Zunahme befürchtet

«Laien sollen mit Online-Kurs Suizide abwenden»

Von Jennifer Furer

17.4.2020

Angst vor Stigmatisierung: Psychisch Erkrankte schweigen und holen sich oft zu spät Hilfe. (Symbolbild)
Istock

Psychische Erkrankungen nehmen in der Corona-Krise zu oder verstärken sich. Eine Stiftung hat nun einen Online-Kurs entwickelt, um Menschen in ihrer Nähe bei psychischen Schwierigkeiten zu unterstützen.

Die Corona-Krise schlägt aufs Gemüt. Sie zerrt an den Nerven, weckt Existenzängste und kann einsam machen. Daraus können psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen resultieren oder verstärkt werden.

Die Stiftung Pro Mente Sana reagiert jetzt auf die durch die Pandemie bedingt steigende Anzahl von Menschen mit psychischen Problemen und die derzeit fehlenden psychischen Hilfsmöglichkeiten – Der bisher «offline» durchgeführte Kurs ensa (kurz für: erste Hilfe für psychische Gesundheit) wird ab dem 27. April online angeboten.

Hier handelt es sich um einen Ersthelferkurs, der Laien in die Lage versetzen soll, auf Betroffene in psychischen Schwierigkeiten zuzugehen und Erste Hilfe leisten zu können, wie Roger Staub, Geschäftsleiter von Pro Mente Sana, erklärt.

Das ensa-Kursangebot bestehe bereits seit einem Jahr. Wegen der aktuellen Lage sei es nicht möglich, diesen physisch in einer Gruppe mit 15 bis 20 Leuten durchzuführen. «Als Antwort auf die Corona-Krise bieten wir ihn ab Montag neu elektronisch an, so Staub.»

Angst vor Stigmatisierung

Der Kurs finde via Videokonferenz statt und bestehe aus Theorie und Praxis. «Normalerweise führen wir ihn an vier Abenden à 3,5 Stunden durch», so Staub. «Der Online-Kurs wird in sieben Sessions je 120 min durchgeführt, insgesamt also 14 Stunden Lern- und Übungszeit.» Die Kurskosten beliefen sich auf 380 Franken.

Zur Person

Roger Staub ist Geschäftsleiter von Pro Mente Sana.

«Das Geheimnis des Kurses liegt nicht in der Theorie, sondern in den praktischen Übungen. In Rollenspielen und interaktiven Übungen können die Teilnehmenden Gespräche führen und Feedback erhalten», so Staub. Viele Leute würden Mitmenschen kennen, die leiden. «Sie wissen aber meist nicht, was zu tun ist.» Dabei sei es essenziell, so früh wie möglich zu handeln.

«Meist erhalten psychisch Erkrankte zu spät Hilfe», so Staub. Zwar würden Betroffene bereits früh merken, dass es ihnen nicht gut gehe. «Sie wollen es aber nicht wahrhaben. Das liegt daran, dass die Stigmatisierung und die Tabuisierung von psychisch Erkrankten in unserer Gesellschaft immer noch fest verankert ist», sagt Staub.

Die Angst vor den Reaktionen zwinge Betroffene meist zum Schweigen. «Leichte Depressionen, die eigentlich gut behandelbar sind, können sich unbehandelt zu schweren Depressionen entwickeln», sagt Staub. Diese zu behandeln, sei dann sehr herausfordernd.

Lernen, wie in Krisen umgehen

Deshalb sei es für jeden wichtig, zu wissen, wie mit psychisch Erkrankten umgegangen werden könne. Der ensa-Kurs lehre den Teilnehmenden die fünf Schritte der Ersten Hilfe mit der Abkürzung ROGER. R stehe dabei für reagieren, nicht warten. «Das O bedeutet offen und unvoreingenommen zuhören und keine blöden Sprüche fallen zu lassen oder die Situation zu bagatellisieren», sagt Staub.

Es gehe weiter mit G für gib Informationen. E stehe für Ermutigen zu professioneller Hilfe und R für Ressourcen aktivieren. Im Unterschied zum physischen Nothelferkurs gehe es bei psychischen Problemen meistens nicht um Notfälle und Krisen, so Staub. «Es ist klar, dass der Kurs aber Notfälle verhindern kann. Und: Man lernt auch, wie mit Krisen umgegangen werden soll.»

«Wenn alle Leute diese Grundsätze und die psychisch Erkrankten verstehen würde, wäre diese Welt eine bessere», sagt Staub. Er sei sehr stolz, dass es Pro Mente Sana gelungen ist, die Lizenzen für dieses Programm in die Schweiz zu holen. «Der Kurs wurde vor 20 Jahren in Australien entwickelt und seither wissenschaftlich erforscht.» Das Programm sei demnach nicht nur gut gemeint. Staub: «Es funktioniert, das ist wissenschaftlich belegt.»

Pro Mente Sana wolle nebst dem neuen Online-Angebot nach der Corona-Krise das Thema Suizidprävention verstärkt angehen. «Wir sind bereit, vierstündige Kurse ‹Erste-Hilfe-Gespräche über Suizid› anzubieten», so Staub. Angehörige und Interessierte hätten die Möglichkeit, sich vertieft mit der Prävention von Suiziden auseinanderzusetzen.

Tipps für Betroffene und Angehörige

Auch in den Kantonen wird aufgrund der Dringlichkeit, psychisch belasteten Menschen in dieser Zeit beizustehen, die Sichtbarkeit der Kampagnen und Hilfsangebote hochgefahren. So etwa im Kanton Zürich.

Martina Blaser, Koordinatorin Suizidprävention Kanton Zürich, sagt: «Wir sind sehr besorgt, dass die Anzahl an Suiziden durch die Corona-Krise zunehmen könnte.» Die finanzielle Not oder Einsamkeitsgefühle etwa sind ein Risikofaktor für Suizid oder Suizidversuche.

Zur Person

Martina Blaser ist Koordinatorin Suizidprävention im Kanton Zürich.

Wichtig sei es nun, das Thema konstruktiv und lösungsorientiert aufzugreifen. «Wichtig ist es jetzt, dass Betroffene sehen und merken, dass sie sich Hilfe holen können und auch sollen», so Blaser. Denn: Reden kann retten. So heisst auch eine schweizweite Kampagne zur Suizidprävention, die vom Bund getragen wird. Auf der Website gibt es Tipps für Betroffene und Angehörige, wie mit Suizidgedanken umgegangen werden kann.

Ein Mensch, der Suizidgedanken hat, sollte seine Lage immer unbedingt ernst nehmen, Gespräche führen, ein Helfernetz aufbauen – und einen Sicherheitsplan erstellen. Dieser ist eine Art Vorbereitung auf die akute Krise. Er hilft, sich auf Situationen vorzubereiten, in denen der Betroffene vor lauter Leid und Schmerz nicht mehr klar denken kann.

Befindet sich jemand in einer solchen akuten Situation, sollte er nicht allein zu Hause bleiben, sich sofort Hilfe holen, den Sicherheitsplan aktivieren, Drogen sowie Alkohol vermeiden und sich ablenken. Vor allem wichtig ist das Versprechen an sich selbst, zu warten. «In den nächsten 24 Stunden werde ich mir nichts antun. Ich werde es schaffen. Ich habe schon anderes geschafft», heisst es auf der Website.

Auf das Thema Suizid aufmerksam machen

Laut Blaser von der Suizidprävention Kanton Zürich ist es zentral, dass Angehörige reagieren, sollte jemand über Suizidgedanken zu sprechen beginnen.

«Es ist klar, dass man vor einer solchen Situation Respekt hat, aber man sollte keine Angst davor haben, nachzufragen, für die Person da sein und professionelle Hilfe holen.» Hinweise für Angehörige, wie das Thema angesprochen werden kann, gibt es auch auf der Website «Reden kann retten».

Mit diesen Plakaten warb der Kanton Zürich für die Kampagne «Reden kann retten».
zvg

Umso wichtiger sei es jetzt, so Blaser, auf das Thema Suizid und den richtigen Umgang damit aufmerksam zu machen. «Wir verstärken die Sichtbarkeit unserer Kampagnen und machen beispielsweise Firmen darauf aufmerksam sowie weisen mithilfe von Flyern auf das Thema und die Informationen auf Websites hin», sagt Blaser.

Der Kanton Zürich setze auch an der Wurzel psychischer Erkrankungen an und verweist auf die Website dureschnufe.ch. Dort sind ganz grundsätzliche Tipps zu finden, wie mit psychischen Probleme während der Corona-Krise umgegangen werden kann.


Brauchen Sie Hilfe? Hier können Sie reden.

Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da.

Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143, www.143.ch Beratungstelefon Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147, www.147.ch

Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch

Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben

Refugium – Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www.verein-refugium.ch Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: www.nebelmeer.net


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