Gefährlicher Sanitäter-Einsatz im Gazastreifen

AP

6.9.2018

Verantwortungsgefühl und Nationalstolz motivieren Freiwillige wie Asmaa Kudih, sich bei den freitäglichen Protesten gegen Israel im Gazastreifen um Verletzte zu kümmern. Aber die Angst ist immer dabei.

Jeden Freitag betet Asmaa Kudih erst, bevor sie das Haus verlässt. Dann küsst die junge Palästinenserin die Hand ihrer Mutter und kontrolliert, ob sie alles im Rucksack hat, was sie braucht: Verbände, Kompressen und Spray, das die Wirkung von Tränengas auf Augen und Haut lindert. Freitag für Freitag zieht Kudih als freiwillige Sanitäterin an die Grenze des Gazastreifens, wo die palästinensischen Proteste gegen Israel seit Monaten immer wieder in Gewalt enden.

Mit im Gepäck trägt die 35-Jährige immer die Angst. Der Einsatz der Rettungskräfte ist lebensgefährlich. In den vergangenen fünf Monaten kamen nach Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörden und von Menschenrechtlern in den eskalierenden Protesten 125 Palästinenser ums Leben. Rund 4500 Menschen wurden verletzt. Unter den Toten waren den Daten zufolge auch drei Sanitäter. Mindestens 100 medizinische Helfer wurden laut der Menschenrechtsgruppe Al-Mesan verletzt.

«Der Anblick der Verletzten gab mir den Mut»

Auch Asmaa Kudih wurde schon von einem Tränengaskanister getroffen und ging bewusstlos zu Boden. Das war im Mai.

«Man muss jederzeit damit rechnen, verletzt oder getötet zu werden», sagt sie. Aus Nationalgefühl, religiöser Überzeugung und Berufsethos gebe sie aber nicht auf. «Sie geht gegen meinen Willen», sagt Mutter Fatma, die ihrer Tochter Segenswünsche mit auf den Weg gibt. «Aber es ist ihre Entscheidung.»

Kudihs Entschluss fiel schon Ende März, beim ersten der grossen Protestmärsche an der Grenze. Sie beobachtete, wie sich Tausende Palästinenser nahe ihrer Heimatstadt Abassan versammelten, um gegen Israel und die israelisch-ägyptische Blockade des Gazastreifens zu demonstrieren - mit Worten und Taten. Reifen wurden in Brand gesteckt, Steine und Brandsätze in Richtung der israelischen Soldaten geworfen. Die reagierten mit Schüssen und Tränengas. 15 Palästinenser, vor allem junge Männer, kamen an diesem Tag zu Tode, Hunderte weitere wurden teils schwer verletzt.

Die Umstehenden und Helfer hätten Mühe gehabt, die Verletzten in Sicherheit zu bringen, erinnert sich Kudih. Viele seien hastig und unprofessionell in Krankenwagen oder Privatautos geschleppt worden. Daher habe sie sich als freiwillige Helferin im Sanitätsdienst zur Verfügung gestellt. «Der Anblick der Verletzten gab mir den Mut», sagt die junge Frau.

Medizinische Kräfte ins Visier genommen

Wenn sie und ihre Kollegen sich der Grenze nähern, gehen sie in der Regel langsam, meist mit erhobenen Händen. Sie tragen Westen, an denen sie deutlich als Sanitäter erkennbar sind. Das taten nach Angaben der Menschenrechtler allerdings auch die Helfer, die ihren Einsatz mit dem Leben bezahlten. So wie Kudihs Freundin Rasan Nadschar.

Zuletzt wurde Schoruk Msameh angeschossen, östlich von Rafah. Die Freiwillige war rund 300 Meter vom Zaun entfernt, trug eine weisse Uniform, an der sie als Helferin erkenntlich war. Msameh wurde in kritischem Zustand ins Krankenhaus von Chan Junis gebracht. «Sie haben die medizinischen Kräfte kürzlich merklich ins Visier genommen», beklagt Asmaa Kudih.

International wird Israel vorgeworfen, mit unangemessener Gewalt auf die Proteste zu reagieren. Israel hingegen legt militanten Kämpfern der radikalislamischen Hamas zur Last, die Proteste als Schutzschild für Angriffe zu nutzen. Zugleich rechtfertigt es seinen Einsatz damit, die Grenze vor Infiltrierungsversuchen zu schützen. In einer Erklärung betonen die Streitkräfte, medizinische Helfer seien kein Ziel und würden geschützt. Doch die Sanitäter seien oft in der Nähe des Zauns und inmitten von Angreifern und Gewalttätern.

«Nicht gewollter Schaden»

Kommandeure wiesen ihre Truppen immer wieder und mit Nachdruck an, Verletzungen von medizinischem Personal zu vermeiden, heisst es in der Erklärung. In der Regel würden die militärischen Aktivitäten eingestellt, wenn sich Helfer der Grenze näherten, selbst wenn so das Risiko eines Vorstosses von Militanten steige. Trotz all dieser Bemühungen könne aber den Sanitätern «nicht gewollter Schaden» zugefügt werden.

Nach Rasan Nadschars Tod hielt sich Asmaa Kudih drei Wochen lang von der Frontlinie fern. Doch dann nahm sie ihren Dienst wieder auf. Ein bisschen treibt die arbeitslose junge Frau auch die Hoffnung, einen Job in den Gesundheitsbehörden angeboten zu bekommen. Aber vor allem das «nationale und religiöse Verantwortungsgefühl» gebe den Ausschlag, sagt Kudih - und das Gedenken an Freundin Rasan.

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