Die Zahlen explodieren, dennoch lässt Dänemark der Pandemie «freien Lauf»

tsha

5.11.2021

epa09463103 Members of the audience cheer during a concert of the Danish band The Minds of 99 in the Park in Copenhagen, Denmark, 11 September 2021 (issued 12 September 2021).  EPA/Olafur Steinar Gestsson  DENMARK OUT
Fans bei einem Konzert in Kopenhagen am 11. September: Einen Tag zuvor hatte das Land die letzten in der Pandemie eingeführten Corona-Beschränkungen aufgehoben.
EPA

In Dänemark liegen die Infektionszahlen so hoch wie lange nicht mehr. Die Top-Epidemiologin macht sich dennoch keine Sorgen – aus einem Grund, der auf die Schweiz allerdings nicht zutrifft.

tsha

5.11.2021

Dänemark hat am Donnerstag den bisher höchsten Tageswert an nachgewiesenen Corona-Fällen in diesem Jahr verzeichnet: Innert 24 Stunden wurden 2598 Neuinfektionen gemeldet, so das dänische Gesundheitsinstitut SSI. Zum Vergleich: In der Schweiz wurden vom BAG im selben Zeitraum 2931 Neuinfektionen registriert, also gut 10 Prozent mehr. Mit nur 5,8 Millionen Einwohnern ist Dänemark allerdings auch deutlich kleiner als die Schweiz.

Nach Angaben des dänischen Gesundheitsministeriums war der jetzige Wert der höchste seit dem 30. Dezember 2020. Eine Entwicklung, die abzusehen war – und die zumindest der Top-Epidemiologin des skandinavischen Landes keine schlaflosen Nächte bereitet.

«Die Deltavariante des Coronavirus ist so ansteckend wie die Windpocken, da war natürlich klar: Es wird eine Zunahme von Fällen geben», sagte Lone Simonsen von der Roskilde-Universität am Freitag dem deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». «Was jetzt passiert, war zu erwarten.»

Keine Corona-Beschränkungen mehr

Dänemark hatte am 10. September die letzten in der Pandemie eingeführten Corona-Beschränkungen im Land aufgehoben. Seitdem sind volle Clubs und Kneipen ein alltäglicher Anblick in Dänemark; ein Zertifikat benötigen Besucher in der Regel nicht, auch Masken werden kaum mehr getragen. Überfüllte Discos sähen zwar besorgniserregend aus, so Simonsen. «Aber wir in Dänemark können uns das alles jetzt eben leisten.»



Als Grund nennt die Epidemiologin die hohe Impfrate in ihrem Land: «Etwa 95 Prozent der Menschen über 50 sind voll immunisiert.» Zum Vergleich: Laut BAG sind hierzulande nur rund 64 Prozent der Bevölkerung zweimal gegen das Virus geimpft; selbst bei der Altersgruppe 65+ liegt die Impfrate nur bei 88 Prozent.

«Grosses Vertrauen in die Behörden und in die Politik»

Die hohe Impfrate in Dänemark, so Epidemiologin Simonsen, verhinderte zwar nicht den raschen Anstieg der Infektionen, der derzeit zu beobachten ist. Dafür aber würden die Impfungen einen «starken Anstieg der schweren Erkrankungen und Todesfälle» verhindern: «Menschen, die geimpft sind, landen zu 90 bis 95 Prozent seltener im Krankenhaus oder im Grab als Menschen, die nicht geimpft sind.»



Die hohe Impfquote erklärt Simonsen damit, dass die Dänen «traditionell sehr grosses Vertrauen in die Behörden und in die Politik» setzten. Corona-Leugner gebe es zwar auch, dabei handle es sich aber nur um eine sehr kleine Gruppe. Wichtig sei Aufklärung über die Gefahren von Corona.

Nach den Lockerungen der Beschränkungen im September waren die Fallzahlen in Dänemark zunächst nicht stärker angestiegen. Erst ab Mitte Oktober wurden wieder deutlich mehr Infektionen registriert. Corona sei in Dänemark noch nicht Geschichte, sagte Simonsen in dem «Spiegel»-Interview. «Aber diese Pandemie hat nun einen völlig anderen Charakter, sie ist die Pandemie der Nichtgeimpften.» Dänemark, so die Epidemiologin, könne der Pandemie «jetzt freien Lauf lassen».