In der Krise kämpft die Polizei gegen die Zunahme von sexuellem Kindesmissbrauch

Jennifer Furer

20.4.2020 - 13:33

Die Corona-Krise sorgt für einen Anstieg von Cyberkriminalität, sagt das Europäische Polizeiamt (Europol) zu «Bluewin».
Keystone

Die Corona-Krise führt zu einer Zunahme von Cyberkriminalität – auch Kinder sind von dieser Entwicklung betroffen. Pädophile suchen vermehrt Online-Kontakt zu ihren Opfern.

Seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie haben Pornoseiten regeren Zulauf. Pornhub etwa verzeichnete eine um sieben Prozent erhöhte Zugriffsrate. Das US-Unternehmen nutzte die Krise zu Eigen-PR und bot den Menschen in Italien kostenlose Premium-Zugänge an.

Sex im Internet in Zeiten der Corona-Krise hat dunkelste Schattenseiten. Wie das Europäische Polizeiamt (Europol) «Bluewin» mitteilt, sei auch eine Zunahme des sexuellen Missbrauchs von Kindern im Internet seit Beginn der Pandamiekrise zu verzeichnen.

Europol-Sprecherin Ina Mihaylova sagt, dass mehrere Indikatoren darauf hinwiesen: «Verschiedene Länder haben berichtet, dass es eine höhere Anzahl von Versuchen gibt, auf illegale Websites zuzugreifen, die in ihren Filtern blockiertes Material über sexuellen Kindesmissbrauch enthalten.»

Einige Länder würden auch über eine Zunahme von Beschwerden aus der Öffentlichkeit über online zugängliches Material berichten, dieses würde sexuellen Missbrauch von Kindern zeigen. «Die Täter beschaffen sich solches Material über Peer-to-Peer-Sharing-Netzwerke», sagt Mihaylova. In einigen Ländern sei eine Zunahme solcher Downloads festgestellt worden.

Verwundbarkeit ausnutzen

Europol stellt fest, dass Täter die Corona-Krise nutzten, um vermehrt mit kinderpornografischem Material zu handeln, wie Mihaylova weiter ausführt. Zudem: «In einigen Ländern versuchen erwachsene Straftäter zunehmend, Kinder über soziale Medien zu kontaktieren.»

Die Täter seien sich der potenziellen Verwundbarkeit von Kindern bewusst, die aufgrund der Corona-Krise mehr Zeit online verbrächten. Europal habe Gespräche zwischen Pädophilen und Kindern in Foren des Darknets entdeckt, so Mihaylova.

Eine Einheit innerhalb des Europäischen Zentrums für Internetkriminalität (EC3) von Europol unterstütze die Mitgliedstaaten aktiv dabei, Täter aufzuspüren, die Opfer zu identifizieren und sie in Sicherheit zu bringen. Auch die Prävention, die von Europol koordiniert wird, werde derzeit vorangetrieben. Europol koordiniere auch entsprechende Kampagnen. «Damit die Kinder für die potenziellen Gefahren des Internets sensibilisiert werden und damit man ihnen Ratschläge geben kann, wie sie sich vor den bösartigen Kriminellen schützen können, die den Cyberspace missbrauchen», sagt Mihaylova.

Und in der Schweiz?

«Bluewin» wollte wissen, wie die Situation derzeit in der Schweiz aussieht. Beim Bundesamt für Polizei Fedpol hiess es, es sei momentan zu früh, um allgemeine Aussagen über den Einfluss des Coronavirus auf die Verbreitung und Konsumation von kinderpornografischem Material treffen zu können.

Die Kantonspolizei Zürich schreibt zwar in einer Mitteilung, dass Cyberphänomene, die Bezug zu Covid-19 hätten, zunähmen – etwa Betrugsmails, betrügerische Spendenaufrufe oder Fake-Shops für medizinische Produkte – die Kantonspolizei Zürich nimmt in der Bekämpfung von Cybedrkriminalität eine Vorzeigerolle in der Schweiz ein.

Gleichzeitig erklärt Mediensprecherin Carmen Surber in einer E-Mail an «Bluewin»: «Wir stellen keinen eigentlichen Anstieg der digitalen Delikte, sondern eher eine Anpassung an die momentane Situation fest.» Dabei meint sie Straftaten in Bezug auf Betrug, Phishing und Malware.

Auf Fragen zur Verbreitung und Konsumation von kinderpornografischen Material geht Surber nicht ein. Sie sagt lediglich: «Wir stellen derzeit keine spezielle Entwicklung der Kriminalität fest. Über eine gesonderte Statistik verfügen wir nicht.»



Auch Fragen zur Zusammenarbeit mit Europol und den Massnahmen, welche die Kantonspolizei Zürich zur Bekämpfung der Kinderpornografie trifft, bleiben unbeantwortet.

Martin Steiger, Rechtsanwalt und Mitglied der Digitalen Gesellschaft Schweiz, sagt, dass – obwohl keine gesicherten Zahlen zum Konsum und der Verbreitung verbotener Pornografie verfügbar seien –, Tendenzen dennoch ausgemacht werden könnten. «Dadurch, dass der Konsum von nicht verbotener Pornografie zunimmt, kann davon ausgegangen werden, dass auch der Konsum verbotener Pornografie ansteigt.»

Im Unterschied zu vielen anderen Ländern fielen in der Schweiz pornografische Inhalte mit Tieren und Gewaltdarstellungen ebenso in die Kategorie der verbotenen Inhalte wie Darstellungen mit Kindern. «Häufig ist es so, dass sich nicht nur im Darknet, sondern auch auf herkömmlichen Pornoseiten solche Inhalte finden», sagt Steiger.

Täter nutzen Situation aus

Steiger gibt ein Beispiel: «Wenn jemand mit einer Neigung zu Sado-Maso nach solchen Inhalten auf internationalen Pornoseiten sucht, stösst er schnell auf Gewaltdarstellungen, die in der Schweiz verboten sein können.» Zur Zunahme von kinderpornographischem Material sagt Steiger: «Da die Menschen mit einer solchen Neigung jetzt mehr Zeit haben, entsprechende Inhalte zu suchen und zu konsumieren, liegt es auf der Hand, dass mehr solches Material angeschaut wird.»

Zur Person

Martin Steiger ist Rechtsanwalt und Mitglied der Digitalen Gesellschaft Schweiz

Hinzu komme, dass Kinder in der Corona-Krise vulnerabler sein können, weil sie beispielsweise nicht zur Schule oder in den Verein gehen könnten. «Täter versuchen, sich an Kinder heranzupirschen. Sie können die Panademiesituation jetzt gezielt ausnutzen, in dem sie sich die erhöhte Verletzlichkeit der Kinder ausnutzen. «Sie nehmen Kontakt in Chats auf und probieren nach und nach das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, um an ihr gewünschtes Material zu kommen.»

Hier seien aktive polizeiliche Ermittlungen gefragt, um solche Täter zu fassen. Steiger unterteilt diese grob in zwei Gruppen: Solche, die aktiv kinderpornografisches Material beschaffen, und solche, die es konsumieren würden. Letztere seien schwierig ausfindig zu machen.

«Vielfach fliegen diese auf, weil sie durch andere Straftaten – etwa Hacking oder IT-Delikte auffallen», so Steiger. Verbotene Pornografie werde dann bei einer Hausdurchsuchung durch Zufall gefunden.

In Kanada und der USA gestalte sich die Situation etwas anders. «Dort sind Internetprovider verpflichtet, Nutzerinhalte auf verbotene Inhalte zu durchsuchen», so Steiger. So würde auch verbotene Pornografie bei Schweizer Nutzern immer wieder bei unverschlüsselten Konversationen per Instant Messenger oder durch das Benutzen von Cloud-Diensten entdeckt.

Die Schweiz profitiere häufig bei der Bekämpfung verbotener Pornografie im Internet von diesen Ländern. «Weil die Behörden dadurch zahlreiche Hinweise auf Straftaten erhalten.»

Schweres Leid für Kinder

Nichtsdestotrotz bleibe die Dunkelziffer beim sexuellen Missbrauch von Kindern hoch, sagt Lilian Schaad, Beraterin der Fachstelle Castagna, der Beratungs- und Informationsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder, Jugendliche und in der Kindheit ausgebeutete Frauen und Männer.

Die Fachstelle sei besorgt über die von Europol geschilderte Zunahme der Verbreitung und Konsumation von kinderpornographischem Material, so Schaad. Die sexuelle Ausbeutung von Kindern habe schwere psychische und physische Leiden zur Folge.

«Das Kind wird auf verschiedenen Ebenen traumatisiert», sagt Schaad. Zum einen durch die sexuelle Ausbeutung an sich, zum anderen durch das Filmen des Missbrauchs und weiter auch durch das Hochladen des für das Kind «total beschämenden und die Integrität des Menschen massiv verletzenden» Materials im Internet.

Das Kind kann laut Schaad Traumafolgestörungen erleiden wie eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Angststörung, selbstverletzendes Verhalten, sexuelle Einschränkungen, Schlafstörungen – auch Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen ergäben sich.

«Das Kind wird auf verschiedenen Ebenen traumatisiert», sagt Lilian Schaad, Beraterin der Fachstelle Castagna.
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Auch dissoziative Störungen wie grosse Verwirrtheit und Konzentrationsprobleme könnten durch die sexuelle Ausbeutung resultieren. «Sich aufdrängende Bilder belasten das Kind, weil ein Opfer durch gewisse Reize immer wieder an den Missbrauch erinnert werden kann und ihn so wiedererlebt», sagt Schaad. Ein sexueller Missbrauch sei für ein Kind schwierig zu verarbeiten. «Weil es dadurch einer starken Ohnmacht und Hilflosigkeit ausgeliefert war und oft auch Todesangst aushalten musste», so Schaad.

Dass die kinderpornografischen Bilder ins Netz gestellt werden, verstärke diese Gefühle, die das Kind lange nach der sexuellen Ausbeutung verspüren kann. «Weil ein Kind nie mit Sicherheit wissen wird, ob diese Inhalte jemals gelöscht werden oder weiterhin unkontrolliert vervielfältigt und von fremden Personen zur Befriedigung genutzt werden», sagt Schaad.

Ein Kind, dass ein solch traumatisches Ereignis durchleben musste, brauche laut der Beraterin der Fachhstelle Castagna vor allem zweierlei: Sicherheit und Schutz. «Das heisst zuallererst, dass ein Kind vor möglichen weiteren Übergriffen geschützt wird. Einem Kind muss ein stabiles Umfeld mit verlässlichen Bezugspersonen geboten werden, und der Kontakt zur Täterschaft darf nicht weiter bestehen», so Schaad. Das Kind wird bei der Verarbeitung unterstützt, wenn es «möglichst vor der Erinnerung an den Missbrauch geschützt werden», sagt Schaad.

«Das Kind muss vor der Erinnerung an den Missbrauch geschützt werden», sagt Schaad. Es sei deshalb wichtig, dass das Kind nicht gezwungen werde, über die Tat zu sprechen, wenn es nicht möchte. «Die Bedürfnisse und Aussagen des Kindes müssen ernst genommen werden und es muss dem Kind ermöglicht werden, wieder in eine Normalität zurückzufinden.»



«Damit einher geht, dass Gespräche über die sexuelle Ausbeutung nicht vor dem Kind geführt werden sollen und, dass das Kind nicht ständig darüber reden muss», sagt Schaad.

Es sei ganz normal, dass Kinder nach einem erlebten sexuellen Übergriff mit Verunsicherung oder Ängsten reagierten. «Indem Bezugspersonen verständnisvoll darauf eingehen, Orientierung und Sicherheit bieten, es aber auch nicht auf das Erlebte reduzieren, wird das Kind dabei unterstützt, um sich wieder sicher zu fühlen und das Erlebte zu verarbeiten», sagt Schaad. Es sei deshalb unerlässlich, dass dem Kind nicht ständig das Gefühl gegeben werde, ein Opfer zu sein.

Eine spezialisierte Therapie unterstütze das Kind zusätzlich und sei insbesondere dann angezeigt, wenn sich das Verhalten des Kindes stark verändert oder auch über einige Monate nicht normalisiert.

Schlussendlich sei es wichtig, dass eine Anzeige oder eine Konfrontation der Täterschaft nicht ohne Beratung durch eine professionelle Hilfe erfolgen sollte, so Schaad.

Berichte ein Kind von einem sexuellen Übergriff, sei wichtig nicht an den Aussagen zu zweifeln. «Gemeinsam können Eltern oder Fachpersonen im Gespräch mit einer Beratungsstelle klären, was das Kind nun braucht und ob und welche weiteren Schritte, wie beispielsweise die Einleitung einer Strafverfolgung, unternommen werden können», sagt Schaad.

Kinder würden erst reden, wenn sie es nicht mehr aushalten würden. «Andere können sich aufgrund ihres Alters gar noch nicht entsprechend artikulieren.»

«Es gibt Kinder, die sich auffällig verhalten, aber niemand weiss, warum», so Schaad. Das sei nicht nur für die Bezugspersonen des Kindes eine Herausforderung, sondern auch für die Strafverfolgungsbehörde.

«Es ist ohnehin schon unglaublich schwierig, Straftaten in Zusammenhang mit der sexuellen Ausbeutung von Kindern aufzuklären, weil die Täter ein extrem hohes Interesse daran haben, dass niemand davon erfährt», so Schaad.

Wenn es um den sexuellen Missbrauch von
Kindern und die Produktion von kinderpornographischem Material gehe, agiere die Täterschaft in der Regel organisiert und geplant. «Kinder sind in solchen Strukturen häufig mehrfach von sexuellen Missbräuchen betroffen», sagt Schaad. Dies schlage sich umso verheerender auf die Psyche der Kinder wieder.


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