Die fünfte Welle trifft die Spitäler mit voller Wucht

Von Gil Bieler

1.12.2021

Pflegepersonal im Universitaetspital der Insel Gruppe kuemmern sich auf der Intensivstation um einen Covid Patienten , am Mittwoch, 16. Dezember 2020, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Pflegepersonal im Inselspital in Bern betreuen einen Covid-Patienten. (Archivbild)
Bild: Keystone/Peter Schneider

Die explodierenden Fallzahlen bringen die Intensivstationen der Spitäler bereits an die Belastungsgrenzen. Und nicht nur wegen Omikron sind die Aussichten düster: Es fehlt vor allem an Personal.

Von Gil Bieler

1.12.2021

«Es ist ein Albtraum»: So fasst Stephan Jakob die Situation auf der Intensivstation des Inselspitals Bern zusammen. Der Chefarzt schlägt Alarm: 27 von 28 Intensivpflegebetten seien derzeit belegt, vier davon mit Covid-Patient*innen – die alle in Lebensgefahr seien: «Alle vier werden beatmet, einer ist an der künstlichen Lunge», sagt Jakob im Interview mit der SRF-Sendung «Club».

Was ausserdem auffällt: Alle Patient*innen auf der Intensivstation seien ungeimpft, so Jakob.

Laut dem Mediziner könnten am Inselspital normalerweise 36 Intensivbetten betrieben werden. Doch weil das Personal fehle, seien es aktuell noch 28 – im nächsten Monat noch 26 Betten. Viele Kolleg*innen hätten «nach diesen 21 schweren Monaten» der Pandemie gekündigt, weil sie mit den Kräften am Ende gewesen seien.

Das Inselspital Bern ist kein Einzelfall: Die Auslastung der Intensivpflegeplätze in den Schweizer Spitälern lag am Mittwochmittag bei 81,1 Prozent. Der Anteil an Covid-Patient*innen hat sich gemäss Bundesamt für Gesundheit (BAG) seit Anfang November von 13 Prozent auf zuletzt 27 Prozent verdoppelt.

Die Auslastung der Intensivstationen seit Anfang November – die dunkelgraue Kurve zeigt den Anteil der Covid-Patient*innen an.
BAG

Auch das Unispital Zürich ist «aktuell sehr stark ausgelastet», wie es auf Anfrage von blue News heisst. Die Situation sei äusserst dynamisch, am Mittwochmittag seien noch vier Betten auf der Intensivstation frei gewesen.

«Wegen personeller Engpässe mussten mehrere Intensivbetten gesperrt werden», erklärt Mediensprecherin Manuela Britschgi. «Um die Situation zu bewältigen, wird täglich neu beurteilt, ob Massnahmen wie beispielsweise das Verschieben von Operationen angezeigt sind.»

Am Dienstag hätten Patient*innen, die Intensivpflege bräuchten, kein Bett mehr bekommen, sagt Peter Steiger, stellvertretender Direktor des Instituts für Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich, bei Radio SRF1. «Wie alle anderen Spitäler waren auch wir voll belegt.» Man habe die Betroffenen nicht in ein anderes Spital verlegen können. «Es war wirklich schlimm.»

In ganzen Kanton ist die jüngste Entwicklung alles andere als günstig: So liegen zurzeit 177 Covid-Patient*innen in Zürich im Spital. Diese Zahl hat sich innerhalb eines Monats mehr als verdoppelt.

«Froh um jede Unterstützung»

Ähnliches Bild in Basel. Aufgrund der angespannten Lage sucht das Universitätsspital Basel nun nach Verstärkung. Anfang der Woche schaltete die Klinik ein Inserat auf, mit dem Student*innen, Pfleger*innen und anderes Fachpersonal als «temporäre Unterstützung» gesucht werden. Als Grund werden die «steigenden Corona-Zahlen» genannt.

«Wir haben zahlreiche Bewerbungen mit sehr unterschiedlichen beruflichen Hintergründen erhalten», erklärt Caroline Johnson, Mediensprecherin der Klinik, auf Anfrage. «Wir sind überwältigt von der grossen Hilfsbereitschaft.»

Wie sich die Situation in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln werde, sei schwierig abzuschätzen. Entsprechend sei auch noch offen, wie viele zusätzlichen Mitarbeitenden es brauche. Doch, so Johnson, sei man am Unispital Basel «momentan um jede Unterstützung froh».

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Auf der Intensivstation gebe es derzeit noch freie Kapazitäten. Doch habe man den Auftrag, wenn nötig, weitere Kapazitäten zu schaffen. Deshalb sei man mit dem Inserat auch aktiv auf die Suche nach Unterstützung gegangen. 

Für die rund 40 Covid-Patient*innen im Spital musste in Basel die Covid-Station bereits erweitert werden.

Kommt bald die Triage?

Auf eine baldige Entspannung der Situation deutet wenig hin. Am Mittwoch meldete das BAG mit 10'466 Neuinfektionen den höchsten Tageswert seit über einem Jahr. Und mit Omikron fasst eine neue Variante in der Schweiz Fuss, die Gesundheitsexpert*innen weltweit Kopfzerbrechen bereitet.

Bei der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) rechnet man mit schwierigen Wochen: «Es ist aufgrund der gegenwärtigen Dynamik mit einer weiteren Zunahme der Hospitalisationen und einer steigenden Belastung der Intensivstationen zu rechnen», teilt GDK-Sprecher Tobias Bär auf Anfrage mit.

Es sei daher zu befürchten, «dass bald wieder vermehrt Patientinnen und Patienten verlegt und sogenannt nicht dringliche Eingriffe verschoben werden müssen». Dazu könnten auch Krebsoperationen zählen. 

Zum selben Schluss kommt Stephan Jakob vom Inselspital Bern. Er hat keinen Zweifel daran, dass bald wieder eine Triage vorgenommen werden müsse. Sprich: Das Spitalpersonal muss entscheiden, welche Patienten überhaupt aufgenommen werden. «Wenn jetzt noch einmal eine Welle kommt, werden wir […] in der Situation sein, dass wir zehn Patienten für zwei Betten haben.»

Für die GDK steht fest: «Es besteht Handlungsbedarf, um eine Überlastung der Intensivstationen zu verhindern.» Man begrüsse daher, dass der Bundesrat am Dienstag nationale Massnahmen in die Vernehmlassung geschickt habe.

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01.12.2021