«Klopft mit eurem Fauci-Autschie nicht an meine Tür!»

Von Philipp Dahm

16.7.2021

Tucker Carlson (links) hat immer viele Fragen. Seth Meyers bekämpft ihn mit seinen eigenen Mitteln. Klingt verrückt, nicht?
Screenshot: YouTube

Es gibt in der US-Politik gerade drei grosse Themen, die zeigen, wie radikal die politische Landschaft geworden ist: Es geht ums Impfen, um Wladimir Putin und die Abrechnung eines Generals unter Donald Trump.

Von Philipp Dahm

16.7.2021

Von wegen Vereinigte Staaten. Der Bruch zwischen Linken und Rechten in Washington wie auch den meisten Bundesstaaten ist tief wie der Marianengraben – und die Grabenkämpfe der Volksvertreter bedrohen effektiv sogar die Leben der Bürger, die sie wählen.

Kulturkampf ums Impfen

Nachdem der bis dato vorbildliche Impf-Effort der Administration von Präsident Joe Biden zuletzt an Dampf eingebüsst hat, reagiert Washington: Kampagnen sollen Skeptiker in besonders betroffenen Gruppen informieren. Vorgestern empfing der US-Präsident deshalb Olivia Rodrigo und Anthony Fauci im Weissen Haus.

Dass der 80-jährige Epidemiologe den 18-jährigen Teenie-Star zuvor nicht kannte, zeigt ein Clip bei «Late Night with Seth Meyers» nach 40 Sekunden: «Nun, so, wie ich das verstehe, ist sie unter jungen Individuen eine sehr populäre Figur», sagt Fauci im US-TV.

Promis und US-Präsidenten – hier Donald Trump mit Kid Rock beim Golfen.
Screenshot: YouTube

Der Wissenschaftler klinge wie der Serien-Androide Data bei «Star Trek: The Next Generation», lacht Meyers, der über Elvis doziert: «Er war Mitte des 20. Jahrhunderts ein einflussreicher Musiker. Offenbar starb er auf dem Klo.» Doch Fauci müsse da auch gar nicht Bescheid wissen: Wichtig sei, dass «so viele vertrauenswürdige Quellen über die gesamte gesellschaftliche Bandbreite das Impf-Bewusstsein steigern».

«Lasst uns zur Hölle in Ruhe!!!»

Das sei auch bitter nötig, um den «toxischen Fehlinformationen entgegenzusteuern, die die Rechte publiziert», glaubt der Gastgeber. Der Clip ab 4.48 Minute zeigt, was er meint. Da erzählt der republikanische Nachwuchs-Star Madison Cawthorn: «Und nun reden sie davon, von Tür zu Tür zu gehen, um die Leute zu impfen.» Das eine führe zum anderen: «Sie könnten dann auch von Tür zu Tür gehen, um Ihre Waffen und dann Ihre Bibeln zu holen.»

Madison Cawthorne (links) warnt: Sie kommen und holen Ihre Bibeln!
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Parteikollegin Lauren Boebert gibt auf der Bühne der CPAC-Konferenz zum Besten: «Klopft mit eurem Fauci-Autschie nicht an meine Tür! Lasst uns zur Hölle in Ruhe!» Und Laura Ingraham vom konservativen Sender Fox News kommentiert: «Von Tür zu Tür gehen? Das ist unheimlich. Wenn jemand von draussen an Ihre Tür kommt, eine Maske trägt, behauptet, für die Regierung zu arbeiten und Ihnen medizinische Fragen stellt?»

Da darf das Fox-Zugpferd nicht fehlen: «Kann [der Staat] Sie zwingen, Antibiotika gegen Ihre Tuberkulose zu nehmen?», fragt Tucker Carlson. «Und Xanax gegen Angstzustände? Thorazine gegen Ihre Manie?»

«Warum dürfen sich blödsinnige Leute fortpflanzen?»

Carlson weiter: «Und wenn wir schon dabei sind: Warum dürfen sich unverantwortliche, blödsinnige Leute fortpflanzen? Oder Landstreicher, psychologisch Auffällige oder sogar QAnon-Anhänger? Alle dürfen sich vermehren. Warum? Warum sterilisieren wir sie nicht? Klingt verrückt? Was kann die Regierung noch tun?»

Ein gefundenes Fressen für Meyers: «Was kann die Regierung noch tun?», äfft er den Fox-Mann im Tonfall perfekt nach. «Können sie euch zwingen, Aspirin zu nehmen, wenn ihr Kopfweh habt? Dürfen sie euch hinlegen und euch ein Pflaster auf den Rücken kleben, wenn der wehtut?»

Fauci-Autschie: Lauren Boebert vom rechten Flügel der Republikaner bei der CPAC 2021.
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«Darf euch die Security vom Einkaufszentrum aus dem Massagesalon holen, weil ihr zu lange im Massagestuhl gesessen habt? Obwohl ihr ihnen das Attest gezeigt habt, dass euch eine Steissbein-Vergrösserung bescheinigt, und ihr das von der Verfassung garantierte Recht habt, im elektrischen Massagestuhl zu sitzen, solange ihr wollt?»

«Es ist tragisch, und es ist unnötig»

«Und dann sagen Sie: ‹Das ist kein Attest, das wurde auf einem Post-it geschrieben›, und alle im Laden lachen, und Sie sagen: ‹Oh sorry, nur weil mein Arzt in der Papeterie untergebracht ist, bin ich wohl kein amerikanischer Bürger mehr.›»

Meyers holt noch weiter auf, bis «sie» am Ende im Einkaufszentrum wiederbelebt werden, ohne dass man vorher fragt. «Klingt das für Sie verrückt?», endet der Gastgeber.

Auch Ingraham kriegt von Meyers noch einen mit, bevor er sagt, ihm sei klar, dass sich die ungeimpfte Fox-Klientel von einer Kampagne auch nicht überzeugen lasse, aber man müsse es doch wenigstens probieren: Die Covid-Fälle hätten sich zuletzt wieder verdoppelt – und beträfen zu 99,7 Prozent jene, die keinen Schuss wollten. «Das ist tragisch, und es ist unnötig», ärgert sich der 47-Jährige.

Die Rechte wirft der Linken indes «Pandemie-Sucht» vor (ab 8.02 Minute) und im «Kulturkampf» wird inzwischen sogar Anti-Impf-Merchandise verkauft. Was Meyers nicht erwähnt, sind konkrete Folgen wie in Tennessee: Dort haben die Republikaner jetzt jegliche Impf-Informationen verboten – auch gegen Krankheiten wie Polio oder Mumps.

Die Buch-Abrechnung des Generals

Es ist wohl unbestritten, dass die Amtszeit des früheren Präsidenten das Ihre dazu beigetragen hat, dass die politische Kluft in den USA so gross geworden ist. «Donald Trump ist ein Faschist», haut Stephen Colbert in seiner «Late Show» raus. Das sage nicht nur er, sondern auch Mark Milley.

Der General hat gerade ein Buch über seine Erfahrungen mit dem 45. Präsidenten der USA veröffentlicht, das «I Alone Can Fix It» heisst: Der New Yorker habe die «Gebote des Führers» gepredigt, wirft ihm der 63-Jährige vor. Trump habe «Unruhen geschürt – möglicherweise in der Hoffnung, eine Ausrede zu haben, um das Militär zu rufen».

Wie beim Brand des deutschen Reichstags 1938 habe die Regierung einen Vorwand haben wollen, um durchzugreifen. «Sie werden es vielleicht versuchen», will Milley dazu gesagt haben, «aber sie werden keinen fucking Erfolg haben. Du kannst das nicht ohne das Militär machen. Du kannst das nicht ohne CIA und FBI machen. Wir sind die Typen mit den Knarren.»

«Umstürze machen ist nicht mein Ding»

«General, das ist nicht so beruhigend, wie Sie glauben», meint Colbert. «Das Land wurde gerettet, weil der CIA für einmal nicht eine Demokratie destabilisieren wollte.» Mal abgesehen davon ist der Besitz von Waffen gerade in den USA wohl nicht auf Beamte beschränkt.



Seinen Soldaten soll Milley übrigens gesagt haben: «Diese Typen sind Nazis. Es sind dieselben Leute, die wir im Zweiten Weltkrieg bekämpft haben.» Colbert grinst und zeigt Bilder von Leuten mit einschlägigem Outfit, die nach dem Sturm aufs Kapitol verhaftet wurden. «Was lässt Sie glauben, dass das Nazis sind???»

Wer ist hier der Nazi? Einer der Männer, die nach dem Sturm aufs Kapitol verhaftet worden sind.
Screenshot: YouTube

Trump hat den Bericht derweil dementiert – auf die ihm eigene Art. «Umstürze zu machen, ist nicht mein Ding», erklärt der New Yorker. Und: «Wenn ich einen Umsturz gemacht hätte, wäre eine der letzten Personen, mit der ich das tun würde, General Mark Milley.»

«Flotte Dreier sind nicht mein Ding», parodiert Colbert. «Aber wenn sie es wären, würde ich es nicht mit unserer Nachbarin Alice tun – deine Schwester ist viel heisser!»

Von Putins Gnaden?

Und damit du nicht mehr so viel lesen muss, lassen wir «The Tonight Show with Jimmy Fallon» kurz erzählen, was die These erhärtet, dass der aktuelle Kulturkampf in den USA nicht von ungefähr kommt: «Einem Bericht zufolge hat Wladimir Putin Anfang 2016 eine Geheimmission genehmigt, damit Trump die Präsidentschaftswahl gewinnt», erklärt der 46-Jährige. «Weil er ‹mental nicht stabil› ist und das die USA schwächen würde.»

Fallon imitiert Putin: «Er ist wie eine Babuschka – ausser dass der Kopf leer ist, wenn du sie öffnest.» Und weiter: «Laut Bericht ist Trump ‹impulsiv, mental nicht stabil und hat einen Minderwertigkeitskomplex›. Noch verrückter: Sie haben das direkt von der Über-den-Autor-Sektion aus Trumps Büchern geklaut.»

Nun ja, es gibt wohl lustigere Late-Night-Hosts als Fallon, aber der Fall ist dennoch interessant: In dem zitierten Geheimbericht aus dem Kreml gibt es ausserdem den Verweis auf einen Anhang, der sich auf Trumps frühere Moskau-Reise bezieht. Der Anhang selbst ist nicht aufgeführt, korreliert aber mit Gerüchten, Moskau habe belastendes Material gegen Trump in der Hand. 

Fazit: Sollte der Bericht stimmen, hat Putin darauf spekuliert, mit Trump inneramerikanische Konflikte anzuheizen. Und wenn das zutrifft, hat Russland sein Ziel heute zweifelsfrei erreicht.

Late Night USA – Amerika verstehen
blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.