«Rassist bist, wenn du weiss bist»

#Von Philipp Dahm

7.5.2021

Voilà, der «kleine Klaus» alias Trevor Noah: Deutschland hat den USA in einer Sache etwas voraus, glaubt der Moderator.
Screenshot: YouTube

Der politische Grabenkampf in den USA schlägt sich in einer Diskussion um die Lehrpläne nieder: Es geht um die Geschichte der Schwarzen, die Sklaverei und Weisse, denen Wahrheit wehtut, wie Trevor Noah zeigt.

#Von Philipp Dahm

7.5.2021

Geschichte wird von Gewinnern geschrieben, weiss Trevor Noah. Man nehme nur den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, den die USA für sich entschieden haben: So sei darauf ein heldenhafter Kampf um die Unabhängigkeit von den tyrannischen Briten geworden.

«Wenn die Briten den Krieg gewonnen hätten, würde die Geschichte von der Niederschlagung eines Aufstands betrügerischer Gauner handeln: ‹Diese Inlandsterroristen haben unseren Tee in den Hafen von Boston geworfen!›», verdeutlicht der Moderator der «Daily Show» auf Comedy Central.

Wie geht man mit seiner Geschichte um? Trevor Noah ist um Antworten nicht verlegen.
Screenshot: YouTube

Und in den USA gewinne niemand mehr als die Weissen, fährt der gebürtige Südafrikaner fort. «Und darum ist so viel von dem, was in Schulen im Geschichtsunterricht gelehrt wird, aus ihrer Perspektive geschrieben.»

Der Einspieler ab Minute 1:15 Minute unterstützt diese Aussage: Erschreckend ist, dass nur acht Prozent der älteren Schüler die Sklavenhaltung als zentralen Grund für den Amerikanischen Bürgerkrieg benennen können. Ein Problem ist dabei der Föderalismus: Jeder Bundesstaat entscheidet selbst über den Lehrplan: In sieben Staaten wird die Sklaverei im Lehrplan nicht einmal erwähnt.

Perspektivenwechsel

«Im Grunde genommen geht Amerika so mit Geschichte um, wie wir mit unserer Webbrowser-History: Einfach die ganzen peinlichen Sachen löschen und hoffen, dass es keiner mitbekommt», fasst Noah zusammen. Doch dann und wann überdenke eine Gesellschaft auch ihre Position und die Kluft zwischen Wunsch und Realität.

Und wenn es umgekehrt wäre? Dass Black History bisher vor allem von Weissen gelehrt wird, findet Noah merkwürdig.
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Ein Einspieler ab Minute 2:51 zeigt, dass verschiedene Initiativen versuchen, den Missstand zu beseitigen – mit der «kritischen Rassentheorie». «Schaut, es ist nicht einfach, die eigene Geschichte zu überdenken», sagt der Late-Night-Host, «insbesondere, wenn es Selbstkritik voraussetzt.»

Geschichte sei eigentlich wie Schlussmachen: Jeder erzähle seine Seite der Begebenheiten, nach der man selber «derjenige war, der recht hatte, und der andere ein Arschloch war»: «Es ist einfacher zu sagen ‹Sie war nicht nett zu meiner Familie› als ‹Sie hat von meiner geheimen, zweiten Ehefrau erfahren›.»

«Rassist, wenn du weiss bist»

Ähnlich sei es mit der amerikanischen Geschichte – doch Wahrheit tut einigen augenscheinlich zu sehr weh, wie der Clip ab Minute 4:40 impliziert: Kritiker reden von einer «anti-weissen» Agenda, die Kinder «indoktrinieren» wolle.

Man müsse sich bald dafür entschuldigen, weiss zu sein, unkt der konservative US-Sender Fox.
Screenshot: YouTube

O-Ton bei Fox: «Die kritische Rassentheorie bringt den Leuten und unseren Kindern bei, einander nicht anhand des Charakters zu bewerten, sondern ausschliesslich durch die Hautfarbe. Das würde dafür sorgen, dass unsere Kinder dazu erzogen werden, dieses Land und einander zu hassen.» An anderer Stelle heisst es: «Es würde mehr oder weniger lehren, dass du im Prinzip ein Rassist bist, wenn du weiss bist.»

Am Ende sieht man noch eine Frau in einer Schulversammlung, die mit tränenerstickter Stimme sagt: «Nur weil ich nicht will, dass meine Kinder in der Schule etwas über die kritische Rassentheorie erfahren, heisst das verdammt noch mal nicht, dass ich eine Rassistin bin.»

Karen-Effekt – aufgebrachte Mutter an einer Schulversammlung.
Screenshot: YouTube

Persönlich verantwortlich

«Ich weiss, warum sich diese Eltern aufregen», meint Noah dazu: «Sie wollen nicht, dass ihre Kinder, dass Weisse per se Rassisten sind.» Doch darum gehe es auch gar nicht. Früher hätte beispielsweise die Regierung es Schwarzen verunmöglicht, in weisse Stadtteile zu ziehen. «Man nannte das Redlining [eine rote Linie ziehen], und diese sozialen Strukturmassnahmen haben heute noch einen rassistischen Effekt.»

Das solle nicht heissen, dass heutige weisse Bewohner dort Rassisten seien, so Noah: «Der Punkt ist doch, dass man seine eigene Geschichte kritisch betrachten kann, ohne dabei zu denken, dass du persönlich dafür verantwortlich bist.»

Late Night USA – Amerika verstehen
blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Deutschland sei ein gutes Beispiel: «Der Holocaust ist Thema in der Schule, aber der kleine Klaus kommt nicht nach Hause und weint: ‹Mama, ich bin ein Nazi.› Denn die Deutschen haben verstanden, dass wir aus der Geschichte lernen können, um daran zu wachsen, statt sich darin zu suhlen.»

Arme Weisse

In den USA dagegen schlage die «Hysterie» sich bereits in Gesetzen nieder: Florida, Iowa, Idaho und vier weitere Staaten haben bereits Verordnungen erlassen, die die Projekte zur kritischen Rassenlehre verbieten – im Clip ab Minute 7:40.

Für Noah liege das Problem ja eigentlich woanders. «Meiner Meinung nach gibt es mehr Gesetze, die die obere Klasse vor der unteren Klasse schützt. Deshalb treffen viele Gesetze, die Schwarze treffen, auch arme Weisse.» Arme könnten einfach weniger Widerstand leisten als reiche Banker mit Anwälten. «Und der einfachste Weg, einen Armen in Amerika zu finden, ist, auf die Hautfarbe zu gucken.»

Und der grössere Rahmen? «Die Frage ist doch: Warum lehren wir Geschichte? Damit Kinder sich gut fühlen, weil sie in einem perfekten Land ohne Probleme leben?» Oder doch lieber, um ihnen beizubringen, warum die Gesellschaft so ist, wie sie ist – und ihnen «das Werkzeug zu geben, um sie zum Besseren zu verändern»?