Nein› zu sagen.» Doch: «Als Teenie oder auch Anfang 20, hätte ich mich das nicht getraut.»

Tamy Glauser poses on the Green Carpet for the Opening Night of the 17th Zurich Film Festival (ZFF) in Zurich, Switzerland, Thursday, September 23, 2021. The festival runs from September 23 to October 3, 2021. (KEYSTONE/Ennio Leanza).
«Ich frage mich, was das innerlich für ein Mensch ist, der ohne den Missbrauch von jungen Mädchen die Schönheit der Modewelt nicht sehen kann»: Tamy Glauser über Wolfgang Joop.
Bild: Keystone

Nadine Strittmatter sagt gegenüber blue News, sie persönlich habe das, was Wolfgang Joop beschreibe, noch nie erlebt. Gleichzeitig betont sie: «Es heisst nicht, dass es nicht existiert, weil ich es nie gesehen habe.»

Models viel beschützter als früher

Glauser und Strittmatter sind sich einig, dass sich die Problematik in den vergangenen Jahren verändert hat. «Heutzutage sind die Models viel beschützter als früher. Die Leute haben mehr Respekt vor uns», so Strittmatter zu «20 Minuten».

Wolfgang Joop hat sich inzwischen zwar für seine Aussagen entschuldigt. Der Shitstorm in den sozialen Medien war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Eine Twitter-Userin kommentierte: «Ich bin gerade sprachlos. Diese Frauen wurden sexuell missbraucht und ausgebeutet und dieser Mensch spricht von Sünde, als ob das sexy wäre?»

Und eine andere Nutzerin fragte: «Macht der sich nicht mindestens als Mitwisser auch strafbar mit solchen Aussagen? Unerträglich!»