«Sie lügen die ganze Zeit»

Russische Rekruten befürchten, in der Ukraine getötet zu werden

Von der Nachrichtenagentur AP

4.4.2022 - 00:00

Nach russischem Rückzug: Region Kiew gezeichnet von fünf Wochen Krieg

Nach russischem Rückzug: Region Kiew gezeichnet von fünf Wochen Krieg

Im Ort Butscha lagen viele Leichen entlang der Strassen. Nach Angaben des Bürgermeisters sind mehr als 300 Einwohner getötet worden.

03.04.2022

Im Krieg in der Ukraine sind bereits viele russische Soldaten gefallen oder verletzt worden. Russische Rekruten müssen mit einem Front-Einsatz rechnen – auch wenn die Führung in Moskau das Gegenteil behauptet.

Von der Nachrichtenagentur AP

4.4.2022 - 00:00

Der Angriff stockt, die Kreml-Truppen brauchen Verstärkung. Ob die Zahl der Vertragssoldaten ausreicht, ist unklar. Fast alle Männer im wehrpflichtigen Alter müssen womöglich damit rechnen, aus ihrem Alltag herausgerissen und an die Front geschickt zu werden.

Bei der diesjährigen Einberufungskampagne ist vieles anders als sonst. Die russische Regierung will 134'500 Männer zum Militärdienst verpflichten – das Ziel liegt damit im üblichen Rahmen. Die Frage ist jedoch, was genau diesen Männern während ihrer einjährigen Wehrpflicht bevorstehen wird. Vieles deutet darauf hin, dass sie schnell in einem Kampfgebiet landen könnten und dort um ihr Leben fürchten müssten.

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte diese Woche, die neuen Rekruten würden nicht in Frontgebiete oder «Brennpunkte» geschickt. In grossen Teilen der Bevölkerung stiess diese Aussage aber auf Skepsis. Viele erinnern sich noch an die beiden Tschetschenienkriege in den 90er und 2000er Jahren, in denen Tausende schlecht ausgebildete junge Soldaten getötet wurden. Auch Vorgänge im Vorfeld der Invasion in die Ukraine lassen viele Betroffene zweifeln.

Einberufungskampagne läuft seit Freitag

«Ich traue ihnen nicht, wenn sie erklären, sie würden Wehrpflichtige nicht in den Kampf schicken. Sie lügen die ganze Zeit», sagt der 22-jährige Wladislaw, der eine Einberufung unmittelbar nach dem Abschluss seines Studiums fürchten muss – und der aus Angst vor Repressalien nicht seinen vollen Namen nennen will.

Die aktuelle Einberufungskampagne läuft seit Freitag. Theoretisch müssen alle russischen Männer im Alter zwischen 18 und 27 Jahren für ein Jahr dienen. Bisher konnten viele aber eine Einberufung vermeiden, etwa aus gesundheitlichen Gründen oder weil sie wegen einer Universitätsausbildung zurückgestellt wurden. Vor allem in Moskau und anderen grösseren Städten ist der Anteil derer, die keinen Militärdienst leisten, traditionell hoch.

epa01177734 A young girl cries looking at her boyfriend marching among other young men, just called-up to the military service in the call-up center in the city of Kemerovo, Western Siberia, Russia, 18 November 2007. This Autumn 132,350 young men will be called-up to the military service. But the Russian army based on a call-up system always meets problems with getting enough young men for recruiting due to demographic reasons. Also the bad health of a lot of young people causes difficulties for the army. 
Normally the called-up soldiers (there are also those who serve on a contract) serve 1,5 year, but from the next year the service will be only one year. The young soldiers can be sent at any point on the territory of Russia or its military bases, so they can be easily sent thousands kilometres away from their home. EPA/MAXIM SHIPENKOV
Russische Rekruten rücken im Westen Sibiriens ein. (Archiv)
Bild:  Keystone

Präsident Wladimir Putin und seine Regierung hatten zunächst behauptet, in dem Angriffskrieg gegen die Ukraine, den sie in ihrer Propaganda stets nur als eine «militärische Spezialoperation» bezeichnen, kämen keine Wehrpflichtigen zum Einsatz. Doch schon in den ersten Tagen gerieten offenbar zahlreiche russische Wehrpflichtige auf ukrainischem Boden in Gefangenschaft. In Videos, die sich im Internet verbreiteten, wandten sich einige von ihnen an ihre Eltern.

«Ich habe ihn gestillt. Ich habe ihn grossgezogen»

Die Mutter von einem Betroffenen sagt, sie habe ihren 20-jährigen wehrpflichtigen Sohn in einem der Videos erkannt, obwohl seine Augen verbunden gewesen seien. «Ich habe ihn an seinen Lippen, an seinem Kinn erkannt. Ich hätte ihn an seinen Fingern erkannt», sagt die Frau, die aus Sorge um ihre Sicherheit nur ihren Vornamen Ljubow nennen will. «Ich habe ihn gestillt. Ich habe ihn grossgezogen.»

Das Verteidigungsministerium musste früh einräumen, dass doch auch russische Wehrpflichtige in die Ukraine geschickt worden seien. Dies sei «aus Versehen» geschehen, und die in Gefangenschaft Geratenen hätten in einer Versorgungseinheit fernab der Front gedient, hiess es. Berichten zufolge wurden Wehrpflichtige vor der Invasion genötigt, Verträge zu unterschreiben, laut denen sie in ein Kampfgebiet geschickt werden können – was sonst nur für Berufssoldaten gilt. Einige Gefangene erklärten, ihre Vorgesetzten hätten ihnen erzählt, sie seien auf dem Weg zu einer Militärübung.

Ljudmila Narusowa, die im Oberhaus des russischen Parlaments sitzt, berichtete Anfang März von einer ganzen Kompanie von hundert Männern, die zur Unterzeichnung solcher Verträge gezwungen und in den Kampf geschickt worden seien – und von denen nur vier überlebt hätten. Die Streitkräfte äusserten sich nicht zu den Vorwürfen. Swetlana Agapitowa, Menschenrechtsbeauftragte in Sankt Petersburg, sagte am Mittwoch, Angehörige von sieben Soldaten hätten ihr gegenüber beklagt, dass die Männer zur Unterzeichnung von Verträgen gezwungen und sie dann gegen ihren Willen in die Ukraine geschickt worden seien. Zwei von ihnen sind den Angaben zufolge nun wieder in Russland.

400'000 freiwillige Vertragssoldaten

In den zurückliegenden Jahren gab sich der Kreml bemüht, im Rahmen der Modernisierung der Streitkräfte den Anteil der Berufssoldaten zu erhöhen. Aktuell befinden sich unter den etwa einer Million Angehörigen der Truppe mehr als 400'000 freiwillige Vertragssoldaten. Ob die Zahl auch im Falle eines länger andauernden Krieges in der Ukraine ausreichen würde, ist jedoch fraglich.

Moskau müsste sich früher oder später entscheiden: Entweder mit einer begrenzten Zahl von Soldaten weiterzukämpfen und womöglich einige der militärischen Ziele zu verfehlen, oder aber weitere Männer zum Dienst an der Waffe einzuberufen und damit einen öffentlichen Widerstand zu riskieren, der die politische Lage destabilisieren könnte. Eine solche Entwicklung gab es während der russischen Kriege in Tschetschenien.

Dmitri, ein 25-jähriger IT-Experte, wurde aus gesundheitlichen Gründen bisher nicht einberufen. Inzwischen fürchtet er aber, ähnlich wie viele andere junge Russen, dass die Behörden die Regeln plötzlich verschärfen könnten, um die Streitkräfte zu stärken. «Ich hasse den Krieg», betont Dmitri, der ebenfalls nur seinen Vornamen nennen will. Die Regierung habe monatelang behauptet, dass kein Angriff auf die Ukraine geplant sei. «Warum sollte ich also glauben, was sie jetzt zum Thema Einberufung sagen?»

Standards könnten weiter sinken

Nach Angaben des Anwalts Alexej Tabalow, der Wehrpflichtige berät, kommt es schon jetzt oft vor, dass junge Männer trotz gesundheitlicher Leiden zum Dienst verpflichtet werden. Nun könnten die Standards noch weiter sinken, warnt er. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass Ärzte die Krankheiten von Wehrpflichtigen ignorieren und sie für wehrtauglich erklären werden.»

Befürchtet wird darüber hinaus, dass Moskau irgendeine Art von Kriegsrecht verhängen könnte, das es russischen Männern verbieten würde, das Land zu verlassen – in der von Russland angegriffenen Ukraine gibt es eine solche Regel bereits. «Wir erhalten sehr viele Anfragen von Leuten, die Angst vor einer Mobilisierung haben», sagt Tabalow. Der Kreml hat derartige Pläne vehement bestritten. Die allgemeine Skepsis ist laut dem Anwalt aber auch in diesem Punkt inzwischen gross.

Von der Nachrichtenagentur AP