Plötzlich Fernunterricht – eine harte Prüfung für alle

Gil Bieler

23.3.2020 - 18:05

Stillstand: Die Klassenzimmer im Land sind derzeit verwaist. 
Bild: Keystone

Statt in der Schule werden Kinder und Jugendliche jetzt daheim unterrichtet. Doch viele könnten so nicht richtig lernen, sagt die oberste Lehrerin der Schweiz. Sie hält Abstriche beim Schulstoff für denkbar.

Es war der wohl folgenreichste Entscheid, den der Bundesrat bisher wegen des Coronavirus gefällt hat: Am Freitag, den 13. März, hat er alle Schulen im Land bis zum 4. April geschlossen. Nun ist Umstellen auf Fernunterricht angesagt. Nicht nur Schülerinnen und Schüler, auch die Lehrpersonen und Eltern müssen sich mit einer völlig neuen Situation arrangieren.

Eine Lehrperson, die in einer grösseren Bündner Gemeinde eine fünfte Primarklasse unterrichtet, ist seither mit jeder Menge Abklärungen beschäftigt. Welche Schüler haben daheim Computer, Tablets und alles Notwendige, damit Fernunterricht auch durchführbar ist? Auf welche Tools und Plattformen soll man setzen? Und wie kann man Schulstoff auf diese Weise vermitteln?

Viel Zeit, um all diese Fragen zu klären, bleibt nicht: Nächste Woche soll laut Vorgaben des Kantons der Fernunterricht starten. Parallel dazu werden die Lehrer beim schulischen Betreuungsangebot eingespannt, das Eltern ohne andere Hütemöglichkeit entlasten soll.

«Es braucht viel Disziplin»

Doch diese organisatorischen Herausforderungen bereiten der Lehrkraft weniger Sorgen als die veränderte Lernsituation, wie sie zu «Bluewin» sagt: «Den Schulstoff für sich allein durchzupauken, ist schwierig. Es braucht dafür viel Disziplin, und nicht jedes Kind hat diese.» Hinzu komme: Nicht alle Eltern hätten gleich viel Zeit oder Möglichkeiten, ihren Nachwuchs beim Lernen zu unterstützen. Obwohl sich die Lehrer dieser Problematik bewusst seien und die Aufgaben entsprechend gestaltet würden, könne von Chancengleichheit wohl keine Rede sein.

Für Dagmar Rösler, die oberste Lehrerin der Schweiz, ist klar: Durch die neue Situation werden die Unterschiede beim Wissensstand der Schüler markant zunehmen. «Die Schere wird auseinandergehen», prophezeit die Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz auf Anfrage von «Bluewin».



Noch kann niemand mit Bestimmtheit sagen, wie lange die neue Unterrichtssituation Bestand haben wird – viele Schulen würden sich aber schon darauf einstellen, dass es auch nach den Frühlingsferien mit Fernunterricht weitergehe, sagt Rösler.

Das stellt Schulen vor weitere Herausforderungen: Denn gerade auf Primarstufe seien die Möglichkeiten eingeschränkter, wie neuer Schulstoff vermittelt werden könne. In diesem Alter laufe noch vieles über erklären, handeln, ausprobieren, nochmals erklären ab. «Natürlich gibt es Kinder, die selbstständig genug sind, um auch neuen Stoff zu lernen. Doch viele können das ohne Hilfe nicht umsetzen.»

Die Schüler könnten also bei längerem Fernunterricht erheblich zurückgeworfen werden. Wie könnte man darauf reagieren? Sarah Knüsel, die Präsidentin des Verbandes der Schulleiterinnen und Schulleiter Zürich, hat in der NZZ jüngst die Idee aufgebracht, alle Schüler eine Klasse repetieren zu lassen.

Zum jetzigen Zeitpunkt sei es noch zu früh, über diesen Schritt nachzudenken, findet Rösler. Man müsse erst sehen, wie lange die aussergewöhnliche Situation Bestand habe. 

Abstriche bei den Lernzielen?

Denkbar wäre es aber, dass man Abstriche bei den Lernzielen vornehme. Gewisser Unterrichtsstoff würde den Schülern am Ende wegen der speziellen Coronavirus-Situation einfach fehlen. «Das müsste man dann allen abnehmenden Stufen entsprechend kommunizieren.» 



So oder so: Die Schulbehörden, Lehrerinnen und Lehrer im Land müssen gerade eine beispiellose Übung durchexerzieren. Mit ungewissem Ausgang. Auch die Lehrperson aus Graubünden ist gespannt, wie sich die Situation entwickelt: «Vielleicht werden sich die Folgen ja erst später zeigen, wenn die Schüler wieder alle zusammen in den Unterricht kommen und auf einem ganz unterschiedlichen Stand sind.» Noch bleibe sie aber zuversichtlich.

Bis es mit dem E-Learning losgeht, hat die Lehrperson ihre Schülerinnen und Schülern mit dem Repetieren von bereits gelerntem Schulstoff beauftragt und sie ermutigt, ein Coronavirus-Tagebuch zu führen. Mehrere Schüler mussten in der letzten Woche nochmals im Klassenzimmer vorbeikommen, um Aufgaben und Material abzuholen. «Da haben schon einige gesagt, sie würden am liebsten gleich hierbleiben.»

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