«Amerika, umdrehen und husten»

Von Philipp Dahm

19.6.2021

Prüft Amerika auf Herz und Nieren: TV-Heiler Stephen Colbert bei der Arbeit.
Screenshot: YouTube

Während beim Genfer Gipfel wenig herausgekommen ist, bewegt sich in den USA viel: Es gibt einen neuen nationalen Feiertag, ein umjubeltes Urteil und sogar die Grenzmauer ist Thema bei Stephen Colbert.

Von Philipp Dahm

19.6.2021

«Eines der merkwürdigsten Dinge ist, wie schnell es sich wieder normal anfühlt», sagt der Gastgeber: Nach 15 Monaten Pandemie-Pause gastiert «The Late Show with Stephen Colbert» seit Montag wieder vor Publikum im Ed Sullivan Theatre am New Yorker Broadway.

Colbert kommt gleich zur Sache: Joe Biden habe Juneteenth zum nationalen Feiertag erklärt, freut sich der Amerikaner. Das Wort ist ein Zusammenzug von June und Nineteenth: Am 19. Juni 1865 schaffte Texas als letzter Bundesstaat die Sklaverei ab.

Opal Lee, eine 94 Jahre alte Aktivistin, quietscht vor Freude, als das Gesetz angenommen ist, das Juneteenth zum Feiertag macht.
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«Es hat nur 156 Jahre gedauert, bis die Idee nach Washington durchgedrungen ist, dass man das ja vielleicht feiern könnte», frotzelt Colbert zur «lange überfälligen» Etablierung des Feiertags.

«Der 19. Juni ist unter vielen Namen bekannt. Und als Geburtstag von Macklemore», erklärt Colbert mit Blick auf den weissen Rapper, «aber haben schwarze Amerikaner nicht schon genug gelitten?»

«Von dumm bis blöd»

Im US-Kongress ist das entsprechende Gesetz Joe Bidens durch: Von 528 Politikern, die abstimmen durften, sprachen sich allerdings 14 dagegen aus. Der Moderator kann sich das Lachen nicht verkneifen: «Ich frage mich, ob die irgendwas gemein haben?»

14 Republikaner gegen den neuen Feiertag oder: «Club Lichtschutzfaktor 700», wie Colbert sagt.
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Late Night USA – Amerika verstehen
blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Die Gründe für das Veto der alten, weissen Männer reiche «von dumm bis blöd», erklärt Colbert. Thomas Messie etwa stört sich am offiziellen Namen Juneteenth National Independence Day: Der Abgeordnete aus Kentucky hat Angst um den Nationalfeiertag, den Independence Day. Er fürchtet, Amerikaner anderer Hautfarbe feiern nun deshalb den 4. Juli nicht mehr.

Als würden die USA nicht feiern, was es zu feiern gibt, kontert Colbert: «Wir machen Margaritas und Nachos am Cinco De Mayo, Mexikos Unabhängigkeitstag. Und wir sind nicht mal mexikanisch, und es ist nicht mal ihr Unabhängigkeitstag.»

Mit Gummihandschuhen

Eine weitere News, die den Late-Night-Host erfreut: Das Oberste Gericht hat einen Einspruch gegen Obamacare abgewiesen. «Das bedeutet: Jährliche ärztliche Untersuchungen für alle», sagt Colbert, während er versucht, sich einen Gummihandschuh anzuziehen. «Amerika, umdrehen und husten», grinst er mit dem Blick eines Uro- oder Proktologen.

Der US-Abgeordnete Thomas Messie erklärt auf diesem Bild, dass «seine Waffe nur so klein ist, weil es draussen kalt ist», scherzt Colbert.
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Interessant ist das Zustandekommen vor Gericht: Es geht dabei ums Individual mandate, das auch jene verpflichtet, eine Versicherung abzuschliessen, die relativ fit sind und das Gesundheitssystem sonst nicht mittragen würden. Wer das nicht tut, muss eine Busse zahlen.

Obamacare ist schon immer ein rotes Tuch für die Republikaner gewesen – und auch wenn der Prozess dagegen noch hängig war, hat die Grand Old Party jede Chance genutzt, den Affordable Care Act auf anderem Wege zu torpedieren.

Klassisches Eigengoal

2017 hat der damals konservativ dominierte Kongress zum Beispiel die Höhe der Busse auf null gesenkt. Doch weil eben deshalb niemand zu Schaden gekommen ist, sei der Einspruch gar nicht zulässig, befanden die Richter: Der Fall wurde mit sieben zu zwei Stimmen abgeschmettert.

Wie es Amerika sonst geht? Hot, hot, hot – genauer über 46 Grad grad heiss in Phoenix, Arizona. Texas ruft seine Bürger wegen der Hitze auf, Geräte wie Klimaanlagen abzustellen, damit das Stromnetz nicht zusammenbricht. «Und um noch Salz in die Wunde zu streuen, kommt das von Ercot [alias], dem Rat für elektronische Zuverlässigkeit in Texas.

Gov. Greg Abbott speaks during a press conference on details of his plan for Texas to build a border wall and provide $250 million in state funds as a
Lebt Trumps Traum: Texas Gouverneur Greg Abbott am 16. Juni in Austin, Texas. 
KEYSTONE

Der Gouverneur des Bundesstaates setzt andere Prioritäten: Greg Abbott will Donald Trumps Grenzwall mit privaten Mitteln bauen. «Jemand muss ja diese Texaner aus den USA heraushalten», witzelt Colbert. «Florida kommt als Nächstes.»

«... und eine Minderheit zum Verteufeln»

Colbert weiter: «Aber ich verstehe, warum Texas verzweifelt ist: Sie müssen einen Weg finden, ihre Senatoren daran zu hindern, nach Cancun zu fliehen.» Gemeint ist Ted Cruz: Der Republikaner flog ausgerechnet ins sonnige Mexiko in die Ferien, als im Februar das Stromnetz versagte, weil eine Kältewelle den Bundesstaat heimsuchte.

250 Millionen Dollar Spenden erhofft sich Republikaner Abbott: Welche Mauer wo genau und wie weit damit gebaut werden soll, kann er den Gebern noch nicht sagen. «Das ist keine Grenzstrategie, sondern Improvisationstheater: Ich brauche Vorschläge für einen Ort für den Wall, wie lang er sein soll, und eine Minderheit zum Verteufeln.»

Ab Minute 11:16 kommt Colbert noch auf die Fussball-EM zu sprechen. Sport im Allgemeinen und Fussball im Besonderen sind ja nicht gerade ein Steckenpferd des 57-Jährigen. Am Ende dieses Segments ist die Frage geklärt, wie eigentlich Coca-Cola mit alkoholfreiem Heineken schmeckt.

Endlich!