Trump steigt mit «Super-Duper-Rakete» in neues Wettrüsten ein

AP/toko

21.5.2020 - 10:59

Hyperschall-Raketen fliegen weit schneller als herkömmliche Geschosse und können dabei auch noch besser manövrieren. Die USA investieren Milliarden.
Joshua Armstrong/U.S. Air Force Academy/dpa

Sie fliegen weit schneller als herkömmliche Geschosse und können dabei auch noch besser manövrieren. Die USA investieren Milliarden in den neuen Waffentyp – nicht zuletzt deswegen, weil sie gegenüber Russland und China sonst ins Hintertreffen geraten könnten.

Immer wieder schwärmte US-Präsident Donald Trump zuletzt von einer neuen «Super-Duper-Rakete». Gemeint waren Flugkörper, die von gängigen Abwehrsystemen kaum zu stoppen sind – wegen ihrer Geschwindigkeit, aber auch wegen ihrer Wendigkeit. Experten sprechen von einer Hyperschall-Rakete. Das Pentagon arbeitet bereits seit Jahrzehnten an der Entwicklung. Nun hat der Waffentyp plötzlich massiv an Bedeutung gewonnen.

Technische Fortschritte lassen den Einsatz solcher Raketen inzwischen realistisch erscheinen. Der eigentliche Grund dafür, dass die amerikanischen Streitkräfte mit neuem Elan in die Forschung eingestiegen sind, dürften jedoch entsprechende Programme von Moskau und Peking sein. Aktuell sieht es fast so aus, als wären die beiden Kontrahenten den USA einen Schritt voraus.



Das Verteidigungsministerium in Washington macht keinen Hehl daraus, worum es geht. «Unser oberstes Ziel ist, ganz einfach, dass wir die Schlachtfelder der Zukunft dominieren wollen», sagte Mark Lewis, der im Pentagon für die Hyperschall-Forschung zuständig ist, im März vor Reportern. Kritiker monieren, dass der Waffentyp die militärische Abschreckung nur unwesentlich erhöhen würde. Einige fürchten zudem, dass er ein neues, destabilisierendes Wettrüsten auslösen könnte.

Nach allgemeiner Definition handelt es sich bei Hyperschall-Raketen um Geschosse, die mehr als die fünffache Schallgeschwindigkeit erreichen. Die meisten bisherigen Raketen tun dies nicht. Die extreme Geschwindigkeit hat den Vorteil des Überraschungseffekts. Doch auch unabhängig davon dürfte es schwer sein, die neuartigen Waffen abzufangen, da sie keine feste und damit berechenbare Flugbahn haben. Tatsache ist also, dass es für die USA ein Problem wäre, wenn nur Russland und China solche Raketen im Arsenal hätten.

«Wir brauchen das»

Trump liess in den vergangenen Monaten mehrfach sein besonderes Interesse an der Thematik durchblicken – manchmal vage, manchmal sehr konkret. «Wir haben die superschnellen Raketen, sehr viele von den Superschnellen», sagte er im Februar bei einem Besuch von Gouverneuren im Weissen Haus. «Wir brauchen das, weil, mal wieder, auch Russland welche hat.» Am vergangenen Freitag sprach der Präsident dann vor Reportern von der «Super-Duper-Rakete». Er habe «gehört», dass sie 17 Mal schneller sei als jede andere US-Rakete, sagte er.

Donald Trump spricht von einer «Super-Duper-Rakete».
Evan Vucci/AP/dpa

Die aktuellen Äusserungen des Präsidenten wollte das Pentagon auf Anfrage nicht kommentieren. Soweit bekannt, arbeiten die amerikanischen Streitkräfte aber an der Entwicklung von zwei Typen von Hyperschall-Raketen. Im einen Fall soll ein sogenannter Gleitflugkörper mit einer Trägerrakete in die Höhe geschossen werden und von dort mit hoher Geschwindigkeit auf ein Ziel zusteuern. Im anderen Fall soll die Hyperschall-Waffe ähnlich wie ein Marschflugkörper von einem Flugzeug aus starten und dann auch in geringerer Höhe manövrieren können.

Erster Test erfolgreich

Am 19. März testete das Pentagon einen «Hyperschall-Gleiter» auf einem Raketenstartplatz auf der Hawaii-Insel Kauai. Laut offiziellen Angaben war der Test erfolgreich. Das Pentagon beschrieb ihn als einen «wichtigen Meilenstein» im Hinblick auf das Ziel des Ministeriums, Anfang bis Mitte der 2020er-Jahre eigene Hyperschall-Systeme einsatzbereit zu haben. Anders als Russland wollen die USA ihre Hyperschall-Waffen laut eigenen Angaben nicht mit nuklearen Sprengköpfen bestücken.



Wie sehr sich die Priorität des Themas erhöht hat, zeigt sich an den Ausgaben. Im Jahr 2017 gab Washington etwa 800 Millionen Dollar (rund 773 Millionen Franken) für Hyperschall-Programme aus. Ein Jahr später hatte sich die Summe fast verdoppelt. 2019 standen dem Pentagon für die neuartigen Raketen 2,4 Milliarden Dollar zur Verfügung, im laufenden Jahr sind es 3,4 Milliarden. Im Budget für 2021, das noch vom Kongress genehmigt werden muss, hat die US-Regierung 3,6 Milliarden vorgesehen.

Trotz aller Priorität bleibt abzuwarten, wie lange die Investitionen auf diesem Niveau bleiben werden. Denn angesichts der Coronavirus-Krise stehen auch die USA finanziell stark unter Druck. Die Budget-Planung in Washington dürfte aber eben auch massgeblich von den Entwicklungen in Russland und China abhängen.

China mit Vorsprung

«Nach fast jeder Metrik, die ich erstellen kann, ist uns China sicherlich voraus», sagte der Pentagon-Experte Lewis am Dienstag. «Das hat viel damit zu tun, dass wir ihre Hausaufgaben für sie gemacht haben.» Grundlegende Erkenntnisse in diesem Bereich seien in den USA schon vor vielen Jahren veröffentlicht worden – «und dann haben wir quasi den Fuss vom Gas genommen», erläuterte Lewis. Inzwischen sei das Pentagon aber auf gutem Wege, China wieder einzuholen und zu übertreffen.

Peking hat bereits mehrere erfolgreiche Tests mit eigenen Hyperschall-Systemen absolviert. Laut einem im März vorgestellten Bericht des US-Kongresses gehen die amerikanischen Geheimdienste davon aus, dass die chinesische Rakete vom Typ DF-17 eine Reichweite von 1'000 bis 1'500 Meilen (1'600 bis 2'400 Kilometer) hat und noch in diesem Jahr einsatzbereit sein könnte.

Russland verkündete im vergangenen Dezember die Einsatzfähigkeit einer eigenen Hyperschall-Rakete. Das Gleitfluggerät namens «Avangard» erreicht den Angaben zufolge eine Geschwindigkeit von Mach 27, also dem 27-Fachen der Schallgeschwindigkeit, und soll mit scharfen Manövern die gängigen Abwehrsysteme durchbrechen können.

Ähnlich wie bei anderen strategischen Waffen kommt es in diesem Kontext aus Sicht der US-Regierung darauf an, keinen entscheidenden Nachteil gegenüber den beiden Rivalen zu riskieren. Im Ergebnis droht dabei aber nicht nur ein Wettrüsten wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Das US-Institut Rand Corporation warnte bereits 2017 in einem Bericht, dass sich die Hyperschall-Technik über die drei militärischen Grossmächte hinaus verbreiten könnte. Damit wären dann auch kleinere Staaten in der Lage, glaubwürdig mit Angriffen zu drohen, hiess es.


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