Die Taliban flirten mit China und kämpfen um die absolute Macht

Von Philipp Dahm

4.9.2021

A Chinese paramilitary policeman stands guard outside the Afghanistan Embassy in Beijing, on Aug. 20, 2021. In the U.S. departure from Afghanistan, China has seen the realization of long-held hopes for a reduction of the influence of a geopolitical rival in what it considers its backyard. Yet, it is also deeply concerned that the very withdrawal could bring instability to that backyard - Central Asia - and possibly even spill over the border into China itself in its heavily Muslim northwestern region of Xinjiang. (AP Photo/Mark Schiefelbein)
Die Beziehung soll enger werden: ein Wachmann am 20. August vor der afghanischen Botschaft in Peking.
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Während sich die Taliban innenpolitisch mit den letzten Widerstandsnestern herumschlagen, erklären sie aussenpolitisch China ganz offiziell zum wichtigsten Partner: Sie brauchen dringend Pekings Hilfe.

Von Philipp Dahm

4.9.2021

Vom Beten alleine wird auch der frommste Taliban nicht satt: Die neuen Machthaber in Kabul brauchen dringend Geld, nachdem allerlei afghanische Konten eingefroren sind. Für Energielieferungen aus dem benachbarten Ausland, aber auch, um ihre Regierung zu konsolidieren.

Das Regime ist nicht nur auf Fachleute wie Mechaniker für die frisch erbeuteten US-Flugzeuge und -Helikopter angewiesen, sondern auch auf den alten Verwaltungsapparat oder die Sicherheitskräfte. Wenn keine Löhne mehr fliessen, scheint es aussichtslos, den Übergang möglichst reibungslos zu gestalten. Davon hängt nicht zuletzt die Akzeptanz der Bevölkerung ab.

epa09443230 People celebrate the withdrawal of US forces in Kandahar, Afghanistan, 01 September 2021 (issued 02 September 2021). The Taliban on 02 September, said they have completed the consultation on government formation but were yet to decide who would head the new Afghan administration that they would announce very soon. The last group of American soldiers departed Kabul around midnight on Monday, ending the longest of US wars that began after the 11 September 2001 attacks in America. EPA/STRINGER
Menschen feiern am 1. September 2021 in Kandahar den Abzug der US-Truppen: Stellen die Taliban die Versorgung nicht sicher, könnte die Stimmung schnell wieder kippen.
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Die Taliban müssen dringend die Versorgung mit Nahrungsmitteln, medizinischem Bedarf und Strom-Zufuhr sicherstellen – und China hilft hier gerne aus. Während im Westen in Grossbritannien oder Deutschland die Regierungen noch diskutieren, ob man mit den Fundamentalisten verhandeln sollte, zementiert Peking seinen Fussabdruck in der strategisch so wichtigen Kaukasus-Tür.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid gab gegenüber «La Repubblica» ganz offen zu, dass der Haupt-Geldgeber nun im Fernen Osten sitzt. «China ist unser wichtigster Partner und steht für eine fundamentale und aussergewöhnliche Chance für uns, denn man ist bereit, zu investieren und unser Land wieder auszubauen», wird Mudschahid zitiert. 

Rohstoffe im Wert von drei Billionen Dollar

Peking will Kabul offenbar in sein Netz der Neuen Seidenstrasse einbinden und schielt auf die vielen Rohstoffe, die in Afghanistans Erde schlummern. Neben existierenden Kupfermienen dürften insbesondere Vorkommen von Seltenen Erden für China interessant sein, die in der Halbleiter-Industrie gebraucht werden.

15 Minuten, die sich lohnen: Der hervorragende englischsprachige YouTube-Kanal Caspian Report erklärt das drei-Billionen-Dollar-Rennen um afghanische Rohstoffe.

Ein weiterer hochrangiger Taliban-Sprecher legte laut «Guardian» kurz darauf nach, China habe versprochen, seine Botschaft in Kabul nicht zu schliessen, die Beziehungen auszubauen und humanitäre Hilfe zu schicken. Offiziell anerkannt hat Peking das neue Regine allerdings nicht – doch das dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

Auch innenpolitisch arbeiten die Taliban daran, letzte Widerstandsnester auszuräumen. Eines davon befindet sich im Pandschir-Tal, wo Ahmad Massoud sich hartnäckig weigert, den Kampf einzustellen. Auch das Angebot der Taliban, dem Sohn des «Löwen von Pandschir» einen Posten in der Regierung zu verschaffen, hat ihn nicht umgestimmt.

Beide Seiten wollen zugeschlagen haben

«Wir werden den Kampf für Gott, Freiheit und Gerechtigkeit niemals aufgeben», teilte Achmad Massud am Samstag auf seiner Facebook-Seite mit: Die Vorstellung der neuen Regierung in Afghanistan wird sich deshalb verzögern. Am Dienstag hatten Taliban-Kämpfer eine Offensive auf das Pandschir-Tal begonnen, die anhält.

Beide Seiten gaben zuletzt an, das sie der jeweils anderen Seite heftige Verluste zugefügt hätten. In der Nacht zu Samstag verbreiteten Taliban-Unterstützer auf Twitter Gerüchte, Pandschir sei gefallen und die Führung des Widerstands geflohen. Dies dementierte der bisherige Vizepräsident Amrullah Saleh umgehend, der selbst vor Ort sein soll.

Taliban wollen Pandschir-Tal erobert haben – Gegner dementieren

Taliban wollen Pandschir-Tal erobert haben – Gegner dementieren

Die Taliban haben nach eigenen Angaben das bisher von ihren Gegnern gehaltenen Pandschir-Tals erobert und damit ganz Afghanistan unter Kontrolle. Das sagte ein Militärführer der Extremistengruppe am Freitag. Führende Taliban-Gegner, darunter der frühere Vizepräsident Amrullah Saleh, dementierten die Berichte jedoch. Er sei nicht ausser Landes geflohen, der Widerstand dauere an, teilte Saleh mit. Zuletzt hatten beide Seiten heftige Kämpfe um den letzten noch nicht von den Islamisten kontrollierten Landesteil gemeldet. Die Taliban hatten am Donnerstag erklärt, der Einsatz in Pandschir sei begonnen worden, nachdem Verhandlungen mit der «bewaffneten örtlichen Gruppe» fehlgeschlagen seien.

04.09.2021

Auch bei einer Demonstration für Frauenrechte in Kabul kam es zu Zusammenstössen. Mindestens eine Frau sei dabei verletzt worden, berichteten lokale Journalisten am Samstag. Videos von lokalen TV-Sendern und Aktivistinnen zufolge kam es bei der Demonstration zu chaotischen Szenen.

Blutende Demonstrantinnen

Rund zwei Dutzend Frauen hatten zunächst friedlich in der Nähe des Präsidentenpalastes demonstriert, wie auf Bildern, die in sozialen Medien geteilt wurden, zu sehen war. Sie hielten Schilder in der Hand, auf denen etwa stand: «Wir sind nicht die Frauen von vor 20 Jahren» oder «Gleichheit – Gerechtigkeit – Demokratie!».

KABUL, AFGHANISTAN - SEPTEMBER 04: A group of women stage a rally calling on the Taliban to ensure equal rights in the country and allow them to be contributing members of Afghan society, in Kabul, Afghanistan on September 04, 2021. Bilal Guler / Anadolu Agency (Photo by Bilal Guler / ANADOLU AGENCY / Anadolu Agency via AFP)
Ziviler Widerstand: Frauen demonstrieren am 4. September in Kabul für ihre Rechte.
Anadolu Agency via AFP

Auf Videos ist zu sehen, wie die Frauen von 50 oder mehr Sicherheitskräften der Taliban umzingelt sind und sich Schreiduelle mit Taliban liefern. Mehrere von ihnen husten. Die Aufnahmen und Angaben konnten allerdings zunächst nicht unabhängig verifiziert werden.



Ein Taliban-Kommandeur fragt über einen Lautsprecher «... wartet, was ist das Problem, was wollt Ihr, es gibt kein Problem Mädchen, okay?», während im Hintergrund eine junge Frauenstimme zu hören ist, die fragt: «Warum schlagt ihr uns?» Lokale Journalisten teilten das Video einer Frau, der Blut vom Kopf läuft.

Mit Material von dpa.