Evangelikale in den USA ringen um ihre Zukunft

Von Luis Andres Henao und Jessie Wardarski, AP/uri

13.2.2021 - 11:02

FILE - In this Jan. 3, 2020 file photo, faith leaders pray over President Donald Trump during an "Evangelicals for Trump Coalition Launch" at King Jesus International Ministry in Miami. On Sunday, Jan. 10, 2021, the first day of Christian worship services since the Capitol riot, religious leaders who have supported the president in the past delivered messages ranging from no mention of the events of that day to incendiary recitations of debunked conspiracy theories. (AP Photo/Evan Vucci, File)
Evangelikale Prediger beten am 10. Januar 2020 mit Donald Trump in Miami (Archiv)
Bild: Keystone

Sollten sich die Kirchenführer in die Politik einmischen? Die Evangelikalen in den USA stimmten zwar mehrheitlich für Trump, sind sich aber in dieser Frage nicht einig.

Wer Christ ist in Bluefield, und das sind die meisten in der Kleinstadt in den Appalachen im US-Staat West Virginia, kann sich seine Gemeinde aussuchen. Er kann zu Pastor Doyle Bradford in die Kirche gehen, der vehement Donald Trump unterstützt und am 6. Januar an der Demonstration teilnahm, die im Sturm auf das Kapitol endete.

Oder er hört drei Meilen weiter Pastor Frederick Brown zu, der Bradford zwar als Bruder betrachtet, seine Ansichten aber für falsch hält. Und dann ist da auch noch Pastor Travis Lowe, der eher den Weg christlicher Einheit sucht. Die drei Kirchen ringen um eine zentrale Frage: Worin besteht die Rolle des evangelikalen Christentums in der US-Politik?

Dabei finden sich durchaus Gemeinsamkeiten. Alle drei Gemeinden haben den Sturm auf das Kapitol verurteilt und beten für eine gemeinsame Zukunft. Über den Weg dahin sind sie uneins. So erklären Bradford und seine Gemeindemitglieder von der Father’s House International Church, der Pastor habe seine Meinungsfreiheit und seine Religionsfreiheit ausgeübt.

Acht von zehn evangelikalen Wählern unterstützten Trump

Seine Kollegen in den anderen Kirchen von Bluefield befürchten dagegen, die scharfen Attacken und haltlosen Vorwürfe, die Bradford im Internet veröffentlichte und von der Kanzel predigte, könnten die Gräben noch vertiefen.



Etwa acht von zehn evangelikalen Wählern unterstützten bei der Präsidentschaftswahl im November den Amtsinhaber Donald Trump, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur AP ergab. Die Mehrheit von ihnen billigt das politische Engagement ihrer Kirchenführer. Dennoch sind sie keinesfalls ein monolithischer Block, wie sich auch in Bluefield mit seinen gut 10'000 Einwohnern zeigt.

Dort grub Doyle Bradford in der Tiefe nach Kohle, bevor er seiner Gemeinde diente – eine traditionelle Berufung in Bluefield, wo die Menschen stolz darauf verweisen, dass die Kohle aus den Hügeln der Umgebung dabei half, Schiffe durch zwei Weltkriege hinweg anzutreiben. West Virginia stimmte bei der Präsidentschaftswahl mehrheitlich republikanisch. Im Bezirk Mercer, zu dem Bluefield gehört, waren es zwei Drittel der Wahlberechtigten, sehr zur Freude von Pastor Bradford.

Wahlbetrug der Demokraten gewittert

Er erklärte nach dem Sturm auf das Kapitol auf seiner Facebook-Seite, er trete für die Politik ein, die seinem Glauben und seinen Werten am nächsten komme: «Das schliesst nicht die Ermordung von Babys im Mutterleib ein, nicht die Unsicherheit, welche Toilette zu benutzen ist und nicht ein Verbot von Pronomen.»



Der Pastor versicherte, er habe an der Gewalt am 6. Januar in Washington nicht teilgenommen, ja sie nicht einmal gesehen. Er glaube, es habe sich um «eine geplante Reaktion von Nicht-Trump-Anhängern gehandelt». Ausserdem behauptete Bradford, es gebe Beweise für einen Wahlbetrug zugunsten des demokratischen Kandidaten Joe Biden und forderte die Menschen auf, «aufzuwachen», denn «es geht um Amerika».

In einem Interview verteidigte er seine Äusserungen und wies zurück, Teil einer Bewegung hin zum christlichen Nationalismus zu sein. Es sei lediglich seine Überzeugung, dass «Amerika sich in eine Richtung bewegt, die Amerika viel Schaden zufügen wird», sagte er.

Elf Präsidenten überlebt

In der Faith Center Church will Pastor Frederick Brown dem Kollegen das Recht auf freie Meinungsäusserung nicht absprechen. Er stellt jedoch infrage, ob dessen Äusserungen klug seien oder nicht sogar Gottes Lehren widersprächen. Brown möchte, dass die Kirchenführer zum «echten Christentum» zurückkehren, wie er sagt und sich aus der politischen Arena heraushalten.

«Bei aller Liebe und allem Respekt für meinen Bruder, habe ich das Gefühl, dass er vollkommen falsch liegt», erklärt der Pastor. «Ich glaube, dass er öffentlich Dinge gesagt hat, die einfach nicht biblisch waren.» So habe Bradford geäussert, dass Gottes Zorn die Menschen treffen werde, die nicht für Trump gestimmt hätten. Das entspreche nicht dem, was das Christentum lehre.

Während einer Sonntagsmesse sagte Pastor Brown in seiner Predigt, die Menschen müssten die Politik beiseite lassen und auf Gott vertrauen. «Ich weiss nicht, wie es ihnen geht», erklärte er. «Ich habe elf Präsidenten gesehen und ich habe sie alle überlebt.»

«Ich kann kein Blut an meinen Händen riskiere»

Nicht weit entfernt erlebte Travis Lowe in seiner Crossroads Church, wie schwer die Einheit des Christentums zu erhalten ist. Er unterstützte die Black-Lives-Matter-Bewegung, bis ein Freund seine Äusserungen als spaltend beschrieb. Seitdem schweigt er zu politischen Fragen nach Möglichkeit.

Auf der Plattform Medium erklärte Lowe, dies sei nicht einfach gewesen, als die Heilige Schrift benutzt worden sei, um politische Gegner zu dämonisieren. Nach dem 6. Januar habe er jedoch nicht mehr schweigen können. «Ich kann kein Blut an meinen Händen riskieren, nur um der Einheit willen», erklärte er.

«Es fällt mir schwer zu sehen, dass Menschen das Banner des Christentums schwenken und dennoch eine Sprache der Gewalt verwenden», sagte Lowe. Auf Bildern werde Jesus als Löwe dargestellt. «Im Neuen Testament ist jedoch zu erkennen, dass jedes Mal, wenn wir Jesus als Löwen erwarten, er sich als Lamm zeigt.»

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