«Tollwütiger Hund» gegen nordkoreanischen «Gangster»

«Tollwütiger Hund» gegen nordkoreanischen «Gangster» – Wie wird Biden mit Kim umgehen?

tsha

12.11.2020

Wird Joe Biden das nordkoreanische Regime ins Visier nehmen?
Bild: Keystone

Donald Trump wollte die Beziehungen zu Nordkorea auf ein neues Niveau heben – und ist krachend gescheitert. Wird Biden seinen Kurs fortsetzen?

Als Joe Biden und Donald Trump Ende Oktober zu ihrem letzten TV-Duell vor der Wahl aufeinandertrafen, kam es zu vielen denkwürdigen Szenen. In Pjöngjang, rund 11'000 Kilometer vom Veranstaltungsort in Nashville entfernt, wird man vor allem an einer Stelle besonders aufmerksam zugehört haben: Er habe ein «gutes Verhältnis» zu Machthabern wie Kim Jong-un, dem nordkoreanischen Diktator, tönte Trump. Woraufhin Herausforderer Biden kühl entgegnete: «Und wir hatten ein gutes Verhältnis zu Hitler, bevor er in Europa einfiel.» Soll heissen: Einen Kuschelkurs, wie ihn Trump gefahren hat, werde es unter einem Präsident Biden nicht geben.

Die Nordkorea-Politik, die Trump in den knapp vier Jahren seiner Amtszeit verfolgt hat, lässt sich wohl bestenfalls als erratisch bezeichnen. Mal bezeichnete Trump den nordkoreanischen Staatschef als «Raketenmann auf Selbstmordmission» und «Verrückten», dann wieder wollte er nichts sehnlicher, als der beste Freund des Diktators zu sein.

Im Juni 2018 überraschte der Republikaner dann aber sogar seine schärfsten Kritiker, als er mit Kim in Singapur zu einem historischen Gipfeltreffen zusammenkam. Konkrete Lösungen für den Konflikt zwischen den beiden Ländern kamen damals zwar ebenso wenig zustande wie bei einem zweiten Treffen ein paar Monate später in Hanoi – Bilder für die Geschichtsbücher entstanden dennoch.

Historische Szene: Am 12. Juni 2018 trafen Kim Jong-un (links) und Donald Trump in Singapur erstmals zusammen.
Bild: Keystone

Biden: Kim ist ein «Gangster»

Während Trump beim TV-Duell in Nashville damit prahlte, seine Nordkorea-Politik habe einen Krieg mit «Millionen» Toten verhindert, sah Biden die Dinge nüchterner. Trump, so analysierte Biden, habe durch seine Treffen mit Kim dem nordkoreanischen Regime vielmehr «Legitimation» verliehen und ihm ausserdem Zeit gegeben, Waffen zu entwickeln, die das US-Festland erreichen könnten. Kim, so Biden, sei ein «Gangster». Den nordkoreanischen Diktator würde er nur treffen, sofern dieser bereit sei, die Nuklearkapazitäten seines Landes abzubauen.

In einem Interview mit dem Magazin «Time» vermutet der Nordkorea-Experte Evans Revere vom aussenpolitischen Thinktank «Council on Foreign Relations», Biden könne eine weitaus konventionellere Nordkorea-Politik fahren als Trump. «Ich bin mir sehr sicher, dass die Biden-Regierung im Verhältnis zu Nordkorea auf Druck und Sanktionen setzen wird, um die Kosten des nordkoreanischen Nukler- und Waffenprogramms in die Höhe zu treiben», so Revere.



Tatsächlich könnten weitere Sanktionen das Regime in Pjöngjang stark unter Druck setzen. Denn das Land ist seit Ausbruch der Corona-Pandemie international so isoliert wie lange nicht mehr. Naturkatastrophen und schlechte Ernten haben die Bevölkerung zusätzlich unter Druck gesetzt. Das Leben in dem Land sei «extrem schwierig» geworden, so der südkoreanische Beobachter Doh Hee-youn gegenüber «Time».

Riskante Taktik

Genau hier könnte Biden ansetzen: Indem er die Daumenschrauben weiter anzieht, könnte er Kim zu Zugeständnissen zwingen. Im Gegenzug könnte Biden versuchen, die Beziehungen zu Südkorea zu verbessern. Trump hatte Seoul in den vergangenen Jahren immer wieder brüskiert und sogar mit dem Abzug der US-Soldaten gedroht, die in dem Land stationiert sind. Ob Bidens Taktik aufgeht, ist freilich offen.

In Pjöngjang dürfte man derartige Überlegungen mit Sorge sehen. Zumal man in Nordkorea schon länger nicht gut zu sprechen ist auf Joe Biden. Vor rund einem Jahr, mitten im Vorwahlkampf der US-Demokraten, kamen Töne aus Pjöngjang, die selbst für nordkoreanische Verhältnisse extrem waren: «Tollwütige Hunde wie Biden können viele Menschen verletzen, wenn man ihnen erlaubt, loszulaufen», ätzte die staatliche Nachrichtenagentur KCNA. «Sie müssen mit einem Stock zu Tode geprügelt werden.» Auslöser für den verbalen Ausfall war wohl ein Wahlkampfvideo, in dem der damalige Kandidat Biden US-Präsident Trump dafür kritisierte, «Tyrannen» wie Kim zu treffen. Eine Wortwahl, die Nordkorea offenbar bitter aufstiess.



Nach dem Sieg Bidens bei der Präsidentschaftswahl hat sich das nordkoreanische Regime bislang nicht zu Wort gemeldet. Beobachter gehen aber davon aus, dass schon bald eine Reaktion folgen könnte – nicht mit Worten allerdings, sondern mit Taten. Schon in den kommenden Wochen, glaubt Nordkorea-Experte Revere, könnte Pjöngjang erneut ballistische Raketen testen. So könnte Kim versuchen, die Aufmerksamkeit von Trumps Nachfolger auf sich zu lenken. Es wäre ein vergifteter Willkommensgruss in Richtung Weisses Haus.

Zurück zur Startseite