Neue Strategie, neue Generäle

Warum krempelt Putin gerade seine Armee um?

Von Andreas Fischer

27.6.2022

Nach wochenlanger Ruhe wieder Luftangriffe auf Kiew

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26.06.2022

Bomben und Raketen auf die Westukraine: Russlands Strategiewechsel ist offenkundig. Dass Putin auch seine Generalität neu aufstellt, bekommt die Öffentlichkeit kaum mit. Gehen dem Kreml irgendwann die Generäle aus?

Von Andreas Fischer

27.6.2022

Putin weitet seine Luftschläge auf die Ukraine offenbar aus. Am Wochenende wurden zahlreiche russische Raketenangriffe auf das Land gemeldet. Bemerkenswert dabei: Russland nimmt wieder verstärkt Ziele weit im Hinterland der Front ins Visier. Angegriffen wurden westukrainische Gebiete und Städte wie Lwiw sowie die Hauptstadt Kiew. Im Süden des Landes galten die Luftschläge unter anderem der Hafenstadt Odessa.

Zuletzt hatte Russland seine Truppen in der Ostukraine konzentriert. Die Offensive im Donbass kommt voran, wenn auch nur schleppend. Mit der Eroberung der Stadt Sjewjerodonezk gab es Ende der vorigen Woche einen grösseren Erfolg.

Strategiewechsel zwingt die Ukraine in die Defensive

Doch nun scheint sich die Strategie Russlands zu ändern. Mit den neuerlichen Angriffen auf Kiew und die Westukraine könnte Putin versuchen, die ukrainischen Verteidigungstruppen aufzuspalten, sodass zumindest ein Teil von der umkämpften Front abgezogen werden müsste.

«Es zwingt die ukrainische Armee, die Luftabwehr zu verstreuen, um zivile Ballungen zu schützen: Was eben auch bedeutet, dass diese nicht an die Front geschickt werden können», schätzt Militäranalyst Niklas Masuhr vom Center for Security Studies an der ETH Zürich auf Nachfrage von blue News ein. Die Raketenangriffe auf die Westukraine könnten gemäss Masuhrs Einschätzung auch die Zerstörung von kritischer Infrastruktur, von Nachschubwegen und -depots zum Ziel haben und nicht zuletzt Druck auf Kiew ausüben.

Mit dem Donbass werde sich Putin nicht zufrieden geben, hatte Masuhr zuletzt im Interview mit blue News betont: «Es geht meines Erachtens nach wie vor darum, die Ukraine als politische Realität zu zerstören.»

Russian President Vladimir Putin, center, Russian Defense Minister Sergei Shoigu, left, and Head of the General Staff of the Armed Forces of Russia and First Deputy Defense Minister Valery Gerasimov watch a military exercises on training ground
Wladimir Putin (Mitte) baut die Führung seiner Invasionsarmee in der Ukraine offenbar um und tauscht führende Generäle aus.  (Archivaufnahme)
AP

Welche Gefahr droht aus Belarus?

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew wachsen derweil nach den zunehmenden Angriffen die Befürchtungen, Russland könnte im Norden der Ukraine erneut eine Front aufmachen. Laut SRF halte der Gouverneur von Kiew einen Angriff auf die Stadt «aus Belarus jederzeit für möglich». Man könne von «so einem Nachbarland alles erwarten.»

Der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko soll etwa 4000 Soldaten in Grenznähe zusammengezogen haben. Dennoch hält es der ukrainische Geheimdienst derzeit für sehr unwahrscheinlich, dass Belarus ohne Unterstützung durch russische Truppen aktiv in den Krieg eingreift.

Niklas Masuhr bezweifelt, «dass Russland grundsätzlich das Potenzial hat, den Kampf im Norden wieder aufzunehmen wie zu Beginn des Kriegs.» Allerdings könnte schon «die glaubwürdige Drohung einer Frontöffnung im Norden die ukrainische Armee zwingen, dortige Sektoren zu verstärken.»

Dem ukrainischen Generalstab zufolge feuerte Russland einen Teil der Raketen in den vergangenen Tagen aus Belarus oder Bombern im belarussischen Luftraum ab. Die Ex-Sowjetrepublik bezeichnet sich in dem seit mehr als vier Monaten dauernden Krieg als neutral, diente aber als Aufmarschgebiet für die Russen vor ihrer gescheiterten Offensive auf Kiew.

Kommt hinzu, dass Russland in den nächsten Monaten Boden-Raketen vom Typ Iskander nach Belarus verlegen will, die auch mit atomwaffenfähigen Raketen bestückt werden können. Das hatte Wladimir Putin dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko bei einem Treffen in St. Petersburg versprochen.

Straffere Kommandostruktur

In seiner eigenen Armee hat der Kremlchef Berichten zufolge die Führung erneut umgekrempelt. Demnach wurde Alexander Dwornikow als Kommandeur des Südlichen Militärdistrikts abgesetzt, in dessen Verantwortung die Offensive in der Ostukraine liegt. Der gefürchtete Syrien-Veteran musste nach nur zwei Monaten das Kommando an Armeegeneral Sergei Surovikin abgeben. Das Recherchekollektiv Bellingcat hat als Gründe mangelndes Vertrauen der Truppe und exzessiven Alkoholkonsum ausgemacht.

Marcel Berni, Strategieexperte der Militärakademie an der ETH Zürich, vermutet auf Nachfrage von blue News, dass «Putin mit Dwornikows militärischen Leistungen im Donbass nicht zufrieden war. Der russische Fortschritt war inkrementell und eine grosse Einkesselung ukrainischen Truppen ist Dwornikow in den vergangenen Monaten nicht gelungen.»

Zufrieden mit dem Fortgang des Krieges scheint der Kreml nicht zu sein. Gemäss des unabhängigen Institute for the Study of War (ISW) hat es zuletzt eine ganze Reihe von Posten-Rotationen auf Führungsebene gegeben. Zudem soll die Kommandostruktur gestrafft worden sein und statt vier Militärdistrikten nur noch zwei Truppenverbände, die Gruppen «Süd» und «Zentrum», das Sagen haben.

Moskau tauscht die Generäle aus

Der Oberbefehl über alle russischen Truppen in der Ukraine liegt neu mutmasslich bei Generaloberst Gennadi Zhidko, der zuletzt im Verteidigungsministerium in Moskau arbeitete und ebenfalls Kampferfahrungen im Syrienkrieg gesammelt hat. Entsprechende Geheimdienstinformationen scheinen sich am Wochenende bestätigt zu haben.

Während einer Inspektion der russischen Bodentruppen in der Ukraine hat der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu gemeinsam mit Zhidko die Lage besprochen, wie ein Video auf Twitter zeigt. Für Militärexperten ein Indiz dafür, dass Zhidko militärisch das Sagen hat.

Für Marcel Berni ist es «nicht klar, wann genau Russland einen Oberbefehlshaber für die Operation ernannt hat. Es macht jetzt den Anschein, als ob Zhidko als Gesamtkommandant eine separate Kommandostruktur unter sich hat.»

Putin lässt Generälen keine Ruhe

Was aber bedeutet die umgekrempelte Kommandostruktur für die weitere Kriegführung? «Putin unterstreicht damit einmal mehr, dass er schnelle Erfolge will», sagt Marcel Berni. «Er lässt seinen Generälen keine Ruhe und zeigt, dass er bereit ist, innerhalb von kurzer Zeit ranghohe Personalien auszutauschen. Trotzdem scheinen auch die Russen akzeptiert zu haben, dass der Krieg in der Ukraine immer mehr zu einer Art Erschöpfungskrieg wird.»

«Das Organigramm gibt mir nach wie vor gewisse Rätsel auf», räumt Niklas Masuhr ein. Der Analyst könne in den Rotationen in der russischen Hierarchie keine klare Kausalität aufzeigen, weiss aber: «Moskau hat bereits durch Syrien-Kommandeure rotiert, alle jetzt in der Ukraine eingesetzten Kommandeure haben Erfahrung von dort.» Da es bei der Ukraine um einen «wesentlich weniger optionalen Krieg für den Kreml geht», vermutet Masuhr «eine gewisse politische Komponente» bei den Umbesetzungen.

Kommandokultur der Russen ist schwierig

Dass auch in einzelnen Truppenteilen Befehlshaber ausgewechselt werden, ist für Strategieexperte Berni nicht unbedingt ein Zeichen für wachsende Unzufriedenheit im Kreml. «Diese Rotation findet in den russischen Streitkräften schon seit Beginn des Krieges statt. Ich glaube, es geht mehr darum herauszufinden, welche Kommandeure sich auf dem Schlachtfeld bewähren – und welche überleben.»

Die «Fähigsten» und «Loyalsten» würden so in der militärischen Hierarchie aufsteigen: «Das russische Militär hat keine breite Basis an Unteroffizieren. Folglich ist die Leistung der Offiziere und den ihnen unterstellten Soldaten zentral für den russischen Kriegsfortschritt», analysiert Berni.

Und wenn die neuen Befehlshaber die Erwartungen ebenfalls nicht erfüllen und ausgetauscht werden? Gehen Putin dann die Generäle aus? Das glaubt Marcel Berni nicht: «So schnell gehen Putin die Generäle nicht aus. Ich könnte mir vorstellen, dass er weiterhin rotieren wird, insbesondere auf unterer Truppenstufe.»

Problematischer sei, dass Putin sich «auf oberer Stufe weiterhin in die Diskussion um die strategischen Kriegsziele, -mittel und -methoden einbringen wird. Das macht die Kommandokultur in den russischen Streitkräften sehr schwierig und verunmöglicht nahezu das Gebot der Einheit der Führung.»

Mit Material der Nachrichtenagentur dpa.

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