Late Night USA

Dass Amerika seine Verbündeten im Stich lässt, ist zu viel für ihn

Von Philipp Dahm

2.8.2021

«Last Week Tonight»-Host John Oliver thematisiert die düstere Zukunft, die afghanischen Übersetzern bevorsteht, wenn die Taliban in Afghanistan weiter an Boden gewinnen.
«Last Week Tonight»-Host John Oliver thematisiert die düstere Zukunft, die afghanischen Übersetzern bevorsteht, wenn die Taliban in Afghanistan weiter an Boden gewinnen.
Screenshot: Youtube

Helfer der US-Truppen in Afghanistan müssen um ihr Leben fürchten. Dass die Bürokratie ihnen Steine in den Weg legt, ist nicht nur potenziell tödlich, es frustriert auch die GIs – und Late-Night-Host John Oliver.

Von Philipp Dahm

2.8.2021

Für die US-Truppen, die in Afghanistan stationiert gewesen sind, waren die einheimischen Übersetzer zum Teil wie treue Kameraden, die ihnen stets zur Seite standen. Wie fühlen sich eigentlich die GIs bei den Problemen, die ihre Helfer nun haben, wenn sie in die USA emigrieren wollen?

«Wir füllen alle Dokumente aus», sagt ein Soldat in einem Ausschnitt bei «Last Week Tonight». «Wir haben die sorgfältigen Prüfungen und Prozesse durchlaufen, um alles richtig zu machen – und niemand antwortet, um uns die notwendigen Informationen zu geben, um ihn aus dem Land zu holen.»

Ein anderer Armee-Angehöriger sagt: «Es fühlt sich wie ein riesiger Fehler sowohl für mich persönlich als auch von Seiten der militärischen Führung an – die Tatsache, dass ich nicht in der Lage war, meinen Mann da rauszuholen.»

«Das hört sich unerträglich an», findet John Oliver. «Insbesondere, weil wir doch gelernt haben, dass es Sache der Militärs ist, Männer rauszuholen.» Und in Anspielung auf Steven Spielbergs Epos ergänzt der Gastgeber: «Es heisst ja auch Saving Private Ryan und nicht Ausfüllen der Dokumente im Namen des Gefreiten Ryan, ein paar Monate warten, Ausfüllen der erforderlichen Dokumente zum Aufspüren der ersten Dokumente, um dann festzustellen, dass die Nazis dem Gefreiten Ryan im vergangenen Monat in den Kopf geschossen haben

Screenshot: YouTube

Wie die Bill-Cosby-Comeback-Tour

Dabei sei die Lage ernst, weiss Oliver: Mit dem Abzug der Amerikaner erobern die Taliban zusehends mehr Bezirke in Afghanistan. «Es ist im Grunde genommen die Bill-Cosby-Comeback-Tour der politischen Krisen», sagt der gebürtige Brite mit Blick auf den TV-Comedian, der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden, aber wieder freigekommen ist – und nun tatsächlich auf eine Tournee gehen will.

Bill Cosby nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis am 30. Juni in Elkins Park, Pennsylvania: «Wir wissen alle, wo das hinführt.»
Bill Cosby nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis am 30. Juni in Elkins Park, Pennsylvania: «Wir wissen alle, wo das hinführt.»
AP

«Wir wissen alle, wo das hinführt», schliesst Oliver den Bogen. «Und wenn wir nicht schnell handeln, wird etwas Schreckliches passieren.» Wenn es nicht schon passiert ist: Seit 2014 haben die Taliban bereits 300 Übersetzer oder ihre Angehörigen ins Visier genommen und getötet.

Und was sagt Präsident Joe Biden dazu? «Unsere Botschaft an diese Männer und Frauen ist deutlich: Es gibt eine Heimat für euch in den Vereinigten Staaten. Wenn ihr euch dafür entscheidet, stehen wir euch bei, so wie ihr uns beigestanden habt.»

Wer entscheidet?

Late Night USA – Amerika verstehen
blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Das klinge ja toll, frotzelt John Oliver, aber der Wenn-ihr-euch-dafür-entscheidet-Teil sei dann doch ein wenig albern. «Sie haben ja nicht die Wahl, sondern wir. Wir sind diejenigen, denen der Prozess untersteht. Die Wahl den Antragstellern zu überlassen, ist, als würde ein Chirurg dir ein Skalpell geben und sagen: ‹Es gibt einen Teil deiner Bauchspeicheldrüse, der tumorfrei ist. Wenn du dich dafür entscheidest, stehe ich dir bei.› Ich denke, du wärst grundlegend verwirrt, wer hier die Macht hat, das Ergebnis zu beeinflussen.»

Der Papierkram für den Vorgang sei schon seit Jahren ein Problem, sagt Oliver. «Nur schon das Stellen des Antrags kann ein Albtraum sein.» 18'000 Afghanen hätten ihn für sich und ihre Familien ausgefüllt, womit geschätzt 53'000 Menschen Asyl in den USA suchten. «Viele stecken in der Warteschleife fest – zum Teil schon seit Jahren.»

«Taliban-Versprechen» höre sich wie Scheisse an – oder wie ein billiger Kitsch-Roman, meint John Oliver.
«Taliban-Versprechen» höre sich wie Scheisse an – oder wie ein billiger Kitsch-Roman, meint John Oliver.
Screenshot: Youtube

Der anschliessende Clip zeigt das Beispiel von Munir Nuri, der den Antrag 2013 gestellt hat – und der viermal abgelehnt worden ist. Seine Papiere seien betrügerisch, beschied ihm das Aussenministerium – ohne darauf zu verweisen, was ihnen beim Antrag nicht gefallen hat. Es gebe Hunderte Fälle wie seinen, sagt der Afghane. «Ich will nicht zurückgelassen werden.»

Joe Bidens Passivität

Der Moderator verdeutlicht: «Es kommt einem Todesurteil gleich, zurückgelassen zu werden.» Zwar sei inzwischen etwas Bewegung in die Sache gekommen – rund 4000 Helfer durften Afghanistan zuletzt verlassen –, doch diese sind vorerst auf einem Militärstützpunkt in Virginia interniert worden. Der Grund: Es laufen Verhandlungen mit Katar und Kuwait über eine Übernahme der Flüchtenden.

«Bis jetzt ist aber nur ein winziger Teil der Leute in der Warteschlange evakuiert worden», nervt sich der 44-Jährige. Und es sei unentschuldbar, dass erst jetzt nach Lösungen für das Problem gesucht werde. «Wir hatten 20 Jahre Zeit, welche zu suchen, und rund in der Hälfte der Zeit sass Joe Biden im Weissen Haus.»

Kein Plan B trotz vieler Jahre im Weissen Haus: Joe Biden als Vizepräsident unter Barack Obama.
Kein Plan B trotz vieler Jahre im Weissen Haus: Joe Biden als Vizepräsident unter Barack Obama.
Screenshot: YouTube

Vorschläge wie etwa die vorübergehende Evakuierung auf die zu den USA gehörende Pazifik-Insel Guam habe es gegeben, doch verhallten sie ungehört. «Die Uhr tickt – und die Übersetzer in Afghanistan sind sich dessen genau bewusst.» Als Beweis folgt ein CBS-Interview mit einem Betroffenen.

Anruf von den Taliban

«Ich bekomme viele Anrufe von ihnen», sagt da ein Übersetzer, der auf die Taliban angesprochen wird. «Sie sagten mir: Wir kommen bald nach Kabul. Wir finden dich und wir töten dich.» Doch die Fanatiker hätten versichert, wer Reue zeige, dem geschehe nichts, wendet der Reporter ein. «Denen werde ich niemals glauben», so die Antwort.

«Natürlich glaubt er ihnen nicht», kommentiert Oliver. Das «Taliban-Versprechen» höre sich an wie pure Scheisse – oder wie ein schmieriger Groschen-Roman. «Diese Leute haben uns geholfen und viel dabei riskiert. Und wenn Sie nicht denken, dass man ihnen als Gegenleistung kein sicheres Zuhause bei uns geben sollte, kann ich Ihnen nur das sagen: ...»

Der Mann unten im Bild übersetzt John Olivers Worte: «He said ‹Fuck you!›»
Der Mann unten im Bild übersetzt John Olivers Worte: «He said ‹Fuck you!›»
Screenshot: YouTube