Trump auf der Titanic: «Alle reden nur vom Ertrinken, Ertrinken, Ertrinken»

Philipp Dahm

27.10.2020 - 18:06

Donald Trump beim Wahlkampf in New Hampshire: Das Publikum ruft «Supertrump, Supertrump, Supertrump».
Screenshot: YouTube

Nächste Woche ist Wahltag – und wenn es nach Donald Trump geht, ist das nervige «Covid, Covid, Covid» ab dem 4. November kein Thema mehr. Die amerikanischen Late-Night-Hosts kontern das ausgesprochen giftig.

Manche erinnern sich noch daran, was Donald Trumps Entourage im TV über sein Krisenmanagement der Pandemie gesagt hatte: Der US-Präsident habe beherzt eingegriffen, das Schlimmste verhindert – und die Seuche sei praktisch besiegt. Zumindest Seth Meyers tut das in «Late Night», aber wir wollen heute Jimmy Kimmel und Trevor Noah zu Wort kommen lassen.

«The Daily Show with Trevor Noah»

Letzterer beleuchtet in seiner «Daily Show» den Stand der Dinge vor dem Wahltermin in einer Woche: 57 Millionen US-Bürger haben ihr Kreuzchen zu diesem Zeitpunkt bereits gemacht. Hätten 2016 so viele Menschen früh gewählt, wären 40 Prozent der Stimmen bereits abgegeben. Und das, obwohl die Amerikaner zum Teil stundenlang anstehen müssen, um in die Wahllokale zu kommen.

«Was erstaunlich ist: Trotz der langen Schlangen, trotz der Unterdrückung erreicht Amerika ein Rekordniveau bei der frühen Stimmabgabe», freut sich Trevor Noah. «Aber auch wenn der Wahltag so nah ist, ist das Hauptthema, an das alle denken, immer noch die Pandemie.» Was ist der Plan der Präsidentschaftskandidaten in dieser Lage, in der die USA so viele Neuinfektionen pro Tag sehen wie nie zuvor?

Amerikaner stehen an, um frühzeitig wählen zu können.
Screenshot: YouTube

Joe Biden will eine landesweite Maskenpflicht, die Produktion von Schutzausrüstung mit einem Gesetz ankurbeln und die Tests auf sieben Millionen pro Tag hochfahren, fasst Noah zusammen. Und was sagt Trump zur Corona-Krise? «Laaaangweilig», greift der Moderator vorweg und zeigt ab Minute 3:12 Ausschnitte der jüngsten Wahlkampfauftritte des Präsidenten.

Trump über Covid: «Ich bin so angeödet»

Der beschwert sich, es gebe kein anderes Thema mehr als «Covid, Covid, Covid». «Ich bin so angeödet», äfft Noah Trump nach, der doch selbst stets mit ollen Kammellen daherkäme. «Warum spricht niemand über Hillary Clintons Mails?» Zumindest wisse er jetzt, wie sich die Bürger fühlten, die seit Jahren bloss «Trump, Trump, Trump» hörten.

Und während Trump erfindet, es sei ein Flugzeug abgestürzt und es würde in den Nachrichten über Corona, aber nicht die 500 Toten berichtet, hält Noah entgegen, dass durch «Covid, Covid, Covid» täglich fast 1000 Amerikaner tatsächlich sterben würden. «Man stelle sich vor, der Kapitän der Titanic würde so reden. ‹Alle reden immer nur vom Ertrinken, Ertrinken, Ertrinken – dabei gibt es Shrimps satt im Speisesaal!›»

Da ist es natürlich blöd für Trump, dass sich fünf Mitarbeiter von Vizepräsident Mike Pence angesteckt haben. Der Kopf der Corona-Taskforce geht deswegen aber nicht in Quarantäne, sondern macht weiter Wahlkampf – weil das systemrelevant sei. Dass Pence nicht infiziert ist, sei aber eine gute Nachricht

Der Grund: «Wir wissen jetzt, dass man das Virus bekommen kann, wenn man dieselbe Luft atmet wie ein Positiver. Aber man kann das Virus offenbar nicht bekommen, wenn man die ganze Zeit der Person den Hintern küsst.»

«Jimmy Kimmel Live»

«Jimmy Kimmel Live» beleuchtet unterdessen die Prognosen für den 3. November, nach denen Joe Biden klar in Front liegt. «Es ist interessant: Die Republikaner sagen: ‹Beachtet die Umfragen nicht, weil wir gewinnen werden›. Und die Demokraten sagen: ‹Beachtet die Umfragen nicht, weil wir [trotzdem] verlieren könnten.›»

Trumps Partei verfolge dabei offenbar die Strategie, wählen so schwer wie möglich zu machen: «Obwohl wir mitten in einer Pandemie stecken, hat der Gouverneur von Texas zusätzliche Einwurfkästen für Briefwähler abgelehnt. Es gibt davon pro Bezirk nur eine: Im grössten Bezirk von Texas gibt es eine Box für fünf Millionen Menschen.»

Todesanzeige für die Amerikanerin Georgia May, die am 28. September starb: «Statt Blumen würde Georgia bevorzugen, wenn Sie nicht Trump wählen.»
Screenshot: YouTube

Kimmels Schlussfolgerung: «[Gouverneur] Greg Abbot ist augenscheinlich besorgt, dass die Leute vielleicht ihre Stimmzettel hineinwerfen, wenn es mehr als eine Box gibt, und so dafür sorgen, dass ihre Stimme zählt, was zu Demokratie führen könnte – und wer weiss, was dann passiert.»

Guess who?

Auch Trump sperrt sich gegen die Briefwahl oder frühe Stimmabgabe – «weil er eine Ausrede braucht, falls er verliert», glaubt der Moderator. Ausser natürlich, es geht um seine Familie, die für ihn stimmt. 

Eigentlich habe auch Trump bisher per Briefwahl abgestimmt, doch um diese zu diskreditieren, ist der gebürtige New Yorker in seine Wahl-Heimat Florida geflogen, um dort in Fleisch und Blut sein Kreuzchen zu machen – und vor den Folgen anderer Abstimmungsformen zu warnen. «Es war eine sehr sichere Stimmabgabe. Viel sicherer, als wenn man seinen Stimmzettel per Post verschickt, das kann ich Ihnen sagen.»

Late Night USA
blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Und: «Ich habe für einen Typen namens Trump gestimmt», verrät er lachend den Reportern. «Melania [Trump] hat für einen Typen namens Kanye [West] gestimmt», giftet Kimmel hinterher. Es sei klar gewesen, dass der 74-Jährige für sich selbst stimme. «Trump war 16 Minuten in der Wahlkabine. Wie lange dauert es, das Kreuzchen zu machen? Es hat 30 Sekunden gebraucht, um sich selbst zu wählen und fünfzehneinhalb Minuten, um seine Erektion loszuwerden, bevor er rausgekommen ist.»

«Sorry, kid!»

Ein kleines Stück Normalität habe es im politischen Washington gleichwohl gegeben: Der Präsident und Gattin Melanie haben im Weissen Haus ihren traditionellen Halloween-Empfang für Kinder abgehalten. Dass dabei die Hygienemassnahmen etwas übertrieben worden sind, entspringt aber bloss den Köpfen der Show-Autoren – auch wenn die Manipulation der Bilder gut gemacht ist.

Halloween-Besuch im Weissen Haus: Der Mann mit der Sprühflasche ist allerdings nicht echt.
Screenshot: YouTube
Kimmel sagt zu diesem Bild bloss: «Sorry, kid!»
Screenshot: YouTube

«Gäste über zwei Jahren mussten eine Gesichtsbedeckung tragen», erklärt Kimmel dazu, «was erklärt, warum der Präsident es nicht getan hat: Wenn jeder eines Maske trägt, zieht er immer noch keine an.» Ab Minute 4:18 zeigt Kimmel dann Bilder aus dem Senioren-Mekka The Villages in Florida, wo Trump die Pensionäre warnte, mit Biden blühe ihnen ein Sommer ohne Klimaanlagen. «Wenigstens werden seine Lügen lustiger», wiehert Kimmel.

Kimmel streift weitere Themen, die sich hier wiederholen würden, doch spannend ist noch das Gerücht, Trump habe sich am Wochenende mit einer Doppelgängerin seiner Frau gezeigt. Der Grund für derlei Spekulationen ist im Startbild des Videos seines Monologs zu sehen: Melania lächelt.

Zurück zur Startseite