Late Night USA

Wie Rudy Giuliani aus einem Klaps einen Elefanten macht

Von Philipp Dahm

29.6.2022

Stephen Colbert (rechts) warnt, Eltern sollten den Beitrag nicht mit ihren Kindern schauen.
YouTube/Late Show with Stephen Colbert

Rudy Giuliani berichtet, er sei tätlich angegriffen worden. Wie ein Schuss sei der Schlag gewesen, als habe ihn ein «Fels» getroffen – die Dame neben ihm sei fast mitgefallen. Doch so war es nicht, weiss Stephen Colbert.

Von Philipp Dahm

29.6.2022

«The Late Show with Stephen Colbert» widmet sich in ihrem Monolog natürlich den Enthüllungen über den 6. Januar, mit denen Cassidy Hutchinson die Nation überrascht hat. Doch der Gastgeber und sein Team widmen sich auch einem Nebenkriegsschauplatz – im wahrsten Sinne des Wortes.

Denn Rudy Giuliani, berüchtigter Anwalt von Donald Trump, ist in Staten Island, New York, von einem Angestellten eines Supermarktes angegriffen worden. «Bevor ich weitermache, lassen Sie mich sagen, dass es Rudy Giuliani gut geht – mal abgesehen davon, dass er Rudy Giuliani bleibt.»

Seine «Late Show» verdamme Gewalt «jeglicher Art», schiebt Colbert hinterher. «Man sollte den Ex-Bürgermeister in der Öffentlichkeit nicht mal berühren. Erstens, weil es einfach falsch ist und zweitens, weil man sich nicht mit dem verrückten Rudy-Saft beschmieren will.» Der 78-Jährige ist für schweissreiche Schnappschüsse bekannt.

«Wie von einem Fels getroffen»

Was ist passiert? Giuliani Senior macht am 25. Juni in einem New Yorker Supermarkt Wahlwerbung für Giuliani Junior, der im Bezirk Staten Island in die Gouverneurswahlen eingreifen will. Was sich dort zugetragen hat, macht der Anwalt in einem Radio-Interview einen Tag später öffentlich.

Rudy Giuliani soll gekocht haben, weil «Fox News» sich geweigert hat, über seine Räuberpistole zu berichten.
YouTube/Late Show with Stephen Colbert

«Ich komme aus der Herrentoilette, eine Gruppe von Leuten steht um mich herum», berichtet Rudy am 26. Juni brühwarm. «Sie umarmen mich, küssen mich, erzählen mir, Andrew ist grossartig.» Dann das Unheil: «Aus heiterem Himmel fühle ich ein Geschoss auf meinem Rücken – als hätte jemand auf mich geschossen.»

Am 27. Juni legt Giuliani per Video aus seinem Büro Zeugnis dessen ab, was ihm widerfahren ist. «Ich wurde am Rücken wie von einem Fels getroffen.» Und als sich am Abend schliesslich ein US-Sender erbarmt, ein Video-Interview zu machen, setzt das Opfer noch einen drauf.

«Vom Widerhall fast selbst umgefallen»

Giuliani: «Die Frau [– die neben mir stand –] hat eine Aussage bei der Polizei gemacht. Der Typ hat mich so fest geschlagen, dass sie vom Widerhall fast selbst umgefallen wäre.»

Giulianis TV-Aussage: Der Moderator sieht nicht gerade schockiert aus.
YouTube/Late Show with Stephen Colbert

Colbert: «Es war eine Kombination aus Geschoss, Fels und Erdbeben. Und wenn Sie das glauben, glauben Sie auch, dass mich Leute umarmen und küssen wollen, sobald ich aus der Herrentoilette komme.»

Doch dann sind Video-Aufnahmen des Vorfalls aufgetaucht, weiss Colbert: «Eltern, schickt die Kinder aus dem Zimmer und folgt ihnen, denn das hier ist derart gewalttätig, dass ihr Haus Schaden nehmen könnte.»

Ein Klaps

Nun ja, was soll man sagen? Es war ein Klaps, den der Rechtsvertreter im Supermarkt bekommt – zu sehen bei Minute 2:36. Der Tunichtgut ist nach Erscheinen aus dem Gefängnis entlassen worden und muss nun nur noch mit einer Busse rechnen.

Hier schlägt der Täter zu – im übertragenen Sinne. Dazu sagt er übrigens: «Wie geht's, Mistkerl?»
YouTube/Late Show with Stephen Colbert

Das wiederum bringt Giuliani auf die Palme, der den Vorgang nicht verstehen kann. «Ich bin nicht hingefallen», tönt er in der «New York Times». Aber: «Es hätte sein können. Wenn ich hingefallen wäre – wer weiss.» «Ich weiss», kontert Colbert. «Du hättest dir den Kopf angeschlagen und Chianti wäre ausgelaufen.»

Sohn Andrew beruhigt derweil die Nation, sie müsse sich nicht um seinen Vater sorgen. Er sei «stahlhart», also tough as nails. «And just like nails, he's always hammered», endet Colbert mit finalem Blick auf dessen Alkohol-Konsum.

Late Night USA – Amerika verstehen
Blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.