Impeachment: Faule Politiker, dumme Juristen und jede Menge Jammerei

Philipp Dahm

24.1.2020 - 18:00

Richter John Roberts ist etwas zu euphorisch ob der Bedeutung des US-Senats.
Screenshot: Youtube

Faule Politiker, unwissende Juristen und ein Jammern, weil sie mitunter «einfach mal die Klappe halten» müssen: Was Late-Night-Host Seth Meyers beim Impeachment-Prozess sieht, bringt ihn auf die Palme.

Willkommen bei «Late Night with Seth Meyers»: Wir steigen beim Clip ab Minute 0:34 ein, in dem der Oberste Bundesrichter John Glover Roberts Jr. beide Parteien im US-Impeachment-Prozess in die Pflicht nimmt.

«Ich halte es an diesem Punkt für angebracht, zu gleichen Teilen die Kongress-Vertreter und den Rat des Präsidenten daran zu erinnern, dass sie zum besten beratenden Gremium der Welt sprechen.»

Das amüsiert Seth Meyers: «Das beste beratende Gremium der Welt – ist das dein Ernst? Die Hosts von ‹The Voice› beraten einander besser», höhnt der Moderator. Zur Erklärung: Die Hosts eben dieser Castingshow buhlen – in Konkurrenz – um Gesangstalente.

«Mehr wie Anschauungsunterricht im Altersheim»

Der New Yorker hat aber auch Argumente. Denn: «Das ist der Ort, an den ein amtierender Senator einst ein gigantisches Poster von Ronald Reagan mitgebracht hat, der auf einem Velociraptor reitet und ein Maschinengewehr hält, um den Green New Deal runterzumachen.»

Sinnbild der Klima-Verweigerer: Reagan auf einem Saurier.
Screenshot: Youtube

Meyers fährt fort: «Und wo ein anderer Senator namens James Inhof berüchtigterweise einen Schneeball hochgehalten hat, um zu belegen zu versuchen, dass der Klimawandel nicht echt sei. Es ist kein grossartiges Beratungsgremium, sondern mehr wie Anschauungsunterricht im Altersheim.»

Zumal der Senat derzeit vor allem bremse angesichts der vielen Gesetzesvorlagen des Kongresses, die dort allesamt durchgefallen sind – «vom Mindestlohn über verschreibungspflichtige Medikamente und Lohngleichheit bis hin zum Wahlrecht. Und [der Mehrheitsführer im Senat] Mitch McConnell hat sie alle ignoriert. In seinem Büro trennt er den Kehricht in drei Tonnen: eine für Beweise gegen den Präsidenten, eine für Gesetzesvorlagen vom Kongress und eine für Plastik».

Tiefe Erwartungen nochmal unterschritten

Selbst tiefste Erwartungen würden die Senatoren noch unterschreiten, ätzt Meyers und präsentiert ab Minute 2:05 die frühere MSNBC-Moderatorin und nun demokratischen Abgeordnete Claire McCaskill. Diese sagt, Impeachment sei hart für die Politiker, die immer reden und in Bewegung sein wollten.

«Schön, dass es zu viel verlangt ist, dass die Senatoren einfach mal für einen lausigen Tag die Klappe halten. Setzt euch einfach mal hin und seid still. Es ist nicht schwer. Und wisst Ihr, wer noch ans Bewegen und Reden gewohnt ist und Schwierigkeiten hat, über längere Zeit zuzuhören? Kinder.»

Meyers: Wenn sowas bei «Law & Order» passieren würde, gingen die Augenbrauen durch die Decke.
Screenshot: Youtube

Kein Wunder also, dass die Nachrichtenagentur AP von «fast umgehend gelangweilten und ermüdeten Senatoren» berichtet, die in Scharen den Saal verlassen, wenn jüngere Politiker sprechen. Im Clip ab Minute 3:47 geht ein Redner sogar direkt darauf ein. «Wie kann man denn ‹fast umgehend› gelangweilt sein?», fragt Meyers. «Das ist ein historischer Impeachment-Prozess im Senat, kein französischer New-Wave-Film.»

«Sollen wir dafür sorgen, dass Clooney vorbeikommt?»

Man merkt dem Moderator seine Empörung an: «Die Senatoren haben nicht nur Nickerchen gemacht, herumgezappelt und den Saal verlassen, als ihnen Beweise für die Verbrechen des Präsidenten dargelegt wurden – einige heulen sogar wegen der Annehmlichkeiten herum

Bill Cassidy beispielsweise habe sich über den miserablen Kaffee beschwert. «Oh, tut mir leid, ist der Kaffee beim Impeachment-Prozess im Senat nicht Gourmet genug für euch? Sollen wir dafür sorgen, dass George Clooney vorbeikommt und euch eine Espressomaschine bringt?»

Mr. Clooney, man braucht Sie im Senat!
Screenshot: Youtube

Welche Seite das Verfahren wie ernst nimmt, zeige ein Blick auf die Tische: Wer denjenigen der Ankläger mit dem der Verteidigung vergleiche, bemerke den «krassen Unterschied» – zu sehen im Clip ab Minute 5:19. Hinzu komme, dass Trumps Team ohnehin nicht immer vorbereitet sei. Ausgerechnet Trumps Anwalt Jay Sekulow ist böse ins Fettnäpfchen getreten.

Das lässt tief blicken: Tisch der Ankläger (links) und der Verteidigung.
Screenshot: Youtube

«Du willst doch Anwalt sein?!»

Eine Vorrednerin hatte über FOIA-Prozesse gesprochen, wobei FOIA für Freedom of Information Act steht. Sekulow hörte aber «lawyer lawsuits», was natürlich wenig Sinn macht. «Und mal nebenbei: Anwaltsprozesse? Wir reden über das Impeachment eines Präsidenten der Vereinigten Staaten, der ordnungsgemäss gewählt wurde. Und hier beschweren sich die Mitglieder über Anwaltsprozesse? Die Verfassung erlaubt Anwaltsprozesse.»

Warum die Aufregung, meint Meyers: «Anwaltsproess ist bloss eine redundante Art, einen Job zu beschreiben. Aber wieso hast du noch nie etwas von FOIA-Prozessen gehört? Du willst doch Anwalt sein?!» Auch «Fox»-Moderatorin Jeaniner Pirro habe mit ähnlichem Unwissen geglänzt, als sie via Twitter Donald Trumps Unschuld retten wollte. «Hast du schon mal einen Prozess gesehen? Ankläger argumentieren immer so, als wenn der Angeklagte schuldig ist. So läuft das nun mal.»

Missverständnis: Trump-Anwalt Jay Sekulow blamierte sich ein wenig vor dem Senat.
Screenshot: Youtube

Der beste Clip von Meyers' Monolog ab Minute 9.35 kommt aber – wie sollte es denn auch bitteschön anders sein – aus der Schweiz. Okay, das liegt daran, dass sich Donald Trump beim WEF in Davos mal wieder um Kopf und Kragen geredet hat.

Geständnis aus Davos

«Es läuft sehr gut für uns», so Trump. «Ich kam dazu, genug zu gucken. Ich denke, unser Team hat sehr gute Arbeit geleistet. Ehrlich gesagt: Wir haben das ganze Material. Sie haben das Material nicht.» Meyers nimmt beschwörend die Hände hoch: «Er hat gerade quasi gestanden», klagt er mit Blick auf den Anklagepunkt «Behinderung des Kongresses» bei dessen Ermittlungen.

«Der Typ gesteht mehr als ein 15-jähriger Katholik. Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt – viermal im Badezimmer und einmal im Busch beim Cheerleader-Training. Ich würde das gern schnell über die Bühne bringen, damit ich nach Hause und wieder sündigen kann.»

Zu guter Letzt noch ein Hinweis aufs Video ab Minute 10:24, in dem Trump Elon Musk attestiert, er sei «gut in Raketen»: Die Tiefe des Zitats und die Untiefen der US-Politik garantieren uns zumindest, dass der Prozess noch viel Stoff für gute Late-Night-Kolumnen liefern wird.

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Late Night USA  – Amerika verstehen

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

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