Viele offene Fragen Das Rätsel um Sergej Skripal: Raffiniert getarntes Nervengift

Maria Chang, AP

19.3.2018

Im Fall Skripal sind noch viele Fragen offen. Die britischen Ermittler rätseln vor allem, wie der russische Ex-Spion und seine Tochter mit dem tödlichen Nervengift Nowitschok in Kontakt kamen.

Die Vergiftung des russischen Ex-Spions Sergej Skripal und seiner Tochter hält die britischen Behörden und die internationale Diplomatie in Atem. Unklar ist vor allem, wie der Anschlag genau verübt wurde.

Woher stammte das Nervengift?

Nach Angaben der britischen Premierministerin Theresa May wurden der frühere Geheimdienstagent Skripal und seine Tochter Julia am 4. März in Salisbury mit dem militärischen Kampfstoff Nowitschok vergiftet. Die Sowjetunion hatte das Nervengift gegen Ende des Kalten Krieges entwickelt. Skripal und seine Tochter befinden sich nach wie vor im kritischen Zustand.

Nowitschok wurde ausschliesslich in einem Militärlabor in Schichani in Zentralrussland produziert, wie der Experte Hamish de Bretton-Gordon sagt, ehemaliger Befehlshaber des britischen Regiments für chemische, biologische und atomare Waffen.

Es habe Gerüchte über einen Nowitschok-Test in Usbekistan in den 1980er Jahren gegeben, erklärt de Bretton-Gordon. Eventuell übrig gebliebenes Nervengift hätte dabei aber inzwischen seine Toxizität verloren - und das bei der Vergiftung der Skripals eingesetzte Kampfmittel sei extrem toxisch gewesen. Dass das in Salisbury eingesetzte Nowitschok nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verloren gegangen oder gestohlen worden sein könnte, bezeichnete der Experte als sehr unwahrscheinlich.

Der russische Gesandte bei der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) erklärte, sowohl Grossbritannien als auch die USA hätten Zugang zu Nowitschok gehabt. Das bei dem Anschlag auf die Skripals verwendete Nervengas könne aus den Arsenal eines der beiden Länder kommen.

De Bretton-Gordon wies diese Erklärung als «völligen Quatsch» zurück. Nach Angaben der OPCW hat von den Unterzeichnern der Chemiewaffen-Konvention kein Staat den Besitz von Nowitschok angemeldet.

Wie gelangte das Nowitschok nach Grossbritannien?

Das ist bislang nicht bekannt. Britische Medien berichten unter Berufung auf Polizeikreise, Julia Skripal habe das Nervengift unwissentlich in ihrem Koffer nach Salisbury gebracht. Sie war am Tag vor dem Angriff mit einem Flug aus Moskau in Grossbritannien eingetroffen.

Wissenschaftler halten es für denkbar, dass Nowitschok so weit stabilisiert werden kann, dass es eine Reise übersteht. Mit Hilfe mehrerer Zusatzstoffe könnte es in eine durchsichtige, farblose Flüssigkeit verwandelt worden sein, die wie Wasser, Parfüm oder Alkohol aussieht.

Die Zutaten zur Herstellung des Kampfstoffes sind Forschern zufolge zwar relativ günstig und leicht erhältlich. Doch das Zusammenmixen ist extrem gefährlich, was darauf hindeutet, dass das Nervengift bereits als fertiges Produkt nach Grossbritannien gebracht wurde.

«In dem Moment, in dem jemand dieses Zeug mischt, stellt es ein hohes Risiko für diesen Menschen dar - und wenn er etwas davon verschüttet, ist er in schrecklicher Gefahr», sagt Andrea Sella, Professor für anorganische Chemie am University College in London.

Nervengifte wie Nowitschok seien normalerweise extrem instabil und bauten sich bei Feuchtigkeit rasch ab. Wenn der Stoff aber in einem festen Behälter versiegelt werde, sei er vermutlich haltbar.

De Bretton-Gordon hält es ebenfalls für möglich, dass das Nowitschok in Julia Skripals Koffer nach Salisbury gelangte. Allerdings könne in einem solchen Szenario vieles schiefgehen, betont er. Deshalb gehe er eher davon aus, dass jemand anderes das Gift geliefert habe.

Wie wurden die Skripals dem Nervengift ausgesetzt?

Die Ermittler gehen davon aus, dass Vater und Tochter in Sergej Skripals Haus in Salisbury mit dem Nowitschok in Berührung kamen. Rätselhaft bleibt aber, warum offenbar einige Zeit verging zwischen dem Kontakt mit dem tödlichen Mittel und der Erkrankung der Skripals.

Julia Skripal war am 3. März im Vereinigten Königreich eingetroffen. Aber erst am nächsten Tag, nach einem Mittagessen mit ihrem Vater und einem gemeinsamen Besuch in einem Pub, wurden beide bewusstlos auf einer Parkbank gefunden. Ein Polizeibeamter, der Skripals Haus aufsuchte, wurde später ebenfalls mit einer chemischen Vergiftung ins Krankenhaus gebracht. Am Freitag befand auch er sich noch in ernstem Zustand.

Nach Ansicht von Alastair Hay, einem emeritierten Professor für Umwelttoxikologie an der Universität von Leeds, kamen Vater und Tochter vermutlich etwa zeitgleich mit dem Nowitschok in Kontakt. Darauf deute die Tatsache hin, dass beide etwa zur gleichen Zeit sehr ähnliche Symptome zeigten, erklärt Hay.

Sella bezeichnet es als ungewöhnlich, dass beide Opfer offenbar nichts von dem Kontakt mit Nowitschok bemerkten, da sie keinen Arzt aufsuchten. «Es sieht so aus, als sei das Nowitschok unglaublich raffiniert getarnt worden», sagt er. «Denn wenn man plötzlich bemerkt, dass in einer Sache, die man für harmlos hielt, diese entsetzliche Substanz enthalten ist, würde man sofort Alarm schlagen. Aber allem Anschein nach haben sie sich keine grösseren Sorgen gemacht: Sie sind zum Mittagessen und in ein Pub gegangen.»

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