Magnetische Impf-Kristalle? «Ich habe was rausgefunden über Mittag»

#Von Philipp Dahm

10.6.2021

«Jimmy Kimmel Live»: Der Gastgeber in Los Angeles mit seiner Studio-Band im Hintergrund und Sidekick Guillermo Rodriguez vorn.

Während die meisten Amerikaner ihren Schuss schon bekommen haben, schwächelt die Impf-Rate. Dazu tragen auch selbstberufene Kritiker bei, die mit naiven Aussagen blanken Unsinn verbreiten.

#Von Philipp Dahm

10.6.2021

Es geht den USA ein bisschen wie der Schweiz. Die Nachrichten, die von der Pandemie-Front kommen, sind einerseits gut. Andererseits nimmt die Impf-Moral der Truppe langsam ab: Auf der anderen Seite des Atlantiks laufen bald Millionen von Impfdosen von Johnson & Johnson ab, weiss der Namensgeber von «Jimmy Kimmel Live».

«Vor drei Monaten noch hätten wir eine Niere verkauft, um die Impfung zu bekommen», feixt der Late-Night-Host. «Und jetzt sind sie wie Coupons in einer Gratis-Zeitung.» Dass die Impfbereitschaft abebbt, habe auch mit den «Anti-Vacc-Holes» zu tun, die Unsinn in der Welt verbreiten, weiss Kimmel – und beweist das mit einem wirklich komischen Clip.

Die beiden Szenen sind einer Sitzung des Gesundheitsausschusses des Senats von Ohio zu verdanken. Den Anfang macht dort am Dienstag Sherri Tenpenny, die trotz eines Doktortitels überzeugt ist, der Impfstoff mache Menschen magnetisch.

«Sie kennen sicher die Internet-Bilder ... »

«Es gibt Leute, die schon lange vermuten, dass es eine Art von Interface gibt zwischen dem, was injiziert wird, und den 5G-Antennen, auch wenn es noch nicht bewiesen ist», beginnt die Dame ab Minute 3:31. Und meint dann: «Sie kennen sicher die Internet-Bilder von Leuten, die die Impfung bekommen haben und nun magnetisch sind.»

Fragende Gesichter während der Rede von Impf-Skeptikerin Sherri Tenpenny: «Wir glauben, dass ein Metallstück darin ist.»

Tatsächlich existieren online jede Menge solcher Videos und Bilder, in denen sich die Protagonisten plötzlich anziehend finden, was wiederum dem Vakzin gestundet sei, so die Ärztin, die die Republikaner zur Anhörung geladen haben.

«Ja, Impfstoffe schaden dem Menschen», sagt eine andere Frau bei der Anhörung in Ohio – zu sehen ab Minute 4:22. «Übrigens: Ich habe grad  etwas herausgefunden beim Mittagessen und will es Ihnen zeigen.»

Bilder sagen mehr als Worte

Mit Blick auf «Doktor Tenpennys Zeugenaussage» zuvor über «magnetische Impf-Kristalle» legt sie sich ein Stück Metall aufs Brustbein. «Erklären Sie mir, warum der Schlüssel haften bleibt», sagt die Frau. Die Gesichter des Publikums hinter ihr sprechen Bände.

Beim Publikum bei der Anhörung in Ohio kommt der Schlüsseltrick nicht sonderlich gut an.

Dann legt die Rednerin ihn weiter oben an. «Er haftet auch am Hals.» Tut er aber nicht. Er rutscht, sie schiebt ihn hoch.

Skeptische Zaungäste: Der Rednerin steht der Schlüssel bis zum Hals, ...

Er fällt herunter. Verdammte Schwerkraft!

... nachdem die Schwerkraft sich beharrlich weigert, zu wirken.
Late Night USA – Amerika verstehen
blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

«Habe ihn», sagt sie leise. Sie fummelt sich wieder am Hals herum. Sie sagt: «Ja, also wenn mir das jemand erklären könnte, wäre das toll.» Kurze Pause. Dann patzig: «Noch Fragen?» «Ja, ich habe eine Frage: Haben Sie Kinder und wenn ja, wie kann man sie vor Ihnen schützen», kontert Kimmel gewohnt schnoddrig.

Von Kimmel zu Colbert

Den Rest von Jimmy Kimmels Monolog können wir uns sparen, denn viel passiert in den USA gerade nicht: Der Präsident ist ausgeflogen, Zikaden überziehen die Region von Washington und der Gastgeber hat Amerikas olympisches Fecht-Team besucht und sich mit ihnen gemessen.

Auch die «Late Show with Stephen Colbert» hat den Clip gesehen – und dem Ganzen ein eigenes Segment gewidmet, das mit einer schönen Adaption des Songs «I'm Gonna Be» von den Proclaimers beginnt.

Zu Tenpennys Behauptung sagt Colbert bloss: «Oh mein Gott, sie hat recht!!!» Das ergibt aber nur Sinn, wenn man das Bild dazu sieht:

Der Magnetismus hat wieder zugeschlagen: Auch du, Colbert! 

Die zweite, «dramatische» Darbietung in Sachen Impf-Märchen lässt auch Colbert mit «so vielen Fragen» zurück – «allerdings keine über den Schlüssel», grinst der Moderator.