Presseschau Viel Gegenwind für Gretas Atlantikfahrt

Von Philipp Dahm

16.8.2019

Zweifler monieren, dass die Jacht, die Greta Thunberg nach New York bringen soll, aus Carbon besteht – einem Erdöl-Derivat. Die Reise der 16-Jährigen berge überhaupt Zündstoff, finden diverse Medien.

Greta Thunberg ist seit Mittwoch auf Kurs. Wie bekannt, reist die Aktivistin  nicht mit dem Flugzeug nach New York zur UNO-Klimakonferenz, sondern mit der Segeljacht. Doch ihre Überfahrt wird je nach Land und Medium unterschiedlich bewertet.

In den Kommentarspalten kristallisieren sich zwei Gruppen heraus: Die einen bringen ihre Verärgerung über die 16-Jährige zum Ausdruck, es gibt jede Menge Häme, es wird das Haar in der Meeressuppe gesucht. Die anderen verteidigen die junge Schwedin, sie loben ihre Motivation, beschäftigen sich mit ihrer Botschaft.



Das Banale

Was sicherlich zum Anti-Greta-Gefühl beiträgt, das manche zelebrieren, ist die mediale Dauerberieselung. Schon zum Auftakt ihres Segelturns wird klar, wo die Reise medial hingeht.

Greta ahoi: Thunbergs Abreise aus Grossbritannien.
Greta ahoi: Thunbergs Abreise aus Grossbritannien.
Bild: Keystone

Die Nachrichtenagentur SDA besucht am frühen Donnerstagmorgen die Website des deutschen Skippers der Mailizia II – dort wird die aktuelle Position der Jacht live dargestellt. So gut wie alle Schweizer Medien, auch «Bluewin», bringen die Meldung: «Greta Thunberg übersteht erste Nacht auf See». Da sind gerade mal 65 Seemeilen gemeistert – von 3'500!

Spannend ist, dass sich «Bild» zu einer Buchkritik hat hinreissen lassen: Die Frage «Was liest Greta auf ihrem Segeltörn?» wird mit «Still – Die Kraft der Introvertierten» von Susan Cain beantwortet. Der Schmöker wird in der «Bild» ausführlich beschrieben. Wir lernen: «Es ist ein Mutmach-Buch!»

Die Thunberg-Übersättigung ist nicht zuletzt auch Trittbrettfahrern in der Presse geschuldet. «Darum ziert Greta Thunberg das Cover des Männermagazins GQ», titelt «Watson» – und erklärt aus der Hüfte, dass sich das Magazin für seine «GQ Awards» kurzerhand eine komische Kategorie ausgedacht habe, um trotz Mannsbild-Parade Greta als Zugpferd vor den Redaktionskarren zu spannen.

Thunberg auf dem Cover der britischen GQ.
Thunberg auf dem Cover der britischen GQ.
Bild: Gemeinfrei

Wenn andere Medien diesen PR-Schachzug auch noch mit einem «Darum»-Erklärstück belohnen, kommt das nicht nur bei jenen schlecht an, die der neuerlichen Monsterwelle von Thunberg-Infos kritisch gegenüberstehen.

Die Kritiker

«Gretas Turn ist schädlicher als Flug», titelt ausgerichtet die linke «Tageszeitung» aus Berlin. Sie rechnet vor: Weil fünf Angestellte des Skippers in die USA fliegen und die Jacht nach Europa zurücksegeln müssen und auch die Schwedin mit ihrem Vater ja irgendwie zurück muss, hätten doch im Grunde zwei Hin- und Rückflugtickets die Umwelt weniger belastet als die Überfahrt.



Wieder übernehmen alle grossen Schweizer Medien die Meldung, die zunächst die SDA in Umlauf bringt. Dabei ist das Ganze augenscheinlich eine Milchmädchenrechnung. Es mag ja sein, dass Gretas Segeltörn mehr CO2 freisetzt als das ein Flug getan hätte, doch wo wäre dann die Botschaft geblieben, die Greta verbreiten möchte? Ihr ist es schon zu verdanken, dass sich immer mehr Reisende überlegen, doch lieber mit der Bahn zu reisen.  Dass der Begriff «Flugscham» in aller Munde ist, auch das ist mit Gretas Verdienst.

Der etwas andere «Greta-Effekt»:

Wenn Aktivisten etwas bewirken wollen, ist Symbolik unverzichtbar – und Journalisten sollten das wissen. Diese Haarspalterei liegt wohl in der Natur der Sache: Kaum ein Erwachsener lässt sich gern von Jugendlichen belehren. «Miss Thunberg ist eine komplizierte Heranwachsende», beschreibt die «New York Times» das Phänomen. «Intellektuell ist sie, altklug und spitzfindig. […] Kids in ihrem Alter haben noch nicht viel vom Leben gesehen. […] Aber die Leute haben genug von Ausgewogenheit und Perspektive.»

Der Kommentator schliesst sogar kritisch: «Geduld sollte eine Kardinaltugend der Demokratie sein. Der Klimawandel ist ein ernstes Thema. Aber zu sagen, dass man nicht warten könne, beschwört ein genauso schwerwiegendes Problem herauf.»

Die Nachdenklichen

Die Wochenzeitung «Die Zeit» beschränkt sich aufs Deskriptive, zitiert Greta Thunberg jedoch mit einem wichtigen Satz: «Am Anfang hat man meine Stimme nicht gehört. Ich habe es weiter versucht, bis ich meinen Weg gefunden hatte, damit man mir zuhört. Man muss kreativ sein.»

Mit diesen zehn Tipps schonen Sie die Umwelt:

Eine ähnliche Linie verfolgt der «Guardian»: Mit Bewertungen hält er sich zurück, aber Greta wird – das darf man dem Traditionsblatt getrost unterstellen –, bewusst so zitiert: «Ich sage den Leuten nicht, was sie tun sollen. Die Leute können tun, was sie wollen.»



Die «Süddeutsche Zeitung» hat einen «Paradigmenwechsel in der Protestkultur» ausgemacht: «Der Ruf nach Freiheit wird abgelöst vom Ruf nach mehr Regulation.» Die Schwedin sei eine Projektionsfläche: «Jemand, der neu, medienwirksam und unkonventionell daherkommt […], entfacht mehr politisches Engagement» als die etablierten Eliten, denen misstraut werde.

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