Bolivien will Meer

Markus Wanderl

2.10.2018

Chile hat das Meer, das Bolivien einst verlor. Zu sehen ist hier Iquique, eine Hafenstadt im Norden von Chile – und westlich der Atacamawüste gelegen.
Bild: Getty

Der nun vom Internationalen Gerichtshof (IGH) entschiedene Streit zwischen Bolivien und Chile steht beispielhaft dafür, wie Länder im Krieg verloren gegangenem Land nachtrauern. Bolivien will den Zugang zum Pazifik zurück.

Aus gegebenem Anlass ein Beispiel von um die Ecke: Die Küste Sloweniens ist gerade einmal 47 Kilometer lang, und sie ist der ganze Stolz dieses kleinen Landes. Auch so erklärt sich der erbitterte Streit mit Kroatien um jene 30 Quadratkilometer Meeresfläche in der Bucht von Piran. Dass ein Internationales Schiedsgericht 2017 entschied, 80 Prozent dieser Bucht an der nördlichen Adria gehörten Slowenien, und nur der Rest Kroatien – Pustekuchen. Kroatien akzeptiert das Urteil in diesem seit 1991 währenden Konflikt nach wie vor nicht und beharrt auf einer Trennlinie in der Mitte der Bucht.

Die Bilder, die gestern aus dem fernen Bolivien gesendet wurden, haben freilich eine andere Dimension, doch auch diese ist historisch und mit der Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs (IGH) nicht vom Tisch gewischt. Konkret geht es darum, dass Bolivien seinen Traum, überhaupt einen Zugang zum Meer – zum Pazifik – zu erhalten, nicht auszuträumen bereit ist.

Morales: Werden «niemals aufgeben»

Bis 1883 hatte sich Boliviens Küste über ganze 400 Kilometer erstreckt. Aber dann war der lange schwelende Konflikt mit Chile im schliesslich fünfjährigen Salpeterkrieg eskaliert – und schwups war Bolivien ein um die Küste beraubtes und 120'000 Quadratkilometer geschrumpftes Binnenland, heute neben Paraguay das einzige in Südamerika.

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag.
Bild: AP

Dass der IGH in Den Haag gestern entschied, Chile müsse mit Bolivien erst gar nicht über Zugangsrechte zum Pazifik verhandeln, quittierten die Menschen auf den öffentlichen Plätzen in La Paz entsprechend. Präsident Evo Morales diktierte in die Blöcke, Bolivien werde seinen Anspruch auf einen Zugang zum pazifischen Ozean «niemals aufgeben» – die «Völker der Welt» wüssten, dass den Bolivianern ihr hoheitlicher Zugang zum Meer weggenommen worden sei.

Doch das ist es ja: «Die Welt» weiss es eher nicht. Salpeterkrieg? Allgemeiner formuliert: Die Grenzen waren nach dem Rückzug der Kolonialmacht Spanien aus Lateinamerika in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts diffus geblieben, und so kriegten sich die jungen Nationalstaaten bei dieser oder jener Gelegenheit ganz gern einmal in die Haare.

Die Vorgeschichte des Salpeterkrieges ist erst recht kompliziert, in der Kurzform geht sie so: Als ausgerechnet in der Ödnis der Atacama reiche Salpetervorkommen entdeckt wurden, gewann der ohnehin schwelende Konflikt Boliviens und Chiles um die Grenzen wieder an Brisanz.

Salpeterminen weg, Küste weg

Zwar hatten die Antipoden zunächst Einigungen erzielen können, so dass beide mit dem zur Herstellung von Dünger und Sprengstoff gebrauchten «weissen Gold» Geld verdienten, doch lag der Grossteil der Acatama-Wüste auf bolivianischem Gebiet. Und als schliesslich der Vertrag von 1874, wonach die auf bolivianischem Staatsgebiet arbeitenden Salpeter-Händler aus Chile in den nachfolgenden 25 Jahren keine Steuern zu zahlen hätten, einseitig aufgekündigt wurde, war der Weg zum Krieg bereitet: Chile hatte partout die Sondersteuer nicht entrichten wollen, die Bolivien zwecks Finanzierung der Folgen des Seebebens von 1877 hatte kassieren wollen. Nach dem fünfjährigem Krieg waren die Bolivianer die Gelackmeierten: Salpeterminen weg, und vor allem: Küste weg.

Auf dem Titicacasee gönnt sich das Binnenland Bolivien eine Marine, es handelt sich freilich nicht um diese Schiffe..
Bild: Getty

Der zuständige Richter sagte gestern in Den Haag, der Entscheid solle beide Parteien jedoch nicht davon abhalten, ihren Dialog im Geiste guter Nachbarschaft fortzusetzen. Im Widerspruch dazu steht, dass beide südamerikanischen Länder seit 1978 keine diplomatischen Beziehungen zueinander unterhalten, und Bolivien, das Land ohne Küste, stur eine in die Jahre gekommene kleine Flotte von Schiffen unterhält – auf dem Titicacasee, zwei Stunden von la Paz entfernt, und 3810 Meter über dem Meeresspiegel. 

Chile wiederum verwies darauf, dass Bolivien bereits «jetzt volle und uneingeschränkte Rechte» besitze, Waren zwischen dem Land und dem Pazifik zu transportieren. Aber anders als im Konflikt Kroatien/Slowenien will Bolivien überhaupt: Meer.

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